Tag Archive: Reklame


Es ist kein Zerfall

Die „politische Kultur“ in der BRD zerfällt nicht. Sie wird einfach nur — begleitet vom direkt vom Popmusikgeschäft abgeschauten hysterischen Applaus zu den Schlüsselwörtern in Nichtaussagen der Talkshowdarsteller mit Parteihintergrund — in diejenige manipulative und psychisch-dumme „Kultur“ umgestaltet, die in der politischen Reklame des Wahlkampfes schon seit Jahrzehnten von jedem Plakat jeder Partei von der kalten, kalten Wand herunter versprochen wurde. Und dahinter. Wuchert die gleiche Ochlokratie wie zuvor, stabiler denn je.

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung „vermarktet“ werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und „inhaltlich“ in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am „Markt“ erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten „Discounter“, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Der Aberglaube

Es ist leichter, eine Lüge zu glauben, die man schon hundertmal gehört hat, als die Wahrheit, die man noch nie gehört hat.

Robert Lynd

Die alte und heute im Rückzug befindliche christliche Religion hatte und hat in der Praxis stets zwei Formen, die untrennbar zueinander gehören: Eine gelehrte Form der Klöster und der Theologie, und eine volkstümliche Form voller Unwissen, Magie und dumpfem Aberglauben. Die letztere Form wurde und wird von den religiösen Institutionen gefördert und durch systematischen Verzicht auf jede Aufklärung am Leben gehalten, obwohl zumindest heute jedem Absolventen eines Studiums der Theologie klar sein müsste, dass sie unhaltbar geworden ist. Doch ist der verbreitete dumme Aberglaube zu sehr das Brot der Pfaffen und die Geldquelle der Theologen, als dass er bekämpft werden könnte.

Doch auch die Wissenschaft kommt in zweierlei Form daher, und auch der wissenschaftlich verpackte Aberglaube ist dumm und oft gefährlich. Die vielen Menschen, die sich mit Vitaminen angereicherte Nahrungsmittel oder — um zwei Größenordnungen absurder und dümmer — Seifen und Shampoos kaufen, weil sie meinen, dass sie sich mit diesen Produkten etwas Gutes täten, sie sind das moderne Spiegelbild jener in ihrem vorsätzlich erzeugten Unverstand abgezockten Deppen, die vor noch gar nicht so langer Zeit echtes Geld für falsche Reliquien wie etwa Stroh aus der hl. Krippe oder einer Feder aus dem Flügel eines Engels hingelegt haben. Und. Die in jeder Weise verachtenswerten Werber sind die zeitgemäße Form der früheren, in jeder Weise verachtenswerten religiösen Gaukler und Betrüger — und kein bisschen weniger zimperlich.

Schade eigentlich, dass bei so viel Kontinuität das Teeren und Federn der Scharlatane inzwischen aus der Mode gekommen ist.

Ferrero Küsschen

Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Oder auch zwei.

Fernsehwerbung für Ferrero Küsschen

Zu den deprimierenden Kennzeichen des allgemeinen Lebensschadens im Lande Barbarien gehört es, dass es den Menschen kaum noch möglich ist, einem anderen Menschen gegenüber Zuneigung auszudrücken. Alle hierfür verfügbaren Wörter und Phrasen sind nicht nur durch die Konvention so blass geworden, dass sie unnötig wortreich und oft in kühler Formelhaftigkeit nichts mehr ausdrücken, sie bringen auch durch die allgegenwärtige sexualisierende Werbung für Parfüms, Pralinen, Eiscremes und Pizzen eine unangemessene und in der Wirklichkeit des Miteinanders völlig unerwünschte Unterschwingung des verschlingenden Konsums in die Mitteilung. Dort, wo Menschen dennoch ihre gefühlsmäßige Nähe verbalisieren wollen, geraten sie in diesem schwierig gewordenen Unterfangen meist in eine sprachliche Retardierung auf kindischem Niveau, die auch kein guter Ersatz für die im gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess verloren gegangene Ausdruckskraft der Sprache ist, sondern vielmehr dumm, unernst und unfreiwillig komisch wirkt. Doch steht für einen anderen Bereich des emotionellen Ausdruckes mehr als genügend unverbrauchten sprachlichen Materiales zur Verfügung, das sich unverminderter Kraft erfreut: Es ist immer noch möglich, jemanden anders mit klaren und echt wirkenden Worten deutlich zu machen, wie sehr man ihn hasst und verachtet. Wo die sprachlich ausgedrückte Nähe blass und verlogen wirkt, der ausgedrückte Widerwillen hingegen heiß und echt, da ist der Zerfall des Miteinanders bereits geschehen, da sind die Menschen längst Einzelkämpfer auf einem Schlachtfeld voller Überfluss geworden.

Deutschland in Europa

dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht,
er brach sîne site und sîne zuht

Hartmann von Aue, Iwein

Im Vorbeifahren auf einem Wahlplakat der FDP den claim gelesen: „Für ein Deutschland in Europa“. Es ist doch tröstlich, dass diese hemmungslosen, kryptofaschischtischen Volksverkäufer, die am liebsten jedes Lebensrecht eines Menschen unter Erwägungen wirtschaftlicher Ausbeutbarkeit bewerten und entwerten würden; dass dieses Pack wenigstens die Geografie unverändert lassen will. Es handelt sich wohl um das erste Wahlversprechen in diesem Jahr, das ich glauben kann.

Bei so viel Dummheit und Dumpfheit mag sich auch der politische Mitbewerb in Form der CDU nicht zurückhalten. Allerdings ist der claim hier noch ein bisschen kürzer gefasst und fetter gedruckt: „Wir in Europa“. Damit auch letzte verhinderte Volksgenosse diese Nullaussage richtig zu deuten vermag, ist das Wort „Wir“ in den Farben schwarz, rot und gelb hinterlegt. Es erinnert leicht an die zum Glück nicht ganz so langen tausend Jahre, in denen das Deutschland der Reichen und Schwerindustriellen sich mal so richtig in Europa auswüten konnte. Aber aber, wirrer Werber, die passenden Farben für diesen Anklang sind doch etwas andere, nämlich schwarz, weiß und rot.

Die Genossen von der SPD, nachdem sie so lange genossen haben, dass man sie in der verblendeten Wahrnehmung für so etwas wie eine Partei mit einem besonderen sozialen Zug hielt, sie verzichten in ihrem groß gedruckten claim vollständig darauf, so etwas wie einen eigenen Standpunkt zu vermitteln. Statt dessen soll eine Kampagne der reinen Abgrenzung etwas an den miesen Umfragewerten dieser sonst so Sozial-Populistischen Demagogen ändern, und so wird in großen Schreibuchstaben zum kontrastarmen Bild eines Föns getextet: „Heiße Luft würde die Linke wählen“. Etwas kleiner steht darunter „Für ein Europa der Verantwortung“. Es ist allerdings nicht zu befürchten, dass diese Worte voller heißer Luft und kaltblütiger Verlogenheit bedeuten würden, dass Schröder, Müntefering, Hartz, Rürup und der ganze Rest der großtenteils kriminellen Bande, der unter der Schröder-Fischer-Regierung damit begonnen hat, Deutschland im Zustand der politsch gewollten Massenverelendung an den Meistbietenden zu verkaufen, jemals zur Verantwortung gezogen würde.

Wer wissen will, wie man das Wort „Politikverdrossenheit“ wirklich buchstabiert, der muss sich nur anschauen, zu welchen Kürzeln diese unverschämte Leere und Verachtung denkender Menschen auf Plakaten transportiert wird.