Tag Archive: Philosophisches


Einfachheit

Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.

Wilhelm von Ockham

Das Streben nach Einfachheit in der Erklärung der Erscheinungen des Kosmos* führt nicht zwangsläufig zur Einsicht in die Wirklichkeit des Kosmos. Vielmehr ist dieses Streben der bescheidenen intellektuellen Auffassungsgabe des Menschen, der beschränkten Kapazität seiner Vernunftfähigkeiten geschuldet; es ist darin ein haushalterisches Prinzip unter den Bedingungen beschränkter Ressourcen, das vernünftige und intellektuell nachvollziehbare und damit auch kommunizierbare Einsicht erst ermöglicht. Gewiss mag so manche unter diesem Mangel an Fähigkeit errungene Erklärung eine übermäßige Vereinfachung sein, die jede tiefere Einsicht in die Realität verhindert, und jeder Denkende tut gut daran, diese Möglichkeit zu bedenken. Doch trotz dieser Möglichkeit behält des Streben nach verständlicher Einfachheit und die damit verbundene Sparsamkeit in zusätzlichen, unnötig komplexen oder gar unüberprüfbaren Annahmen über die Beschaffenheit der Realität seinen Wert, liefert es doch unter diesen Bedingungen erst die Möglichkeit einer vernünftigen und intellektuell nachvollziehbaren Einsicht, die erst die Anwendung des cerebralen Apparates auf die Erscheinungen der Welt ermöglicht. Die Alternative zum Prinzip der Einfachheit ist die Unverbindlichkeit nicht nachvollziehbarer, obskurer Welttheorien, die selbst in ihrer Widersprüchlichkeit noch mit gleichem Recht in einem Karneval der Irrationalität nebeneinander stünden; die Verneinung jeder Einsichtsfähigkeit; die verantwortungslose Überantwortung aller Möglichkeiten der Großhirnrinde — mit der es die Menschen übrigens weit gebracht haben — in die Mülltonne der Evolution.

*Schon die Annahme eines „Kosmos“ als Realität ist eine Vereinfachung und als solche fragwürdig. Dieses alte Wort meint eine gesetzmäßige, geordnete Beschaffenheit der Wirklichkeit, das gegenteilige, eben so alte Wort lautet „Chaos“. Nur in einem Kosmos wäre die Annahme erkennbarer Naturgesetze und damit jegliche Möglichkeit irgendeiner Einsicht in die Realität sinnvoll. Doch, um einmal eine extreme Gegenposition zu benennen: Es wäre eben so gut möglich, dass es diesen Kosmos nicht gibt, dass die Wirklichkeit des Alls chaotisch ist, keinerlei Regeln unterliegt und wegen dieser Regellosigkeit jenseits jeder rationalen Einsichtsmöglichkeit liegt; dass aber die von uns wahrgenommenen Strukturen nichts weiter als Artefakte des Prozesses der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch einen Menschen mit seinem sinnlichen Befähigungen sind. Die gesamte menschliche Tätigkeit der Wissenschaft wäre denn nur eine Beschäftiung mit einem in der Wahrnehmung aufscheinenden Spiegelbild der Psychologie, ein weiterer Blick des selbstverknallten Narziß in sein verzerrtes Abbild auf den trüben Wellen des Tümpels, in dem er zu ersaufen verdammt ist. Angesichts des heute leicht erkennbaren, rein psychologisch verwurzelten Charakters historisch älterer, auf Mythologie basierender Erkenntnismodelle ist eine Haltung, die diese Möglichkeit arrogant vom Tische wischt, dumm. Zumal. Es zwischen diesen beiden extremen Standpunkten, die Wirklichkeit sei ein Kosmos oder aber sie sei ein Chaos, auch ein Kontinuum vorstellbarer und unvorstellbarerer Mischungen und Abstufungen gibt. Ich muss eingestehen, dass mir als Skeptiker gegenüber allen Hervorbringungen des menschlichen Narzissmus dieser Gedanke gut schmeckt und dass ich allein deshalb darauf achte, dass diese Anmerkung auch länger werde als der eigentliche Text; gehe ich doch in meinem eigenen Streben nach Einfachheit davon aus, dass der Mensch in seiner Besonderheit und damit in seiner Menschlichkeit nichts weiter ist als jenes schwer verständliche, komplexe Systemverhalten, das man in Ermangelung eines wirklichen Verständnisses mit dem Wort „Psyche“ zusammenfasst, um es dann meist als etwas Unerhebliches, als „Nur-Psychisches“ abzutun und zu verachten, während ein viel zu hoch angesehener und viel zu wenig ernsthaft hinterfragter Betrieb eine Tautologie nach der anderen als so genanntes „Wissen“ hervorbringt und darin längst schon den größten Teil der Menschheit abgehängt hat.

Für DonRalfo 😉

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Der verzweifelte Pionier

Die Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 sind die ersten von Menschen angefertigten Objekte, die das Sonnensystem verlassen. Deshalb wurde von den Konstrukteuren an die recht geringe Wahrscheinlichkeit gedacht, dass eine außerirdische Zivilisation in vielen Jahrmillionen einmal dieses technische Artefakt unserer Kultur finden könnte, wenn sich unterdessen die Menschheit schon längst in Wohlgefallen, Sternenstaub und Vergessen aufgelöst hat. Auf den Sonden ist eine außerordentlich haltbare, vergoldete Plakette aus Aluminium angebracht, die mit einer eingravierten Zeichnung von unserer Existenz berichten soll.

Die Pioneer-Plakette

Vor einer schematischen Darstellung der Sonde — diese hat der „Empfänger“ ja vor sich — ist ein nackter Mann und eine nackte Frau dargestellt. Unter dieser Darstellung befindet sich eine stark schematisierte Darstellung unseres Sonnensystemes und links von dieser Zeichnung eine Positionsangabe unserer Sonne, die mithilfe der Positionen von 14 Pulsaren und dem Abstand vom Zentrum der Galaxie mitgeteilt wird. Der dritte Planet im schematischen Sonnensystem ist hervorgehoben, von ihm aus geht die Sonde auf Reisen. Da zu den Pulsaren auch ihre gegenwärtige Frequenz angegeben wird und sich diese Frequenzen im Laufe der Zeit reduzieren, ist auch der ungefähre Zeitpunkt des Sondenstartes ermittelbar, wenn dieses Objekt einmal gefunden und die Botschaft verstanden wird. Die numerischen Angaben sind im Binärsystem gegeben, als Bezugsgröße dient der ebenfalls in Form einer Zeichnung dargestellte Hyperfeinstruktur-Übergang eines Wasserstoffatomes.

Es ist ein in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit geradezu rührender Versuch, etwas von der vergänglichen menschlichen Zivilisation in den kalten Kosmos hinein mitzuteilen. Dieser Versuch zeigt vor allem, dass die Menschen sich keine andere Lebensform als Menschen vorstellen können, deshalb wird in dieser Zweckgrafik eine Form der Wahrnehmung vorausgesetzt, die spezifisch menschlich ist. Ich würde keine hohe Wette darauf halten, dass eine gänzlich unirdische Intelligenz diese Zeichnung überhaupt als eine Form der Mitteilung erkennen kann, und ob die zweidimensionale Projektion der Wirklichkeit in Form einer Zeichnung verständlich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. (Schon die grundlegende Annahme, dass völlig anders entstandene Wesen in ihrer Wahrnehmung ähnlich stark visuell wie Menschen geprägt sein sollten, ist fragwürdig.) Wenn dieser Teil des Kommunikationskanales aber wider meiner Erwartung gut gewählt sein sollte, denn dürfte die im Menschenpaar dargestellte Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit für einiges Rätselraten sorgen, und die erhobene Hand des Mannes wird gewiss nicht als ein Gruß erkannt werden, sondern eher Spekulationen um künstliche Gliedmaßen nähren. Die für uns so leicht verständliche Darstellung des Sonnensystemes wird ebenfalls ihre Rätsel aufgeben, vor allem werden sich die Empfänger fragen, wieso eigentlich alle dargestellten Objekte den gleichen Abstand voneinander haben und wieso eines dieser Objekte — es soll der Saturn mit seinem wunderschönen Ringsystem sein — in deutlicher Weise durchgestrichen ist, und ob das wohl darauf hindeute, dass wir dieses Objekt abgebaut oder vernichtet hätten. Und. Die verwendete Metapher des Pfeiles, um die Richtung der Sonde anzudeuten, ist ebenfalls ein Kandidat für schwere Missverständnisse. Was immer eine außerirdische Intelligenz in diese Grafik hineindeuten wird — das Objekt wird ja wenigstens sicher als künstlich erkannt, wenn es überhaupt im weiten Nichts gefunden wird, und es wird deshalb wohl auch untersucht werden und zu allerlei Spekulationen Anlass geben — es wird beinahe nichts mit dem zu tun haben, was wir damit sagen wollten. Die warme Hirnsucht der Wissenschaftler, die mit den Pioneer-Sonden das erste Mal richtige Raumfahrt betrieben haben, über diesen Kanal ein Zeichen für die Existenz der Menschheit zu setzen, läuft ins Leere. Die Menschheit wird unerkannt aussterben. Zum Glück wird das Aussterben auf diese Weise nicht noch schmerzlicher.

Wenn diese Platte überhaupt an jemanden etwas mitteilen kann, denn an die Menschen, die diese Platte in den Weltraum geschossen haben. Und. Das ist die Mitteilung, wie fremd wir wirklich im Raume sind, wie sehr wir nur zur vertrauten Erde gehören. Es wäre viel gewonnen, wenn dieser Teil der Botschaft bei allen Menschen ankäme und sie dazu brächte, ihre planetare Heimat nicht länger unter der hirntoten Ideologie eines unbegrenzten Wachstums bis zur Vernichtung auszubeuten. Aber. Auch diese Kommunikation scheint hoffnungslos. Allein schon deshalb. Hoffnungslos, weil die einzige und sehr hitzig geführte Diskussion, die damals in den USA am Thema dieser Platte entbrannte. Nur. Das eine Thema kannte, ob man die menschlichen Geschlechtsteile denn so unverhüllt den Außerirdischen zeigen könnte.

Objektive Ironie

Die Ironie ist objektiv, wo sie aus dem niederen intellektuellen Dualismus des „Entweder/Oder“ ein „Sowohl als auch“ formt, das der Realität außerhalb der Grenzen des denkenden Hirnes viel genauer entspricht. Die bei dieser Umformung des Denkens, Betrachtens und Handelns entstehende Erleichterung wird als Heiterkeit fühlbar. Diese Heiterkeit wirkt als unverkrampfte Vernunft in die Welt.