Tag Archive: Revolution


Von der Außenpolitik

In der ganzen Welt ist jeder Politiker sehr für Revolution, für Vernunft und Niederlegung der Waffen – nur beim Feind, nicht bei sich selbst.

Hermann Hesse

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Vom eisernen Band

Und der Nachtwächter sprach: Es ist ein allzu durchschaubares, geradezu mechanisches psychologisches Schema: Wenn einem Menschen Gewalt widerfährt, wenn dieser Mensch in der Situation des Opfers völlig ausgeliefert, hilflos, ohn-mächtig ist, denn wehrt er diese tiefe Kränkung seines Narzissmus immer auf die gleiche Weise ab. Er. Identifiziert sein geschundenes Ich mit dem Gewalttäter, seiner Ideologie und seinen Motiven, spielt sich selbst in dieser trickreichen Verdrängung mit einer lächerlichen Handpuppe seiner blutenden Seele vor, dass er ja gar nicht machtlos ist, sondern eine wichtige Rolle in einem überpersonalen Mächtespiel einnimmt, und. Er entwickelt aus diesem verzerrten Verständnis seiner eigenen Position als Opfer ein ebenso verzerrtes „Verständnis“ für die angenommenen Motive des Täters, mit dem er sich um die Einsicht bringt, ein machtloses, ausgeliefertes, elendes Opfer zu sein. Es ist dieses gleichsam diffuse wie durch den Kraftakt der Verdrängung eisenhart gemachte Band zwischen Täter und Opfer, das ganze Gesellschaften und die gesamte Wucht ihrer überpersonalen Gewalt erhält; beginnend mit der so genannten „Liebe“ der Kinder zu ihren Eltern, die sich dann so scheinbar zwanglos auf irgendwelche Landesväter und Bundesmütter überträgt; fortgesetzt mit der Anhänglichkeit so genannter „Arbeitnehmer“ an den Ort ihrer Ausbeutung und wirtschaftlichen Verwurstung; noch lange nicht endend bei der tiefen emotionalen Bindung an irgendwelchem religiösen oder esoterischen Unfug, der den unbewussten Prozess und damit den selbstgebauten Götzen des zernichteten Ichs in der süßlichen Illusion der Ewigkeit und Unendlichkeit zementiert; bis hin zur hirnlosen Horde von Konsumenten, Soldaten und sonstigen Laufmaschinen, die im verkrampften, erzwungenen Jubel ihr individuelles Daseinsrecht auf einem absurden Schlachtfeld für Flaggen und Börsencharts wegwerfen. So lange dieser billige psychologische Prozess nicht überwunden ist, so lange die Selbsteinlullung des kindischen Narzissmus nicht in der Breite bewusst gemacht und bei jedem Einzelnen mitsamt allen ihren Rationalisierungen und sonstigen Verdrängungen erkannt und überwunden wird, so lange wird jede Revolution. Schließlich genau das hervorbringen. Was sie einst beenden sollte. Der Schlüssel zur Freiheit ist genau dort verborgen, wo niemand hinschauen mag. Und nicht. In irgendwelchen gesellschaftlichen, politischen oder philosophischen Analysen, die selbst ein Spiegelbild des gekränkten Narzissmus sind.

L’odeur de la revolution

Niemand unterschätze die Leistungsfähigkeit der Parareligion des Konsumismus, wenn es darum geht, den Wahnsinn hervorzubringen und ein Geschäft damit zu machen! Wenn dereinst — angesichts der weiter zunehmenden Verelendung von immer mehr Menschen unter dem Selbstzweck-Diktat des wirtschaftlichen Wachstums kann es auch recht schnell gehen — die Idee einer Revolution wieder zu romantischen Schwärmereien einlädt, die von der Angst in den Kriechgang gezwungen werden, dann werden die Marktforscher mit gezielten Ausbefragungen diesen trend flugs in Zahlen zu verwandeln wissen, und die professionellen Hirnficker der Reklameindustrie werden wissen, wie sie die psychische Energie in jene Kanäle umleiten können, die einer Vermarktung von Produkten zuträglich ist. Aus dem schon jetzt zur kindisch verehrten Ikone gewordenen Freiheitskämpfer Che Guevara wird eine herbe, vielleicht auch nach einem Hauch von Schmauch und Brandbeschleuniger duftende Parfümmarke werden, und eine allgegenwärtige Werbung wird dafür sorgen, dass diese mit Che-Ikonen bestempelte Marke so vor den Augen einer Zielgruppe „körperbewusste Männer mit sozialem Verantwortungsgefühl“ hingestellt wird, dass ihr keiner entkommen kann. Ich sehe jetzt schon mit den Augen der Zukunft die Werbung zum Weihnachtsgeschäft vor mir, die zeigt, wie in nebelhaft verklärendem Lichte die Bescherung unterm geputzten Baume mit all seinem Tinnefgold und leuchtendem Unrat aufgeführt wird: ein professionell aufgeführtes Schauspiel aus dem synthetischen „Paradies“ der Reklame. Und sie wird ihm das bunte, goldverschnürte Päckchen geben, und er wird es auspacken und eine Parfümflasche „Che“ in der markanten Form einer Handgranate in der Hand halten und sich darüber freuen und sie mit einem Blick betrachten, der deutlich macht, wie gern er sie jetzt wegen dieses Geschenkes ficken würde. Im Hintergrund läuft im weichgespülten Klimperklang „Süßer die Kassen nie klingen“ und durch das riesige Fenster zeigt sich eine Schneelandschaft, über der sich ein Santa Claus in den Farben von Coca-Cola von Rentieren durch die Lüfte ziehen lässt. Es riecht nach Glück, Plätzchen und Revolution. Und. Es ist kälter denn je zuvor.

Dank an Woschod!