Tag Archive: Mutter


„Mutti“

Dass es den Menschen in der BRD so leicht fällt, Bundeskanzlerin Angela Merkel spöttisch als „Mutti“ zu bezeichnen, ist ein Spiegelbild der gernverdrängten Tatsache, dass Mütter im Regelfall nicht für ihre Kinder da sind, die Entfaltung und jede Erfahrung ihrer Kinder mit willkürlicher Gewalt verhindern, ihren Kindern vorsätzlich Schaden zufügen und ihre Kinder niemals ernst nehmen — denn eines hat noch keine Mutter ihrem Kinde verziehen: Dass der Zwerg einfach wächst und ein richtiger Mensch wird. Die Menschenverachtung der Politik der „alternativlosen Mitte“ erscheint als eine natürliche Fortsetzung der grimmigen Nestkälte entvaterter Kinder; die wirtschaftlich so „wertvolle“ Entpolitisierung und Infantalisierung ganzer Gesellschaftsschichten setzt einfach nur fort, was früh schon begonnen wurde und sich mit vorbewusster Wirkmacht durch das Leben zieht.

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Auf zur mütterfreien Zone!

Als Mütter anfingen, Freundschaftsanfragen zu schicken, flüchteten die Jugendlichen von Facebook

Daniel Miller, Anthropologe

Hintergrundmusikwunsch

Jedesmal, wenn jemand — es ist recht häufig — Bundeskanzlerin Angela Merkel in hilflos gespielter Überlegenheit halbspöttisch als „Mutti“ bezeichnet, möchte ich in schmerzhafter Lautstärke „Mutter“ von Rammstein abspielen…

Tag der Kinderrechte

Und der Vorübergehende sagte zu seinem Begleiter, als sie an einer Mutter vorübergingen, die in aller Öffentlichkeit ihr Kind in sozial akzeptierter und als von ihr selbst und allen anderen selbstverständlich erachteter Weise verängstigte und misshandelte: „Dafür haben die Staaten einen ‚Internationalen Tag der Kinderrechte‘ eingeführt: Damit der rechtlose Zustand werdender Menschen während des Restes eines Jahres um so besser vergessen werden kann“.

Küken

Wenn der Vorübergehende des schönen, sonnigen Feiertages sieht, wie die Enten-, Gänse- und Schwanküken regelmäßig und selbstverständlich ihren Müttern folgen, und wenn er dann, nachdem er seinen Blick vom Wasser löste, sieht, wie die kleinen Menschenküken ebenfalls mit schöner Regelmäßigkeit vor ihren Müttern davonlaufen, dann ahnt er angesichts eines Verhaltens, das unter natürlichen Umständen des sicheren Tod des Kindes zur Folge hätte, was es mit der „Mutterliebe“ auf sich hat. Wie viele ernsthafte, wenn auch kraftlose Versuche des Selbstmordes doch niemals erkannt werden…

Die Neurosegarantie

Die Mutter, an der der Vorübergehende vorüberging; diese Mutter, die zu ihrem auf eine Pfütze zulaufenden Kinde eindringlich und in ernsthafter Schärfe sagte: „Pass auf, dass du dir die Gummistiefel nicht dreckig machst“ — eine ganze Ätiologie der Neurose sekundenhusch vorm Auge ausgebreitet…

Yoga

Er erzählte von den vielen problematischen Gesprächen mit seiner Mutter. Unter anderem erzählte er auch davon, was seine Mutter für einen Vorschlag machte, wie er mit seiner Heroinabhängigkeit umgehen sollte. Seine Mutter, so erzählte er, ist doch recht esoterisch in ihrer Herangehensweise an das Leben, und sie hat auch schon alles durch, was fernöstlich ist oder doch wenigstens so klingt. Wohl deshalb. Schlug sie ihm vor, er solle doch lieber Yoga machen und diese ganzen Zustände, die das Heroin beim ihm auslöst, ohne diese Droge erleben. Er sagte, er habe darauf nur den folgenden Vorschlag gemacht: „Wir machen das so: Ich probiere es einmal mit Yoga, und du drückst mal Schore“.

Todesanzeigen

Zeitgenossin: Du solltest in der Zeitung wenigstens die Todesanzeigen lesen! Deine Mutter könnte gestorben sein, und du wüsstest es gar nicht.

Nachtwächter: Meine Erzeugerin ist schon längst gestorben. Sie starb, als ich unter schwierig abzuschüttelnden Selbstmitleid einsehen musste, dass ich als Gespenst geboren bin, dass mein Leben etwas spukhaftes hat, und auch ebenso unerwünscht wie ein Spuk ist. Sie war schon tot, als sie an mir trug und mich gebar, um mich mit diesem Herzfrost, zu dem nur Weiber die Kälte haben dazu zu benutzen, einen Mann an sich zu binden, mit den Handschellen einer Hochzeit zu binden. Sie dokumentierte ihren Tod vor mir und vor den Augen der Welt, als sie mich wegwarf, nachdem dieser Plan in der Scheidung scheiterte; als sie mich, so gut sie konnte, postnatal abtrieb. Was hätte der biologische Tod dieses gefräßigen Fleisches den Tatsachen hinzuzufügen, was machte es für einen Unterschied, wenn endlich auch ein Leib so kalt und verrottet wäre, wie es die Seele immerschon war? Diese Tränen sind schon geweint. Der Abschied liegt hinter mir. Und. Der Kosmos ist meine Mutter geworden, und jeder, der fühlt und denkt, ist mit mir verwandt. Ich brauche keine Todesanzeigen, ich lasse die Toten ihre Toten begraben.

Kinder

Zeitgenossin: „Du kannst ja gar nicht mitreden. Du hast keine Kinder.“

Nachtwächter: „Aber ich war einmal Kind, und ich weiß noch genau, wie es war. Das du einmal Kind warst, scheinst du längst vergessen zu haben.“

Wurzelwort

Das schrecklichste Wort der deutschen Sprache ist — und jeder, der mit gebrochenen Menschen ernsthaft spricht, kann dies mit Leichtigkeit prüfen — das Wort „Mutter“. Mit keinem anderen Wort verbindet sich für die Sprecheneden so viel Ausgeliefert-Sein, so viel hilflos ertragene Demütigung, so viel erlebte Gleichgültigkeit, so viel schamlos zugesprochene Lüge, so viel leichtherziger Verrat und so viel Unfähigkeit, für die erlittene Misshandlung wenigstens einen wirksamen Hass zu empfinden. Alles andere Getue um dieses Wort, alles staatliche Schützen und Fordern von Ansehen und Vergötzen von Mutteridealen, es dient nur der kollektiven Verdrängung — und der lebenslangen Fortsetzung des individuellen Zerbruchs, der wahren Wurzel des Staates.

R., ich wollte, ich könnte so sprechen, dass du fühlst!

Von der Mutter gezeichnet

Ich kann den Eindruck einfach nicht abschütteln, dass der wichtigste Grund für den großen wirtschaftlichen Erfolg und anhaltenden, zeitlos anmutenden Kultstatus der Disney-Filme in im europäischen und US-amerikanischen Kulturkreis darin liegt, dass in beinahe jedem dieser abendfüllenden Zeichentrickfilme vom Fließband für synthetische Träume entweder zum Beginn des Hauptstranges der Handlung die Mutter des infantil gehaltenen Hauptdarstellers (oft grausam und gewaltsam) stirbt, dass sie schon vor Beginn der Handlung tot ist oder dass der werdende Held auf andere Weise von seiner Mutter getrennt wird. Somit führen diese Filme die Kinder (und auch die erwachsen gewordenen Kinder) in der Tat in eine bessere, magische Welt, in der ihre Wünsche Wirklichkeit werden…

Zugegeben: Pinocchio (1940) hat gar nicht erst eine Mutter, sondern nur einen „Vater“; vielleicht ist das noch besser, vielleicht erschwert es aber auch die psychische Identifikation. Alice im Wunderland hingegen (1950) war ein Flop, von dem Disney sagte, dass er zwar den Intellekt anspräche, nicht aber das Herz.