Tag Archive: Psychologie


Schrödingers Psyche

Der Psychologe, der mit seinen Forschungsergebnissen den Werbern, Politikern und Propagandisten die wirksamen Waffen gegen den Verstand und gegen die Vernunft in die Hand drückt, zerstört beim Forschen also ganz genau das, was zu erforschen er vorgibt: Die freie, selbstbestimmte Persönlichkeit.

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Nur eine Richtung

Die vermutlich größte intellektuelle Leistung Isaac Newtons bei der Formulierung seiner Theorie der Gravitation war es, dass er den Gedanken wagte, die Richtungsachse oben-unten in gleicher Weise wie die beiden anderen Richtungsachsen vorne-hinten und rechts-links zu betrachten. Diese Betrachtung war keineswegs nahe liegend. Die Menschen lebten in einer zweidimensionalen Welt, welche die Erdoberfläche umfasste, auf der sie lebten; die Richtung nach oben (und nach unten) erschien ihnen als etwas von völlig anderer Natur. Die alltägliche und für jeden Menschen zu machende Beobachtung, dass alle Dinge nach unten fallen, stützte diese naive Auffassung von der Asymmetrie der Richtungen, und auch ein Gebildeter konnte beim Anblick der Bewegungen der Objekte des Sonnensystemes und der Keplerschen Analyse dieser Bewegungen nur schwerlich die Vorstellung abstreifen, dass dort völlig andere Gesetzmäßigkeiten herrschen müssten. Newton wagte es, sich mit der Kraft seines Geistes eine Welt vorzustellen, in der es keine ausgezeichnete Richtung gibt. Er formulierte ein verhältnismäßig einfaches Gesetz, das die Kraftwirkung einer Masse auf eine andere Masse in ein quadratisches Verhältnis zum Abstand der beiden Massen bringt, und mit einem „bisschen“ — ebenfalls von Newton neu entwickeltem* — mathematischen Werkzeug fügten sich alle** Erscheinungen des Kosmos in ein verhältnismäßig einfaches und sehr elegantes Schema.

Die wohl apokryphe Geschichte von der Beobachtung eines fallenden Apfels und dem davon angestoßenen Gedankengang gewinnt ihre psychologische Kraft daraus, dass sie erzählt, dass sich derart tiefe Einsichten hinter banalen und alltäglichen Beobachtungen verbergen können, wenn der Beobachter dazu bereit ist, die gesellschaftlichen Vorurteile zur Seite zu stellen und beim Schauen die Erscheinungen so zu belassen, wie sie sind.

Uns mag diese Einsicht Newtons heute beinahe trivial vorkommen. Wie schwierig es gewesen ist, auf diese Idee zu stoßen, zeigt sich aber auch uns darin, wie viele starke Geister über Jahrhunderte hinweg nicht auf diese Idee kamen. Das liegt auch daran, dass diese besondere Auszeichnung der vertikalen Richtung ein starkes psychologisches Moment hat, das tief in die vorbewusste Interpretation und Filterung der Wahrnehmung einfließt und sowohl zur Grundlage der Religion als auch der Herrschaft geworden ist. So trivial ist die Einsicht nicht, dass sie es geschafft hätte, in die Psyche vorzudringen. Bis heute verbinden sich mit den sprachlichen Bildern vom „oben“ und „unten“ gesellschaftliche, kosmologische und religiöse Hierarchien, als hätte es das Werk Newtons niemals gegeben. Selbstverständlich wird angenommen, dass „Gott“ irgendwie „oben“ sein muss, in einem „Himmel“, der ebenfalls „oben“ zu sein hat — als ob ein so ferner „Gott“ von irgendeiner Bedeutung für die Menschen sein könnte. Und die in der kirchlichen Liturgie bis heute aufgeführte, nach oben schauende Gottesfurcht fügt sich in eine für die jeweils Herrschenden allzu praktische Analogie, die sich in der umgangssprachlichen Bezeichnung „die da oben“ bis heute seelischen Raum bricht — wenn auch heute (hoffentlich) kein Mitglied des europäischen Hochadels (!) mehr auf die großsüchtige Idee käme, dass es durch die Berührung eines Kranken mit den Händen heilen könnte, weil es eben durch göttlichen Willen herrscht, wie dies noch 1712 Queen Anne bei Dr. Samuel Johnson durchführte. Das intellektuelle Verdienst Newtons bestand darin, „oben“ zu einer gewöhnlichen Richtung zu machen, für die verstandesmäßig erfassbare Gesetze gelten, und das hat durchaus eine psychologische Neuorientierung erfordert und auf diesem Wege eine gesellschaftliche Strahlkraft entfaltet, die nicht nur in der Physik zu einem Fortschritt führte.

Der „Gott da oben“, er hat seitdem freilich ein wenig „Wohnungsnot“ bekommen, so sehr sich gewisse evangelikale Sektierer auch darum bemühen mögen, längst überwundene Zustände wiederherzustellen. Wer eine Spur Vernunft bewaren will und dabei immer noch glauben will, muss an einen deutlich näheren Gott glauben (und sich fragen, warum der so wenig tut). Und. „Die da oben“ machen immer noch, was sie wollen, weil zu viele Menschen nach „oben“ schauen und sie machen lassen — eine sehr beständige der politischen Taten besteht übrigens darin, nicht allzuviel Bildung in gewissen Schichten der Bevölkerung aufkommen zu lassen.

*Das zur Beschreibung der Dynamik erforderliche mathematische Werkzeug, die Infinitesimalrechnung, wurde auch zeitgleich und unabhängig von Leibniz erarbeitet, der sein Leben als Bibliothekar der hannöverschen Fürsten fristen musste. Wie sehr sich diese beiden Menschen mit ihrem Streben nach Einsicht ausgetauscht haben, ist etwas unklar — und in späteren Jahren machten beide eine recht unvorteilhafte Figur mit gegenseitigen Plagiatsvorwürfen.

**Fast alle Erscheinungen, denn um die Bahn des Merkur um die Sonne zu beschreiben, bedurfte es weiterer Einsicht, die erst durch das Werk Albert Einsteins kam. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Das falsche Rechtschreibtraining

Ich ertappe mich dabei, dass ich die interaktive Rechtschreibprüfung in modernen Programmen standardmäßig ausschalte und lieber diese paar Fehler in Kauf nehme, die ich zwar mache, aber auch beim dritten Überlesen nicht sehe. (Wenn ich sehr sorgfältig bin, lasse ich die Rechtschreibprüfung am Ende einmal über den gesamten Text gehen, doch in der Regel erspare ich mir diese Sorgfalt, wenn ich fürs Internet schreibe.)

Das liegt an der Kombination, wie ich auf Papier zu arbeiten pflege und wie die Rechtschreibprüfung seit knapp einem Jahrzehnt dem Benutzer präsentiert wird. Wenn ich auf Papier schreibe (was selten geworden ist) und ein Wort oder eine Passage rot unterstreiche, denn markiere ich damit für mich selbst, dass es sich um eine wichtige, zentrale Stelle im Text handelt, die ich später, wenn mir der Text schon ein wenig fremd geworden ist, auch querlesend schnell wiederfinden möchte. Es handelt sich um diejenigen Teile des Textes, die ich mir, wenn ich das Thema darlegen möchte, besonders einzuprägen habe. Kurz: Ich unterstreiche das sicher Richtige und Wichtige rot. Die Rechtschreibprüfung macht es hingegen genau umgekehrt. Sie markiert in roter Signalfarbe, was falsch oder fragwürdig ist, und sie zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit noch während des Schreibens auf das Falsche und Fragwürdige, damit ich mich auch ja nicht auf das Richtige und Wahre konzentrieren kann. Ja, in gewisser Weise trainiert sie mich auf das Falsche und Fragwürdige, wenn auch nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern durch den im Hintergrunde laufenden, mechanischen Abgleich mit einem Wörterbuch voller genormter Schreibungen, indem sie mir den Text so präsentiert, als handele es sich bei den Abweichungen von dieser Normung um das Wichtige. Sie ist wie ein pedantischer, unentwegt in den Prozess des Schreibens ätzender Lehrer, den ich mir verinnerlichen soll, um auch immer auf die Einhaltung der genormten Schreibweise zu achten und meine Aufmerksamkeit auf die Fehler zu richten, die ich dabei mache, damit ich mir diese Fehler gut einpräge. Gar nicht klar kommt so eine Rechtschreibprüfung mit meiner Neigung, beim schnellen Schreiben alle Wortendungen wegzulassen, um die Sätze in einer stark flektierenden Sprache wie der deutschen leichter umstellen zu können, ohne dabei jedes Mal drei Wörter bearbeiten zu müssen — ein Arbeitsweise, die übrigens völlig klar macht, dass der Sinn weder in der Grammatik noch in der Rechtschreibung sitzt, sondern im geäußerten Gedanken. (Der Stil sitzt hingegen sehr wohl in der Form, wie die sprachwirkliche deutsche Aussage „Klappe oder ich mach dich Messer“ zeigt.)

Zumindest für mich ist die moderne Form der Rechtschreibprüfung ein Beispiel einer schlecht entworfenen Benutzerschnittstelle, die das genaue Gegenteil der beabsichtigten Funktion bewirkt, und ich glaube, dass das auch vielen anderen Menschen so geht. Psychologisch ist die Hervorhebung von Fehlern einfach ein Fehlgriff, der zu einer ungünstigen Konditionierung führt. Ich gehe davon aus, dass ein guter Teil der wachsenden Inkompetenz in Rechtschreibfragen auf diese schlecht entworfene Benutzerschnittstelle zurückzuführen ist; darin bin ich zwar nicht allein, aber ich habe völlig andere Gründe für diese Annahme. Es ist nicht so, dass es zur Nachlässigkeit führt, wenn man sich auf die Dienste eines Abgleichs mit einem Wörterbuch verlässt, sondern es ist so, dass die gegenwärtige Benutzerpräsentation der Rechtschreibprüfung dazu führt, dass man sich auf seine Fehler konzentrieren muss und sich so erst die Fehler richtig einprägt. Vermutlich könnten viele Menschen ihre (übrigens für den Sinngehalt des Geschriebenen unwichtige) Fähigkeit in der deutschen Rechtschreibung verbessern, indem sie — wie ich — die interaktive rote Unterkringelung der Fehler abschalten und am Ende ihres Schreibens, wenn sie sich darauf konzentriert haben, ihren Gedanken in Wort und Form zu bringen, einmal die Rechtschreibung des gesamten Textes überprüfen lassen. Denn das. Kann auch weiterhin eine große Hilfe im Dschungel der barocken Unlogik der deutschen Schriftsprache sein.

Der Geist und das Nichts

Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.

Friedrich Nietzsche

Die Wesen, die ihre eigene Art als homo sapiens, als den weisen, wissenden Menschen bezeichnen und betrachten, konnten und können nichts weniger vertragen als die Tatsache ihres eigenen Nichtwissens. Die Weise, wie sie mit einem solchen Nichtwissen umgehen, ist jedoch lehrreich. Lange, bevor die Menschheit durch Denken und systematische Schau an ihren heutigen Grad der Einsicht kam, haben schon Menschen zum Firmament geschaut und dort allerlei Lichter gesehen, die große Sonne am Tag, den Mond in der Dämmerung und in der Nacht die Sterne als hingeworfene Punkte auf dem samtenen Schwarz der Himmelskuppel, meist in kollektiver, regelmäßiger Bewegung, doch einige auch in verwirrenden Bahnen vor dem Hintergrund fester Konstellationen. Es waren viele Menschen wie wir, die dies sahen, und sie hatten ein Gehirn, dessen Leistungsfähigkeit nicht wesentlich geringer war als in unserer Zeit; und vielleicht waren diese Menschen gar noch etwas neugieriger als die meisten heute lebenden, in Bequemlichkeit erstumpften Menschen. Wenn sie des Nachts ihren Kopf auf einen Stein legten und ihren Geist in das sichtbare Firmament fallen ließen, gab es nichts, was sie von diesem kosmischen Theater ablenkte. Sie wussten aus täglicher Erfahrung und aus Überlieferung genau, dass die Mehrzahl der Abläufe in diesem kosmischen Theater sehr regelmäßig und darin verständlich waren, und sie werden dieses Verständnis auch dazu verwendet haben, sich in ihrer Welt ganz ohne Navigationsgerät zu orientieren. Die ungleich komplexeren Bahnen der Planeten unseres Sonnensystemes werden hingegen viel rätselhafter gewesen sein, ihre Beobachtung regte gewiss allerlei geistige Tätigkeit an, von der wir heute nur noch mythologische Spuren durch den Nebel der Überlieferung sehen können — bis heute sind die Planeten nach jenen paganen Götzen benannt, die mit gutem Grund längst auf dem Müllhaufen gescheiterter, verworfener Weltsichten gelandet sind.

Doch so viel sie auch von allem, was sie jede Nacht sahen, verstanden, eines konnten sie einfach noch nicht wissen: Was diese ganzen Sterne eigentlich sind.

Und hier zeigt sich die interessante Eigenschaft des gar nicht so weisen Geistes. Denn des Menschen Geist in seinem lächerlichen Narzissmus kann das Vakuum eines solchen Unwissens über die sinnlich wahrnehmbare Welt nicht ertragen, und deshalb nimmt der Geist dieses Unwissen auch nicht einfach hin und fügt sich weise in seine Beschränktheit, sondern er bildet ein inneres Spiegelbild der äußeren Wirklichkeit ab, das er vollkommen verstehen kann, und er nimmt das Ergebnis dieser psychischen Tätigkeit als die Wahrheit. So kam es zu allerlei Interpretationen des gestirnten Firmamentes, es wurde mit Abbildern des Menschen in seiner Mythologie belegt und es wurden mit allem Scharfsinn der Grohhirnrinde die lustigsten und wirrsten Erklärungen für die unverstandenen Erscheinungen gefunden, eine narzistische Simulation des Verstehens. Aus diesem rein geistigen Material, dieser absurden Kopfgeburt an der Nabelschnur der narzisstischen Illusion, entstanden Kosmologien, Religionen und esoterische Entwürfe, die nichts weiter sind als das verzerrte Spiegelbild des Menschen in seiner Umwelt. Als letzter, leider psychologisch immer noch wirksamer und zuweilen gesellschaftlich verheerender Nachhall dieses Prozesses schleicht sich immer noch der Unfug der Astrologie durch die moderne, sich so gern aufgeklärt nennende Welt, und der etwas weniger offensichtlich aus genau so altem Material gestrickte Wahnwitz der Religion — denn der Narzisst schaut zu gern und immer wieder in den Spiegel und betrachtet sich selbst in seiner infantilen, lächerlichen Allmächtigkeit, die sich doch durch die schlichtesten und alltäglichsten Lebenserfahrungen schon widerlegen ließe.

Wer hingegen wirklich über Weisheit verfügt, der gestattet es den Erscheinungen im Kosmos, das zu sein, was sie sind — auch, wenn sie dabei unverstanden bleiben. Mit der unerfreulichen Beschränktheit seiner Einsicht, Kraft und Zeit findet sich der Weise ab, und er kann sich daran erfreuen, wenn er wirklich einmal etwas versteht, was übrigens ein eher seltenes und meist mühselig errungenes Ereignis ist. Da, wo der Geist vor dem Nichts nicht in sich selbst flieht, sondern die Beschränkung akzeptiert und ihre Möglichkeiten ausschöpft, liegen immer noch ganze Welten möglichen Verständnisses, Fortschrittes, Lebens. Die Konzentration auf das Unwissenbare ist dumm, hält dumm und macht dumm, und sie ist leider so infektiös, wie der infantile Narzismuss attraktiv ist. Die Weisheit eines Menschen zeigt sich darin, dass die Lust am Narzismuss bewusst verworfen wird, und dass die Lust an der Einsicht genossen wird, auch wenn sie mit mehr Mühe und dem wenig erfreulichen Wissen um die eigene Beschränktheit, ja, um die eigene Kleinheit und Sterblichkeit verbunden ist. Der Sekundenglanz des Bewusstseins ist in jedem Fall zu schade, um ihn für einen dürften, einlullenden Ersatz der möglichen Einsicht im narzisstischen Trockenrausch zu verwerfen.

Vom eisernen Band

Und der Nachtwächter sprach: Es ist ein allzu durchschaubares, geradezu mechanisches psychologisches Schema: Wenn einem Menschen Gewalt widerfährt, wenn dieser Mensch in der Situation des Opfers völlig ausgeliefert, hilflos, ohn-mächtig ist, denn wehrt er diese tiefe Kränkung seines Narzissmus immer auf die gleiche Weise ab. Er. Identifiziert sein geschundenes Ich mit dem Gewalttäter, seiner Ideologie und seinen Motiven, spielt sich selbst in dieser trickreichen Verdrängung mit einer lächerlichen Handpuppe seiner blutenden Seele vor, dass er ja gar nicht machtlos ist, sondern eine wichtige Rolle in einem überpersonalen Mächtespiel einnimmt, und. Er entwickelt aus diesem verzerrten Verständnis seiner eigenen Position als Opfer ein ebenso verzerrtes „Verständnis“ für die angenommenen Motive des Täters, mit dem er sich um die Einsicht bringt, ein machtloses, ausgeliefertes, elendes Opfer zu sein. Es ist dieses gleichsam diffuse wie durch den Kraftakt der Verdrängung eisenhart gemachte Band zwischen Täter und Opfer, das ganze Gesellschaften und die gesamte Wucht ihrer überpersonalen Gewalt erhält; beginnend mit der so genannten „Liebe“ der Kinder zu ihren Eltern, die sich dann so scheinbar zwanglos auf irgendwelche Landesväter und Bundesmütter überträgt; fortgesetzt mit der Anhänglichkeit so genannter „Arbeitnehmer“ an den Ort ihrer Ausbeutung und wirtschaftlichen Verwurstung; noch lange nicht endend bei der tiefen emotionalen Bindung an irgendwelchem religiösen oder esoterischen Unfug, der den unbewussten Prozess und damit den selbstgebauten Götzen des zernichteten Ichs in der süßlichen Illusion der Ewigkeit und Unendlichkeit zementiert; bis hin zur hirnlosen Horde von Konsumenten, Soldaten und sonstigen Laufmaschinen, die im verkrampften, erzwungenen Jubel ihr individuelles Daseinsrecht auf einem absurden Schlachtfeld für Flaggen und Börsencharts wegwerfen. So lange dieser billige psychologische Prozess nicht überwunden ist, so lange die Selbsteinlullung des kindischen Narzissmus nicht in der Breite bewusst gemacht und bei jedem Einzelnen mitsamt allen ihren Rationalisierungen und sonstigen Verdrängungen erkannt und überwunden wird, so lange wird jede Revolution. Schließlich genau das hervorbringen. Was sie einst beenden sollte. Der Schlüssel zur Freiheit ist genau dort verborgen, wo niemand hinschauen mag. Und nicht. In irgendwelchen gesellschaftlichen, politischen oder philosophischen Analysen, die selbst ein Spiegelbild des gekränkten Narzissmus sind.

Eine nützlich Psychologie

So zynisch es klingen mag, eine solche „Psychologie“, die den alltäglichen Zumutungen nur die Idee entgegen setzt, einen Patienten so zu konfigurieren, dass diesem der ganze Dreck ziemlich egal wird, ist gesellschaftskonform und wertschöpfend: Sie erspart nicht nur die Diskussion über die ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen der Menschen, sie verschafft auch ein paar Schreinern Arbeit; entweder beim Orgon-Kastenbau oder bei der Herstellung von Särgen.

„Der Diskurs des Psycho-Irrsinns“ im Eso-Blog

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Die Hütchenspieler

Wer schon einmal Gelegenheit hatte, eine Bande von Hütchenspielern für längere Zeit zu beobachten, der weiß, dass da gar kein „Spiel“ stattfindet. (Den Hütchenspielern ist es aus nahe liegenden Gründen nicht recht, wenn man ihnen nur zuschaut, und sie sind auch nicht gerade zimperlich, wenn man nicht weitergeht — deshalb sollte man sie besser nicht allzu offen beobachten.) Es ist Arbeit, und die Aufführung eines „Spieles“ gehört zu dieser Arbeit.

Wer eine Bande von Hütchenspielern längere Zeit beobachtet hat, der hat gesehen, wie schnell sich das inszenierte „Spiel“ aufbauen lässt, wie es aus dem scheinbaren Nichts plötzlich vorhanden ist, und wie schnell es sich auch wieder abbauen lässt. Jeder Teilnehmer — natürlich mit Ausnahme der Betrogenen — kennt seine Rolle in diesem Straßentheater ganz genau. Dass das „Spiel“ inszeniert ist, das zeigt sich schon bei oberflächlicher Beobachtung daran, dass mit einer einzigen Ausnahme immer die gleichen Leute daran teilnehmen, und diese eine Ausnahme ist das jeweils betrogene Opfer, für welches dieses ganze Schauspiel inszeniert wird.

Bei geschickten Banden von Hütchenspielern ist in diesem Schauspiel jedes einzelne Detail dafür gemacht, dem Misstrauen des Opfers zu begegnen, es gar nicht erst aufkommen zu lassen oder die vom „Spiel“ erweckte Gier so groß zu machen, dass sie das natürliche Zweifeln des kritschen Verstandes überwiegt. Gier ist — neben Angst — ein sehr wirksames Mittel gegen die Intelligenz.

Da ist ein Mann, der die kleinen Schalen „mischt“ und der das kleine, leichte Kügelchen mit seinem Geschick gewiss unter jeder Schale erscheinen lassen kann, ohne dass einem Außenstehenden die Manipulation auffällt. In den Händen dieses Mannes befinden sich offen sichtbar riesige Mengen Geldes, oft viele tausend Euro in großen Scheinen, meist zu Streifen gefaltet und um den Ringfinger gewickelt. Drumherum stehen scheinbare „Spieler“, die allesamt zur Bande gehören, die scheinbar Geld in diesem „Spiel“ setzen, die gewinnen, die verlieren und so dafür sorgen, dass beim Opfer ein Eindruck von einem „Spiel“ entsteht. Das Opfer befindet sich auch immer in der Begleitung von Bandenmitgliedern, es wird eigens für diese Inszenierung ausgewählt und dann von einem Bandenmitglied herangeschleppt, es ist immer ein lohnendes Opfer. Nichts zufälliges ist darin, man will ja nicht die ganze Arbeit für einen Fischzug von vielleicht fünfzig Euro haben, die auch noch durch acht geteilt werden müssten, sondern es soll sich lohnen — sonst könnten die Betrüger ja auch gleich eine richtige Arbeit machen. Das Opfer sieht ein laufendes Spiel, es wird von seinem Begleiter auch auf das Spiel hingewiesen, wenn sie wie beiläufig vorbeischlendern.

Denn dieser Begleiter gibt vor, auch einmal zocken zu wollen. Er hat, so sagt er, gestern erst ein ordentliches Sümmchen gewonnen, und vielleicht, so sagt er weiter, hat er ja heute wieder Glück.

Das Opfer steht plötzlich und völlig unvorbereitet in einer Inszenierung. Es lernt bei dieser Aufführung „Regeln“, die primitiver nicht sein könnten. Zunächst kriegt das Opfer mit, dass der scheinbare Veranstalter, der da auf einem zum Spieltisch gemachten Pappkarton mit kleinen Schalen hantiert, leidlos Geld auszahlt, wenn auf die Schale mit der Kugel gesetzt wurde, und natürlich Geld einnimmt, wenn eine andere Schale erwischt wurde. Es sieht, wie andere Leute Geld auf die Schalen sezten. Es lernt, dass der Einsatz eines „Spielers“ jederzeit überboten werden kann, wenn dabei ein höherer Betrag auf ein anderes Schälchen gesetzt wird, aber dass es pro „Spiel“ auch immer nur einen Einsatz gibt. Das Opfer muss dieses inszenierte „Spiel“ für ein richtiges Spiel halten, und es schaut sich das „Spiel“ ein bisschen an, während sein Begleiter mitzumachen trachtet. Der scheinbare Veranstalter zeigt, unter welcher Schale das Kügelchen liegt, und er schiebt die Schalen in Zügen über den Tisch, die verwirrend aussehen sollen, aber es ist dem Opfer dennoch immer möglich, die Schale mit dem Kügelchen zu verfolgen. Das Opfer glaubt auch nach einiger Zeit, mitspielen zu können, aber wenn es das jetzt schon versucht, wird sein Einsatz immer überboten — denn die Betrüger sind nicht nur auf ein paar Euro aus, sondern auf das gesamte mitgeführte Bargeld des Opfers in einem einzigen Einsatz. Es geht nicht einen Moment um irgendein Spiel.

Das Opfer „lernt“ schnell, dass wohl nicht jeder „Mitspieler“ die Kugeln verfolgen kann. Es sieht, dass manchmal hohe Beträge auf das falsche Schälchen gesetzt und verloren werden. Es sieht aber auch, dass einer der scheinbaren „Mitspieler“ ebenfalls sehr gut darin ist, die Schale mit der Kugel zu verfolgen und fast immer gewinnt, wofür er von den anderen „Mitspielern“ hörbar „beneidet“ wird. (Das Opfer weiß allerdings nichts davon, dass der „Hütchenspieler“ mit allen seinen Komplizen über sehr unauffällige Zeichen kommuniziert.) Doch das Opfer erlebt sich auch als besser, denn es liegt im Gegensatz zu diesem „Glückspilz“ immer richtig mit seiner Wahrnehmung. So „lernt“ das Opfer, dass es sich wohl nicht um ein Glücksspiel handelt, sondern um ein Geschicklichkeitsspiel, und es fängt an, zu glauben, dass es darin richtig gut sein müsste. Ja, schon nach wenigen Minuten glaubt das Opfer allen Ernstes, dass es in diesem „Spiel“ Geld gewinnen könnte und sogar mit dem Geld weggehen könnte — die gesamte Inszenierung ist wirklich gut und in jedem Detail geplant und eingespielt. Um diesen „Lernerfolg“ beim Opfer zu erreichen, muss die Bande von Hütchenspielern nicht einmal zwanzig „Spiele“ aufführen.

Auch der Begleiter des Opfers versucht ein paar Einsätze, und einmal gewinnt er sogar hundert Euro, als das Opfer ihn eindringlich von einem Fehleinsatz abhält. Aber der große Gewinner ist immer der eine Glückspilz, der seine großen Einsätze fast immer auf das richtige Schälchen setzt.

Nach ungefähr einer Minute fällt dem Opfer auf, dass die drei Schalen nicht gleich aussehen, dass eine dieser Schalen eine kleine Beschädigung, einen Kratzer oder ein vergleichbares Merkmal hat. Damit es dem Opfer auch wirklich auffällt, wird es vom Begleiter auch noch im Flüsterton darauf hingewiesen. Jetzt ist es ganz offensichtlich, und das „Spiel“ kann eigentlich kaum noch verloren werden — genau das ist es, was das Opfer denken gemacht werden soll.

In diesem Moment ist die psychologische Wirkung beim Opfer erreicht, auf die eine kooperierende Bande einige Minuten lang hingearbeitet hat. Das Opfer glaubt, einen Vorteil in einem richtigen Spiel zu haben, viel Geld gewinnen zu können, und es hat kein Bewusstsein darüber, dass es auch das geplante Opfer in einer betrügerischen Inszenierung sein könnte. Jetzt versucht das Opfer auch manchmal, bei diesem Spiel mitzuspielen, es wird aber überboten. Denn so viel Sorgfalt wird nicht für peanuts an den Tag gelegt, sondern für einen lohnenden Fischzug. Und diese recht erfahrenen Angler wissen, dass nun der richtige Köder ausgelegt werden muss.

Der Begleiter des Opfers hat vorher durch versteckte Gesten den anderen recht genau angezeigt, wie viel Bargeld das Opfer bei sich trägt. Dieser ganze Betrag soll ihm in einem einzigen Einsatz abgenommen werden. Der scheinbare Veranstalter legt das Kügelchen nun zum ersten Mal unter die markierte Schale, ein größerer „Glücksfall“ scheint für das Opfer kaum noch vorstellbar. Es wird auf die gewohnte Art durch Verschieben der Schälchen gemischt, dieser Vorgang sieht völlig unauffällig aus. (In Wirklichkeit befindet sich das Kügelchen jetzt wohl überall, nur gewiss nicht mehr unter der markierten Schale.) Niemand rührt mehr die Schalen an, alles ist unverdächtig, es kann gesetzt werden.

Doch dem Opfer kommt ein Einsatz bevor, und zwar ein sehr hoher Einsatz. Der bisherige „Glückspilz“, der so oft richtig lag, setzt einen riesigen Betrag (es sagt, dass es sein ganzes Geld ist) auf das falsche Schälchen. Kein anderer „Spieler“ ist für sich allein mit seinem Geld dazu imstande, diesen Einsatz zu überbieten — doch zwei der „Spieler“ fragen sich jetzt laut, ob die „Spieler“ wohl ihr Geld für einen Einsatz zusammenlegen können, um diesen Betrag zu überbieten. Dem Opfer soll glauben, dass jeder am improvisierten Spieltisch die „zufällige Markierung“ gesehen hat und dass jetzt jeder „weiß“, unter welcher Schale das Kügelchen liegt. Es soll sich als Teil einer daraufhin entstandenen „Solidarität“ unter den „Spielern“ fühlen, die jetzt dem Veranstalter mal so richtig gemeinsam das Geld abnehmen wollen. Eine gut gespielte „Diskussion“ unter den „Spielern“ kommt auf, auch andere wollen mitmachen; aber der Veranstalter tut so, als wolle er dieses Spiel schnell beenden und drängt die Spieler zur Eile. Schließlich wollen alle mitmachen. Das Geld wird gezählt, aber es reicht nicht. Es fehlt nur ein bisschen weniger als der Betrag, den das Opfer mit sich führt, um dieses so sicher aussehende Spiel zu gewinnen, der „Hütchenspieler“ drängt, die Spieler fragen das Opfer aufgeregt, ob es vielleicht auch etwas Geld dabei hat und viel Zeit bleibt dem Opfer nicht für seine Entscheidung…

Überflüssig zu erwähnen, dass das Kügelchen nicht unter der Schale liegt und dass der Einsatz verloren ist. Ebenfalls überflüssig zu erwähnen, dass spätestens beim Hochheben des leeren Schälchens das Opfer bemerken muss, welches Spiel hier wirklich gespielt wurde. Das Opfer wird von den scheinbaren „Mitspielern“ aufgefordert, die Schale hochzuheben, die Stimmung ist gut und alle freuen sich auf einen großen Gewinn. Und die Schale ist leer, der „Hütchenspieler“ greift nach dem Geld, während eine laute Diskussion unter den „Spielern“ anfängt.

Genau in diesem Moment kommt ein geller Pfiff vom Ende der Straße, und jemand sagt laut „Polizei“. Mit einer quicken Bewegung wird der gesamte improvisierte „Spieltisch“ in ein Stück Pappe verwandelt, die Schälchen und die Kugel verschwinden in der Tasche, das Geld ist weg und alle Teilnehmer laufen in unterschiedliche Richtungen, nur das Opfer bleibt allein und ziemlich verdutzt zurück; es muss jetzt langsam einsehen, dass es von vorne bis hinten mit einem nur inszenierten Spiel betrogen wurde und dass jeder darin seine Rolle spielte. (Wer sich das wohlinszenierte Durcheinander ganau anschaut, der kann beobachten, dass der scheinbare „Hütchenspieler“ das Geld immer einem anderen Teilnehmer in die Tasche steckt, weil solche Banden offenbar gelernt haben, dass am ehesten noch dem „Hütchenspieler“ von einem Opfer nachgestellt wird. Und so kann sich der „Hütchenspieler“ selbst in dieser Situation noch erdreisten, gegenüber dem Opfer zu behaupten, dass er wegen des „Alarms“ und des folgenden „Durcheinanders“ auch um sein ganzes Geld gebracht wurde und jetzt mittellos dasteht und wieder bei Null anfangen muss. Es würde mich bei der beeindruckenden Perfidie der gesamten Durchführung aber auch nicht wundern, wenn der verfolgte „Hütchenspieler“ ein größeres Bündel gefalteter, farbkopierter Banknoten „verlöre“, um den sich bückenden Verfolger aufzuhalten und schließlich auch noch zu entkommen.)

Die Polizei kommt natürlich nicht. Der Alarmpfiff war nur ein Vorwand für die scheinbar übereilte Flucht. Das Opfer würde sich jetzt wohl sehnlichst einen Polizisten wünschen, aber stattdessen kommt ein einzelner, sehr geschäftsmäßig gekleideter Passant vorbei, der das Opfer anspricht. Er fragt das Opfer, ob es auch auf die Hütchenspieler reingefallen wäre und ob es auch sein ganzes Geld verloren hätte, lädt das Opfer zu einem Bier ein und gibt ihm sogar ein bisschen Geld, erzählt dem Opfer, dass er letzte Woche erst um fast tausend Euro erleichtert worden wäre, sagt dem Opfer aber auch, wie sinnlos es wäre, jetzt mit dieser Geschichte zur Polizei zu gehen, weil diese Banden ja doch niemals geschnappt würden, sich das Opfer dafür aber wegen der Teilnahme an einem illegalen Glücksspiel schuldig gemacht hätte, so dass eigentlich niemals gegen die Betrüger, sondern nur gegen ihre Opfer ermittelt würde und wie skandalös das doch alles sei

Selbst, wenn es einmal nicht gelingen sollte, das Opfer auf diese Weise von einer Anzeige abzuhalten, verblasst doch die konkrete Erinnerung an die Teilnehmer ein wenig aus dem Gedächtnis des Opfers — und die Beschreibungen der teilnehmenden Personen werden etwas unklarer und für die Polizei unverwertbarer.

Wer schon einmal Gelegenheit hatte, eine Bande von Hütchenspielern für längere Zeit zu beobachten, der kennt das alles. Da ist kein „Spiel“, nur eine Inszenierung. Wer das gesehen hat, der weiß auch, was er von solchen inszenierten Spielen zu halten hat, wenn sie ihm an anderer Stelle begegnen — zum Beispiel als Anrufglücksspiele im nächtlichen Fernsehen mit einfachen Fragen, Geldwannen, Gewinnleitungen, scheinbaren Anrufern und Gewinnern und ganz viel simulierter Aufregung. Er weiß aber auch, dass die flackernden Schmalspur-Betrüger in diversen Fernsehprogrammen der BRD — verglichen mit einer gut eingespielten Bande von Hütchenspielern auf der Straße einer Großstadt — Stümper des Betrugshandwerkes sind, die einer genaueren Betrachtung gar nicht würdig sind. Und wer schon einmal richtige Könner gesehen hat, der fragt sich unwillkürlich, warum das Treiben der Betrugsstümper im Fernsehen in der BRD legal ist, während die richtigen Künstler als Kriminelle angesehen werden. :mrgreen:

Mit fröhlichem Gruß an ein gut eingespieltes Team aus acht Leuten, deren Aufführung ich — im Gegensatz zu jedem Fernsehprogramm — sehr interessant fand…