Tag Archive: Pest


Der Anfang der Pest

Der damalige französische König Philipp VI. beauftragte im Jahre 1348 die medizinische Fakultät von Paris mit einer Untersuchung, festzustellen, welches die Ursache dieser schrecklichen Pestepidemie sei, die aus der Moderne rückblickend der „Schwarze Tod“ genannt werden sollte. Die zu Paris „forschenden“ Mediziner hatten sich offenbar nicht so sehr mit Medizin befasst, und deshalb hatten sie auch nicht versucht, den Weg und die Geschwindigkeit der Ausbreitung der Krankheit aus einer Vielzahl vorliegender Berichte zu untersuchen, damit sich auch ja nicht ihre Augen öffneten und sie die Wiederentdeckung machten, dass es Infektionskrankheiten gibt. Statt dessen betrieben sie das, was sie für Wissenschaft hielten. Und. Nach sicherlich langwierigem und angestrengtem Schauen in viele Tabellen und nach Anfertigung etlicher Diagramme, die dieses umfangreiche Datenmaterial aufschließen sollten, kamen die hochgeehrten Herren Doktoren schließlich zu dem folgendem, sehr präzise formulierten Ergebnis: Die Pest wurde am 20. März 1345 ausgelöst, und zwar durch eine ungünstige Konstellation der Planeten Mars, Jupiter und Saturn.

Diese Erklärung wurde in ganz Europa als die wissenschaftlichste angesehen und in jede europäische Sprache mit einer nennenswerten Sprecherzahl übersetzt. Irgendwelche hygienischen Maßnahmen folgten aus ihr nicht, und so konnte das große Sterben in Europa weitergehen, bis ein gutes Drittel der damals lebenden Menschen verreckt war und sich die Epidemie „biologisch erledigte“ — gegen die Planeten kann man ja nichts machen.

Inzwischen ist die Medizin in ihren Erkenntnissen und Methoden doch etwas weiter, auch sehr zum Vorteil aller Menschen, die sich mit Krankheiten und Medizinern herumschlagen müssen. Allerdings scheinen sich die meisten Universitäten in Europa und in den USA noch nicht im wünschenswerten Maß vom irrationalen Bullshit und wissenschaftlich verpacktem Hokuspokus abgekehrt zu haben, denn sonst würden dort nicht mehr diese so genannten „Wirtschaftswissenschaften“ gelehrt, deren Vertreter immer wieder zu vergleichbar unsinnigen Urteilen wie die oben beschriebenen Mediziner kommen. Und. Dies wegen des politischen Einflusses dieser Wisschenschaft sehr zum Schaden aller davon betroffenen Menschen.

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Das moderne Schwarz

Wir wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen — als ob sie nicht die ihren wären […] Viele starben, die, wenn man sich um sie gekümmert hätte, wohl wieder genesen wären.

Nein, hier beschreibt nicht jemand die gegenwärtigen Zustände unter der Heimsuchung einer zum allesfressenden Moloch gemachten Wirtschaft und einer davon bedingten, stetig fortschreitenden Vernichtung sämtlicher menschlichen Bindungen und Werte. Das Zitat stammt aus der Novellensammlung „Decamerone“ von Giovanni Boccacio, in welcher dieser Zeuge seiner Zeit in einer noch heute bedrückenden Weise beschreibt, was für ein umfassender Zerfall mit der Ankunft des „Schwarzen Todes“ im Florenz des 14. Jahrhunderts einher ging.

Heute bedarf es solcher Pestilenzen nicht mehr, um wirklich jedes, auch noch das blutsverwandtliche, Miteinander zu zerrütten; heute genügt hierfür der Trockenrausch des Konsumismus, die Angstpeitsche der Armut und die so genannte „Flexibilität“, die den Opfern von den Profiteuren dieses Irrsinnes abverlangt wird.

Die unmittelbare Reaktion der mittelalterlichen Gesellschaft auf die tödliche Seuche des „Schwarzen Todes“ und die eigene Machtlosigkeit gegenüber einem übergeordneten Prozess waren übrigens Pogrome gegen gesellschaftliche Randgruppen, vor allem gegen Juden. Auch dies mag eine Nähe zur Seuche des gegenwärtigen Wirtschaftens herstellen — denn auch in viel jüngerer Zeit reagierten die Menschen auf Krisen des Wirtschaftssystemes, indem sie Mordpöbel aller Art bildeten. Dieser Irrsinn. Ist noch nicht unterbunden.