Tag Archive: Sinnlosigkeit


Wahn oder Worte

„Du hast völlig recht“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „keines meiner oder deiner Worte wird den Lauf der Dinge aufhalten oder auch nur beeinflussen. Aber die Worte müssen dennoch sinnlos gesprochen und geschrieben werden, und sei es, damit die Denkenden und Fühlenden nach uns nicht glauben, wir seien unter den Bedingungen des Prozesses, der über die Gesellschaft abläuft, alle miteinander wahnsinnig geworden“.

Sinnlos

„Ja, du hast recht und hast es sehr scharfsinnig erkannt“, sagte der Vorübergehende zum Depressiven, „das Leben ist völlig sinnlos. Das könnte die intellektuell und spirituell befreiendste Einsicht deines Lebens sein, wenn du nicht eine narzisstische Kränkung daraus machen würdest“.

Die Sinnlosen

Der Gläubige, der fragt „Wenn es G’tt nicht gäbe, welchen Sinn hätte mein Leben dann noch?“ gleicht dem Sklaven, der „Wenn es meinen Herrn und Besitzer nicht gäbe, welchen Sinn hätte mein Leben dann noch?“ fragt.

Federkraft

Der an sich selbst besoffene Narzisst sagte noch schnell in seinem ideologischen Vollrausch „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“, bevor der Henker ihm in gut geübtem Schlag mit dem Schwert den Kopf abhieb. Hinter dem Richtbock verbrannten im flackernden Feuer die vielen Bücher, die wohl niemand gelesen hat, der sie gelesen haben müsste, weil es in aller Mühe des Seins nun einmal müheloseres als Bücher gab. Um das Feuer herum wärmten sich in der Dunkelheit arme Menschen in fabrikneuen Lumpen und ohne persönliche Aussicht an den lodernden Gedanken, von denen nur Asche bleiben sollte. Seine Websites wurden schon längst aus dem Internet entfernt, obwohl sie schon lange niemand mehr gefunden hatte, weil sie keine Brüste, keinen Sport und keine aufregenden Skandale darboten. Schon lange vor der nunmehr offenen Zensur gab es einen Zustand, der nicht nach Zensur ausgesehen hat, sondern nach Bekämpfung von Kriminalität, Desinformation und Hass-Sprache; ein Zustand, der erst einmal unsichtbar machte, was dann um so unbemerkter ausgerottet werden sollte. Der Kopf des Denkverbrechers rollte noch wenige Sekunden über den Feinstaub der Straße, begleitet von den dissonanten Sprechgesängen der Anwesenden: „Wir sind frei! Wir können kaufen!“. Er hinterließ kullernd, aus gruslig anzuschauendem Enthauptungsgesicht, unpassend fröhliche Blutsprenkler auf dem unfruchtbaren Asfalt der autokonformen Welt, und die Erde drehte sich ebenfalls weiter; drehte sich deutlich länger als nur wenige Sekunden auf ihrer himmelsmechanischen Bahn durch einen gefühllosen, kalten, dummen Kosmos einfach nur weiter.