Tag Archive: Narzissmus


Dummheit

Zu seinem Zeitgenossen sagte der Vorübergehende: „Alle Einsichten, die mich schlauer, fähiger und weiser gemacht haben, waren Einsichten in meine vorherige Dummheit, denen ich einfach nur — ohne Rücksichtnahme auf die damit verbundene narzisstische Kränkung — erlaubte, das zu sehen, was da zu sehen war“.

Ruhm und Ehre

Die berühmt sind — sei es in der Popkultur, sei es in der Politik — sie sind bereits am Ziel des Narzissmus angekommen, sie müssen also nicht mehr mühsam nach Ehre oder Anstand streben, und sie tun es auch meistens nicht mehr.

Gut und logisch

„Natürlich gehst du davon aus, dass dein sorgsam ausformulierter Standpunkt der beste und logischste ist“, sagte der Vorübergehende zu seinem politisch agitierenden Zeitgenossen, „und genau das hast du mit jedem AFD-Wähler gemeinsam“.

Kleiner Gott, wir loben dich!

Als der seinen Narzissmus vergötzende Gläubige zum Vorübergehende sagte: „Ich lebe noch, weil Gott noch etwas mit mir vorhat“, da antwortete der Vorübergehende mit einem breiten Grinsen: „Dass dieser Faulpelz von allmächtigem Gott sich aber auch nie um seinen eigenen Kram kümmern kann!“.

Meinung und Glauben

Nicht die Tatsache, dass du eine Meinung hast und gewisse Dinge glaubst, macht dich zu einem unabhängigen Denker, und auch nicht, dass du darüber sprichst. Jeder Idiot hat eine Meinung und glaubt gewisse Dinge, und er lässt dabei kaum eine Gelegenheit zur Mitteilung aus. Was dich zu einem unabhängigen Denker macht, ist die Fähigkeit, deine Meinung zu ändern und deinen Glauben zu verlieren, wenn du neue Beobachtungen machst oder neue Informationen bekommst. Dabei wird aus dir nicht jemand, der weder Meinung noch Glauben hat. Aber aus dir wird jemand, der um die Beschränktheit und Bedingtheit seiner Einsichten weiß, ein unabhängiger Denker, ein Mehr als ein Affe, ein wirklicher Mensch, der sich mit weiser Menschenschläue auffüllt.

Jene nackten Affen hingegen, an denen das Menschsein verschwendet ist, sie weisen alles, was ihrer Meinung und ihrem Glauben widerspricht zurück, um die damit verbundene narzisstische Kränkung abzuwehren.

Unnatürlich

Er sagte: „Homosexualität ist einfach unnatürlich“. Er glaubt dabei an seinen für alle anderen Menschen unsichtbaren Begleiter; an sprechende Schlangen; an geflügelte Menschen; an unbefruchtet schwangere Frauen; an Männer, die über Wasser gehen; an ein Weiterleben nach dem Tod; an eine Hölle, in der jemand wie ich eine Ewigkeit lang gebraten wird… und er hält es für die natürlichste Sache der Welt, nach Möglichkeit jeden anderen Menschen von alledem zu überzeugen — wenn er es sich selbst im Vollrausch seiner Psyche als gute Tat (auch „Liebe“ genannt) einreden kann, auch gegen ihren Willen, unter schamloser Ausnutzung von Lebenskrisen und mit Gewalt.

Oh, wenn sein Gott ihm doch bloß die Augen öffnen würde! Aber sein Gott ist sein eigener Narzissmus und seine eigene Psyche, und beides ist kein Quell der Einsicht.

Der böse Mensch in Bambiland

Wer Angst vor den Menschen hat, hat vor allem Angst vor sich selbst.

Renato Guttoso

Der alternativ behauchte Kulturpessimist sagte (sinngemäß): „Man hätte die Erde so lassen sollen, wie sie ist. Man hätte niemals Kohle ausgraben dürfen, kein Erdöl an die Oberfläche der Erde pumpen dürfen, schon gar kein Uran aus den Bergen holen, um Kraftwerke damit zu betreiben. Der Mensch. Ist ein Feind der Natur, seit er sich nicht mehr darauf beschränkt, einfach spurlos zu vergehen. Und jetzt. Würde er am liebsten gar den Weltraum erobern, wo die Welt zur Wüste geworden“.

Und der Vorübergehende. Der das hörte. Antwortete: „Du gehst nicht weit genug in deiner Kritik an der menschlichen Kultur, deine Angst lässt deinen Gedanken auf halbem Wege stehenbleiben. Man hätte auch niemals die Bäume verlassen sollen, wenn du nur ein wenig weiter denkst. Oder. Die noch früheren Vorfahren des Menschen hätten niemals das Wasser verlassen sollen. Oder war es nicht so, dass das ganze Dilemma anfing, als irgendwelche DNA- oder RNA-Stränge sich in einer zeitlich weit entfernten schleimigen Pfütze darin einrichteten, von einer doppelten Lipidschicht umgeben zu sein, die in einem langen Prozess dann unsere Zellmembranen hervorbrachte? Was war das für eine Zerstörung von Umwelt! Die Erde ist nicht mehr die gleiche seitdem. Die gesamte Atmosphäre wurde in ihrer Zusammensetzung verändert und ist voll von hochreaktivem, gefährlichen Sauerstoff geworden, der ganz neue Mineralien hervorbrachte und übrigens auch das Klima veränderte. Denke deinen narzisstischen Angstgedanken zu Ende, damit du siehst, dass er das Leben verneint, und dann handele wie ein Lebender und tu ihn ab aus eigenstem Interesse! Und dann. Beginn am besten damit, das zu nutzen, was dich als Menschen auszeichnet — ein paar hundert Gramm organische Substanz im Schädel, die zu achtzig Prozent aus Wasser besteht. Denn diese Substanz. Ist die einzige Chance des Menschen für die Zukunft. Während du dich in der Nutzung deines Hirnes übst, wird das Antlitz der Erde immernoch von Wesen geprägt, die wir für unwichtig halten, von einzelligen Algen und Bakterien, die jeden Ort in ihren Lebensprozessen umgestalten. Und während du das in dein Bewusstsein tropfen lässt. Bescheide dich, du Mensch“!

Das Schwert

Schreiber, die ihre Feder für ein Schwert halten, bis jemand mit dem Schwerte vorbeischaut und sich die Feder zum Knecht macht…

Im Schaufenster

Selbstbildnis: Ich reflektiere mich in einem Schaufenster, dessen Werbung ein Kosmetikprodukt feilbietet

Der heutige Narziss hat sich mit seiner gesamten irrsinnigen Kraft in seine Reflexionen in Schaufenstern und in der Reklame verliebt — ein Trugbild, nicht gemacht vom Spiel des Lichtes, sondern hervorgebrochen aus der im Profit wissend gewordenen Dunkelheit des Krämertums, so viel schmeichelhafter als der Widerschein auf Wassers wankelmütiger Fläche.

Keinpfeil

Was ists auch ein Wunder, wenn Narziss immer sein Spiegelbild in den Illustrationen der Biologiebücher der Oberstufe betrachtet hat; diesen Bildern, in denen sich erst die Pflanzen entwickeln, dann die Wirbellosen, dann die Wirbeltiere, dann die Warmblüter und schließlich die Hominiden, wenn narzisstischer Wahn der Breite solche Richtung gibt: So viele Menschen glauben wortlos fest daran, dass die Evolution von einem schleimigen Tümpel direkt in den Fernsehsessel geführt hat, dass sie gar nicht zu begreifen scheinen, dass das nicht die Hervorbringung einer „Krone der Schöpfung“, sondern eine der vielen evolutionären Sackgassen sein könnte.

Negatives Zeug

Zeitgenossin: Du redest immer nur negatives Zeug. Ich will das nicht mehr hören, davon kriegt man ganz negative Gedanken.

Nachtwächter: Du meinst also, es hilft dir, wenn du Begriffe wie „negativ“ verwendest, um hinter diesem unbeholfen objektivierenden Blendblah vor deinen eigenen Gedanken zu verbergen, dass dir etwas nicht gefällt. Weil. Du damit deinen Geist so umnebelst, dass du gar nicht mehr bemerkst, wie kindisch der Kern deiner Aussage klingt: Mir gefällt nicht, was du da beschreibst — egal, ob es wahr ist oder nicht — und nur deshalb will ich es nicht mehr hören. Erzähl mir doch bitte nur noch Dinge, die mir gefallen. Nimm dir doch einfach ein Buch mit hübschen Märchen!

Einfachheit

Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.

Wilhelm von Ockham

Das Streben nach Einfachheit in der Erklärung der Erscheinungen des Kosmos* führt nicht zwangsläufig zur Einsicht in die Wirklichkeit des Kosmos. Vielmehr ist dieses Streben der bescheidenen intellektuellen Auffassungsgabe des Menschen, der beschränkten Kapazität seiner Vernunftfähigkeiten geschuldet; es ist darin ein haushalterisches Prinzip unter den Bedingungen beschränkter Ressourcen, das vernünftige und intellektuell nachvollziehbare und damit auch kommunizierbare Einsicht erst ermöglicht. Gewiss mag so manche unter diesem Mangel an Fähigkeit errungene Erklärung eine übermäßige Vereinfachung sein, die jede tiefere Einsicht in die Realität verhindert, und jeder Denkende tut gut daran, diese Möglichkeit zu bedenken. Doch trotz dieser Möglichkeit behält des Streben nach verständlicher Einfachheit und die damit verbundene Sparsamkeit in zusätzlichen, unnötig komplexen oder gar unüberprüfbaren Annahmen über die Beschaffenheit der Realität seinen Wert, liefert es doch unter diesen Bedingungen erst die Möglichkeit einer vernünftigen und intellektuell nachvollziehbaren Einsicht, die erst die Anwendung des cerebralen Apparates auf die Erscheinungen der Welt ermöglicht. Die Alternative zum Prinzip der Einfachheit ist die Unverbindlichkeit nicht nachvollziehbarer, obskurer Welttheorien, die selbst in ihrer Widersprüchlichkeit noch mit gleichem Recht in einem Karneval der Irrationalität nebeneinander stünden; die Verneinung jeder Einsichtsfähigkeit; die verantwortungslose Überantwortung aller Möglichkeiten der Großhirnrinde — mit der es die Menschen übrigens weit gebracht haben — in die Mülltonne der Evolution.

*Schon die Annahme eines „Kosmos“ als Realität ist eine Vereinfachung und als solche fragwürdig. Dieses alte Wort meint eine gesetzmäßige, geordnete Beschaffenheit der Wirklichkeit, das gegenteilige, eben so alte Wort lautet „Chaos“. Nur in einem Kosmos wäre die Annahme erkennbarer Naturgesetze und damit jegliche Möglichkeit irgendeiner Einsicht in die Realität sinnvoll. Doch, um einmal eine extreme Gegenposition zu benennen: Es wäre eben so gut möglich, dass es diesen Kosmos nicht gibt, dass die Wirklichkeit des Alls chaotisch ist, keinerlei Regeln unterliegt und wegen dieser Regellosigkeit jenseits jeder rationalen Einsichtsmöglichkeit liegt; dass aber die von uns wahrgenommenen Strukturen nichts weiter als Artefakte des Prozesses der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch einen Menschen mit seinem sinnlichen Befähigungen sind. Die gesamte menschliche Tätigkeit der Wissenschaft wäre denn nur eine Beschäftiung mit einem in der Wahrnehmung aufscheinenden Spiegelbild der Psychologie, ein weiterer Blick des selbstverknallten Narziß in sein verzerrtes Abbild auf den trüben Wellen des Tümpels, in dem er zu ersaufen verdammt ist. Angesichts des heute leicht erkennbaren, rein psychologisch verwurzelten Charakters historisch älterer, auf Mythologie basierender Erkenntnismodelle ist eine Haltung, die diese Möglichkeit arrogant vom Tische wischt, dumm. Zumal. Es zwischen diesen beiden extremen Standpunkten, die Wirklichkeit sei ein Kosmos oder aber sie sei ein Chaos, auch ein Kontinuum vorstellbarer und unvorstellbarerer Mischungen und Abstufungen gibt. Ich muss eingestehen, dass mir als Skeptiker gegenüber allen Hervorbringungen des menschlichen Narzissmus dieser Gedanke gut schmeckt und dass ich allein deshalb darauf achte, dass diese Anmerkung auch länger werde als der eigentliche Text; gehe ich doch in meinem eigenen Streben nach Einfachheit davon aus, dass der Mensch in seiner Besonderheit und damit in seiner Menschlichkeit nichts weiter ist als jenes schwer verständliche, komplexe Systemverhalten, das man in Ermangelung eines wirklichen Verständnisses mit dem Wort „Psyche“ zusammenfasst, um es dann meist als etwas Unerhebliches, als „Nur-Psychisches“ abzutun und zu verachten, während ein viel zu hoch angesehener und viel zu wenig ernsthaft hinterfragter Betrieb eine Tautologie nach der anderen als so genanntes „Wissen“ hervorbringt und darin längst schon den größten Teil der Menschheit abgehängt hat.

Für DonRalfo 😉