Tag Archive: Psyche


Statussymbole

Das Problem mit den Statussymbolen liegt in der menschlichen Psyche, in deren bis an die Grenze des Wahnsinns dummer Logik der Trümmer eines Teiles zum Ganzen und ein Ersatz zum vollwertigen Original werden kann. In der Folge werden den Menschen die Symbole wichtiger als der Status — und das wiederum ist ein hervorragendes Geschäft, das so manchen Status absichert.

Vorausschau zurück

„Die alle Brücken hinter sich abreißen“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „sehen neue Brücken vor sich, auf denen sie ihre Stiefel im Schnee erproben wollen. Nur sehr selten und niemals ohne eine damit verbundene, tiefe existenzielle Krise verlässt ein Mensch alles, was er kennt, ohne dabei etwas anderes, vertraut und gar nicht allzu neu anmutendes vor sich zu sehen. Die, die verlassen, verlassen nicht, sondern gehen zum Gleichen oder zu seinem ebenso vertrauten Spiegelbild: Von der Religion zur anderen Religion oder zur Ideologie, von der mies bezahlten Arbeit zum ungerecht entlohnten Job, vom Lebenspartner zur verblüffend ähnlichen großen Liebe, von der Arbeiterbewegung zum Faschismus, von der repräsentativen ‚Demokratie‘ mit ihrer Parteienoligarchie zur Diktatur, vom Pazifismus zum gerechten Krieg. Ohne eine tiefe und persönliche existenzielle Krise und das damit verbundene Leiden ist noch niemand wirklich klug, heiter, klar und einsichtig geworden; und wer nicht klug wird, bleibt sein Leben lang ein Häftling der eigenen Psyche, voller Angst vor allem Neuen und reißt erst dann die Brücken ab, wenn er tot ist“.

Überzeugung

So viele Menschen mit so starken Überzeugungen, dass sie einem vor lauter Affekt kaum sagen können, wovon sie eigentlich überzeugt sind. Und täglich produziert der Journalismus und sein hübscher Bruder, die Reklame, mit aller eingespannten, dummen Macht der Angst und der Träumerei mehr davon.

Mutation der Ideale

Wenn die einstigen Ideale erst einmal zur Ideologie geworden sind, dienen sie nur noch zum Maskieren der dummen, gewalttätig-hassenden, tierhaft-humorlosen, wahnsinnigen, von sich selbst besessenen Psyche im Rausch des Kollektivs unter ihresgleichen… und, wenn nötig, hin und wieder ins schönste Licht gestellt zur Reklame für die eigenen Anliegen.

Grüße auch an die Grünen!

Hoffnung

Hoffnung bedeutet, bis zum Tod fest und angstvoll genug davon überzeugt zu sein, dass man nur geduldig auf eine Erlösung warten müsse, während aussichtslose, unerträgliche, grausame Zustände noch ein paar Tage, Monate oder Jahre einfach so weitergehen, ohne dass man ihnen auch nur vernehmbar widerspräche oder gar etwas dagegen täte. Viele Hoffende verschränken schließlich sogar ihre Hände zum Gebet und murmeln vor sich hin, damit sie überhaupt nicht mehr handeln und reden können; anderen genügt das Ankreuzen von Wahlzetteln, damit jemand anders so für sie handeln und leben mag, wie sie es gern hätten; wieder andere glauben an Ideologien und ihre Versprechungen einer wunderschönen und paradiesischen Zukunft. Wer die Hoffnung aufgibt, beginnt den Weg in die Freiheit zu gehen — und nimmt es mit Humor, wenn von den Hoffenden in ihren selbst angelegten Fesseln nichts als Beleidigung, Beschimpfung und schließlich sogar gewaltbereiter Feindschaft kommen, denn all dieses ist nur Spiegelbild jener fürchterlichen Angst, die in die Hoffnung führt.

Lawine

Wer sich völlig vom Prozess mitreißen lässt, der über den Gesellschaften abläuft; wer sich selbst an den Schwarm, die Horde, den Verein, die Ideologie, die Partei und die Gruppe abgibt, ohne eine Spur Bewusstsein für sein eigenes Tun zu entwickeln; der hat sich vor der eiskalten Logik seiner Psyche vollwertig von seiner Verantwortung für sein gesamtes Tun und Lassen losgesprochen und kann einfach unbelastet von Schuldgefühlen weitermachen. „Noch nie wurde eine einzelne Schneeflocke für die Lawine verantwortlich gemacht“, kann er sich sagen, der Mitläufer im Lawinenmodus, mit dem Mob johlen und durch das Blut stiefeln.

Vom Glauben

„Die Menschen glauben immer noch am liebsten und am intensivsten das“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „was sie sich wünschen und was ihrer Psyche gut gefällt. Ganze Geschäftsmodelle wurden um diese Neigung der Menschen errichtet, von der Religion bis zum Zahlenlotto“.

Die Klebrigkeit des Wahns

Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist eine kollektive Wahnidee durch eine vernünftige Argumentation verschwunden, sie wurde bestenfalls in eine ähnliche kollektive Wahnidee transformiert. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der kollektiven Wahnideen in kalter, freidrehender Psyche.

Achtung!

Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden

Friedrich Nietzsche

Unscharf

Qu’un sang impur abreuve nos sillons!

Bei fast allen Menschen, die kein Tagebuch führen und sich davon überzeugen, dass ihre Erinnerungen stimmen, ist die Grenze zwischen Fantasie und Erinnerung schon nach erschreckend kurzer Zeit unscharf und die Lücken der Erinnerung werden regelmäßig mit Vorstellungen und falscher Sinnhaltigkeit gefüllt, die für den psychischen Apparat zur vollwertigen Wahrheit werden, die auch mit aller Kraft einer Wahrheit gegen Widerspruch verteidigt wird. Diese falschen Erinnerungen können durch suggestive Bilder und manipulative Sprache stark geformt werden, und sie behalten dabei doch das psychische Gewicht eigenen Erlebens. Wenn das nicht so wäre, würde in der Bundesrepublik Deutschland niemand mehr CDU, CSU, SPD, FDP oder Grüne wählen. Solange die Psyche herrscht, ist Knechtschaft.

Klarheit und Verklärung

Die romantische Verklärung der Vormoderne ist ein Spiegelbild der grellklaren Unmenschlichkeit und Kälte der Moderne… aber diese Unmenschlichkeit und Kälte ist der Moderne nicht inhärent, sondern sie entrollt sich als diffuses, alles mitbestimmendes Gesamtgefühl während der Umwandlung jedes Miteinanders in einen Geschäftsvorgang, so krämerseelenmäßig wertneutral beflissen und geschäftstüchtig, dass nicht einmal Nachdenklichkeit einzieht, wenn sich alles in allem psychisch unauffällige und zu intelligenten Gedanken befähigte Menschen den Hunger, die Kriege, den Aberglauben, die verzweifelten Völkerwanderungen und die Pocken der Vergangenheit zurückwünschen, weil sie zum Glauben gelangt sind, in diesem Damals besser gedeihen zu können als im Hier und Jetzt.

Vieles am geifernden Hass, mit dem hier Impfgegnern auf allen Ebenen der Gesellschaft begegnet wird, ist nur das Spiegelbild des objektiven und langgärenden Unglückes derer, die einer solche intellektuelle Zumutung der Vergangenheitsverklärung nicht ertragen wollen oder können. Die Irrationalität ist allgegenwärtig geworden. Und die Psyche kreist und kreißt.

Stolz

„Das Elend“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „war noch nie der Ort, an dem Menschen den Stolz verlernen, sondern ganz im Gegenteil“.