Tag Archive: Psyche


Der Unterschied

Gefragt, was denn der Unterschied zwischen der Seele und der Psyche sei, sagte der Vorübergehende zu seiner traurigen Zeitgenossin: „Die Begriffe sind dunstig und diffus, und doch so leicht zu unterscheiden: Die Seele ist warm und organisch, die Psyche ist kalt und mechanisch“.

Eltern-Schokolade

Wenn im Fernseher mitten in der Nacht auf einem teuer bezahlten Werbeplatz Reklame für Kindersüßigkeiten gezeigt wird, die klar an ein infantiles Bewusstsein gerichtet ist, dann spiegelt sich darin wider, dass ein erheblicher Anteil der Eltern nicht weniger kindisch als ihre Kinder ist; ein so erheblicher Anteil, dass er zur Zielgruppe für die Werbung taugt. Weit ist es nicht mehr zur zweiten Ausgabe des Mittelalters; es fehlt nicht so viel zu einer Gesellschaft, in der zwar jeder altert, aber niemand mehr erwachsen wird. Kein Wunder, dass man jetzt schon den Menschen ein Freiheitsrecht nach dem anderen scheibchenweise mit Abwehrzauber-Begründungen für die dumme Psyche entziehen kann, denn alle diese Rechte waren immer nur für Erwachsene gedacht, die nicht mehr mit der Psyche, sondern mit dem Verstande denken.

Fremdenfeind

Der Vorübergehende sagte zu seinem Zeitgenossen: „Der Mensch, den du einen Fremdenfeind nennst, hasst in seiner Bewusstlosigkeit nur ein Spiegelbild. Er ist sich in seinem eigenen Leben schon lange sehr fremd geworden“.

Fehlerfrei

Der Vorübergehende sagte über einen Zeitgenossen: „Er hat doch gelernt. Er ist in seiner Neurose gleichzeitig ein vollkommenes Spiegelbild und das Produkt einer Gesellschaft, die in ihrem Institutionen und in ihrem Miteinander scheinbare und wirkliche Fehler bloßstellt, bestraft und lächerlich macht. Er vermeidet Denkfehler, indem er gar nicht erst zu denken anfängt“.

Das Gewicht des Nichts

Überall in Politik, Presse und Glotze diese leeren Hüllen, die sich selbst inszenieren — und ihre kollektiv-geistlos in die Hände klatschenden Anhänger, die das für einen wirklichen Inhalt halten und diesem Nichts durch diese Haltung ein Gewicht und eine Wichtigkeit verleihen, die jeden Geist erstickt.

Fehler

Gefragt, was er denn gegen eventuelle Fehler im Denken, Beschreiben und Benennen mache, antwortete der Vorübergehende: „Nichts kann ich gegen Fehler machen, in denen sich die Beschränktheit meiner Einsicht spiegelt, aber ich kann etwas mit ihnen machen: Ich kann sie bewusst wahrnehmen und daraus lernen. Dabei werden zwar leider die Fehler nicht spürbar weniger, aber immerhin das Gelernte spürbar mehr. Schade, dass so wenige Menschen bereit sind, diese Haltung einzunehmen; schade, dass so viele sich auf dem humorlosen Altar ihres Narzissmus selbst zum Unfehlbaren machen“.

Lautstärke

Extrem Intelligente sind eigenwillig, nicht führbar, die werden zu Bedenkenträgern. Wir sind ein Massenbetrieb, da können wir mit Spinnern nichts anfangen.

Gerrick von Hoyningen-Huene, Juraprofessor an der Universität Heidelberg

Die so genannte „Schwarmintelligenz“ ist eine Erscheinung, die beim kollektiven Handeln relativ dummer Individuen auftritt. Worte werden nicht wahrer, nicht weiser und nicht gerechter, wenn sie lauter werden und wenn ihnen viele Menschen zustimmen, sei es durch Mitgrölen, sei es durch Klicks auf Herzchen und Däumchenhochs. Regelmäßig ist sogar das genaue Gegenteil der Fall und das schließlich kollektiv gebrüllte Wort ist von maßloser Dämlichkeit. Einigkeit und das Schwimmen der eigenen Stimme in kollektiver Lautstärke und Wirkmacht sind für die dumme, tierhafte und narzisstische Psyche ein flauschiger, begeisternder und bequemer Ort, doch für den Verstand eine starke, auflösende Säure. Wohl dem, der es schafft, sich nicht mehr mitreißen zu lassen, er ist ein Mensch geworden und gegen den Faschismus gut geimpft!

Erfolgreiche Selbstemanzipation

Die Politik und der Journalismus sind voller Menschen, die sich so sehr von sich selbst emanzipiert haben, dass sie sich bei ihren dummen Untaten, intelligenzverachtenden Lügen und halbseidenen Machenschaften nicht mehr schämen müssen, sondern ganz allgemein und persönlich völlig unverbindlich über die Schwäche der menschlichen Natur klagen können — ohne die geringste Dämpfung ihres grenzenlosen Narzissmus.

Die Fanatiker

„Diese ganzen religiösen und politischen Fanatiker, die jeden auch nur gering abweichenden Gedanken einfach auslöschen und jeden Menschen, der ihn äußert, kaltstellen wollen“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „sind doch ihr ganzes Leben lang nur damit beschäftigt, ihre eigenen, sorgfältig geheimgehaltenen und in kollektiven Bestätigungsritualen marginalisierten Zweifel überzukompensieren“.

Menschliches Paradies

Mit den Früchten des zivilisatorischen Fortschrittes könnte man ein kleines Paradies errichten, in dem jeder Mensch gut und gerne lebt. Stattdessen bevorzugen es die Menschen, ein weltumspannendes Irrenhaus für die Menschheit aufzubauen.

Business

Als ein Zeitgenosse ihm vorschlug, es zu nutzen, um Menschen damit zu erreichen, weil man damit Menschen erreichen könne, antwortete der Vorübergehende mit seltener Klarheit, Lautstärke und Schärfe in seiner Stimme: „Facebook ist unmenschlich. Facebook ist zerstörerisch. Facebook ist anti-sozial. Facebook ist anti-intellektuell. Facebook ist das Gegenteil von menschlicher Würde. Facebook ist Business auf Grundlage der dummen, mechanischen, von Rechenmaschinen kalkulierbaren Psyche. Alles, was damit in Kontakt kommt, wird zum Bestandteil eines unseriösen Geschäftsmodells gemacht, ganz, als ob man Metalle in einer starken Säure auflöste. Es wird dabei nicht nur beschädigt, sondern zerfressen, aufgelöst und vernichtet“.

Die Grünen-Wählerin

Die Grünen-Wählerin sagte heiter schwätzend zum Vorübergehenden im Vorübergehen an den hässlichen Wahlplakaten zur hannöverschen Oberbürgermeisterwahl: „Ich kann diesen grünen Kandidaten nicht wählen. Er ist ein Moslem, und das fühlt sich nicht gut an„. Und der Vorübergehende sagte gar nichts dazu. Selbst sein Lächeln. Dass ihm sonst so anhänglich in die Finsternis begleitet. Verschwand kurz.

„Wenn dieses ‚Nicht-gut-Anfühlen‘ häufiger werden sollte und sich schließlich im Wahlergebnis spiegelte“, dachte er sich ein Stündchen später, „dann werden die Grünen sicherlich bei nächster Gelegenheit wieder jemanden aufstellen, bei dem die Zielgruppe ein besseres ‚Gefühl‘ hat; die Vermarktung von Politik und Hundefutter ist doch verblüffend ähnlich. Wie viel doch schon gewonnen wäre und wie anders es hier aussähe, wenn die Menschen mit ihrem Gefühl liebten und hassten und mit ihrem Verstand wählten und kauften“.