Tag Archive: Sinnloses


Befreiend und erfreuend

Es gibt für mich kaum etwas Befreienderes und Erfreuenderes, als in einer sich sinnlos aufheizenden Diskussion ein wie eine Trumpfkarte auf den Tisch geklatschtes Schlagwort aus der medialen Berichterstattung aufzugreifen und ein prolles, nicht weiter begründetes „ist mir egal“ anzuhängen.

Während ich als politisch ungebildet, generell dumm und somit völlig unbeachtlich verachtet werde, kann ich mich zurücklehnen und mich in aller Stille daran erfreuen, wie die Menschen, die sich für überlegen halten (und in genau dieser Haltung ihren dummen und verdummenden Narzissmus füttern), ihre beschränkte Kraft in der psychologischen Mühle des von Milliardären bezahlten Nachrichtenbetriebes zu Staub zermahlen lassen, als ob sie eine Unendlichkeit davon zur Verfügung hätten — und sich von genau diesem industriellen Betrieb auch noch vorgeben lassen, in welchem Rahmen sie denken und argumentieren dürfen oder gar müssen und ausgerechnet diese Beschränkung als Rede- und Gedankenfreiheit sowie als „Bildung“ empfinden.

Die Themen, über die sie sich ereifern, haben sie schon in wenigen Wochen, spätestens in zwei bis drei Jahren, vergessen. Was ihnen verbleibt, ist das erstickende Unrecht, das in ihre Leben hineinragt und niemals Thema für den medial eingejagten Schrecken wird — und die Möglichkeit, einen der vielen Namen für den Aufrechterhalt und die Vergrößerung des erstickenden Unrechts auf einem Wahlschein anzukreuzen.

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Gestattete Formen des Protestes

Die Schafe dürfen gern etwas lauter und nach Anmeldung bei der Schafbehörde sogar koordiniert blöken, solange sie sich nur weiterhin fein scheren, schlachten und verwerten lassen.

Chancengleichheit

Und der Nachtwächter sagte: Ich bin in Armut geboren, und deshalb bin ich. Als Gespenst geboren. Von früh auf hatte ich zu lernen, dass ich ein Nichts bin, fern vom alledem, was um mich herum als Leben betrachtet wurde. Mein Bruder im Staub, auch ich hatte einmal Hoffnung, genau wie du; ja, ich hatte diese Hoffnung schon als Kind. Und ich versuchte, alles zu tun, um der drangvollen Enge meines Lebens zu entkommen. Ich bildete mich, so gut es die mies sortierte Bücherei zuließ — vom Internet war damals noch keine Rede — denn ich wusste, dass Bildung das Wichtigste ist, um die Kreiselhölle aus Armut, Alkoholismus, Kleinkriminalität und Gewalt zu verlassen, aus der ich als ein Dunst Gestalt annahm. Aber ich musste dabei lernen, dass es nicht auf Bildung und nicht auf Fähigkeit ankommt, in der Schule musste ich es erstmals lernen, als ich der verachtete, geprügelte und angespieene Außenseiter war, der alte Kleidung, einen gebrauchten Ranzen und zwei Jahre alte Schulbücher hatte, die sich in ein paar trivialen Kleinigkeiten von den aktuellen Ausgaben unterschieden, damit auch ja jedem Kind die aktuellen Ausgaben gekauft werden. Und als ich dann sonderlich wurde, was gar nicht überraschend ist, da musste ich es durch die schlagenden Hände in einem Kinderheim der Diakonie lernen, dass ich mich nur zu fügen habe, unter Schmerz und Angst zu fügen. Ich hatte unter der Diktatur der strukturellen Gewalt zu lernen, was mein Platz in der Matrix sein soll, und glaube mir, Bruder im Staub, diese Pille hat mir nicht geschmeckt und drang erst zweieinhalb Jahrzehnte später so richtig in meinen Bauch ein. Und wandelte sich dort. In die fröhliche Einsicht völliger Sinnlosigkeit allen Strebens. Das erst machte es mir erträglich, in meinem gespenstischen Dasein mit doppelter Mühe nicht einmal die halbe Wirkung entfalten zu können, nicht handeln zu können, sondern bestenfalls ein wenig zu spuken. Doch keine Freunde zu haben; es hat auch sein Gutes. Man versteht schon als beobachtendes Kind, wie sich Menschen nur gegenseitig benutzen, und man wendet seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge als das verlogene Lächeln, auch schon als Kind. Das Wissen muss trösten, lange bevor es nützlich wird; über die Kälte und die Aussichtslosigkeit muss es trösten, denn mehr als dieses dürftige Wissen und Bewusstsein gibt es nicht. Im Sekundenglanz meines Seins. Es bleibt nur in mir, und wird einst zusammen mit meinem ganzen Dünsteln in die Verwesung fallen. Ich hatte auch von den frommen, gewalttätigen Erziehern zu lernen, dass einem Gespenst kein Respekt gezollt wird, und das kleine Büchlein, dem ich schon als Kind meine Beobachtungen anvertraute, um mein Denken vom Augenblick zu emanzipieren und die übergeordneten Muster sehen zu können, es wurde mir von den herzlosen Prügelfrauen entwendet und einem Psychologen gegeben, damit mich dieser Assimilationsarbeiter besser bearbeiten kann. Seither mache ich alle meine Notizen in einem selbst ersonnenen Schriftsystem, das solche Zugriffe frustriert, um wenigstens mein Denken für mich und hoffentlich klar zu behalten. Auch nach dieser Zeit gab es keine Freiheit, so schön sich auch davon träumen ließ, sondern nur Verachtung und Kälte und das langsame Dahinwelken meiner Handvoll Freunde mit ähnlichem Schicksal, die am Heroin und an der verinnerlichten Hand der Gesellschaft, am Freitod starben. Was mir hilft, weiterhin zu leben, ist nur die heitere Einsicht in die vollkommene Sinnlosigkeit und das Wissen um den überpersonalen Prozess, der über die Gesellschaft abläuft. Ich bin als Gespenst geboren, arm und außerhalb jeder Aufmerksamkeit, und der Bruder im Staub, der mir begegnet, der begegnet einer Spukerscheinung, die ihn schaudern macht. Denn in diesem Spuk. Spiegelt sich sein eigenes Leben. Solchen geisterhaften Spiegeln werden viele Namen gegeben. Der gemeine Fernsehzuschauer, Autofahrer und Verbraucher nennt mich schlicht asozial, wenn ich ihm nach etwas frage, was er mir kampflos zu geben bereit ist. Der Mensch, der an mir lernt, dass es ein Leben jenseits der Hoffnung gibt, nennt micht Elias. Und wer wirklich kalt und bis ins Herz verrottet ist und mir einen bösen Spottnamen geben will, der spricht von der Chancengleichheit.

Größe und Essig

Zeitgenosse: „Kommt dir dein Schreiben nicht selbst lächerlich vor? Wenn du so viel Zeit und Arbeit in dein Blog steckst, warum gehörst du nicht den ganz ‚großen‘ und bekannten Bloggern?“

Nachtwächter: „Weil ich meine Leser nicht unterhalten, nicht ablenken, nicht in den medial vermittelten, irrationalen Glaubenssystemen bestätigen will. Genau das müsste ich tun, um eine große Anzahl Leser regelmäßig zu meinem Blog zu locken und sie zu massenhaften Verlinkungen zu animieren. Ich müsste mein Schreiben von der Aktualität meines eigenen Lebens und Denkens befreien, um es an den abstrakten medialen Begriff von Aktualität anzupassen. Die Themen müsste ich mir vom Medienbetrieb mit seinen aktuellen Nachrichten aus der Politik, aus dem Sport und vom Boulevard de la turd vorgeben lassen, damit sie wie diese heute gesucht und morgen vergessen werden. Dabei würde ich von meinem eigenen Schreiben entfremdet, es würde zu einer Arbeit ohne Wurzel in meinem Leben. Und das suche ich zu vermeiden (es gelingt nicht immer, aber es ist den Versuch wert), um die ganze damit verbundene Mühe niemals zu einer Arbeit werden zu lassen, die, so wohl sie intrinsisch motiviert ist, sich wie eine externe Bedingung auf mein Leben setzt, als kraftraubender Selbstzweck, der den Humor auffrisst. In der Folge dieser Meidung entsteht das, was ich eben schreibe, und es ist bei aller Wichtigkeit, die es für mich selbst hat, genau so marginalisiert wie mein gesamtes Leben. So etwas entfaltet keine breite Attraktivität, oder, um es mit den technischem Wort einer am Wettbewerb orientierten Betrachtung zu sagen: es generiert keine hohen Zugriffszahlen. Die Ästhetik der verschwundenen Wahrheit in den Medien stellt völlig andere Anforderungen als eine vielleicht unbeachtliche, aber doch wenigstens echte Stimme. Mit Essig kann man keine Fliegen fangen.“