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Übers Bloggen (18): Was ist Bloggen?

Bei F!XMBR hat Chris die interessante Frage aufgeworfen, was dieses Bloggen eigentlich ist.

Das ist keine einfache Frage, denn es geht bei einem einigermaßen genießbaren Blog doch um deutlich mehr als um einen technischen Vorgang. Statt einer langatmigen Erklärung mag ich die Frage lieber mit einigen kurzen Stichpunkten beantworten — und ich hoffe, dass diese auch manchmal ein bisschen sticheln.

Bloggen ist, wenn ein Mensch zum Blogger wird, wenn er in allen Begegnungen, Ereignissen, Träumen und Gedanken auch etwas sieht, worüber es sich schreiben lässt, wenn er damit beginnt, die Dinge zu hinterfragen, um seinem Schreiben eine Substanz zu geben, die über die spontane und unreflektierte persönliche Reaktion hinaus geht und damit zu einem ernsthaften Akt der Kommunikation wird. Das Schreiben geht in diesem Prozess manchmal wie nebenbei. Und. Das Geschriebene wird manchmal eher wirr, unstrukturiert und belanglos, ohne aber für immer darin zu verbleiben.

Bloggen ist, wenn das regelmäßige Be-Schreiben des Erlebten, Gedachten, Geträumten zu einer von anderen Menschen beachteten Stimme wird, statt in der sumpfigen Privatheit des Freundeskreises oder des Stammtisches zu verhallen. Die Stimme wird dabei beinahe von allein kultivierter, so sie mit einem Hauch Empathie verbunden ist und der Blogger bemerkt, dass sich die wenigsten Menschen freiwillig belügen, anbrüllen, beschimpfen lassen wollen.

Bloggen ist der Ausfluss einer Persönlichkeit. Auch ein Mensch ohne Persönlichkeit kann ein Blog führen, ja, sogar ein schlechter Journalist, aber ein solches Blog ist etwa so attraktiv wie ein Testbild im Fernsehen; es ist kein eigentliches Blog, sondern es trägt den Charakter eines technischen Selbstzwecks mit sich herum.

Bloggen ist, wenn der Blogger auch andere Blogs regelmäßig zu lesen beginnt, andere Auffassungen als die Seinigen kennenlernt, anderer Blogger regelmäßiges Schreiben trotz gelegentlichen Unverständnisses zu respektieren, wertzuschätzen lernt. Das Leben als Blogger kann dabei zu einem beachtlichen Maß verantwortungsvoller Ausgewogenheit führen. Einen richtigen Blogger, der niemals andere Blogs liest, gibt es nicht.

Bloggen ist die Kommentarfunktion; und ein Blog ohne die Möglichkeit eines Kommentares ist kastriert. Die einfache Möglichkeit für jeden Menschen, zu allem Geschriebenen relativ unmittelbar einen erweiternden oder widersprechenden Standpunkt zu äußern, gibt dem Blog einen wichtigen Mehrwert, nimmt der gebloggten Betrachtung ihren Frontalcharakter und ist für den Blogger zuweilen sehr nervig. Zuweilen wird ein Artikel oder gar ein ganzes Blog erst durch sein Kommentare wertvoll.

Bloggen ist aber auch, wenn immer wieder irgendwelche SEO-Spammer keinen anderen Wert in einem Blog sehen als den einer Litfaßsäule, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als einen idiotischen Kommentar von lochhafter Leere mit einem Link zur Manipulation der Suchmaschinen zu kombinieren. Ach! Wie viele Kommentatoren doch so „hübsche“ Namen wie „Telefontarife“, „Poker“, „Software“ oder gar „Google-Ranking“ von ihrer Mutter bekommen haben!

Bloggen ist wesentlich besser als Webforen. Jedes Blog ist erkennbar die persönliche Sphäre eines anderen Menschen, und das hält von überdummer Trollerei in den Kommentaren ab — zumindest einen Blogger. Was noch an Trollerei verbleibt, macht keine so großen Probleme wie die Moderation eines Forums, das alle als einen „gemeinsamen Raum“ betrachten und das sehr viele aus diesem Grund nicht besonders pfleglich behandeln. Auch Wohngemeinschaften scheitern oft am Klo und an der Küche.

Bloggen ist aber auch, wenn man als Blogger immer wieder über Websites stolpert, die durch die chronologische Ordnung der Veröffentlichung zwar in einem technischen Sinne ein Blog sind, aber nicht der menschlichen Mitteilung dienen, sondern zur reinen, von aufdringlicher Reklame vergällten Selbstdarstellung und Klickbespaßung verkommen sind. Nach solchem Stolpern steht ein Blogger wieder auf, so er überhaupt hinfiel, und geht weiter in die ursprünglich eingeschlagene Richtung, ohne diesem Stolperstein allzu viel weitere Beachtung zu schenken.

Bloggen ist, wenn einem Blogger sein Blog manchmal wie eine Last am Leben hängt, wenn sich eine Dynamik entwickelt, die anfangs gar nicht absehbar war, wenn manche Woche die Einträge eher kurz und widerwillig werden, wenn das Schreiben zu einem K(r)ampf wird. Und. Wenn solche Zeiten zusammen mit dem Blog durchgestanden werden. Ja! Wenn das Blog an das Leben anwächst.

Bloggen ist, wenn das Blog durch ein Leben mit allen Höhen und Tiefen mitgetragen wird und zum Spiegelbild dieses Lebens wird.

Bloggen ist nichts, was jemand nebenbei betreiben könnte. Aber es findet auch nicht in einem Paralleluniversum neben dem eigenen Leben statt. Es ist eine Haltung wie Fotografieren: „Da ist ein hübsches Motiv, das versuche ich einzufangen.“ Nicht jeder hat Talent, gute Fotos zu machen; und nicht jeder hat Talent, ein gutes Blog zu schreiben. Aber jeder, der das möchte, kann es in beiden Bereichen auch mit einem Minimum an Talent zu beachtlichen Fähigkeiten bringen, wenn er die damit verbundene Mühe nicht scheut. Wer Mühelosigkeit sucht, sollte kein Blog führen, sondern lieber fernsehen.

Bloggen ist keine technische Spielerei, und niemand besucht ein Blog regelmäßig wegen „cooler Widgets“ und einem „tollen Design“. Ein Blog wird in erster Linie wegen seiner Inhalte regelmäßig besucht und gelesen, und wer bloggen will, tut gut daran, das zu wissen, seinen technischen Spieltrieb in einem angemessenen Rahmen zu halten und sich um Inhalte zu bemühen.

Bloggen ist Text. Wer nicht gern liest und schreibt, sollte davon absehen. Fotos sind besser in einer speziellen Galerie-Software aufgehoben.

Bloggen ist überschätzt. Es erreicht nicht Millionen von Lesern, es ist kein Ersatz für individuelle Kultur und Bildung, es kann nicht die Gesellschaft verändern. Es ist schon gar kein „neuer Journalismus“, so sehr man sich einen solchen angesichts des derzeitig existierenden auch wünschen mag. Und. Es ist ein sehr schlechtes Geschäftsmodell — wer Geld machen will, sollte besser in kalter Haltung „Inhalte“ zur Bespaßung der Massen anbieten. Wer dennoch bloggen will, muss damit leben, dass die Wirklichkeit anders aussieht als die trendbesoffene Berichterstattung an sich netzferner Medien.

Bloggen ist eine späte, durch spezielle Software gegebene Erfüllung des Versprechens, dass sich jeder Mensch mit geringem Aufwand eine Stimme im Internet verschaffen kann. Es erfüllt aber nicht die Hoffnung, dass auch jeder Mensch mit einer solchen Stimme etwas mitzuteilen hätte. Immerhin gibt es neben etlichen Sammlungen des Nichtigen und Belanglosen viele lesenswerte Blogs.

Bloggen ist mit dem Nachteil behaftet, dass viele Leser nach dem jeweils aktuellen Beitrag im Blog schauen und den oft im Blog erkennbaren Kontext, in dem dieser Beitrag geschrieben wurde, völlig aus den Augen verlieren. Es ist als Publikationsform nicht gut für Texte geeignet, die einen eher bleibenden Wert haben.

Bloggen ist vergleichsweise unwichtig. Wenn es. Mit dem wirklichen Leben verglichen wird.

Bloggen ist vergleichsweise wichtig. Wenn es. Mit jenen etablierten, zentral organisierten Massenmedien verglichen wird, die so viel wirkliches Leben marginalisieren.

Bloggen ist und bleibt das, was wir Bloggenden daraus machen. Jeder Versuch, es präzise zu greifen, ist zum Scheitern verurteilt. Jede scheinbar sachliche Definition geht an der Sache vorbei. Die Frage, was dieses Bloggen eigentlich ist, sie ist genau so schwierig wie die Frage, was so eine menschliche Persönlichkeit eigentlich ist.

Aktueller Nachtrag: F!XMBR ist jetzt schon seit mehreren Stunden offline, und der Hinweis auf der Platzhalterseite spricht von Wartungsarbeiten. Weiß jemand genaueres darüber, was da los ist? Angesichts der Neigung von Webhostern in der BR Deutschland, nach meudalistischer Gutsherrenart durch willkürliches Sperren und Kündigen „Wohlverhalten“ von ihren Kunden zu erzwingen, habe ich kein besonders gutes Gefühl bei dieser Angelegenheit  — und ich würde F!XMBR wirklich vermissen, wenn es verschwände.

Nachtrag zum Nachtrag: F!XMBR ist wieder da, es war „nur“ ein Serverumzug…

Offener Brief an die Piratenpartei

Aktueller Nachtrag: Bodo Thiesen hat sich in einem Offenen Brief deutlich von den kritisierten Aussagen distanziert. Der Schaden für die Piratenpartei und für die von dieser Partei vertretene Sache bleibt angesichts des Umganges mit dieser Affäre bestehen, und die Verwendung dieser Angelegenheit in der Propaganda gegen die Piratenpartei und gegen jeden Streiter für ein freies Miteinander in Verschiedenheit im Internet wird so sicher kommen, wie das Amen in der Kirche. Mein offener Brief an die Piratenpartei bleibt hier zum Zweck der Dokumentation unverändert erhalten und ist in vielen Punkten auch trotz dieser erfreulichen Distanzierung und der klaren Worte in Bodo Thiesens Offenem Briefe noch aktuell.

Ein fröhliches Hallo!

Als jemand, der wegen seiner Verstandesfunktionen nicht daran glauben kann, dass sich der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende, überpersonale Prozess dadurch überwinden lässt, dass man sich in diesem über die Gesellschaft ablaufenden, überpersonalen Prozess einbringt und ihn auf diese Weise auch fördert und vorantreibt, stehe ich jeder Form der zurzeit institutionaliserten Politik mit großem Pessimismus gegenüber. Das gilt auch euch, für den jungen und bunten Haufen, der sich „Piratenpartei“ nennt und in der BR Deutschland parlamentarische Wirkung entfalten will. Wegen dieses rationalen Pessimismus (der in einem sehr fröhlichen Menschen wie mir zur Blüte kommt) und wegen meines genauen Wissens darum, dass ich auf dem Politikmarkt keinen hohen Marktwert erzielen kann, käme ich niemals auf die Idee, mich innerhalb einer politischen Partei in der BR Deutschland zu engagieren.

Doch bezogen auf euch, auf die „Piratenpartei“: Zu diesem Pessimismus hat sich bislang wenigstens für euch eine kleine Prise Sympathie gesellt, seid ihr doch genau jener Kriminalisierung technischer Möglichkeiten und vorsätzlich zum Standard gemachten Rechtswillkür im Internet entgegen getreten, die auch mein Leben betrübt und über diesen etwas schrägen Zugang eine Stimme erhoben, die im Zeitalter voranschreitender Restriktion die „guten alten Bürgerrechte“ einfordert. Dieser kleine Hauch der Sympathie hätte für sich allein gewiss nicht dazu geführt, dass ich euch wähle — denn ich weigere mich nun einmal, eine lediglich simulierte „Demokratie“ auch noch dadurch zu stützen, dass ich mich an ihr beteilige.

Aber sie hätte fast zu öffentlichen Akten der Sympathie geführt, die sogar weit über das kreuzweise Blöken eines Stimmviehs hätten hinaus gehen können.

Ich bin rückblickend — wieder einmal in meinem Leben — froh darüber, dass ich kein Mensch von leichtherzigen, emotionellen Entschlüssen bin. Die Regung der Sympathie mag eine schöne sein, aber sie gehört in ein völlig anderes, eher affektiv funktionierendes und evolutionär älteres mentales System als in jenes mentale System, mit dem man meiner Meinung nach vernünftige Entscheidungen zur Regulierung des gemeinsamen Miteinanders — ich vermeide das oft missbrauchte und zum schwammhaften Nichts verkommene Wort Politik an dieser Stelle — treffen sollte.

Tatsächlich haben wir die beklagenswerten Zustände der Jetztzeit und hatten wir viele beklagenswerte Zustände der Vergangenheit vor allem deshalb, weil viel zu viele Menschen ihre Entscheidungen — seien es politische Entscheidungen, oder seien es viel banalere, etwa Kaufentscheidungen — mehr unter dem Diktat der reklamepsychologisch leicht manipulierbaren Sympathie und Antipathie als durch Anwendung einer einfachen, vernunftgemäßen Erwägung treffen.

Ja, ihr habt es — wie bislang auch jede andere Partei in der BR Deutschland — geschafft, diesen kleinen Funken Sympathie in mir wieder auszulöschen. Und. Zwar. Sehr Gründlich.

Es mag sein, dass ihr überwiegend einer Generation angehört, die vom Hitlerwahnsinn in Deutschland nichts anderes kennt als die Vermittlung des Schulunterrichtes, die man sich für ein Referat und eine Klassenarbeit in den Kopf paukt, um sie wie jeden anderen, nutzlosen Schulstoff nach der Leistungskontrolle wieder zu vergessen. Das ist es, was ich euch als Entschuldigung zubilligen möchte, bevor ihr mit noch hilfloseren Ausflüchten beginnt.

Aber lasst euch das eine bitte gesagt sein: Dass ihr so einen wie Bodo Thiesen, einen Relativierer des industriell betriebenen Massenmordes im Deutschen Reiche unter der Herrschaft Adolf Hitlers, in parteiliche Ämter und Würden bringt, das geht gar nicht!

Noch einmal zur Klarstellung: Gar nicht geht es! Nicht ein bisschen!

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch! Ich habe nichts dagegen, dass Menschen seltsame Meinungen vertreten, ich bin sogar der Auffassung, dass die Unterdrückung seltsamer Meinungen ein Fehler ist und dass jeder Mensch im Gegenteil dazu imstand gesetzt werden muss, einen Spinnkopf unter Verwendung seines Bewusstseins als solchen zu erkennen und mit dieser Erkenntnis verantwortlich umzugehen. Denn Spinnköpfe, deren Auffassungen den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben, die wird es immer geben und sie sollen von mir aus auch unbedrängt als Spinnköpfe leben können, so lange ihre Spinnerei harmlos ist. Ich habe nur etwas dagegen, dass ihr so einem Spinnkopf mit einem Amt ausstattet und ihm damit eine Plattform gebt.

Natürlich könntet ihr diesen personellen Fehlgriff kitten, indem ihr euch klar distanziert und Bodo Thiesen innerparteilich isoliert — aber zumindest im Saarland scheint euer Vorstand doch ziemlich auf der braunen Linie zu sein:

Die Postitionen von Bodo Thiesen sind sicherlich fragwürdig. Eine tatsächliche Relativierung des Holocoust geben sie aber derzeit nicht her! Er zweifelt offenbar an den Details ODER am gesamten. Entweder drückt er sich bescheuert aus, oder er ist es tatsächtlich. Nur wird das aus dem gesagten nicht klar! Daher heisst es wohl „in dubio pro reo“ […] ich finde einige Details in der deutschen Geschichte schlicht Pauschalisierung derselben. Der Norwegenfeldzug war wohl nach allen mir bekannten Fakten ein reiner Reaktionskrieg und keine reine Angriffshandlung.

Wenn jemand daran zweifelt, dass der fabrikmäßige Massenmord in dieser Größenordnung stattgefunden hat und dabei nicht einmal klar macht, dass er überhaupt den fabrikmäßigen Massenmord für eine Tatsache hält, denn relativiert er nicht den Holocaust und man kann im Zweifelsfall noch für ihn sein. Schließlich war das mit Norwegen auch kein kriegerischer Überfall. Immerhin wird hier noch nicht gesprechblast, dass die die Polen Schuld am Zweiten Weltkrieg seien und die Deutschen haben sich nur gewehrt hätten. :mrgreen:

Oder einmal ein etwas kürzeres und kälteres Abwiegeln, Besänftigen, Rechtfertigen in der Twitter-Version:

Was soll da los sein, ein Mensch hat in jungen Jahren mal Bullshit von sich gegeben. Das Zitat ist meines Wissen nach sehr alt

Klar, ist sehr alt, das Zitat. Das Gras wächst schnell, sogar über die Gräber derer, deren Blut zum Himmel schreit. Manche scheinen die so entstandene Wiese sogar schon für einen Spielplatz voller Vogelgetwittscher zu halten.

Aber von meinem eher emotionalen „Ihr habt euch unmöglich gemacht“ einmal abgesehen — ich sage ja selbst, dass die leicht manipulierbaren Affekte eine fragwürdige Grundlage fürs Politische sind: Ihr habt mit der innerparteilichen Förderung eines solchen Braunkopfes und so einem unreflektierten Blah zum Thema alle Ziele in Gefahr gebracht, für die ihr einzutreten vorgebt.

Benutzt doch bitte jetzt einmal für eine einzige Minute euren Restverstand und versetzt euch in die Lage eurer Gegner — also in die Lage der Leute in der Contentindustrie und in die Lage der führenden Köpfe in den Parteien und der Journaille!

Ich sage es euch, die können auch jetzt noch nicht ihr Glück fassen. Ihr seid schon tot.

Es ist dank eurer grenzenlosen Idiotie eine Kleinigkeit geworden, die „Piratenpartei“ in der Propaganda zu behandeln. Ich bin kein Experte in der Massenmanipulation, aber ich würde da etwa die folgende Vorgehensweise anwenden:

  • Als erstes brauche ich ein griffiges Schimpfwort für euch, so eines, dass niemals vor Gericht als Beleidigung durchgeht ist und doch für die Mehrzahl der Menschen — wie gesagt, diese treffen ihre Entscheidungen affektiv — vollständig abwertend klingt. Ich würde die Wortschöpfung „Digitalisten“ nehmen. Das klingt nach Menschen, die Digitaltechnik — für die meisten Menschen ein Fremdkörper — über alles andere setzen wollen.
  • Dieses Schimpfwort brauche ich, damit ich nicht dauernd euren selbst gewählten Namen in das Fernsehen und die Presse bringe, denn ich will keine Werbung für euch machen, sondern euch schaden.
  • Dann brauche ich ein paar griffige Thesen, die auch für den bierduseligen Stammtisch geeignet ist. So etwas wie „Die Digitalisten sagen, ohne Internet gäbe es keine Demokratie. Und? Was hatten wir die ganze Zeit“. Versteht ihr den Stil? Genau so geht Propaganda, für die Bildzeitung geht es sogar noch eine Größenordnung plumper.
  • Und jetzt zur Steilvorlage, die ihr geliefert habt. Daraus machte die Propaganda ein „Diese Digitalisten verwechseln sogar das Internet mit der Wirklichkeit. Weil jeder Nazi im Internet eine Stimme haben kann, wollen die auch Nazis in der Politik haben. Und Kinderficker.“ — natürlich in etwas gemäßigteren Tonfall, aber in dieser Zielrichtung.

Versteht ihr? So etwas zieht sich demnächst durch alle Medien, und daraus lassen sich Menschen ihre Meinung bilden. Und schon kann man alle eure bürgerrechtlichen Forderungen auf kurze Phrasen runterbrechen und darauf verweisen, wer es bei euch zu etwas bringt. Wartet mal ab, Frontal 21 im ZDF ist ein guter Kandidat für den ersten medialen Angriff auf euch. Die meisten Wähler in der BR Deutschland sind sehr leicht manipulierbar, ihr werdet es noch merken. Und am Ende der Kampagne regiert die Partei von Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen zusammen mit einer CSU, die am liebsten alle menschenverachtenden Ideen des Papstes in Tagespolitik umsetzen würde und dieser heillose Pakt koaliert mit einer FDP, die Hartz IV auf 250 Euro kürzen will und es dabei keineswegs skandalös findet, wenn ein Vollzeitjob nur 350 Euro im Monat bringt.

Glaubt mal ja nicht, dass es in den kommenden Klassenkämpfen nur ums Internet geht. Es geht um die menschliche Würde selbst. Eben darum verbietet sich jede Gemeinschaft mit Holocaustleugnern!

Und nicht nur, dass ihr der Sache geschadet habt, ihr habt auch mir persönlich geschadet, denn ich stehe in meinem Umfeld und in allem, was ich tue, im Wesentlichen für die gleichen Ziele wie ihr ein. Das geht so weit, dass ich immer wieder einmal für einen Aktivisten eurer Partei gehalten werde. Ihr habt mich für dieses Streben — das bei mir inzwischen den Umfang eines Lebenswerkes hat — in die begriffliche Nähe von Neofaschisten und Holocaust-Leugnern gestellt, als ob ich nicht schlimm genug wäre, dass mehr als die Hälfte meiner Familie unter Hitlers Herrschaft fabrikmäßig ermordet wurde. Und. Ihr erlaubt es mit eurem Tun einer gut funktionierenden Meinungsindustrie, in den kommenden Wochen auf dieser Nähe herumzureiten, auf das die Stimmviecher zur müden Komödie der Bundestagswahl auch die richtige Deinung erhalten.

Ihr seid schon Verräter, bevor ihr richtig mit der Politik angefangen habt. Die billige Verharmlosung schwerer, gegen das Leben selbst gerichteter Verbrechen ist keine Meinung, sondern lebensverachtender Zynismus.

Und dafür. Verachte und hasse ich euch.

Löst eure verkackte Partei, die schon vor ihrem eigentlichen Anfang auf ganzer Linie gescheitert ist, bitte einfach auf!

Mit deutlichem Gruß!

Der Nachtwächter
Nach Diktat verreist

PS: Und kommt jetzt ja nicht auf die Idee, irgendeinen „Dialog“ mit mir zu suchen. Ihr steht längst auf einer Seite, die mein Leben negiert. Und ich weiß das und will mit euch nichts zu tun haben. Aufdringliche Versuche der Kommunikation werde ich als Akt der Gewalt betrachten und behandeln.

Nachtrag:  Piratenpartei distanziert sich von den Äußerungen eines einzelnen Mitgliedes

Der Bundesvorstand der Piratenpartei fordert das Parteimitglied Bodo Thiesen dazu auf, sich eindeutig und endgültig von seinen fragwürdigen Äußerungen zum Holocaust zu distanzieren. Bereits im Juni 2008 hatte der Vorstand Thiesen dafür eine Verwarnung erteilt. Durch die erneut laut gewordene Kritik innerhalb der Partei sowie in der Blog- und Twittersphäre hält der Vorstand eine noch klarere und deutlichere Distanzierung für nötig. Sollte Bodo Thiesen dieser Aufforderung nicht binnen 24 Stunden nachkommen, wird der Bundesvorstand die entsprechenden Maßnahmen ergreifen. […]

Der Bundesvorstand erklärt daher im Namen der Piratenpartei:
„Wir erklären hiermit in Übereinstimmung mit der Satzung der Piratenpartei Deutschland, dass wir faschistische Bestrebungen jeder Art entschieden ablehnen.

Weiterhin erklären wir, dass wir den Holocaust als historische Tatsache ansehen und deren Relativierung oder Verharmlosung nicht dulden werden.  […]

Nachtrag ZweiBodo Thiesen / Stellungnahme persönliche Meinung vs. Parteimeinung

LUCiD TECHNOiD ElectroFunk Part 1

Unglaubliche Grooves

Die beiden Alben von Schickers Mind, die in diesem Mix verarbeitet wurden, waren einmal für mich so etwas wie die „Jamendo-Entdeckung“ des Jahres, verließen sie doch die allzu ausgetretenen Wege der populären elektronischen Musik und suchten ihr Heil in bedrückender, brachialer Dunkelheit, die einen oft um die Boxen fürchten ließ.

Niemals hätte ich geglaubt, dass sich aus diesem Material auch tanzbare und mitreißende Grooves bauen lassen könnten, zu sehr drängte sich die bedrückende Atmosphäre in den Vordergrund. Aber manchmal begegnet man auch etwas Unglaublichem. So auch in diesem recht langem, aber durch die hohe Variablität seines Materiales niemals langweilig werdendem Mix. Die fühlbare Finsternis des Ausgangsmateriales hat sich erhalten, aber sie ist aus ihrer bedrückenden Starre befreit worden, will etwas in Bewegung setzen. Und. Das gelingt ihr auch vortrefflich.

Aber „tanzbar“ bedeutet hier keine simpel gestrickten, linearen Rhythmen, wie sie für jene kommerziellen Spielarten des Techno der späten Neunziger Jahre so prägend wurden, die es als massenkompatible „Marschmusik für den Dritten Weltkrieg“ auch in die breiter rezipierten Medien schafften. Nein! Vielmehr weckt dieses „tanzbar“ Erinnerungen an die wirkliche Blütezeit des Techno; an dunkle, auf dem ersten Blick wenig zum Feiern geeignete Räumlichkeiten, an unbändige Experimente heute zumeist unbekannter Künstler, welche die Räume der synthetischer Klangfülle zu ekstatischen Mustern anzuordnen verstanden und an Stunden, die zum Exzess geraten konnten. Es ist etwas von jenem endlosen Tanz des Techno in diesem Mix, der über die karnevaleske Kommerzialisierung einer einst marginalen Szene der Neunziger Jahre schon längst verloren und vergessen schien. Und. Dies alles nicht ohne jeden Verzicht auf jene Dunkelheiten, die zum inhärenten Bestandteil des Lebens in den Gesellschaften der Jetztzeit geworden sind.

Dieser Mix ist wirklich gelungen. Und er ist. Unglaublich.

Freies Anhören und Downloaden des Albums ElectroFunc Part 1 bei LUCiD Mixing and Mastering

Warum funktioniert bei Jamendo eigentlich das automatische Bloggen meiner Rezensionen über XMLRPC nicht mehr? Na ja, es gibt ja eine Zwischenablage. Technik!

Nachtrag: Die Links auf Jamendo wurden gegen Links auf die Homepage von LUCiD Mixing and Mastering ersetzt.