Tag Archive: Sisyphos


Fit For Death

Er ist so symptomatisch für diese Zeit: Der Geschäftsraum, an dem der Denkende und Fühlende vorüber geht. Überm Eingang die blende Reklame in freundlichen Farben, die diesen Raum als ein „Fittness-Studio“ ausweist. Darinnen Menschen. Die an Maschinen stehen und mechanische Tätigkeiten ausführen, die sich qualitativ nicht von der abstrakten Arbeit unterscheiden, die aber im Unterschied zu dieser nicht entlohnt werden. Sondern sogar Geld kosten. Diese Menschen tun das, um sich fitt — das heißt zu Klardeutsch: angepasst — für die richtige abstrakte Arbeit zu machen, um ihren eigenen Marktwert zu erhöhen. Ebenso symptomatisch der Platz vor dem Eingang, der mit weißen Linien unterteilt ist. Ein Schild weist ihn als „Kundenparkplatz“ des „Fittness-Studios“ aus und winkt allen anderen Menschen, die dort ihr Auto abstellen wollen, mit dem dräuenden Abschlepphaken. Der Parkplatz ist wichtig, denn das „Fitness-Studio“ steht ein wenig abseitig, und um aus den nächstliegenden Wohnquadern dorthin zu gelangen, müsste schon ein Fußweg von über vierzig Metern zurückgelegt werden. Das ist den Menschen, die Kunden eines solchen „Fitness-Studios“ werden sollen, nun wirklich nicht zuzumuten. Denn diese Menschen. Die sich in dieser schweißgetränkten Selbstfolterkammer zu besseren Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess machen wollen. Sie vermeiden in ihrer sonstigen Zeit jede noch so kleine Bewegung, sie würden sogar noch vom Fernseher zum Kühlschrank mit dem Auto fahren, wenn es dort nur eine Straße gäbe. Mit welcher tänzelnden Heiterkeit der Fühlende und Denkende doch an dieser Mühsal vorbeischlendern kann, in der sich die Menschen ihren Bewegungsdrang, ja, ihren Drang zum Leben abtöten! Und. Mit welcher Betrübnis!

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Sisyphos

Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.

Homer, Odyssee, 11. Gesang, 593-600

Sisyphos, Sohn von Aeolos und Enarete, wurde in der griechischen Mythologie als der gerissenste aller Menschen bezeichnet. Nichts. Könnte weniger wahr sein. In Wirklichkeit war diese wie ein Held hingestellte Figur des überpersonalen antiken Kopfkinos das Abziehbild eines verdammten Idioten. Den Prometheus, den kann der Mensch ja noch verstehen, denn dieser konnte nichts mehr machen, wenn jeden Tag der hundsköpfige Adler kam, um seine Leber zu vernaschen. Er war das typische Opfer der Herrschaft, gefesselt, darbend, dürstend und schlaflos, mit Eisen an den Fels gehauen, so blieb ihm keine andere Option, als die ewige Folter des ausgelieferten Gefressenwerdens über sein Dasein ergehen zu lassen und vergebens um Gnade zu flehen. Nichts von alledem findet sich in der Gestalt des Sisyphos. Da ist keine Fessel, die nicht in seinem Kopf gewesen wäre. Wenn er. Nur einen Hauch von Einsicht oder gar Gerissenheit gehabt hätte, denn hätte Sisyphos diesen blöden Stein einfach liegen lassen; soll der Thanatos doch selbst sehen, wie er den Stein mit seiner göttlichen Macht nach oben bringt.

Und ganz genau so dumm. Sind sie alle. Die diesen von Homer im Auftrage der damaligen Herrschenden zum Held gemachten Sisyphos nacheifern. (Vor allem die Pädagogen nehmen ja gern diese jammervolle Pose ein, um ein wenig davon abzulenken, dass sie nicht so sehr arbeiten, sondern vielmehr ihnen ausgelieferte, junge Menschen zu gefügigen und leicht verwertbaren Batterien im betrüblichen betrieblichen Produktionsprozesse machen.)

Übrigens hat Sisyphos bis heute einen gesellschaftlichen Nachklang, denn die so genannten „Wirtschaftswissenschaftler“ haben sich ein schönes Wort ausgedacht, um eine kranke Idee in ihrem verdammten Aberglauben damit zu bezeichnen. Dieses Wort lautet „Sisyphismus“ und bezeichnet ein System, in dem die Arbeit um ihrer selbst willen — auch dann, wenn die Arbeitenden durch ihre Arbeit keinerlei ökonomischen Vorteil haben — als schätzenswert betrachtet wird. Es ist das System, das den Menschen in der BR Deutschland seit der von Gerhard Schröder angeführten Regierung aus SPD und Grünen mit allerlei irrationaler Propaganda in das Hirn implantiert werden soll, damit es auch ja zum überpersonalen Kopfkino der Jetztzeit werde, woran der Mensch sich selbst und jeden anderen Menschen messe. Der gesamte Wahnsinn eines staatlich subventionierten „Marktes“ für schäbig entlohnte Elendsarbeit, der von der derzeitigen großen Koalition fröhlich weiter aufrecht gehalten wird, ist die politisch gewollte Einrichtung eines sisyphistischen Systemes, den Verfluchten zur Last und den Besitzenden zum Wohlgefallen. Ein Unterschied zu Sisyphos besteht freilich; denn wer heute in diesem fremden Film seines mit hohem Aufwand von außen induzierten Kopfkinos nicht Platz nehmen mag, der wird mit existenzbedrohenden Sanktionen gefügig gemacht.

Sisyphosse dieser Zeit, lasst den verdammten Stein liegen! Sollen die fluchbringenden, großkopferten „Götter“ sich doch selbst daran zerplagen!

Mit fröhlichem Gruß an Ralf