Tag Archive: Spiegel


Wiedewiddewitt sie mir gefällt

Wer diese Ansage des gegenwärtigen Papstes liest…

Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Deutschlandbesuch verlangt, die Kirche müsse sich „entweltlichen“. Es sei besser, sie wäre „von ihrer materiellen und politischen Last befreit“. Die „Enteignung von Kirchengütern“ vor 200 Jahren habe in der Kirche zur „Läuterung“ wesentlich beigetragen. […]

…wird sie wohl für deutlich und unmissverständlich genug halten. Selbst der Papst sieht inzwischen ein Problem — ja, sogar eine „Last“ — in den Sonderrechten und in den finanziellen Zuwendungen des bundesdeutschen Staates an die röm.-kath. Kirche, die übrigens auf das Reichskonkordat eines Adolf Hitler zurückgehen. Diese 15,1 Milliarden Euro pro Jahr [unsaubere Quelle] passen auch wenig zum ärmlichen Stallduft der alten Apostel, die für die religiöse Leere Lehre herhalten müssen.

Aber so ein lichtscheues Gesindel wie eine von Geld und Macht besoffene Bischofsmade namens Robert Zollitisch hat dennoch Probleme, dieses recht unverschwurbelte Wort ihres Chefs aufzufassen:

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch hatte daraufhin erklärt, dies habe „nichts mit der Abschaffung von konkreten finanziellen Ansprüchen zu tun“.

Er ist ja auch sehr darin geübt, der lichtscheue Bischof, seine Bibel so auszudeuten, dass am Ende das Gegenteil des darin Stehenden herauskommt…

Kronspiegel

Das Logo von Spiegel Online -- mit Krönchen verziert

Von der Bildzeitung hätte ich ja nichts anderes erwartet. Nicht einmal Google — sonst um keinen Anlass für ein Doodle verlegen — hält heute seinen Nutzern wegen dieses medial aufgeblähten Nullereignisses ein lächerlich Krönchen entgegen.

Auswärtiges Denken

„Und plötzlich fiel dann von oben Wasser herab. Meine Frisur war dahin, meine Papier-Einkaufstüte riss, die Konserven rollten über den Parkplatz — es war ein Bild des Grauens.“ Müssen wir uns so die künftige Spiegel-Online-Berichterstattung zu dem Naturvorgang „Regen“ vorstellen? Das intellektuelle Level ist jedenfalls mti dem journalistisch ausgerufenenen Schnee-Notstand erreicht.

SpiegelKritik

Nightwash

Die Waschmaschine — erstaunlich, dass den Werbern dafür noch kein weniger deutliches Wort eingefallen ist — war ein sehr modernes Modell. Sie hatte einen silent mode, in welchem sie sehr leise wusch, damit auch über die Nacht gewaschen werden kann. Genau richtig. Für die rastlose Gesellschaft.

Niedliche Psychopathen

Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mk 10,13

Kinder stehen in einem viel zu gutem Ansehen, was wohl auch von der religiös geprägten Anschauung der „Unschuld“ der Kinder herrührt. In Wirklichkeit ist jeder gesunde Achtjährige ein Psychopath, und wenn die Mischung aus Realitätsferne, Selbstbezüglichkeit, wirren Gedankengebäuden und ungebremster Bereitschaft zur Durchsetzung eines eigenen Willens harmlos und niedlich wirkt, denn liegt es nur daran, dass sie sich nicht mit dem voll entwickelten Körper eines Erwachsenen verbindet. Tatsächlich ist die gesellschaftliche Hochschätzung der Kindheit ein Spiegelbild der individuellen Verdrängung einer überwundenen Phase psychischer Unangemessenheit.

Ein Wahnsinniger erscheint in diesem Spiegel wie ein Kind mit dem Körper und den Möglichkeiten eines Erwachsenen. Wo immer Erwachsene dazu aufgefordert werden, dass sie wie die Kinder werden sollen, werden sie in Wirklichkeit aufgefordert, irre zu werden.

Vom Schwindelzettel

Wir sind nur die Randfigur in einem schlechten Spiel […] Und die in der Schlossallee verlangen viel zu viel

Klaus Lage, Monopoly

Wie fröhlich genau doch die Spielregeln des recht öden Brettspieles „Monopoly“ doch die Wirklichkeit wiederspiegeln, nach deren Vorbild sie einmal geschaffen wurden. So steht zum Beispiel in den Spielregeln, dass die Bank niemals pleite gehen kann — wenn kein Geld mehr in der Bank ist, so ist es dort festgeschrieben, denn sollen einfach Zettelchen mit dem entsprechenden Wert geschrieben werden.

Architektur

Architektur ist Design am Gebäude. Je weniger das Gebäude für ein richtiges, menschliches Leben bestimmt ist und je mehr es den abstrakten Anforderungen der Arbeit und des Geschäftes dienen soll, desto weniger muss das Design des Gebäudes auch einem richtigen, menschlichen Leben angemessen sein. Diese Kälte nennt sich „modern“, sie besteht im gegenwärtigen Zeitgeschmack vor allem aus Glas und Stahl und lässt rückblickend sogar noch den einst so modernen Beton warm erscheinen.

Das Gebäude der NORD/LB in Hannover

Diese Architektur ist besonders „modern“, wenn in ihr eine helle Beleuchtung in einer vom nieselfeuchtem Wind durchblasenen Oktobernacht noch kalt und abweisend erscheinen kann. Diese Modernität ist gefordert, und sie wird teuer bezahlt, damit sie repräsentiert, was innerhalb des Gebäudes geschieht. Sie spiegelt in ihrer geforderten Monströsität deutlich wider, was der Wert des Menschen im alltäglichen Geschäft einer Großbank ist.

Nein, das ist kein Bild von einem Volksfest. Das ist das Gebäude der NORD/LB in Hannover, und es ist nicht die hässlichste Motivwahl an diesem kalten Bau.

Heiße Luft

In den kranken Augen eines Werbers gibt es für einen Heißluftballon nur eine zu diesem Konzept passende Anwendung: Dass auch der sommerliche Himmel  noch mit Werbung gepflastert werde. Und in der Tat, das passt. Dass der Ballon nur mit künstlich heiß gemachter Luft entgegen der Gravitation zum Himmel empor befördert wird, ist ein zu trefflicher Spiegel dessen, was ein Werber tut, wenn er mit sehr künstlichem Rhetorik-Dampf versucht, Absatzzahlen nach oben zu bewegen.

Gotteslästerung

In jedem Gesetz, dass eine so genannte „Gotteslästerung“ unter Strafe stellt — interessanterweise ist damit niemals die Anmaßung eines Papstes oder die Verfütterung einer in Gott verwandelten Oblate in christlichen Kirchen gemeint, sondern immer nur die Kritik an solchem Unfug — in jedem solchen Gesetz schwingt überdeutlich zum höheren Spotte Gottes das Eingeständnis mit, dass Gott nicht für sich selbst streiten könne, dass er vielmehr, offenbar ein wenig schwächlich geworden, der besonderen Hilfe der im Staate monopolisierten Gewalt bedürfe. Angesichts der von den Gläubigen vertretenen Annahme, dass die unfassbare Gesamtheit der „Schöpfung“ von Gott in scheinbarer Mühelosigkeit in ein paar Tagen hingeschöpft wurde, dass Gott gar als majestätischer Herr über Leben und Tod anzusehen sei, spiegelt sich in diesem juristischen Schutz Gottes die von den Herrschenden für sicher erachtete Nichtexistenz Gottes wider. Und in diesem Spiegelbild zeigt sich ebenso überdeutlich, dass der Gottesbegriff nur ein Instrument der Herrschaft ist, ein psychologisches Werkzeug, mit dem die Menschen stumm und gefügig gemacht werden sollen. Wenn es einen eifersüchtigen Gott gäbe, der die Lästerung nicht hinnimmt, denn würde auf Herrschende, die solche Gesetze veranlassen, öfter einmal ein bisschen gutes, altes Feuer herunterregnen — so wäre Friede bei Gott und bei den Bedrückten allgemeines Wohlgefallen.

Mit einem derartigen Gesetz steht die Republik Irland — immerhin ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union — endlich nicht mehr nur alphabetisch in der Nähe einer repressiven Theokratie wie der Islamischen Republik Iran, sondern auch in der Willkür des zu Recht erklärten Unterdrückens anders gläubiger Menschen.

Der Fisch am Auto

Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mt. 7, 2

Gern und gar nicht einmal selten berufen sich die vielen Anhänger der modernen christlichen Religion in einer christlich geprägten Gesellschaft auf die geschichtliche Tatsache der Christenverfolgung im imperium romanum und zahlreiche vergleichbare Barbareien in späterer Zeit, die bis in die Gegenwart hinein anhalten. Ja, so gern stellen sie sich in ihrem sicheren Leben als die potenziell Verfolgten hin, dass sie in dieser Haltung verbleiben, wenn sie längst schon auf der Seite der Verfolger stehen; stets willens und bereit, jedem anders gläubigen Menschen sein Recht zu entziehen und allein ihren Glauben und die sich damit verbindenen Forderungen an die Lebensweise eines gläubigen Menschen zur verbindlichen gesellschaftlichen Norm für einen jeden Menschen zu machen. Die. Gern auch mit Gewalt durchgesetzt werden soll; mit staatlicher Gewalt, dem Knüppel des Polizisten, dem Schwarzstift des Zensors und dem Gittertod des Gefängnisses; und so dies noch nicht geht, doch wenigstens mit Ausgrenzung, Vereinsamung, Arbeitslosigkeit, Armut und der Schmach täglich massenmedial verbreiteter Lügen zur Verunglimpfung der nicht folgsamen Menschen, die keine Christen sein wollen. Und bei jeder Gelegenheit betonen sie, diese angeblich Verfolgten, die sich gar gern einen Fisch an ihr Auto klatschen, um auf diese Weise eine Kontinuität zu den verfolgten Christen Roms aufzubauen, dass alles andere als ihr einzig wahrer Glaube mit allen seinen Forderungen Barbarei wäre. Und. Sie führen dabei zum mörderischen Hohn auf jene, die einst ihre religiöse Entscheidung mit dem Leben bezahlten, die für sie gar nicht weiter persönlich bedeutsame Verfolgung gegen Christen in ihrem Mund, die ihnen jetzt endlich das Recht geben soll, selbst Verfolger im Namen ihres dreigespaltenen Gottes zu sein. Und. Wenn sie sich nur stark und sicher und von der von ihnen gewollten Gewalt geschützt genug fühlen, denn jammern sie auch gern darüber, wie schwierig doch ihr Leben als Christ sei; wie viel Mut, Entschlossenheit und Anstrengung doch dazu gehöre, sich so ganz auf die Anforderungen des heiligen Gottes auszurichten. Während. Sie als äußerst intolerante gesellschaftliche Majorität längst ein Umfeld geschaffen haben, in dem das Christentum und der allzu weltliche Vorteil schon seit undenkbaren Zeiten ein und dasselbe geworden sind.

Jene aber, deren Leben jeden Tag Mut angesichts der kleinen Anfeindungen und großen Nachteile, Entschlossenheit zum Leben der subjektiven Einsicht und Erkenntnis und ein unfassbares Maß der Anstrengung beim Widerstehen gegen die konformistische Forderung nach völliger Anpassung an den gesellschaftlichen Standard der christlichen Religion erfordert, das sind jene, die von den Christen bei jeder sich bietenden Entscheidung angefeindet werden; ja, bis zur geforderten Kriminaliserung in christlichen Gesellschaften oder — so fern eine solche noch nicht durchsetzbar ist — doch wenigstens bis zur Pathologisierung ihres Lebens angefeindet werden. Egal, ob sie etwas anderes glauben — es gibt ja keine Ungläubigen, es gibt nur anders Gläubige — ob sie homosexuell sind, ob sie harmlosen privaten Vergnügen frönen, die den Christen verwehrt bleiben, ob sie die Benutzung ihres Hirnes und seiner Möglichkeiten für einen angemessenen Weg zu Einsicht und Erkenntnis halten oder ob sie ganz einfach nur die gewaltsame Forderung der staatstragend und herrschaftserhaltend gewordenen christlichen Religion ablehnen, weil sie ihre Freiheit mehr lieben als ein gebückte Leben, das dem Wort vom „Leben“ spottet. Diese Nichtchristen, sie sind unter den Bedingungen eines quasi verpflichtend und unhinterfragt selbstverständlich gemachten Christentums längst das Äquivalent der verfolgten Christen geworden, und ihre christlichen Verfolger, sie getrauen sich noch in kindischem Stolz und völliger Schamlosigkeit, zu ihrer Gewalt die verlogene Pose eines Verfolgten einzunehmen. Um zu erkennen, dass die Anhänger dieser Religion, deren Symbol keineswegs zufällig ein römischer Galgen geworden, den als gesellschaftliche Außenseiter überlieferten, historischen Jesus aus Nazaret bei der ersten sich bietenden Gelegenheit totschlagen würden, zeigte er sich in der heutigen Zeit, muss man kein Profet sein.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

…nur mal so gefragt. Ich mein, Spieglein, du galtest doch einmal für etwas. Man hielt dich doch auch einmal für so einen richtigen Spiegel der Verhältnisse; für ein sorgsam erstelltes Werk, das über den trash des schon immer viel zu wenig entschleunigten Journalismus so weit erhaben war wie die gebende Sonne über den Schlamm am Boden des Tümpels. Und jetzt stehe ich vor dir, du Spieglein, du ehemaliges Nachrichtenmagazin, und ich schaue in dich hinein, wo du an unpassender Wand hängst, und das Gähnen des Abgrundes schaut aus dir von dieser Wand zurück:

Quelle des Screenshots: MySpace

Quelle des Screenshots: MySpace

Du willst dich also wirklich in etwas verwandeln, Spieglein an der klickerfrohen flickerbunten Wand, das sich Leute einfach so in ihre meist eh schon überfrachteten MySpace-Profile kleben? In der gleichen beiläufigen Geste, in der sie Bilder anderer User wie Briefmarken sammeln, um sie in die Sammelalben ihrer Profile zu pflastern. Und da sollen deine tollen Schlagzeilen dann mit den kirrebunten Widgets, den automatisch erschallenden Brüllflächen und den schon sinnlos in diesen Matsch geworfenen Videos um eine Aufmerksamkeit ringen, die sich dortens auf MySpace ungefähr so schnell verflüchtigt wie der zarte Duft eines guten Parfüms in einer Kloake. Das verstehst du wohl unter „Journalismus 2.0“, und wenn schon nicht du, heruntergekommenes Spieglein an der werbevollen Wand, so doch wenigstens jene, die du mit dem Marketing beauftragt hast und die dir deshalb sagen, wohin dein Weg in diese neuen Zeit führt; in die Zeit der lichteschnellen Flutschmedien, die so viele alte Medien obsolet machen wird, so sie sich nicht auf alte Werte besinnen können.

Weißt du, Spiegel, früher war doch einiges besser. Man las dich auf Papier, und viele — auch wir — hatten an der Wand ihrer Toilette noch einen Nagel, woran man unter anderem die von dir bestempelten toten Bäume hängen konnte. Auch, wenn das vom Effekt her einer klickrigen Wertschöpfung auf MySpace gleichkam, hatte es doch deutlich mehr Würde. Und. Es hatte auch deutlich mehr Nutzen für die Menschen. :mrgreen:

Die Telefonzelle

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.