Tag Archive: Ödnis


Pizza, Bier, Kinder

Dienstag Pizzatag, Freitag Biertag, Samstag Kindertag

Nur drei Tage verbleiben am Glase davon, wie in der Planung des längst vergangenen Geschäftes einmal alles seinen Platz und seine Zeit haben sollte. Bier und Pizza gibts beim gar nicht fernen Aldi billiger, und wenn die Eltern nicht so genau hinschauen, spielen die Kinder auf der Straße.

Fanartikel billig

Die Mauern der Schule

Eine Schule

Die Architektur der Schulen ist nach dem Vorbild der Fabrikgebäude gemacht, sie ist auch genau so kalt und monströs wie diese. Wo innerhalb der Mauern der Schule der zugewiesene Platz für die Beschulten sein soll, eine so genannte “Pause” zu verleben…

Ein Schulhof. Hier sollen die Pausen verlebt werden

…da können auch die wie hilflos hingestreut wirkenden Bäumchen nicht die fressende Tristesse dieses Ortes vergessen machen. Ein offenes Auge an einem Schulgebäude hört mehr über den gesamten Zustand des Bildungssystemes als jeder, der den feierlichen Reden der classe politique von der so unbedingt fördernswerten Bildung als Grundlage der Innovationen, des Fortschrittes und des “Standortes Deutschland” lauscht. In diesem Kontext hat das Wort vom “Standort” einen für die so Sprechenden wenig schmeichelhaften, aber doch trefflichen Doppelsinn.

Foto: Schulzentrum Fössefeld, Hannover-Limmer

Die Umwelt

Wenn einem das Fahrrad unwillig die Kilometer längs des Moores durch die mörderischen Mücken getragen hat; wenn man in die große, brummende, stinkende Stadt kommt; wenn man vom Fahrrad absteigt, um dem Arschmuskel etwas Entspannung zu geben, während man eine Brücke überquert, die für Langsamere über die graublutende Asfaltnarbe einer lauten, vierspurigen Straße gespannt ist; wenn man, während man langsamen Schrittes über diese Verödung geht und nach unten auf die bunten Rasebleche schaut und dabei am Rande des Straße ein viereckiges Verkehrsschild sieht, das deklariert, dass hier inmitten der benzolverseuchten, lärmschwangeren Luft eine Umweltzone beginne… ja, denn weiß man, wozu der Begriff der Umwelt nach drei Jahrzehnten “grüner” Lehrer- und Sozialpädagogenpolitik verkommen ist. Zu einer reinen Augenwischerei und zu einem Blendwort, mit dem sich allerhand Abgaben aus den Menschen herauspressen lassen.

Bauchabstimmung

Wenn die Geburten in der BRD zurückgehen, lässt sich das durch kein Elterngeld aufhalten und durch keine Kürzung des Elterngeldes zu Lasten der Armen und zu Gunsten der Begüterten verschärfen. Es ist nur sekundär (aber auch darin nicht unwichtig) eine Frage des Geldes, primär handelt es sich um eine Abstimmung des verstummen gemachten Volkes mit dem Mutterleib. Wer sieht, dass es keine Aussicht mehr auf ein erfreuliches Leben gibt, das über ein bloßes Dasein als gehetztes Nutz- und Konsumvieh hinausgeht und die Bezeichnung “Leben” erst verdient, und wer trotz dieser Sicht Kinder in eine solche Hölle hineingebärt, handelt verantwortungslos.

Vom Blick ins Leere

Er sagte: “Der Blick ins Leere schafft Freiräume im Gehirn”. Und er. Ließ sich die Haare über die Augen wachsen.

Elias Schwerdtfeger

Es gibt doch keinen deutlicheren Beleg dafür, dass die Menschen die unerträgliche Leere ihres Daseins mittlerweile völlig wahllos mit jedem in den Massenmedien gegebenen “Inhalt” zu füllen pflegen, als die Tatsache, dass ein erklecklicher Anteil der Menschen den Fernseher anschaltet, um anderen Menschen dabei zuzuschauen, wie sie mit geübt gefühllosem Gesichtsausdruck Poker spielen. Aus der Sicht eines Zuschauers ist ein hohleres Spektakel im Fernsehen kaum vorstellbar, es steht bereits auf einer Stufe damit, dass man einfach eine Kamera auf eine slot machine richtet und stundenlang (und mit dem stolz eingeblendeten “LIVE” in der rechten oberen Ecke) überträgt, wie dieses Gerät immer wieder von Spielern mit Münzen gefüttert wird. Was für den Spieler durch das damit verbundene Kopfkino und den Adrenalinrausch noch einen gewissen Erlebniswert hat, das offenbart seine geistlose Ödnis vor jedem hinschauenden Zuschauer. Und wer sich mit seiner beschränkten Lebenszeit zum regelmäßigen Zuschauer einer solchen Ödnis macht, belegt damit, dass das Leben an viele Lebende veschwendet ist.

Von der science fiction

Das vielleicht Interessanteste an der populären Ausprägung der science fiction — ich meine damit nicht die großartigen Werke eines Stanisław Lem oder eines Isacc Asimov — ist die Vorstellung von der Weltraumfahrt, vor allem, wenn diese in Produktionen für das Fernsehen oder Kino dargestellt wird. Die Raumfahrt ist aufregend und voller Abenteuer, der gewaltige Leere des Raumes wimmelt nur so von aller Art Erlebnismöglichkeiten. Doch in Wirklichkeit. Ist des Weltraumes kaltes Nichts unfassbar öde, und die uns vertrauten Formen des materiellen Seins sind auf ihm so staubweis hingestreut, dass sie wie eine Anomalie scheinen — ja, selbst die kahle Unwirtlichkeit des Erdmondes ist rar in diesem schwarzen Garten des Nichts. Damit sich ein solches Vakuum, so fragt sich der Denkende und Fühlende, als eine Projektionsfläche für das entgangene Leben der Menschen eignet, wie leer und kalt muss da ihr Dasein sein?

Bildung

Die Grünen haben ihre Wahlplakate in den öffentlichen Blickraum gestellt, und neben dem erwartungsgemäßen ideologischen Dummschwatz ist sehr viel von “Jobs” und von “Bildung” die Rede. Dieser Schwerpunkt auf Bildung spiegelt trefflich die Tatsache wider, dass diese Partei beinahe nur noch aus Pädagogen zu bestehen scheint, die Politik vor allem als Fortsetzung ihrer Parallelwelt des zwangsschulischen Bildungssystems sehen — und zu dieser schulmeisterlichen Selbstüberschätzung passt auch, dass darunter noch der Text “Aus der Krise hilft nur Grün” gestempelt wird. In wie weit eine (wünschenswerte, aber innerhalb des bestehenden Schulsystemes nicht erzielbare) Verbesserung der Bildung nun allerdings dazu führen soll, dass plötzlich wieder ein Bedarf der Wirtschaftsunternehmen an Arbeitskräften bestehen soll, bleibt eine Frage, die von den platten Parolen nicht beantwortet wird.

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung “vermarktet” werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und “inhaltlich” in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am “Markt” erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten “Discounter”, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Das menschliche Gesicht

Beim seinem zappeligen Zappen ging es auch zu einen dieser unerträglichen Kanäle, die deutlich machen, wohin die Menschen heute wirklich gekommen sind. In der unteren rechten Ecke riss ein mechanisches Blinken die Aufmerksamkeit mechanisch auf sich, und dieses Blinken war ein Text, der “7.750 € bis zu” lautete, aber schon nach wenigen Sekunden zu “8.000 € bis zu” verändert wurde, als ob die gelegentliche Erhöhung einer Zahl die Wortstellung gleichgültig machte. Darüber vier kleine, übereinander liegende farbige Felder mit gedeckter Farbsättigung, die mit Geldbeträgen geziert waren und in entnervender Geschwindigkeit von unten nach oben durchblinkten, damit die Zielgruppe dieses Schwindels auch ja glaube, dass es bei ihr aufwärts gehen könnte. Am oberen Rande eine Laufschrift, die gerade so schnell durchrollte, dass sie noch lesbar aussah, aber nicht mehr bequem lesbar war. Sie erzählte von “Geldleitungen im richtigen Moment”, vom “direkt in das Studio kommen”, von der “Quizleitung”, von der “Studioleitung”. Unten gab es eine weitere Laufschrift, die in deutlich kleinerem Schriftgrad darauf hinwies, auf welcher Seite sich im Videotext die Teilnahmebedingungen befänden. Die ganze Zeit blinkte ein roter Schalter wenig dezent vor sich hin, zuweilen wurde auch noch ein blinkendes Blaulicht eingeblendet. Und. Um das Gehirn der “Zuschauer” so richtig zu grillen, wurden immer wieder Geräusche aller Art eingeblendet, die in ihrer Verdichtung einen Eindruck von Zuspitzung und Eile erwecken sollen, damit auch ja niemand zur Besinnung und zum Denken komme, der sich hier abzocken lässt.

Inmitten des ganzen stumpfsinnigen Blinkens befand sich ein Moderator und ein Bild mit einer Anordnung von Tennisbällen. Der Moderator erzählte mit wenig überzeugenden, etwas zu intensiv gespielten Affekten viel vom “jetzt” und allerlei Lügen über dieses wenig spielerische Spiel. Dabei stand er immer wieder auf, setzte sich wieder hin, ging auf die Kamera zu, gestikulierte übertrieben. Unter dem Bild mit der Anordnung von Tennisbällen war deutlich lesbar, welche Aufgabe jene lösen sollten, die auf solche Bauernfängerei hereinfallen. Eine große Telefonnummer, unter der sehr klein — und selbst auf dem recht großen Fernseher, auf dem ich diese Pracht bewundern durfte, leicht unscharf — angemerkt stand, dass jeder Anruf mindestens 50 Cent koste, zeigte jenen, die so etwas schauen und ihren Geist damit mürbe machen, dass sie anrufen müssten, wieder und wieder anrufen. Zwischen den Tennisbällen und der Telefonnummer, die aus dieser in der BR Deutschland offenbar legalisierten Form des überrumpelnden und praktisch betrügerischen Glücksspieles ein gutes Geschäft macht, stand die Frage, die man dann am Telefon beantworten sollte, um etwas von schreiend angepriesenen Geld zu gewinnen: “Wo ist das menschliche Gesicht?”

Und. So viel ist sicher: Es ist nicht auf dem Moderator.

Es ist übrigens völlig unverständlich, wie man sich als Gehirnträger jeden Tag einem Contenttransporteur hingeben kann, der mit der Ausstrahlung solcher Sendungen offen und völlig unmissverständlich zeigt, wie sehr er seine Zuschauer verachtet. Nur ein Masochist umgibt sich mit Zeitgenossen, die ihn unentwegt beleidigen. Die bloße Existenz und die Machart dieser betrügerischen Sendungen ist ein Spiegelbild der Intensität, mit welcher sich die zu bloßen Zuschauern gewordenen Menschen im Selbsthass zerfleischen.

Gleichgültiges Fest

Es ist Sommer. Die Sonne hat keine Wahl und scheint auf nichts Neues. Die Straßen der Stadt sind warm. Die Menschen. Treibt es nach draußen. Da muss ihnen doch etwas geboten werden, damit. Sie nicht zu denken beginnen. Ein rauschendes Fest nach dem anderen wird auf den Straßen und Plätzen Hannovers aufgeführt, mit lärmender Musik und Bier im Plastikbecher, vierunddreißig internationen Pfannen, aus denen es zum Himmel stinkt und Feuerwerk. Und Feuerwerk. Für den Vorübergehenden, den Fühlenden und Denkenden, entsteht der Eindruck einer verzweifelten Riesensause auf einem sinkenden Schiff.

Und wer unter den Menschen sich trotz der vielen vorgestanzten Angebote darauf besinnt, dass er noch etwas selbst machen könnte, wird von der Polizei aufgelöst. Es ist eben nicht alles gleich gültig unter den Bedingungen der totalen Verwirtschaftung. Aber das. Soll den Feiernden gleichgültig bleiben.

Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: “Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter”. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

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