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Spieglein, Spieglein an der Wand…

…nur mal so gefragt. Ich mein, Spieglein, du galtest doch einmal für etwas. Man hielt dich doch auch einmal für so einen richtigen Spiegel der Verhältnisse; für ein sorgsam erstelltes Werk, das über den trash des schon immer viel zu wenig entschleunigten Journalismus so weit erhaben war wie die gebende Sonne über den Schlamm am Boden des Tümpels. Und jetzt stehe ich vor dir, du Spieglein, du ehemaliges Nachrichtenmagazin, und ich schaue in dich hinein, wo du an unpassender Wand hängst, und das Gähnen des Abgrundes schaut aus dir von dieser Wand zurück:

Quelle des Screenshots: MySpace

Quelle des Screenshots: MySpace

Du willst dich also wirklich in etwas verwandeln, Spieglein an der klickerfrohen flickerbunten Wand, das sich Leute einfach so in ihre meist eh schon überfrachteten MySpace-Profile kleben? In der gleichen beiläufigen Geste, in der sie Bilder anderer User wie Briefmarken sammeln, um sie in die Sammelalben ihrer Profile zu pflastern. Und da sollen deine tollen Schlagzeilen dann mit den kirrebunten Widgets, den automatisch erschallenden Brüllflächen und den schon sinnlos in diesen Matsch geworfenen Videos um eine Aufmerksamkeit ringen, die sich dortens auf MySpace ungefähr so schnell verflüchtigt wie der zarte Duft eines guten Parfüms in einer Kloake. Das verstehst du wohl unter „Journalismus 2.0“, und wenn schon nicht du, heruntergekommenes Spieglein an der werbevollen Wand, so doch wenigstens jene, die du mit dem Marketing beauftragt hast und die dir deshalb sagen, wohin dein Weg in diese neuen Zeit führt; in die Zeit der lichteschnellen Flutschmedien, die so viele alte Medien obsolet machen wird, so sie sich nicht auf alte Werte besinnen können.

Weißt du, Spiegel, früher war doch einiges besser. Man las dich auf Papier, und viele — auch wir — hatten an der Wand ihrer Toilette noch einen Nagel, woran man unter anderem die von dir bestempelten toten Bäume hängen konnte. Auch, wenn das vom Effekt her einer klickrigen Wertschöpfung auf MySpace gleichkam, hatte es doch deutlich mehr Würde. Und. Es hatte auch deutlich mehr Nutzen für die Menschen. :mrgreen:

Freundesmultiplikation

Kaum etwas könnte ein beredteres Zeugnis von der Erosion an solchen Wörtern wie „Freundschaft“ und an solchen Symbolen wie der überkommenen Herzform im Zeitalter der social software ablegen, als diese eine Meldung…

Vervielfältige die Anzahl deiner Freunde, indem du deine Kontakte importierst

…mit der mich MySpace dazu auffordern will, die Anzahl meiner „Freunde“ durch einen einfachen, eher technischen Vorgang zu vervielfachen. Geht es vielleicht noch ein bisschen kälter?