Tag Archive: Rechtschreibung


Rechtschreibfehler

Als Thomas de Mahy, Marquis von Favras sein Todesurteil las, sagte er „Ich sehe, dass ihr drei Rechtschreibfehler gemacht habt“. Es waren seine letzten Worte. Seit Geist weht seitdem kalt, kernverfehlend und besserwisserisch durch die Schulen, durchs Bürgertum und durchs Internet, leider im Regelfall ohne tödliche Folgen.

Advertisements

Das falsche Rechtschreibtraining

Ich ertappe mich dabei, dass ich die interaktive Rechtschreibprüfung in modernen Programmen standardmäßig ausschalte und lieber diese paar Fehler in Kauf nehme, die ich zwar mache, aber auch beim dritten Überlesen nicht sehe. (Wenn ich sehr sorgfältig bin, lasse ich die Rechtschreibprüfung am Ende einmal über den gesamten Text gehen, doch in der Regel erspare ich mir diese Sorgfalt, wenn ich fürs Internet schreibe.)

Das liegt an der Kombination, wie ich auf Papier zu arbeiten pflege und wie die Rechtschreibprüfung seit knapp einem Jahrzehnt dem Benutzer präsentiert wird. Wenn ich auf Papier schreibe (was selten geworden ist) und ein Wort oder eine Passage rot unterstreiche, denn markiere ich damit für mich selbst, dass es sich um eine wichtige, zentrale Stelle im Text handelt, die ich später, wenn mir der Text schon ein wenig fremd geworden ist, auch querlesend schnell wiederfinden möchte. Es handelt sich um diejenigen Teile des Textes, die ich mir, wenn ich das Thema darlegen möchte, besonders einzuprägen habe. Kurz: Ich unterstreiche das sicher Richtige und Wichtige rot. Die Rechtschreibprüfung macht es hingegen genau umgekehrt. Sie markiert in roter Signalfarbe, was falsch oder fragwürdig ist, und sie zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit noch während des Schreibens auf das Falsche und Fragwürdige, damit ich mich auch ja nicht auf das Richtige und Wahre konzentrieren kann. Ja, in gewisser Weise trainiert sie mich auf das Falsche und Fragwürdige, wenn auch nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern durch den im Hintergrunde laufenden, mechanischen Abgleich mit einem Wörterbuch voller genormter Schreibungen, indem sie mir den Text so präsentiert, als handele es sich bei den Abweichungen von dieser Normung um das Wichtige. Sie ist wie ein pedantischer, unentwegt in den Prozess des Schreibens ätzender Lehrer, den ich mir verinnerlichen soll, um auch immer auf die Einhaltung der genormten Schreibweise zu achten und meine Aufmerksamkeit auf die Fehler zu richten, die ich dabei mache, damit ich mir diese Fehler gut einpräge. Gar nicht klar kommt so eine Rechtschreibprüfung mit meiner Neigung, beim schnellen Schreiben alle Wortendungen wegzulassen, um die Sätze in einer stark flektierenden Sprache wie der deutschen leichter umstellen zu können, ohne dabei jedes Mal drei Wörter bearbeiten zu müssen — ein Arbeitsweise, die übrigens völlig klar macht, dass der Sinn weder in der Grammatik noch in der Rechtschreibung sitzt, sondern im geäußerten Gedanken. (Der Stil sitzt hingegen sehr wohl in der Form, wie die sprachwirkliche deutsche Aussage „Klappe oder ich mach dich Messer“ zeigt.)

Zumindest für mich ist die moderne Form der Rechtschreibprüfung ein Beispiel einer schlecht entworfenen Benutzerschnittstelle, die das genaue Gegenteil der beabsichtigten Funktion bewirkt, und ich glaube, dass das auch vielen anderen Menschen so geht. Psychologisch ist die Hervorhebung von Fehlern einfach ein Fehlgriff, der zu einer ungünstigen Konditionierung führt. Ich gehe davon aus, dass ein guter Teil der wachsenden Inkompetenz in Rechtschreibfragen auf diese schlecht entworfene Benutzerschnittstelle zurückzuführen ist; darin bin ich zwar nicht allein, aber ich habe völlig andere Gründe für diese Annahme. Es ist nicht so, dass es zur Nachlässigkeit führt, wenn man sich auf die Dienste eines Abgleichs mit einem Wörterbuch verlässt, sondern es ist so, dass die gegenwärtige Benutzerpräsentation der Rechtschreibprüfung dazu führt, dass man sich auf seine Fehler konzentrieren muss und sich so erst die Fehler richtig einprägt. Vermutlich könnten viele Menschen ihre (übrigens für den Sinngehalt des Geschriebenen unwichtige) Fähigkeit in der deutschen Rechtschreibung verbessern, indem sie — wie ich — die interaktive rote Unterkringelung der Fehler abschalten und am Ende ihres Schreibens, wenn sie sich darauf konzentriert haben, ihren Gedanken in Wort und Form zu bringen, einmal die Rechtschreibung des gesamten Textes überprüfen lassen. Denn das. Kann auch weiterhin eine große Hilfe im Dschungel der barocken Unlogik der deutschen Schriftsprache sein.

Versteigerte Rechtschreibung

Wer wirklich daran glaubt, dass sich die gegenwärtige deutsche Rechtschreibung mit ihrem barocken Wust unsinniger Detailregeln noch in irgendeine Zukunft retten ließe, muss nur eine viertel Stunde lang eBay benutzen, um diesen Glauben zu verlieren. In dieser viertel Stunde lässt sich auch leicht bemerken, dass sich die Menschen auch ohne Beherrschung der genormten Rechtschreibung gut genug verstehen, um allerlei Geschäftchen miteinander machen zu können. Und dort. Wo die Sprache dem Geschäfte dienen soll, bedarf sie auch keiner hübschen Form mehr. Der Zerfall der Rechtschreibung und der Ausdruckskraft der deutschen Sprache ist ein Spiegelbild des überall vernehmbaren Blahs von Kaufleuten, die lieber Tabellen als Gedichte lesen, und des überall vernehmbaren Blahs von Werbern, die lieber plump als fein in der Psyche herummeißeln. Hier werden sie geholfen. Wahnsinnig billig.

Der Rechtschreibfeler

Ein Rechtschreibfeler im Internet ist ein Hinweis darauf, dass man sich im Internet befindet. Diese ganzen Feler sind die Patina, die sich im Netz über die geschriebene Sprache legt.

Es gibt Menschen, die das völlig anders sehen. Diese sind vor allem Deutschleerer, Pädanten und Hochschätzer der etablirrten Medien. Sie halten die Feler für Fehler, die korrigiert werden müssen. In einigen Nischen des Internet bildet sich zuweilen eine richtige Rechtschreibpolizei, deren Beamte aus eigener Vollmacht und Neurose heraus nichts anderes zu tun scheinen, als jeglichen Text nach solchen Felern abzusuchen, um sie als Fehler zu brandmarken. Doch das alles tut dem Rechtschreibfeler keinen Abbruch, es wertet ihn sogar auf, da er doch benötigt wird, um dieser Menschen Selbstgefühl zu stärken. Gäbe es nicht mehr genug Feler, diese Menschen produzierten gewiss selbst welche.

Der Rechtschreibfeler ist scharf abzugrenzen vom Vertippwer. Beim gewöhnlichen Vertippwer liegt kein Feler in der Auffassung von der richtigen Schreibweise vor, sondern nur eine meist temporäre Unzulänglichkeit der manuellen Befähigung in der Bedienung einer Tastatur. Dabnei werden manchmal zwei Tasten gleichzeitig getroffen, so dass ein überschüssiger Buchstabe entsteht; manchmal werden die Tatsen in der falschen Reihenfolge getroffen, so dass es zu einem Buchtsabendreher kommt; manchal wird eine Taste nicht richtig getroffen, so dass ein Bucstabe fehlt; und manchmal wird anstelle der gewünschten Tastw die benachbartw Tastw getroffen, so dass ein völlig falscher Bucnstabe erscheint. Auf solche Weise entsteht auch manchmal der so genannte „technische Dativ“, der seine Ursache darin hat, dass die Tastem „N“ und „M“ benachbart sind. Dumme Mitglieder der Rechtschreibpolizei sehen darin übrigens regelmäßig eine Grammatikschwäche. Intelligente Schreiber können dem aber entgegenhalten, dass ein solcher Vertippwer allein deshalb beim flüchtigem Korrekturlesen nicht auffällt, weil die Flexionsendungen in der deutschem Sprache gar keine Bedeutung transportieren, sondern nur eine sprachliche Etikette sind.

Im Gegensatz zu diesen Vertippwern, die allesamt einer mangelnden Fertigkeit der Hand geschuldet sind, ist der Rechtschreibfeler eine Schreibweise, die genau so erscheint, wie sie vom Schreiber gewünscht ist. Die Ursache dieses Felers ist eine felerhafte Repräsentation des geschriebenen Wortes im Gehirne des Autoren. Deshalb ist das Aufdecken solcher Feler auch immer dann sehr beliebt, wenn jemandem andere Argumente gegen das Geschriebene ausgehen, deutet doch der Feler im Text darauf hin, dass Feler im Kopfe seines Schreibers sind. Folglich könnte man doch auch den gesamten Gedaknen als fehlerhaft betrachten.

Dort, wo sich die Menschen um die Feler anderer Menschen nicht so sehr kümmern, versteht man sich recht gut, indem man einfach bei der Sache bleibt. Wenn die Rechtschreibung für den Inhalt des Geschriebenen wesentlich wäre, denn könnten sich die User vieler deutscher Webforen gar nicht mehr verstehen, von den Chattern ganz zu schweigen. Die leicht zu machende Beobachtung, dass sie sich bei allen Felern und übrigens auch Vertippwern gut genug verstehen, um sich oft prächtig streiten zu können, zeigt die weitgehende Unwichtigkeit einer felerfreien Schreiweise, es sei denn, es kommt durch einen Feler oder Vertippwer zur Veränderung des Sinngehaltes.

Jeder dieser richtigen Feler deutet auf Defekte der Orthographie hin. Die vihlfachen Auszeichnungen der Kürrze ohder Länge eines Vokahles sind im Deutschen eine unerschöpfliche Quelle für solche Feler, unmittelbar gefolgt von jenen Lauten, die durch ferschiedene Zeichen schriphtlich representirt verden können. Eine dritte Ursache führ Feler nehben der uneinheitlichen Wokaldehnung und der Eksistenz homohfohner Zaichen ist der Standart stimmhafter Konsonanten der gesprochenen deutschen Sprache, im Ausklank zu stimmlosen Varianten verhärtet zu werden. Wenn man jeden Tag sieht, welche Feler von diesen orthographischen Defekten gefördert werden, wundert man sich nur noch darüber, dass einige Menschen fast felerfrai schreyben können. Dahinter muss ein langes und hartes Training stecken…

Das Streben nach einer felerfreien Schreibweise freilich, es stammt aus einer anderen Zeit, die noch kein lichtschnelles Medium wie das Internet kannte. Es stammt aus einer Zeit, in der ruhig und hastlos und ohne den druckvollen Selbstzweck der Aktualität geschrieben werden konnte. In dieser nun vergangenen Zeit hatten auch nur wenige Menschen durch den Besitz von Produktionsmitteln das Privileg, textuelle Information in Form der Presse und der gedruckten Literatur an eine breitere Öffentlichkeit zu bringen, und diese Verleger suchten sich ihre Schreiber aus einer Vielzahl der Bewerber sowohl nach qualitativen und weltanschaulichen, aber eben auch nach strikt formalen Kriterien aus. Wer nicht jahrelang den Duden inhaliert hatte, der hatte keine Chance, in diesen — zum Glück vergangenen — Zeiten in der Journaille unterzukommen, um mit seinem Schreiben allgemein rezipiert zu werden. Und das formal korrekte und politisch gewünschte Schreiben dieser Menschen wurde noch einmal Korrektur gelesen. Natürlich kam es dennoch zu gelegentlichen Felern, aber diese wurden durchgängig als Fehler betrachtet.

Mit dem allgemein verfügbaren Internet ist die Möglichkeit zur Veröffentlichung von Texten kein Privileg einer Minderheit mehr. Und deshalb kann auch nicht mehr eine Minderheit die Defekte der deutschen Orthographie pflegen, indem sie versucht, lediglich felerfreie Texte zu veröffentlichen. vielmehr beginnen die menschen in deutschland jetzt damit, sich ihre geschriebene sprache zurückzuholen und von den fesseln antiquirter konwentionen zu befreien. hierzu gehört auch der hank zur allgemeinen kleinschreibung im chat, in webforen, in persönlich gefärpten mails und auch in fielen blogs.

Ein Feler, der immer wieder gemacht wird, hat gute Chancen, zur Regel zu werden. Viele Menschen schreiben heute im Internet die deutsche Sprache schon so, wie sie in einigen Generationen gedruckt werden wird. Die ganzen Vertippwer, die beim schnellen Schreiben entstehen, werden natürlich auch in Zukunft als unrichtig gelten, aber diese ganzen Feler, die heute schon von vielen Menschen gemacht werden, sie sind die Regeln der Zukunft. Und wer in dieser Zukunft jemandem anders seine Fehler vorhält, muss sich dann wohl diesen Rechtschreibfeler korrigieren lassen.