Tag Archive: S/M


Der Eifer, mit dem Journalisten über die Nichtigkeit berichten, dass eine privatwirtschaftliche Website, die so etwas ähnliches wie ein globales Forum für verkürzende, unterkomplexe Stummeltexte anbietet, endlich auch einmal einen Stummeltext des amtierenden US-Präsidenten gelöscht hat… dieser Bericht erstattende Eifer ist nur ein Spiegelbild des Eifers, mit dem sich die so berichtenden Journalisten jeden Tag und jede verfügbare Minute ihres leeren Lebens das Weltbild von vorbeirollenden verkürzenden und unterkomplexen Stummeltexten machen lassen — deren Auswahl und Sichtbarkeit übrigens genau wie der Journalismus der Contentindustrie allein für die emotional-psychische Manipulation der Reklame optimiert wird; das Geschäftsmodell derer, die kein seriöses Geschäftsmodell haben.

Vor rd. vierzehn Jahren habe ich den Satz „Twitter ist der neue Journalismus“ noch als Satire gemeint. 😦

Facebook-Werbeboykott #Stophateforprofit

Diejenigen Unternehmen, die zurzeit keine Werbung mehr auf Facebook schalten, weil sie Facebook als Verbreiter von so genanntem „Hate Speech“ abstrafen wollen, die aber auch jahrelang kein Problem damit gehabt haben, dass ihre Reklame auf der Website eines offenen Spammers sowie Programmierers und Distributors von Schadsoftware präsentiert wurde; genau diese Unternehmen machen damit vor allem anderen zwei Dinge klar:

  1. Wenn es ihnen einen finanziellen Vorteil bringt, arbeiten sie auch gern mit Kriminellen zusammen, und
  2. die Zensur von (legalen, nicht strafbaren) Meinungsäußerungen im Internet soll bis zum vorauseilenden Gehorsam ausgeweitet werden.

Im Spiegelbild des Hashtags #Stophateforprofit zeigt sich die Fratze des Zensurfreundes und Verbrechers, der sich aber lieber im gutvernetzten Lande Alzheim als Wertebewahrer, Menschenrechtskämpfer und Freiheitsbringer feiern lassen möchte — und ebenfalls wird in diesem Spiegelbild ein Ausschnitt der geldherrschaftlichen Gesellschaftsordnung sichtbar, die solche Unternehmungen gern hätten. Wer dieses Bild attraktiv und erfreulich findet — die Münder etlicher Journalisten und „Netzhelden“ sind ja bis zum Überquell voll des lobenden Wortes — wird im Faschismus nichts vermissen. Viele werden sich dabei sogar als Antifaschisten fühlen.

Abschließende Anmerkung: Für jedes komplexe soziale Problem gibt es eine einfache, technische Lösung. Diese ist immer falsch. Und sie ist oft gefährlich, manchmal sogar mörderisch.

Unsicherheit

Die Menschen verlangen deshalb so sehnsüchtig, ja, suchtartig nach Achtung und Beachtung durch andere Menschen, weil sie sich so unsicher darin sind, ob sie diese überhaupt verdienen. Im Spiegelbild jedes Blenders und Selbstdarstellers von Donald Trump bis hin zum „Klaus Kinski für die Dorfdisko“, im Spiegelbild jedes Genießers eines Personenkultes zeigt sich immer noch ein narzisstisch schwer gekränktes Kind, das seine Kränkung niemals überwand und den Geschmack der Bitterkeit überdecken will.

Die Frage, warum aufmerksamkeitsvermarktende Internetideen wie „Social Media“ immer etwas unübersehbares Infantiles an sich haben, beantwortet sich aus dieser Beobachtung von allein.

Social Meinungsbildung

Im Lande der Psyche, in Social Media, funktioniert die Meinungsbildung so: Jemand wird dich so lange provozieren, bis du eine hässlichere Seite von dir zeigst, und wenn du das tust, wird sich dieser jemand als Opfer darstellen. Und zwar erfolgreich.

Business

Als ein Zeitgenosse ihm vorschlug, es zu nutzen, um Menschen damit zu erreichen, weil man damit Menschen erreichen könne, antwortete der Vorübergehende mit seltener Klarheit, Lautstärke und Schärfe in seiner Stimme: „Facebook ist unmenschlich. Facebook ist zerstörerisch. Facebook ist anti-sozial. Facebook ist anti-intellektuell. Facebook ist das Gegenteil von menschlicher Würde. Facebook ist Business auf Grundlage der dummen, mechanischen, von Rechenmaschinen kalkulierbaren Psyche. Alles, was damit in Kontakt kommt, wird zum Bestandteil eines unseriösen Geschäftsmodells gemacht, ganz, als ob man Metalle in einer starken Säure auflöste. Es wird dabei nicht nur beschädigt, sondern zerfressen, aufgelöst und vernichtet“.

Der passende Leitspruch für Twitter

Ein Vergleich, der nicht hinkt, ist eine Diskriminierung von Gehbehinderten.

Einsamkeit und Angst

Übrigens gabs gestern (die Störungen halten aber immer noch an) einen längeren Ausfall bei Fratzenbuch, Finster-Gram und WanzApp. Nach völlig unbestätigten Berichten aus unzuverlässigen Quellen haben jetzt schon viele Menschen Angst, dass die Zombieapokalpyse begonnen habe, weil ihr so genanntes „Smartphone“ schon seit Stunden nicht mehr in der Tasche gepiept und vibriert hat, um die Aufmerksamkeit von der gegenwärtigsten Gegenwart auf irgendwelche tröstlichen Trivialitäten zu ziehen. Diese Isolation muss ein schlimmes Gefühl sein…

„Social Media“ schafft genau die Einsamkeit, die zu bekämpfen es angepriesen wird.

Der Zensor liest

Ich komme mir zensiert vor, von einer Maschine halbautomatisch aussortiert

Sebastian Bäumer [Archivversion]

Der mechanische Zensor aus dem braunen, kalten Traum des Technokraten und des Innenpolitikers, er sucht nur Stellen, er kann deinen Satz ja nicht und niemals lesen.

Doch wer dann immer noch die Welt darum bittet, den mechanischen Zensor anzuschreiben und um Gnade zu winseln, weil die Sehn-Sucht nach der täglich verabreichten Social-Media-Droge auch nach gehörigen Demütigungen und schmerzhaften Psychostrafen noch erhalten bleibt, sollte gründlich über einen Wechsel des Rauschmittels nachdenken. Verglichen damit. Ist ja Heroin noch würdevoller!

Wie in der CDU argumentiert wird

Tweet von @HHirte, verifizierter Account von Heribert Hirte (CDU) vom 25. Februar, inzwischen gelöscht: Natürlich #Artikel13 - der im Übrigen auch die User schützt. Plattformen sollen sich mit Künstler über Lizenzen einigen. Gelingt dies nicht, schafft #Urheberrechtsreform nun Wege für fairen Ausgleich zwischen Plattformen und Kreativen #GeistigesEigentum -- Erwiderung von @Angriffsmacht: Und wie finden sie heraus, wer der Künstler ist? Wie finden Sie heraus, ob der Inhalt lizenziert ist oder nicht? Geben Sie doch einfach zu… SIE haben keinerlei Ahnung davon. Treten sie bei Seite (sic!) und lassen Sie einfach die nächste Generation ran! -- Antwort von @HHirte: Nur dass ich mehr Follower habe als Sie...

Der peinliche Tweet wurde von Heribert Hirte (CDU) inzwischen gelöscht und wird hier nur gegen das Vergessen im Internet als Screenshot erhalten — wäre ja schade, wenn in Vergessenheit geriete, mit welchen „Argumenten“ eine datenschutz-, nutzer-, künstler und kulturfeindliche privatwirtschaftliche Vorzensur im Internet zum gesetzlichen Zwang gemacht werden soll.

Übrigens, Herr Hirte: Ich habe mehr Musikstücke komponiert, arrangiert und aufgeführt als Sie. Wer „geistiges Eigentum“ haben möchte, behält es am besten schön privat in seinem Köpfchen, und genau das hätten Sie besser mit ihrer dümmlichen Erwiderung getan.

Der inoffizielle Social-Media-Leitspruch

Woher soll ich denn wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?

Twittervorleser

Ein Tagesschau-Journalismus in den letzten Zuckungen der Zehner Jahre, der mit ernstestem Tonfall in den 20:00-Uhr-Nachrichten ein „Präsident Trump teilte über Twitter mit…“ über die Lippen bringt, um dann ihren Zuschauern den Tweet in indirekter Rede wiederzugeben, kann gepflegt sterben gehen.

Schnell gegangen

„Nicht einmal zehn Jahre Reklame, Journalismus und weiter fortschreitende zwischenmenschliche Vereisung hat es gebraucht“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „den Menschen so wirksam einzureden, dass Smartphones und Facebook in ihrem Leben unverzichtbar seien, dass kaum noch jemand zweifelt. Und wer jetzt immer noch nicht daran glaubt, ist ein Sonderling; rückständig, dumm und potenziell gefährlich, besser nichts damit zu tun haben. Nicht einmal die totale Automobilmachung ist in Deutschland dermaßen schnell gewesen“.