Tag Archive: Prozess


Die Anderen

Als die Syphilis zur großen Plage in Europa wurde, nannte man sie in Deutschland, in England und in Italien die „französische Krankheit“, in Frankreich jedoch lieber „die italienische Krankheit“. In Russland war es die „polnische Krankheit“, in der Mongolei hingegen die „russische Krankheit“. Die Japaner sprechen bis heute von der Syphilis etwas blumig als von einem „chinesischen Geschwür der himmlischen Strafe“.

Im zweiten Weltkrieg waren die Kakerlaken ein allgegenwärtiger Begleiter. In Deutschland nannte man die wenig appetitlichen Insekten „Russen“, und in Russland nannte man sie „Deutsche“.

Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis kennen weder Kanonenmusik noch Flaggen noch auf Landkarten gezeichnete Linien, innerhalb derer gewisse Formen der Gewaltausübung durch eine Clique von Besitzenden gelten. Solche kranken Kopfgeburten kennen nur die Menschen, und sie verwenden allerlei sprachliches Blendwerk, um die winzigen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen künstlich zu vergrößern und diesen Vergrößerungen psychische Wucht zu geben. Die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis haben nichts weiter als ein DNA gewordenes Verlangen nach Erhaltung und Reproduktion. Deshalb wird es die Kakerlaken und die Erreger der Syphilis wohl auch dann noch geben, wenn sich die Menschen längst in sinnlosen Kämpfen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss ausgetilgt haben. Die einzige Möglichkeit, diesen Ausgang des gegenwärtig über die menschlichen Gesellschaften ablaufenden Prozesses abzuwenden, bestünde darin, dass sich Menschen auf ihr Gemeinsames und auf ihre Fähigkeit zum intelligenten Handeln besinnen, dass sie einsehen, dass es so nicht weitergeht — wer würde so eine hoffnungslose Hoffnung entwickeln?

Finsternis

Der Volksmund, dieser ungehörige Sprecher der ungebildeten Einsicht, er sagt manchmal beiläufig und fern von jedem wirklichen Bewusstsein, dass große Dinge ihre Schatten voraus werfen würden — und er bringt damit die Erfahrung von Generationen der so Sprechenden zum Ausdruck, dass der oft groß angekündigte gesellschaftliche Wandel für viele Menschen einer Verfinsterung ihres Lebens gleich kommt.

Traum und kollektiver Wahn

So lange nur einer träumt, bleibt es ein Traum. Jeder weiß um die „Substanz“ eines Traumes, der dann entstehen kann, wenn sich die Aufmerksamkeit eines Menschen von der Außenwelt entkoppelt und den inneren, psychischen Quellen zuwendet — auch die so genannten „Tagträume“ fügen sich in dieses Muster. Niemand misst einer solchen, vom Narzissmus hervorgebrachten Halluzination eine Wirklichkeit zu, die eine gesellschaftliche Verbindlichkeit hervorruft.

Wenn aber viele Menschen den gleichen Traum haben, denn wird der Inhalt dieses Traumes von den Menschen für etwas wirkliches gehalten. Und. Diese Menschen fordern auch von anderen Menschen Teilhabe an diesem Traum, gleich, um welche narzisstische und meist größenwahnsinnige Illusion es sich dabei auch handeln mag.

Die überlieferte Geschichte und die Gegenwart lehren, dass die in solchem überpersonalen Prozess entstehenden Bedingungen immer etwas albtraumhaftes in sich tragen. Wer es merkt, der wache auf!