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Gezwitscher

Nachdem Journalisten aus Presse und Glotze in ihrem Bildhunger immer häufiger dazu übergingen, Twitter-Kürzsttexte als Beleg dafür, wie das Internet über eine Sache denkt in ihren contentindustriellen Machwerken zu präsentieren, fingen die Twitter-Nutzer damit an, sich für die Stimme der Mehrheit des Internets, ja, der gesamten Bevölkerung zu halten. Die manifeste Dummheit, die sich jeden Tag auf Twitter zeigt, ist ein Spiegelbild der Dummheit des Journalismus.

„Social Media“

„Social Media“ wird „Social“ Media genannt, weil es sich dabei weder um ein intellektuelles, noch um ein intelligentes, noch um ein informiertes Medium handelt.

Das neue Miteinander

Der Vorübergehende sagte zu seiner Zeitgenossin: „Seit es Social Media gibt, reden die Menschen nicht mehr aneinander vorbei, was schon immer frustrierend genug war, sondern sie schreien aneinander vorbei. Und alle Politiker, alle Künstler, alle Werber und alle Journalisten machen mit“.

Selbstwissen

„Wer kein gefestigtes Wissen um sich selbst, seine Möglichkeiten und seine Einschränkungen hat und deshalb auf das Surrogat der ständigen Wertzuweisung durch Andere angewiesen ist“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen im Schlamm, „tendiert dazu, alles nur zu tun, um dabei gesehen und wertgeschätzt zu werden. Sobald niemand mehr hinschauen kann, wird das gesamte Tun völlig anders, weil es niemals einer eigenen Natur, einem eigenen Plan und einer eigenen Einsicht entsprach. Ganze Gesellschaften bestehen metastabil einzig auf der Grundlage dieses einfachen psychischen Mechanismus, egal, wie schlecht sie für alle Beteiligten sind und wie leicht erkennbar die ganze Gesellschaft gegen die Wand gefahren wird. Sowohl die intellektuelle Schlammgrube von social media, die Übernahme der Reklamelügen und die Selbstaufwertung durch Kauf- und Verbrauchsakte als auch große Teile des unvernünftigen — ja, es gibt tatsächlich auch einen vernünftigen — Unwillens gegen die laufende Corona-Seuchenbekämpfung haben die selbe psychische Wurzel, und dass die Freiheit weggeworfen wird, schmerzt jene am wenigsten, die im Prozess, der über der Gesellschaft abläuft, niemals eine individuelle Freiheit entwickeln konnten“.

Community-Richtlinien

Es gibt in social media keine „Community-Richtlinien“ in dem Sinne, dass sich die Gemeinschaft selbst Richtlinien gegeben hätte, anhand derer sie ihr Miteinander gestaltet. Das Wort ist eine hirnfickerische Lüge, die leider viel zu oft wiederholt wird, als sei sie wahr. Es sind „Richtlinien“ eines digitalen Gutsherren, der nach Gutsherrenart entscheidet und je nach Bedarf oder geschäftlichen Möglichkeiten sein selbst gesetztes Gesetz beliebig anpassen darf, was die „Community“ nur abnicken kann. Oder etwas einfacher: Es ist „gutes altes“ Hausrecht. Dass der digitale Gutsherr sich hinstellt und faselt, als sei dieses Hausrecht aus der „Community“ entstanden und seine eigene Herrschaft so indirekt mit einem „Willen der Community“ begründet, ist nichts als eine dumme propagandistische Metapher für autokratische Tyrannei, und dass dieses fundamentalfalsche Wort „Community-Richtlinien“ von so vielen Menschen (und vor allem: so vielen Journalisten) unreflektiert übernommen wird, ist ein Spiegelbild der Unterordnung unter die Herrschaft eines Tyrannen. Nichts ist so antidemokratisch und antisozial wie social media.

Die gleichen Menschen…

Die gleichen Menschen, die in den letzten Monaten nicht müde wurden, jeden Mitmenschen zu korrigieren, dass meinte, dass Menschen an Corona erkrankten und starben und erbost einwarfen, dass Menschen nur mit Corona erkranken und sterben, werden jetzt damit anfangen, über jeden einzelnen Menschen, der mit einer Corona-Impfung erkrankt oder stirbt, zu sagen, dass er an der Impfung erkrankte oder starb. So „argumentiert“ man eben an der Pippi-Langstrumpf-Universität des Stammtisches und seines modernen Nachfolgers mit größerem Wirkungskreis: Social Media.

Aber primitiv-magisch daran zu glauben, dass sich die Wirklichkeit auch so verhalte, wie man es sich wünscht, weil man ja die „richtige“ Sprache verwendet und in der richtigen Weise darüber denkt, ist eine Bankrotterklärung des Intellekts, die man nur noch mit der gegenwärtigen universitär-bürgerlichen Gender-Ideologie vergleichen kann.

Der Eifer, mit dem Journalisten über die Nichtigkeit berichten, dass eine privatwirtschaftliche Website, die so etwas ähnliches wie ein globales Forum für verkürzende, unterkomplexe Stummeltexte anbietet, endlich auch einmal einen Stummeltext des amtierenden US-Präsidenten gelöscht hat… dieser Bericht erstattende Eifer ist nur ein Spiegelbild des Eifers, mit dem sich die so berichtenden Journalisten jeden Tag und jede verfügbare Minute ihres leeren Lebens das Weltbild von vorbeirollenden verkürzenden und unterkomplexen Stummeltexten machen lassen — deren Auswahl und Sichtbarkeit übrigens genau wie der Journalismus der Contentindustrie allein für die emotional-psychische Manipulation der Reklame optimiert wird; das Geschäftsmodell derer, die kein seriöses Geschäftsmodell haben.

Vor rd. vierzehn Jahren habe ich den Satz „Twitter ist der neue Journalismus“ noch als Satire gemeint. 😦

Facebook-Werbeboykott #Stophateforprofit

Diejenigen Unternehmen, die zurzeit keine Werbung mehr auf Facebook schalten, weil sie Facebook als Verbreiter von so genanntem „Hate Speech“ abstrafen wollen, die aber auch jahrelang kein Problem damit gehabt haben, dass ihre Reklame auf der Website eines offenen Spammers sowie Programmierers und Distributors von Schadsoftware präsentiert wurde; genau diese Unternehmen machen damit vor allem anderen zwei Dinge klar:

  1. Wenn es ihnen einen finanziellen Vorteil bringt, arbeiten sie auch gern mit Kriminellen zusammen, und
  2. die Zensur von (legalen, nicht strafbaren) Meinungsäußerungen im Internet soll bis zum vorauseilenden Gehorsam ausgeweitet werden.

Im Spiegelbild des Hashtags #Stophateforprofit zeigt sich die Fratze des Zensurfreundes und Verbrechers, der sich aber lieber im gutvernetzten Lande Alzheim als Wertebewahrer, Menschenrechtskämpfer und Freiheitsbringer feiern lassen möchte — und ebenfalls wird in diesem Spiegelbild ein Ausschnitt der geldherrschaftlichen Gesellschaftsordnung sichtbar, die solche Unternehmungen gern hätten. Wer dieses Bild attraktiv und erfreulich findet — die Münder etlicher Journalisten und „Netzhelden“ sind ja bis zum Überquell voll des lobenden Wortes — wird im Faschismus nichts vermissen. Viele werden sich dabei sogar als Antifaschisten fühlen.

Abschließende Anmerkung: Für jedes komplexe soziale Problem gibt es eine einfache, technische Lösung. Diese ist immer falsch. Und sie ist oft gefährlich, manchmal sogar mörderisch.

Unsicherheit

Die Menschen verlangen deshalb so sehnsüchtig, ja, suchtartig nach Achtung und Beachtung durch andere Menschen, weil sie sich so unsicher darin sind, ob sie diese überhaupt verdienen. Im Spiegelbild jedes Blenders und Selbstdarstellers von Donald Trump bis hin zum „Klaus Kinski für die Dorfdisko“, im Spiegelbild jedes Genießers eines Personenkultes zeigt sich immer noch ein narzisstisch schwer gekränktes Kind, das seine Kränkung niemals überwand und den Geschmack der Bitterkeit überdecken will.

Die Frage, warum aufmerksamkeitsvermarktende Internetideen wie „Social Media“ immer etwas unübersehbares Infantiles an sich haben, beantwortet sich aus dieser Beobachtung von allein.

Social Meinungsbildung

Im Lande der Psyche, in Social Media, funktioniert die Meinungsbildung so: Jemand wird dich so lange provozieren, bis du eine hässlichere Seite von dir zeigst, und wenn du das tust, wird sich dieser jemand als Opfer darstellen. Und zwar erfolgreich.

Business

Als ein Zeitgenosse ihm vorschlug, es zu nutzen, um Menschen damit zu erreichen, weil man damit Menschen erreichen könne, antwortete der Vorübergehende mit seltener Klarheit, Lautstärke und Schärfe in seiner Stimme: „Facebook ist unmenschlich. Facebook ist zerstörerisch. Facebook ist anti-sozial. Facebook ist anti-intellektuell. Facebook ist das Gegenteil von menschlicher Würde. Facebook ist Business auf Grundlage der dummen, mechanischen, von Rechenmaschinen kalkulierbaren Psyche. Alles, was damit in Kontakt kommt, wird zum Bestandteil eines unseriösen Geschäftsmodells gemacht, ganz, als ob man Metalle in einer starken Säure auflöste. Es wird dabei nicht nur beschädigt, sondern zerfressen, aufgelöst und vernichtet“.

Der passende Leitspruch für Twitter

Ein Vergleich, der nicht hinkt, ist eine Diskriminierung von Gehbehinderten.