Peter Falk als Columbo

Er konnte so überzeugend diesen wirklichen Scheißbullen spielen, der mit Pedanterie und Jagdinstinkt, geheuchelter Freundlichkeit, unerbittlicher Beharrlichkeit wegen jeder Kleinigkeit und gnadenloser Geduld ein zähes Netz um jemanden spannte, den er schon früh als Täter erkannte; immer mit schrottreifem Auto, schäbiger Kleidung und einer billigen Zigarre im Mund bewegte er sich durch die Parallelgesellschaft der Reichen und Schönen wie ein Elefant durch einen Porzellanladen; und wenn er sich dann endlich abwandte, um zu gehen, drehte er sich doch meist noch einmal um, denn „eine Frage“ hatte er noch — oh nein, es ging nicht nur mir beim „Inspektor Columbo“ so, dass ich Mitleid mit dem Mörder bekam…

Zumal die Spannung aller Columbo-Folgen auch gar nicht daher rührte, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer wohl der Mörder gewesen sein konnte, denn das war dem Zuschauer von Anfang an bekannt, er hats selbst gesehen, wurde einsamer Augenzeuge der meist unfassbaren Niedertracht und oft grenzenlosen Gier dieser Tat. Die Spannung kam aus dem sorgfältig komponierten Drama, in dem dieser Mörder in die Enge getrieben und schließlich gestellt wurde, in dem ihm fortschreitend noch die Luft zum Atmen genommen wurde, wenn diese sich so gern dumm stellende, ausgesprochen penetrante und unerbittliche Überich-Figur Columbo immer mehr Raum im Leben des Täters einnahm, ohne dass dabei eine Gegenwehr möglich war — und darin, wie der Täter sich doch immer wieder mit einem kleinen Hakenschlag Luft und Entlastung zu verschaffen suchte, obwohl er, wie jeder Zuschauer wissen musste, doch keine Chance bei solchem Versuche hatte.

Mit beinahe allen vertrauten Erzählformen des Kriminalromans hatte die Columbo-Reihe gebrochen. Wer zuschaute, wusste, was in den folgenden knapp neunzig Minuten geschehen wird, und doch verbreiteten diese Fernsehfilme keine Langeweile. Das lag nicht nur an ihrer für TV-Verhältnisse sehr aufwändigen Produktion, es lag vor allem an Peter Falk, der den Inspektor Columbo so spielte, dass man beim Zuschauen vergaß, es mit einer Fiktion zu tun zu haben. Und dieser Columbo machte in seinem ganzen Auftreten klar, dass hier nicht nur ein Mordfall zu klären ist, sondern dass diesem Fall ein gesellschaftlicher Konflikt übergeordnet ist. Keinen Hehl machte Columbo aus seiner Armut und seiner schlechten Entlohnung im Polizeidienst, offen und ohne einen Hauch von Scham sprach er davon, sich keine bessere Kleidung kaufen zu können und fragte manches Mal die Superreichen, in deren prachtvollen Villen und Kunstwelten er sich bewegte, wo man dieses oder jenes preisgünstig erwerben könne — er brauchte ja dringend ein paar neue Schuhe. Dieser Kontrast zu jenen gesellschaftlichen Schichten, die über solche existenziellen Sorgen weit erhoben sind, in denen Menschen aber dennoch aus einer unersättlichen Habgier morden, er hatte einen großen Anteil an der Faszination jeder Columbo-Folge. Dem Zuschauer, der sich diese Kriminalfilme anschaute und dessen Leben doch eher vom Arbeiten-Müssen und Mangel an Gütern geprägt war, wurde in der Gestalt Columbos ein tiefer Wunsch erfüllt: Die Leichen, die alle Besitzenden in ihren Kellern haben müssen, auszugraben und die Besitzenden dafür wie ein überlegener, eiskalt kalkulierender Rachegott zur Verantwortung zu ziehen, ohne dass es für sie ein Entrinnen vor der Gerechtigkeit gibt. Leider. Geschah das doch nur in der Fiktion — aber die Illusion war so gut, dass man sie sich gefallen ließ.

Ja, sie war so gut, dass ich über Columbo schreibe, weil Peter Falk gestorben ist.