Tag Archive: Sommerloch


Ei ei ei, das Hirn ist Brei…

Aus der Tiefe des journalistischen Sommerloches habe ich wirklich Menschen sprechen gehört, die mir erzählten, dass sie wegen des Fipronil-Skandales keine Hühnereier mehr essen wollten, weil… tja, weil die Contentindustrie so lärmend über das Fipronil in den Eiern berichtet, dass der Auspuff am Dieselmotor fast schon wieder gut zu riechen beginnt. Zum Glück ist ansonsten gar nichts passiert und niemand kam zu irgendeinem Schaden. Viele Menschen, die einen Hund oder eine freilaufende Katze halten, sollten Fipronil schon lange kennen, weil man damit kleine blutsaugende Viecher auf seinem tierischen Begleiter (und oft: Beziehungsersatz) töten kann, und dabei holt man sich bei anschließendem Kuscheln mit Leichtigkeit eine höhere Dosis des Pestizides in den Körper als mit einem gegenwärtigen Frühstücksei¹. Doch wer sein Gehirn von Presse und Glotze im Höllenfeuer der Psyche grillen lässt, ist darauf zurückgeworfen, mit seiner leicht erzeugbaren Angst zu „denken“.

Und solche Angstdenker wollen dann, zumindest bis zum nächsten Skandal bei einem anderen Lebensmittel, keine Eier mehr essen und schenken mir zurzeit so viele Eier, dass ich wohl demnächst an Cholesterinvergiftung sterben werde. Aber obwohl es neulich erst wieder — so „neulich“ wie: immer wieder — einen Autounfall mit Toten und Schwerverletzten gab, möchte mir doch niemand sein Auto schenken.

¹Natürlich ist das Zeug nicht für den Einsatz in der Lebensmittelherstellung zugelassen und seine Verwendung deshalb verboten. Aber das bedeutet nur, dass es niemand zulassen ließ. Was bei einem solchen Zulassungsversuch herauskäme, kann wohl nur ein Zulassungsversuch zeigen. Vermutlich stünde am Ende ein Grenzwert statt eines Verbotes. Ein politisch festgesetzter Grenzwert, nicht ein medizinisch festgesetzter. So, wie bei allen anderen Substanzen aus der industrialisierten Landwirtschaft auch.

Vom Leben im Loch

Zeitgenosse: „Wie, du liest keine Zeitung? Warum denn nicht?“

Nachtwächter: „Auch, weil ich die Botschaft verstehe, die vom geometrischen Ausmaß der Zeitung ausgeht. Wie dick eine Zeitung ist, hängt nicht davon ab, wieviel Berichtenswertes auf der Welt geschieht, sondern nur davon, an welchem Wochentag die Zeitung erscheint. Die geforderte Dicke der Zeitung zeigt sich damit als eine selbstzweckhafte redaktionelle Forderung, die wichtiger ist als die Relevanz des Inhaltes für den Leser. Wenn es nicht genügend relevante Meldungen gibt, um die geforderte Dicke einer Ausgabe zu erhalten, wird der Inhalt dieser Ausgabe eben mit künstlichen und irrelevanten Meldungen angereichert. Die Menschen glauben, dass ‚Nessie‘ im Loch Ness in Schottland lebt, in Wirklichkeit lebt dieses Monster aber im jährlich wiederkehrenden Sommerloch für die Journaille.“