Tag Archive: Sommer


Maschseefest

Während neben der hitlerschen Siegessäule überlaut und dröhnig „Sieben Tage lang“ von den Bots in die wehrlosen Ohren einmarschiert und zum Takt dieser psychischen Peitsche das Bier hektoliterweise in den Lebern und Hirnen der Menschen verklappt wird, dringt trügerisch chemiesüß der charakteristische odeur aus den reichlich hingestellten Dixiklos; ganz so wie ein passendes parfum für das Geschäft mit Angeboten zur Freizeitgestaltung.

Werbeanzeigen

Der Aufschwung kommt!

Foto eines Eiscafés, die Fenster und Türen sind zugeklebt, der Laden ist pleite. Vor der Tür als letzter Rest des Geschäftsbetriebes eine Außenwerbung: Eine überdimensionale Eistüte aus Plastik, deren Farbigkeit sich deutlich von der grauen Tristesse abhebt. Als ich das Foto aufgenommen habe, waren 33°C im Schatten, da hätte sehr viel Eis verkauft werden können...

Grüntrunken

Sonne, Baum und Schlamm

Wie schön doch in Frierland der Sommer ist, der den immerwährenden, sich über alles legenden November mit seinem Sekundenglanz vergessen macht. Meine Augen sind trunken von einem sonnendurchflossen Grün, das ich fast auszuwringen zu können vermeine, um die Nacht in meiner Seele damit zu benetzen.

Sommerneige

Hinter dem im Mai erneuerten Maschendrahtzaun, schäbig, sechs Sonnenblumen; die unteren Blätter welkend. Dahinter die Engel aus dem Himmelreich des Spießers: Gartenzwerge. Deren einst obszöne Farben von zwanzig Wintern gebleicht wurden. Hinter alldem geht sie unter, die unbesiegte Sonne, weil. Sie keine andere Wahl hat.

Maschseefest

Wildes Parken um den Maschsee zum Maschseefest

Es ist Sommer, es geht nach draußen, es ist ein „Fest“. Also ohne Rücksicht auf Verluste jeden nur irgendwie geeigneten Platz zuparken, um es ja nicht zu weit zu Fuß zum Maschsee zu haben, wo doch für zwei Wochen eine hannöversche Nachahmung des Ballermann 6 rund um den Maschsee aus allen internationalen Pfannen zum Himmel stinkt…

Sommerfluss

Unter einem Baum am Fluss

Die lichtvollen und warmen Tage des Sommers sind die einzige Zeit des Jahres, in der es sich zu leben lohnt.

Gleichgültiges Fest

Es ist Sommer. Die Sonne hat keine Wahl und scheint auf nichts Neues. Die Straßen der Stadt sind warm. Die Menschen. Treibt es nach draußen. Da muss ihnen doch etwas geboten werden, damit. Sie nicht zu denken beginnen. Ein rauschendes Fest nach dem anderen wird auf den Straßen und Plätzen Hannovers aufgeführt, mit lärmender Musik und Bier im Plastikbecher, vierunddreißig internationen Pfannen, aus denen es zum Himmel stinkt und Feuerwerk. Und Feuerwerk. Für den Vorübergehenden, den Fühlenden und Denkenden, entsteht der Eindruck einer verzweifelten Riesensause auf einem sinkenden Schiff.

Und wer unter den Menschen sich trotz der vielen vorgestanzten Angebote darauf besinnt, dass er noch etwas selbst machen könnte, wird von der Polizei aufgelöst. Es ist eben nicht alles gleich gültig unter den Bedingungen der totalen Verwirtschaftung. Aber das. Soll den Feiernden gleichgültig bleiben.

Der Schäfer

Nothing eases suffering like human touch.

Letzte Worte von Robert James „Bobby“ Fischer

Bevor ich sie hörte, roch ich sie. Ein würziger Duft, den ich schon lange nicht mehr in die Nase bekam. Einige hundert Meter weiter auf dem Fahrrad längs des recht abseitigen Weges, und ich hörte auch das charakteristische Blöken einer Herde Schafe. Sie trotteten artgemäß langsam über die Wiese und verwandelten die in kauenden Mündern verschwindenden Kräuter und Gräser in Kotklümpchen.

Bei den Schafen ein Mann, dessen Gesicht verriet, dass er regelmäßig draußen arbeitet. Ich grüßte den Schäfer. Und der Schäfer grüßte zurück, prostete mir mit der Flasche Alsterwasser zu, die er in der Hand hielt und fragte mich mit einer Stimme, die gleichermaßen laut wie deprimiert klang, ob ich eine Bremse hätte. Das demonstrierte ich gern auf der Stelle, meine schlecht eingestellte Bremse brachte das Rad unter herzhaftem Quietschen genau neben dem Schäfer zum stehen. Ich fragte, warum er das fragte, ob ich auf dem Weg wohl noch einige freilaufende Schafe zu erwarten hätte. Und er antwortete, dass keine Schafe mehr auf dem Weg seien, dass er mich aber um eine „kleine Spende“ bitten möchte. Ja, da war ein Schäfer, der ganz offensichtlich jeden Tag viele Stunden arbeitete, und der dennoch die Menschen um Geld anbettelte. Ich erklärte ihn, dass ich selbst vom Betteln lebe und gerade noch ein paar Cent in der Tasche hätte. Hinter mir kam ein weiterer Radfahrer, einer, dessen Gefährt nicht wie das Meinige nach einem angerosteten Haufen Schrott von eher zweckmäßiger Funktion aussah, sondern den Eindruck erweckte, dass sein Fahrer richtig viel Geld in sein Hobby Radfahren investierte. Dieser Radfahrer grüßte auf dem Gruß des Schäfers hin gar nicht erst zurück, und als der Schäfer ihm bat, anzuhalten, fuhr er um so schneller weiter. „Es sind immer die Falschen, die anhalten“, sagte der Schäfer, „immer welche, die selbst nichts haben. Was soll ich denn machen? Von den Schafen kann ich nicht mehr leben, und den Leuten ist das völlig gleichgültig, wenn ich mit den Viechern verrecke.“

Er war geübt darin, die Tränen zu unterdrücken, aber das Beben in der Stimme war unüberhörbar. Ich ging langsam weiter und sah zu, wie ich selbst den heutigen Tag überstehe. Die kurze Zeit der gemeinsam erlebten Vereinsamung im Elend war vorüber.

Es wird dunkel. Und. Unentwegt blöken die Schafe.