Tag Archive: Psyche


Veränderung

Die Wirklichkeit, also der Prozess, der über die Gesellschaft abläuft und wirkt, verändert sich nicht schon durch Denken, Tun, Sprechen und Verdrängen eines Einzelnen, denn sie ist das, was von Allen hervorgebracht wird. Aber ohne das so sinnlos wirkende Denken, Tun und Sprechen und ohne völligen Verzicht auf die einlullende Bequemlichkeit der Verdrängung wird sie ihre psychische Trägheit beweisen und sich im völlig falschen Überbewusstsein ihrer Ewigkeit und Wahrheit niemals verändern.

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Denken und Glauben

Denken ist Betrachtung, Mühe und Anstrengung, damit der Verstand zu besserem Wissen und Können kommen möge; Glauben ist Ignorieren, Trost und Hoffnung, damit sich die kalte Psyche nur um so bequemer und selbstverliebter in ihrer Unwissenheit suhlen kann.

Die absurde Bitterkeit

„Das vielleicht Absurdeste an der völlig verständlichen Verbitterung vieler Menschen über ihre zunehmende Verarmung, über die Korruption in der BRD, über den kalten Hartz-IV-Staat und die damit geschwungene Peitsche der Angst, die so viele gefügig macht, zu Elendslöhnen und mit persönlicher Unsicherheit zu arbeiten“, sagte der Vorübergehende mit einem leichten Seufzen, „ist, dass in der Folge die Flüchtlingsunterkünfte brennen und nicht die Villen der Geldsäcke und die Tempel der Bankhäuser. Nichts verfehlt Ziel und Richtung so gründlich wie die dumme, dumme Psyche“.

Klarheitsmethode

Eine halbwegs, aber keinesfalls völlig sichere Methode, bei klarem Verstand zu bleiben, besteht darin, sich immer von dort abzuwenden, wo sich die Massen sammeln, sich niemals mitreißen zu lassen und seinen individuellen Geist und seine persönliche Verantwortbarkeit niemals durch einen im Regelfall irrationalien überpersonalen Prozess ersetzen zu lassen. Und das gilt durchaus schon für kleinere Gruppen, so sie im psychischen Gleichschritt gehen. Wo die Vielstimmigkeit zum Einklang wird, wird die Vielfalt zur Einfalt, und zwar meist zur rohen, groben, dummen Einfalt — sei es im Fußballstadion, sei es in der Kirche, sei es im Bierzelt, sei es während der Sportpalastrede.

Unerträglich

Am unerträglichsten finden Menschen immer noch jene Fakten und Wahrheiten, die sie mit erheblichen psychischen Aufwand verdrängt haben. Da reicht schon eine Andeutung, um die gesamte affige Dummheit und Gewaltbereitschaft der Psyche zu entfesseln.

Im Spiegelbild des angeprangerten Körperverkaufes

Wer bei Prostituierten davon spricht, dass sie „ihren Körper verkauften“, aber genau die gleichen, dort genau so zutreffenden Worte vermeidet, wenn es um andere, meist männliche Arbeiter (wie etwa Bauhelfer, Lagerarbeiter, Paketboten, Gebäudereiniger, Bergleute oder Fernfahrer) geht, belegt im Spiegel dieses seines Sprechens, dass sein Blick auf die Arbeit von seiner anachronistisch-moralistischen Sicht der Sexualität getrübt ist. Die „politische Analyse“ eines so sprechenden Menschen ist nichts weiter als eine Larve der restriktionsbereiten Prüderie; das nur zum Schein politisch formulierte Programm besteht in einer weiteren Verschiebung der zwangsneurotischen Sexualunterdrückung bei gleichzeitigem Aufrechterhalt aller anderen Strukturen der Unfreiheit und kapitalistischen Knechtschaft des größten Teiles der Menschen.

Schatten

„Ja, natürlich hat der Fortschritt seine Schattenseiten“, sagte der Vorübergehende zum Besorgten, „denn das einzige, was keinen Schatten wirft, ist ein Gespenst; ein gruslig durch die Psyche wabernder, verklärer Spuk gestrigen Existierens“.

Fingerabdruck

„Unbewusst und gewohnheitsmäßig ausgeführte kleine Gesten“, sagte der Vorübergehende redensmüde lächelnd, „sind der Fingerabdruck der Psyche. Irgendwann wird man bemerken, dass sie einen Menschen treffsicherer und mit geringerem Rechen- und Speicheraufwand identifizieren als jede denkbare Form der Biometrie, und dann wird niemand mehr auf Erden der Überwachung durch das alldurchwaltende Auge entkommen, so er eine Psyche hat“.

Anschein und Lüge

Dem gewohnheitsmäßigen und erst recht dem gewerbsmäßen Lügner ist es völlig gleichgültig, ob etwas richtig oder falsch ist. Ihm ist es stattdessen die Hauptsache, dass es richtig klingt und richtig aussieht, damit es sich beim Betrachter richtig anfühle. Das zwanzigste Jahrhundert und der von mir miterlebte Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird einmal in die Geschichtsbüchern als eine Zeit vermerkt werden, in der gewohnheitsmäßige und gewerbsmäßige Lügner aus Reklame, Presse und Politik den größten Teil der Menschen beeinflusst haben. Wer sich immer schon einmal gefragt hat, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass zivilisierte Hochkulturen der Vergangenheit so sang- und klanglos unter weitgehendem Verlust aller ihrer Errungenschaften untergehen konnten, öffne seine Augen und suche die Antworten in der Jetztzeit.

Einen Augenblick länger betrachten…

„Die Dummen erkennst du daran, dass sie sich völlig der psychischen Bestrebung ihrer Gier hingeben und ohne weitere Filterung alles haben wollen, was diese Gier haben will“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin. Und er setzte mit seinem oft unerträglichen Lächeln fort: „Und die Klügeren und Weiseren erkennst du daran, dass sie sich vor ihrer Hingabe an die Gier und dem Habenwollen zunächst wenigstens einen Augenblick lang anschauen, wie glücklich die Menschen sind, die das Begehrte schon haben“.

Zeit für mehr Dummheit

„Lies die Propaganda und Reklame nicht, um dir deine Psyche davon aufheizen zu lassen und dann dumm zu werden und zu handeln, sondern lies sie, damit dein Gehirn aufhört zu dösen und wach ist!“, sagte der Vorübergehende zu einer Frau, die allen Ernstes noch daran glaubte, dass in den Zeitungen oder gar auf Wahlplakaten etwas Wahres zu lesen sei. „Wenn es wirklich so wäre, dass Frauen für die gleiche Arbeit und die gleiche Leistung rd. zwanzig Prozent weniger Lohn bekämen, wie es die politische Propaganda in die Welt lügt, dann gäbe es keine arbeitslosen Frauen mehr und die Ausbeuter würden Männer nur noch als einen Notbehelf einstellen, wenn die billigeren Frauen einmal nicht ausreichend zur Verfügung stünden. Und wenn du erst einmal so durch allereinfachste Überlegungen erkennst, wie übel dir manipulativ mitgespielt werden soll, dann weißt du, mit was für einem lichtscheuen Gesindel du es zu tun hast“.

Ein journalistisch unerreichbares Achtel

„Die vermutlich wichtigste Nachricht dieser Wahl werden euch die Journalisten nicht erzählen, weil es zu sehr in ihr eigenes Tun und Leben hineinragt“, sagte der Vorübergehende in einer kleinen, entsetzten Runde im beflackerten Halbkreis vor dem Fernseher. „Sie besteht darin, dass mindestens ein Achtel der Bevölkerung der BRD, also mindestens 12,5 Prozent, bei seinen politischen Entscheidungen nicht mehr vom Journalismus beeinflusst wird. Denn so viele Menschen haben die AfD gewählt; diese eine Partei, von der in klarer Eindeutigkeit und in einer in meinem bisherigen Dasein noch nie erlebten Einmaligkeit überall in Presse und Glotze abgeraten wurde. Nein, diesen Gedanken kann ein Journalist nicht denken, er ist eine viel zu große narzisstische Kränkung“.