Tag Archive: Schleichwerbung


Die Kreativität der Werber

Nachdem das Medium so weit vergällt und damit ungenießbar gemacht wurde, dass kaum noch jemand auf die Pest der Reklame reagiert, sollen jetzt in einem Akt der typischen Reklame-Kreativität die Inhalte zersetzt werden, um deretwillen das Medium überhaupt existiert — und damit das nicht so schmerzt, heißen die Inhalte im Zustand der Verwurstbarkeit neudeutsch „Content“. Werbung ist ein Krebsgeschwür an allem, woran sie sich zum Zersetzen setzt; Werber sind nichts weniger als Menschenfeinde.

Und die Journalisten, die völlig vom Krebs der Reklame durchfressen sind, stehen nur noch im Dienst der Menschenfeindlichkeit der Werber.

Werter „Qualitätsjournalist“!

Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass ich die von dir seit Monaten gelieferten Artikel nicht benötige, in denen du deinen Lesern erzählen willst, was „das Netz“ über irgendein Ereignis „denkt“. Ja, genau so drückst du dich wirklich aus. Es ist für mich — und vermutlich für beinahe jeden deiner Leser — völlig verzichtbar und nicht das Verständnis bereichernd, dass du ein paar ausgewählte Textstummel vom — wie du das auch immer so wortblendend pseudosachlich nennst, ohne damit der Sache auch nur entfernt gerecht zu werden — „Kurznachrichtendienst Twitter“ zitierst, diese als „Denken des Netzes“ bezeichnest und mit ein paar entbehrlichen, durchaus mit Übung, aber dafür ohne Geist geschriebenen und professionell glatten Worten ausstopfst, um sie zu einem schnell verfassten und recht inhaltslosen 800-Wort-Artikel auf deiner „qualitätsjournalistischen“ Website aufzubauschen. Ich weiß nicht, ob es dir klar ist, aber die Menschen, die diese „qualitätsjournalistische“ Website betrachten können, können auch Twitter betrachten oder sogar aktiv mitbenutzen, und die Verwendung einer offen sichtbaren Suchfunktion stellt kaum jemanden vor eine so hohe Hürde, dass du dich als Berichterstatter des Nonsens hinstellen müsstest, um ein paar Ergebnisse deines „qualitätsjournalistischen“ Suchens zu einem Thema abzuschreiben.

Eine Frage allerdings, werter Qualitätsjournalist, die will mir einfach nicht aus dem Kopf: Wie viel Geld bezahlt dir und deinen Kollegen eigentlich diese Klitsche ohne seriöses Geschäftsmodell¹ namens „Twitter“ dafür, dass du ihren Webdienst immer und immer wieder als das „Denken des Netzes“ vor die Augen deiner von dir verachteten und zum spiegelnden Ausgleich von deiner Tintenkleckserei zu Tode gelangweilten Leser stellst und zitierst? Oder bist du etwa so dumm und machst derartig aufdringliche Schleichwerbung im redaktionellen Teil kostenlos?

Wenn du schon nicht damit aufhörst, wäre es nett, wenn du wenigstens diese Frage beantworten könntest. Keine Antwort ist übrigens auch eine…

Dein dein Geschreibe „genießender“
Nachtwächter

¹Davon leben zu wollen, dass man die Kommunikation der Menschen mit unerwünschter Reklame vergällt, ist kein seriöses Geschäftsmodell und letztlich zum Scheitern verurteilt.

iZeitung iOwned

Und immer wieder frage ich mich zurzeit, wie viel Geld Apple wohl dafür ausgibt, damit ein seine Anwender enteignendes und bevormundendes, aber ansonsten völlig unwichtiges Apple-Produkt wie dieses „iPad“ so allgegenwärtig noch in den regionalsten Ergüssen der Journaille auftaucht, als habe es aus sich heraus irgend einen Nachrichtenwert. Wenn die Schleichwerbung für dieses Spielzeug nicht so grob und dumm wäre, wäre sie vielleicht wirksamer.

Und ihr alles völlig unreflektiert aus der Reklame der Presseerklärungen abschreibenden Idioten aus den diversen Ergüssen der Journaille: Macht nur immer hinfrei weiter so, und wundert euch nicht darüber, dass ein Denkender euer schmieriges Geschreibe nicht mehr lesen mag!

Aprilkitzel

Wenn man die träge Masse seines Körpers auf das Fahrrad schwingt und auf dem Weg in die Stadt nicht mehr friert; wenn auf dem Weg für eine gute halbe Minute eine Frau auf inline skates neben einem fährt, die ihr Händi* am Ohr hat und mit lauter Stimme, beinahe so, als müsse sie mit nur dieser Stimme die Entfernung überbrücken, ihrer Freundin von ihrer aktuellen Illusion in Liebessachen berichtet; wenn man am Fluss langfährt, wo im noch kalten Gras gackernde Backfische mit ihren beneidenswert großen Klapprechnern sitzen und YouTube glotzen; wenn die Vöglein einander ihre Wünsche nach Nachwuchs und Revier kreischend zuzwitschern; ja, wenn sich auch noch beim Grießgrämigsten eine allgemeine Heiterkeit und ein Hang zum Leichtsinn breit machen, ein Leichtsinn, der sich auch darin zeigt, dass die noch schwachen Sonnenstrahlen in einem t-shirt begrüßt werden — dann ist klar, dass der Frühling endlich angekommen ist; der Frühling, der sogar den Lärm und das überwältigende Grau der Stadt erträglicher macht.

Und wenn man in der Stadt das Pech hat, dass einem jemand etwas Gutes tun möchte und einem eine Zeitung zusteckt, und wenn man so blöd ist, diese von jeder Lebenswirklichkeit abgehobene Zeitung auch zu überfliegen, denn gibt es darin zum Frühling nur zwei Meldungen. Nämlich. Dass wir sofort wieder Angst haben sollen vor den ganz besonders vielen Zecken und dass wir uns besser impfen lassen sollten. Und. Dass es schwere Zeiten für Pollenallergiker werden — bezeichnenderweise auf der gleichen Seite wie das Evangelium der Werbung für das Mittelchen dagegen.

*Ich betrachte das recht künstliche Werbewort „handy“ als ein deutsches Wort und passe es deshalb ebenso an die deutsche Phonetik an wie dies im Falle von „Büro“ (bureau), „Keks“ (cakes) oder „Streik“ (strike) schon lange üblich ist. Wer sich daran stört, sollte eher froh darüber sein, dass ich nicht „Quasselfunke“ schreibe.