Tag Archive: Monströses


Secrets of Beauty

Eine Werbung an einem hannöverschen Schaufenster: Ein monströs großes Fraugesicht mit photoshopretuschierter Haut und intensiv pinkfarbenen Lippen

Etwa achtzig Prozent dessen, was professionell lügende Werber den Frauen als „Schönheit“ verkaufen, nachdem sie ihnen allgegenwärtige, kaltentmenschte Ideale in die Augen und die Psychen stellen, lässt sich durch Anwendung eines feuchten Lappens entfernen. Der Rest benötigt zum Entfernen zuweilen Psychotherapie.

Zwölf Jahre später

Ruine des niederländischen Pavillions der EXPO 2000 in Hannover

Die baufrische, seit Jahren ungenutzte, vor sich hin verfallende Ruine des niederländischen Pavillions der EXPO 2000 zu Hannover erinnert jeden Vorübergehenden daran, was von den großen, teuren und sinnlosen Projekten aus dem Herzen der classe politique übrigbleibt: Monströser, unansehnlicher Müll, bei dem sogar die Beseitigung zu teuer käme.

Da biegt sich sogar die Leine

[…] ‚Vorwärts nach weit‘. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermessliche.

Kurt Schwitters

Lange Zeit stand auf den Straßenbahnen und Bussen des hannöverschen Nahverkehrsunternehmers üstra der Werbespruch „Steigen Sie ein, die Richtung stimmt.“ Hauptsache, es geht vorwärts und nach weit in Hannover, auf Richtungen wird da eher weniger geachtet. So auch bei der heutigen Geschichte aus der unterschätzten Stadt.

Hannover ist ja schon mit einem künstlichen See ausgestattet, der alles in allem gut von den Menschen angenommen wird. Trotz gewisser Schwierigkeiten beim Umgang mit der Vergangenheit dieses Bauwerkes, der zuweilen auch zu lächerlichen Wortfindungsstörungen führt.

Der Maschsee ist jedoch nichts gegen das, was einige manifest Größenwahnsinnige im wahnwarmen Brutschrank ihres Hirnes als Beglückungsidee für Hannover heranreifen ließen und hervorzubringen beabsichtigen. Was diese Leute haben wollen, ist die zwölffache Monstrosität des hitlerschen Denkmales zwischen Südstadt und Leine.

Bis heute abend hätte ich beim Wort „Leine-Bogen“ nur an einen Mäander der trüben, braunen Fluten gedacht. Wenn ich gemerkt hätte, dass das nicht die zutreffende Deutung ist, denn hätte ich als nächstes an eine interessant gestaltete Brücke gedacht. Ein gewisser Michael Beck, der als Chef des „Standortentwicklungsprojektes“ Hannover-Holding gerufen wird, denkt beim Wort „Leine-Bogen“ freilich an etwas ganz anderes: An einen riesigen künstlichen See in den Leineauen, der den ganzen Bereich von Leinhausen über Stöcken bis hinaus nach Garbsen von den benachbarten Orten Letter und Seelze abtrennt. Oder, um es mit den Worten solcher größenwahnsinnigen großen Planer und Plattmacher zu sagen:

Hannover hat jetzt schon einen Ruf als Stadt im Grünen mit hohem Freizeitwert — dieses Projekt würde den Schwerpunkt ungemein fördern

Sicher, die Stadt im Grünen wird doch gleich viel mehr zu einer Stadt im Grünen, wenn eine große, zusammenhängende Grünfläche unter den Wassern eines freizeitwertigen künstlichen Sees verschwindet. Zumal diese große, zusammenhängende Grünfläche auch noch ein Landschaftsschutzgebiet ist, in dem der weniger auf Freizeitwert bedachte Hannoveraner allerlei Dinge sehen und erleben kann, die andernorts in der „Stadt im Grünen“ nicht mehr so sichtbar und erlebbar sind. Etwa Greifvögel wie den Eichelhäher, der sich aus den stets feuchten und nur als Weidefläche genutzten Wiesen sein tägliches Brot holt. Oder auch mal einen scheuen Eisvogel, bei dessen unerwarteten Anblick man erschrickt, weil man derart farbenfrohe Vöglein gar nicht erwartet. Oder auch mal ein paar Frösche, Kröten und andere Reptilien oder auch hübsche große Libellen. Auch die Störche sind sonst kein so alltäglicher Anblick in Hannover. Dass jedes Kind in der näheren Umgebung dieses Gebietes genau und aus eigener Anschauung weiß, dass Kühe nicht lila sind, ist ein ebenfalls erfreulicher Nebeneffekt der Nutzung als Weidegebiet. Das einzige, was nach der Flutung des ganzen Bereiches — wahrscheinlich wohl durch eine Stauung der Leine — von dieser lebendigen Vielfalt bleiben wird, sind die zahlreichen und stets durstigen Mücken.

Dass es sich ferner um den mit Abstand schönsten Fuß- oder Radweg von Stöcken nach Letter oder Ahlem handelt, und dass etliche Menschen auch im jetzigen Zustand dieses (übrigens durch EU-Recht geschützten) Landschaftsschutzgebietes auch schon einen erheblichen und gern angenommenen „Freizeitwert“ sehen — so ein Wort kann sich nur jemand ausdenken, der sich von gewöhnlicher Sprache und den Menschen, die gewöhnliche Sprache sprechen, längst vollständig emanzipiert hat — und diesen an jedem hübschen Tag wahrnehmen, kann die Größe solcher Pläne auch nicht aufhalten. Dass Teile dieses Gebietes im Rahmen eines EXPO-Projektes — wir erinnern uns an das Jahr 2000 und das Motto „Mensch Natur Technik“ — gezielt in einen naturnahen Zustand zurückversetzt wurden, ist ebenfalls unwichtig. Jetzt wird dort Hannover gemacht, es erschalle laut im Namen der „Standortentwicklung“ der Ruf an den Baggerfahrer! Lasst uns ein Loch graben, ein großes, tiefes Loch, denn Erdaushubarbeiten sind schon immer ein besonderes Steckenpferd dieser Stadt gewesen! Der Mensch zerstört die Natur mit Hilfe der Technik.

Ach ja, die EXPO. Hannover hat ja durchaus Erfahrung mit großen Projekten. Ich zitiere hierzu einmal auszugsweise die Meldung der Tagesschau vom 11. Dezember 2001 (wegen der auf Bestreben der Verleger-Lobby gesetzlich erzwungenen Löschung der Inhalte der Tagesschau-Website kann ich den zitierten Text leider nicht verlinken):

Der Bundesrechnungshof ist mit der Gechäftsführung der Weltausstellung „EXPO 2000“ in Hannover offenbar hart ins Gericht gegangen. Nach Informationen mehrerer Tageszeitungen üben die Prüfer scharfe Kritik an der Geschäftsführung. Das Defizit der EXPO liege bei insgesamt 2,1 Milliarden Mark. […]

Verursacht habe das Milliardenloch die „unfähige Geschäftsführung“, soll es in dem Bericht heißen. Die ersten vier Geschäftsführer mit Verträgen von 1994 bis 2000 seien trotz „unzureichender Leistungen“ mit Abfindungen von insgesamt 1,9 Millionen Mark nach elf bis 19 Monaten wieder entlassen worden. […]

Die EXPO-Geschäftsführung habe es noch im April 2000 trotz zurückhaltender Einschätzung externer Berater unterlassen, geringere Einnahmen aus dem Eintrittskartenverkauf einzusetzen […] Eine „erhebliche Fehleinschätzung der Besucherattraktivität“ sei der Grund gewesen, werde in dem Bericht kritisiert.

Na, so eine Fehleinschätzung irgendeiner Attraktivität wird bei diesem Projekt wohl nicht aufkommen…

Und damit es beim hannöverschen Streben „Abwärts nach tief“ auch so richtig tolle wird, kann man in dem wie gewohnt eher etwas hingeschmierten und das Wesentliche verschweigenden Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung noch ein paar Andeutungen ohne weitere Erläuterung lesen. Zum Beispiel die Andeutung, dass dabei 10.000 Wohnungen gebaut werden sollen, die gewiss nicht unter Wasser liegen werden. Oder auch die Andeutung, dass möglicherweise Uferbereiche privatisiert werden, wohl auch, um dort den Freizeitwert zu erhöhen. Das klänge ja gar nicht mehr so gut, wenn solche Andeutungen deutlich würden und damit zur Deutung aufreizten, deshalb bleibt die Milliardärspresse aus dem Hause Madsack auch bei den Andeutungen.

Diese ganzen kleinen Problemchen solchen das idiotische ehrgeizige Projekt doch nicht aufhalten. Und bald schon soll es so aussehen:

Eine mit Google Earth erstellte Impression der überfluteten Grünflächen!

In dieser mit Hilfe von Google Earth erstellten Impression der Pläne bitte ich um den Vergleich mit den Herrenhäuser Gärten, die auf der rechten Seite des Bildes sichtbar sind. Wer dort einmal durchgegangen ist, bekommt einen ungefähren Eindruck von der beabsichtigten Größenordnung.

Die Typen, die sich derartige Projekte ausdenken, wissen übrigens genau, dass jeder vernunftbegabte Mensch angesichts ihres Wahns den Kopf schütteln würde. Oder, um es im Verlautbarungston dieser Standortentwickler zu sagen, der gewohnt und gewöhnlich beflissen von der Presse wiedergegeben wird:

„Ein kleiner Kreis von Engagierten hat sich große Mühe gegeben, ein qualifiziertes Projekt zu entwickeln“, sagt Michael Beck, Chef des Standortentwicklungsprojekts Hannover-Holding […] Die Macher hatten gehofft, die Pläne noch einige Monate intern diskutieren zu können. „Wir wollen dicke Bretter bohren“, sagt Beck. Er habe „Sorge, dass jetzt wieder alles zerredet wird“.

Denn schließlich hat sich bei diesen forschen Standortentwicklern nicht nur die Sprache von den gewöhnlichen Menschen emanzipiert. Die wollten auch in aller Ruhe ihre Pläne machen und die Leute vor möglichst vollendete Tatsachen stellen, ohne dass da etwas „zerredet“ werden kann. Oh, könnte man es doch nur „zerreden“, ich hielte gar nicht mehr meinen Mund! Leider wird es mit Worten nicht getan sein, um die Manifestation der feuchten Träume dieses lichtscheuen Gesindels in der Realität zu verhindern. Dem werten Herrn Beck und dem anderen Geschmeiß, dass hier aus einem schönen Fleck öffentlichen und halbwegs natürlichen Hannovers unter hohem Aufwand eine kommerziell optimierbare Freizeitkunstwelt machen will, lege ich hingegen nahe, sich lieber um die Stadtentwicklung Venedigs zu kümmern.

Lobotomie

Die Psychochirurgie erreicht ihre Erfolge, indem sie die Phantasie zerschmettert, die Gefühle abstumpft, das abstrakte Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum erschafft.

Walter Freeman, Psychiater, über seine eigene Arbeit

Wer wissen will, was die so genannten „Menschenrechte“ und das Gefasel von der so genannten „menschlichen Würde“ in irgendwelchen Sonntagsreden wert sind, der braucht sich nur anzuschauen, wie unverbindlich derartige Werte dort werden, wo sich Menschen nicht mehr verwirtschaften lassen und keinen Widerstand gegen das zu leisten vermögen, was ihnen zwangsweise widerfahren gemacht wird.

Das heute vielen jüngeren Menschen eher unbekannte Wort „Lobotomie“ bezeichnet einen chirurgischen Eingriff in das Gehirn eines Menschen, bei dem die Nervenbahnen zwischen dem Thalamus und dem Stirnhirn zusammen mit Teilen der grauen Substanz zerstört werden. Bei diesem gleichermaßen recht schnell und einfach durchzuführenden und auf andererseits irreversibel tiefen Eingriff kommt es zu einer Veränderung der Persönlichkeit bei gleichzeitiger Vernichtung der Emotionalität und jeglichen Antriebes. Das Verfahren wird heute nicht mehr angewendet. (Denn es gibt heute andere, reversiblere Verfahren mit einem ähnlichen Effekt, aber dazu später etwas mehr.) Als jedoch in den 1940er Jahren der Psychiater und Leiter der Psychiatrischen Klinik zu Washington D.C., Walter Freeman, ein einfach anzuwendendes chirurgisches Verfahren für die Lobotomie entwickelte, da wurde dieses zu einer Standardtechnik der Psychiatrie, das bis zur Mitte der 1950er Jahre vor allem in den englischsprachigen Staaten, aber auch in vielen anderen Staaten sehr häufig an solchen Menschen durchgeführt wurde, die man für psychisch krank hielt. Es wird geschätzt, dass das Freeman-Verfahren weltweit an einer Million Menschen angewendet wurde — genaue Daten sind nicht ermittelbar, weil sie niemals erfasst wurden.

Dies ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass es infolge der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges mit seinen psychischen Traumatisierungen zu einem plötzlichen Anstieg psychischer Erkrankungen kam, die damals nicht medizinisch behandelt werden konnten. Die übliche „Behandlung“ bestand darin, dass die Patienten zwangsweise aus der menschlichen Gemeinschaft herausgenommen, weggesperrt, in engen Zimmern zusammengepfercht wurden und Elektroschocks erhielten.

Als der Yale-Absolvent Walter Freeman aus durchaus humanitären Gründen nach einer Therapie für diese medizinischen „Fälle“ suchte, stieß er auf eine Arbeit des portugiesischen Arztes Egaz Moniz, der für seine darin dargelegte Idee und die Entwicklung eines ersten Verfahrens übrigens im Jahre 1949 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam, und der in ebendieser Arbeit die Auffassung vertrat, dass man viele psychische Krankheiten heilen könnte, indem man im Gehirn die Nervenstränge vom Stirnlappen zum Thalamus durchtrennt. Offenbar war die Zeit für diese Form der „Behandlung“ psychischer Krankheiten so „reif“, dass es jahrzehntelang niemandem auffiel, dass es keine Studien über die Wirksamkeit und mögliche unerwünschte Wirkungen eines solchen Verfahrens gab.

Die besondere Leistung Freemans bestand darin, ein sehr einfach anzuwendendes Verfahren zur Durchführung dieses Eingriffes zu finden und dieses Verfahren zu propagieren und in mehreren tausend Fällen selbst anzuwenden. Das Propagieren Freemans war dermaßen beflissen, dass er Operationen nach dem Freeman-Verfahren in Hörsälen und sogar im Fernsehen vorführte, um seine „optimale Behandlungsform“ zu demonstrieren und mit einem Wohnwagen, den er als „Lobomobil“ bezeichnete, von Klinik zu Klinik fuhr, um dort zu „operieren“ und sein Verfahren zu lehren. Das Verfahren war in seiner Durchführung dermaßen einfach, dass Freeman zwei Dutzend Menschen am Tag lobotomieren konnte. Dieses offensive Auftreten führte dazu, dass die damaligen Zeitungen voll mit den Berichten über die „Wunderheilungen“ Freemans waren — offenbar deckte sich der „Erfolg“ der Freeman-Methode mit den Vorstellungen und Wünschen jener Menschen, die ihre verquarzte Gedankenwelt mittels einer Rotationsmaschine auf tote Bäume stempeln konnten und können und so zur Deinung der Massen machen konnten und können.

Beim Freeman-Verfahren der Lobotomie wird keine spezielle neurochirurgische Qualifikation benötigt. Auch die erforderlichen Instrumente sind preisgünstig und stellen keine besonderen Anforderungen an ihre Fertigung; Freeman verwendete anfangs einen Eispickel, später ein speziell gefertigtes Instrument, das einem Eispickel nachempfunden war. Dieses Instrument, welches man in solcher Verwendung eher in einer mittelalterlichen Folterkammer als in einen Operationsaal vermuten würde, wurde unter meist lokaler Anästhesie am Auge vorbei geführt, um mit einem leichten Stoß den dünnen Knochen im oberen Bereich der Augenhöhle zu durchstoßen und so in das Innere des Schädels, in das Gehirn eingeführt werden zu können. Hierzu musste nur ein Augenlid angehoben werden, um die Spitze des „chirurgischen Instrumentes“ am Auge vorbeiführen zu können. War auf diese Weise der Weg in das Gehirn gebahnt, so wurde nach dem Erreichen einer vom Arzt subjektiv bewerteten, „richtigen“ Eindringtiefe durch strokelnde, rotierende Bewegungen der „kranke“ Teil des Gehirnes zerstört. Dieser Eingriff war nicht nur so einfach, dass er auch von Menschen ohne chirurgische Ausbildung ausgeführt werden konnte und auch ausgeführt wurde, er galt überdem als besonders schonend, musste doch nicht eigens der Schädel von oben geöffnet werden. Es blieb nicht einmal eine Narbe zurück, nur ein Bluterguss am Auge legte für einige Wochen Zeugnis davon ab, dass ein Eingriff in das Gehirn vorgenommen wurde. Und. Natürlich auch die irreversibel vernichtete Persönlichkeit des so „operierten“ Menschen.

Kaum war ein solches, billig, einfach und am Fließband anzuwendendes Verfahren verfügbar, schon fanden sich auch viele „Krankheiten“, die damit „behandelt“ werden konnten. Mit einer Lobotomie wurden immer wieder auch ganz bestimmte „Krankheiten“ „geheilt“, wie etwa Kommunismus, Homosexualität, „asoziales Verhalten“ oder auch einfach nur eine Unwilligkeit oder Unfähigkeit, den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen Genüge zu tun. In der Tat lösten sich diese „Krankheiten“ oft in Nichts auf, wenn aus einer lebhaften Persönlichkeit ein emotionsloser, sedierter und zu keiner eigenen Lebensäußerung mehr fähiger Funktionsmensch gemacht wurde. Und auf die gleiche Weise lösten sich auch alljene Krankheiten auf, die man heute noch als Krankheiten bezeichnen würde, etwa bestimmte Formen der Depression, Zwangsstörung und des posttraumatischen Belastungssyndroms. Sie verschwanden einfach zusammen mit der erkrankten Persönlichkeit, während die entkernte Hülle eines Menschen als noch verwertbares Formfleisch zurückblieb. Dass die so behandelten Menschen nicht gerade um Erlaubnis befragt wurden, sondern durch die Verfügung anderer Menschen der als Wissenschaft und Medizin getarnten Barbarei überantwortet wurden, versteht sich von selbst. Niemand, der noch bei Troste ist, lässt das. Mit sich machen.

Über ein Jahrzehnt lang konnte Walter Freeman seine Methode der Lobotomie anwenden und lehren, ohne dass es von medizinischer Seite, von staatlicher Seite oder von der Journaille und anderen Massenmedien zu einem Versuch kam, ihn daran zu hindern. Es gab keine Studien über die Erfolge und mögliche unerwünschte Auswirkungen des Verfahrens, nur subjektiv gefärbte Erfolgsberichte, die vor allem von Befürwortern und Praktizierenden der Lobotomie gesammelt wurden; es gab keine Spur von einer Wissenschaft, die diesen Namen verdient hätte. Es war einfach nur barbarische Willkür, ein am Fließband betriebener Mord am Kern der Persönlichkeit mit der Absicht, den Körper dabei möglichst in einem eher mechanischen Sinn lebendig, also weiterhin funktionsfähig und verwertbar zu halten.

Das eingangs gegebene Zitat Freemans ist übrigens frei von jeder Selbstkritik, er hat seine „medizinischen“ „Erfolge“ wirklich so gesehen, wie sie waren. Und. Genau in dieser Form für gut befunden.

Die massenhafte Lobotomie hörte erst in der Mitte der 1950er Jahre auf, als mit dem Neuroleptikum Chlorpromazin unter dem Markennamen Thorazine das erste wirksame Psychopharmakon in den USA verfügbar wurde — und seitdem werden hinter den Mauern, an denen die so genannten „Grundrechte“ enden, in den psychiatrischen Kliniken, auch immer wieder schwer in den Stoffwechsel des Gehirnes eingreifende Medikamente verabreicht, um Menschen auf diese Weise sediert und gefügig zu halten. Es ist bitter, dass man diesen Medikamentenmissbrauch durch Ärzte als einen Fortschritt betrachten muss, wenn man nur ein paar Jahrzehnte zurückschaut.

Doch auch nach der Erfindung der Psychopharmaka wurde von US-amerikanischen Ärzten immer wieder die Lobotomie als eine günstige „Lösung“ bestimmter Probleme vorgeschlagen.

Als es im Jahre 1967 in Detroit (Michigan) nicht nur das Henry-Ford-Museum, das Labor von Thomas Edison und die alte Werkstatt der Gebrüder Wright gab, sondern auch vorübergehende, aber schwere Rassenunruhen, da wurde im Journal of the American Medical Association ein Leserbrief der nicht nur am Kittel weißen Harvard-Autoren V. Mark, F. Ervin und W. Sweet abgedruckt. Diese sahen eine „fokale Gehirnstörung“ als Ursache der Ausstände, und um weitere Unruhen zu verhindern, sollte es nach Meinung dieser Ärzte völlig ausreichen, diese „Ursache“ operativ zu entfernen. Zwei dieser Autoren, Mark und Ervin, veröffentlichten im Jahre 1970 ihr Buch Violence and the Brain, in welchem sie die Lobotomie als final solution (!) für das Gewaltproblem vorschlugen, zum Beispiel zur Behandlung von Häftlingen, die sich nicht resozialisieren lassen. Auch, wenn dies nicht explizit erwähnt wurde, ist wohl nicht davon auszugehen, dass nach Meinung dieser ganz besonderen Menschenfreunde die so zu verkrüppelnden Menschen vorher um Erlaubnis gefragt werden sollten. Wo die Humanität das ärztliche Eingreifen erfordert, muss der von solchen Ideen besessene Arzt eben tätig und tätlich werden — das ist, um es mit den Worten des Psychiaters L. G. West zu dieser faschistoiden Idee zu sagen, eben ein „biosozialer Humanismus“. Später wurden solche „Argumentationen“ — dem sich ändernden Zeitgeist entsprechend — noch um wirtschaftliche Betrachtungen angereichert; als etwa im Jahre 1979 der Psychiater H. Brown die Lobotomie zur „Rehabilitation“ jugendlicher Straftäter empfahl, da wurde dieser Vorschlag unter besonderer Betrachtung der Tatsache diskutiert, dass eine solche „Wiedereingliederung in die Gesellschaft“ doch mit einem Aufwand von 6.000 Dollar wesentlich kostengünstiger sei als eine lebenslange „Verwahrung“, die im Schnitt 100.000 Dollar kostet.

Wer angesichts dieses Rückblickes glaubt, dass die heutige Medizin frei von Barbarei sei, ist ein Traumtänzer — wie kommenden Generationen die jetzigen Zustände in der so genannten „Pflege“; in der (meist nicht stattfindenden) Palliativmedizin bei Sterbenden, die sich darauf beschränkt, die Menschen in ihrem angstvollen und ungelindert schmerzhaften Verrecken bis zum letzten Atemzug zu verwirtschaften; oder auch immer noch in der Psychiatrie erscheinen werden, das kann man heute schon sehen, wenn man einfach nur hinschaut.

Was es wohl bedeuten mag, dass nach einem Bericht des „Spiegel“ (im Artikel „Abschied vom Kettenhemd“ der Ausgabe 52/2002) die meisten Ärzte ihren Verwandten keine hochpotenten Neuroleptika verordnen würden, kann sich jeder selbst denken; vielleicht hilft solches Denken auch, anderen ärztlichen Verordnungen gegenüber angemessen kritisch zu sein und sich stets selbst zu informieren. Dass es zur Wirkungsweise von Neuroleptika kaum Grundlagenforschung gibt und dass zudem beinahe die gesamte Forschung ausschließlich durch die Hersteller der Medikamente finanziert wird, erinnert angesichts der breiten Anwendung dieser Medikamente alarmierend genug an den „wissenschaftlichen“ Hintergrund bei der massenhaften Durchführung der Lobotomie.

Und wer wirklich glaubt, dass die so genannten „Menschenrechte“ auch für jene Menschen eine Bedeutung und Wirksamkeit hätten, die unter der direkten oder — wegen existenzieller wirtschaftlicher Abhängigkeit — mittelbaren Verfügungsgewalt anderer Menschen stehen, sollte einmal nachschauen, ob er nicht zwischendurch selbst das Opfer einer Lobotomie geworden ist. Das zeitgemäße Verfahren der „Lobotomie durch Fernsehen und Massenmedien“ scheint — wie ich immer wieder bei meinen Zeitgenossen feststellen muss — von verheerender Wirksamkeit zu sein.

Die furchtlosen Heuchler

Das 5. Kapitel (Apostelgeschichte) Ein Mann aber mit Namen Ananias samt seiner Frau Saphira verkaufte einen Acker und entwendete etwas vom Gelde mit Wissen seiner Frau und brachte einen Teil und legte es zu der Apostel Füßen. Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, daß du den heiligen Geist belögest und entwendetest etwas vom Gelde des Ackers? Hättest du ihn doch wohl mögen behalten, da du ihn hattest; und da er verkauft war, war es auch in deiner Gewalt. Warum hast du dir solches in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen. Ala Ananias aber diese Worte hörte, fiel er nieder und gab den Geist auf. Und es kam eine große Furcht über alle, die dies hörten.

Man merkt es den großen christlichen Kirchen in der BR Deutschland an, dass da schon lange keine „große Furcht“ mehr ist, dass sie genau wissen, dass „ihr“ Gott nicht mehr auf Heuchelei und Lüge reagiert, indem er die Heuchler und Lügner einfach vor versammelter Gemeinde bloßstellt und effektvoll mordet. Dies mag widerspiegeln, dass diese Kirchen sich längst den Satan zum Gotte erkoren haben, oder doch wenigstens seinen glitzergüldnen Bastardsohn, den Mammon.

Die nützliche und kleinhaltende Todesangst vor Gott ist für die Anderen, nicht für die kirchlichen Heuchler und ihr Geschäft.

Wenn der Vorübergehende sein schattenhaft dünstelndes Dasein durch die dröhnvolle Stadt schleppt, muss er an vielen Schaufenstern vorübergehen, in denen sich kirchliche und kirchennahe Organisationen mit Hilfe der Schergen Satans, der bildbunten Brut der Werber, zur Schau stellen. In diesen zur Schau stellenden Fenstern warmgetünchter Hochglanz von glücklichen Alten und Kranken, fotografiert durch den Lächelfilter der Reklamelüge, und zu diesen Bildern kurze, hehre Wortfetzen von Pflege und Geborgenheit, zu stanzen einen Eindruck von sozialem Engagement im Kopfe der weniger Bewussten.

Niemand soll sich darüber verwundern, dass es diese Läden erst gibt, seit die so genannte „Pflegeversicherung“ aus solchem Tun einen guten deal gemacht hat. Nein! Engagiert und „sozial“ soll es aussehen, was da getrieben wird, wie ein Akt selbstloser Liebe.

Das sieht der Vorübergehende und spürt den unwiderstehlichen Reiz und würde sich zur Erleichterung zu gern erbrechen, wenn er doch nur etwas im Magen hätte. Denn er kennt die andere Seite, die nicht so glänzt, er weiß aus persönlichen Gesprächen von flugs angelernten Menschen, die sich in erzwungener, staatlicher Hartz-IV-Elendsarbeit für einen Nichtlohn in der so genannten „Pflege“ verschleißen müssen, damit auch ja der Profit stimme, er hat die ausgebildeten Schwestern kennengelernt, die einen befristeten Vertrag als Hilfsschwester nach dem anderen kriegen, immer mit dem mündlich gegebenen Versprechen einer anschließenden Übernahme in einer festen Anstellung und so knebelnd gehalten, dass sie sich noch krank zur unterbezahlten Maloche schleppen müssen, um ja nicht kurzfristig gekündigt zu werden und vor dem völligen persönlichen Nichts zu stehen. Er weiß von ständiger Verfügbarkeit, Einsparungen am Personal, selbstverständlich erwarteten, unbezahlten Überstunden und der völligen Unmöglichkeit einer persönlichen Lebensplanung im Zustand der totalen Ausbeutung und der täglichen, telefonischen Abrufbarket, die selbst noch im „Urlaub“ erwartet wird. Er hat mit diesen vom christlichen Pflegemoloch zu Material gemachten Menschen zu viele Tränen geweint, um angesichts des Zynismus und der werbenden Kälte dieses lichtscheuen Gesindels keinen Ekel zu empfinden. Und. Er ist sich sicher, dass auch die „Pflegefälle“ wie Material behandelt werden, weil es in diesem ganzen, asozialen Treiben der Kirchen und ihrer Geschäftsstellen nur auf eines ankommt: Auf den Reibach.

Und dies alles wissend findet der Vorübergehende es schon manchmal sehr schade, dass die zynischen, geldgeilen, pfäffischen Heuchler ohne jeglichen Respekt vor den missbrauchten Menschen nicht einfach wie in gewissen biblischen Berichten tot umkippen.

 

Quelle des Scans: Die Bibel, Apostelgeschichte, 5. Kapitel, Verse 1 bis 5, revidierte Luther-Übersetzung von 1956. Sorry für den heute schwer lesbaren Fraktursatz, aber ich habe gerade keine andere Bibel zur Hand — zudem zeigt dieses Schriftbild trefflich, wie obsolet dieses Buch im institutionalisierten Christentum wirklich ist. Mit Gruß an I. und C.

Der Anfang der Pest

Der damalige französische König Philipp VI. beauftragte im Jahre 1348 die medizinische Fakultät von Paris mit einer Untersuchung, festzustellen, welches die Ursache dieser schrecklichen Pestepidemie sei, die aus der Moderne rückblickend der „Schwarze Tod“ genannt werden sollte. Die zu Paris „forschenden“ Mediziner hatten sich offenbar nicht so sehr mit Medizin befasst, und deshalb hatten sie auch nicht versucht, den Weg und die Geschwindigkeit der Ausbreitung der Krankheit aus einer Vielzahl vorliegender Berichte zu untersuchen, damit sich auch ja nicht ihre Augen öffneten und sie die Wiederentdeckung machten, dass es Infektionskrankheiten gibt. Statt dessen betrieben sie das, was sie für Wissenschaft hielten. Und. Nach sicherlich langwierigem und angestrengtem Schauen in viele Tabellen und nach Anfertigung etlicher Diagramme, die dieses umfangreiche Datenmaterial aufschließen sollten, kamen die hochgeehrten Herren Doktoren schließlich zu dem folgendem, sehr präzise formulierten Ergebnis: Die Pest wurde am 20. März 1345 ausgelöst, und zwar durch eine ungünstige Konstellation der Planeten Mars, Jupiter und Saturn.

Diese Erklärung wurde in ganz Europa als die wissenschaftlichste angesehen und in jede europäische Sprache mit einer nennenswerten Sprecherzahl übersetzt. Irgendwelche hygienischen Maßnahmen folgten aus ihr nicht, und so konnte das große Sterben in Europa weitergehen, bis ein gutes Drittel der damals lebenden Menschen verreckt war und sich die Epidemie „biologisch erledigte“ — gegen die Planeten kann man ja nichts machen.

Inzwischen ist die Medizin in ihren Erkenntnissen und Methoden doch etwas weiter, auch sehr zum Vorteil aller Menschen, die sich mit Krankheiten und Medizinern herumschlagen müssen. Allerdings scheinen sich die meisten Universitäten in Europa und in den USA noch nicht im wünschenswerten Maß vom irrationalen Bullshit und wissenschaftlich verpacktem Hokuspokus abgekehrt zu haben, denn sonst würden dort nicht mehr diese so genannten „Wirtschaftswissenschaften“ gelehrt, deren Vertreter immer wieder zu vergleichbar unsinnigen Urteilen wie die oben beschriebenen Mediziner kommen. Und. Dies wegen des politischen Einflusses dieser Wisschenschaft sehr zum Schaden aller davon betroffenen Menschen.

Das unverstandene Netz

Incivile est eum salutare, qui reddit urinam aut alvum exonerat […]

Erasmus von Rotterdam

Bei den älteren Medien, die ihre heutige Meinungsvormacht weniger den heute so oft als Reklame erwähnten qualitativen Vorzügen und mehr einem früheren Oligopol verdanken, das über die Produktionsanlagen zum massenhaften Bestempeln toter Bäume mit Meldungen und Werbung verfügte, scheint niemand das Internet so recht zu verstehen. Vor allem scheint dort niemand zu verstehen, dass das Internet nicht einfach nur ein weiterer Vertriebskanal ist, wie es bei bisherigen zentral organisierten Medien wie dem Rundfunk der Fall war; dass es deutlich mehr ist, als einfach nur eine weitere Möglichkeit, die vertraute Struktur der Kommunikation mit neuer, aber in ihrem Einbahnstraßencharakter vertrauter Technik fortzusetzen.

Die heutigen Erben der alten Oligogarchen haben sich offenbar noch gar nicht das wirkliche Internet angeschaut, in dem sich jeder Mensch mit relativ geringem Aufwand — und inzwischen auch mit nur noch geringen technischen Kenntnissen — eine Stimme für seine Lebenswirklichkeit verschaffen kann, deren Außenwirkung über die alzheimersche Unverbindlichkeit der Stammtische und den engen Kreis von persönlichen Freunden hinaus geht. Die Vorstellung, dass es auf einmal der einst so wichtigen und machtverleihenden Produktionsmittel gar nicht mehr bedarf, um sich öffentlich vernehmbar zu äußern, sie muss sehr fremd für die Vertreter der althergebrachten Medien sein, so fremd, dass sie dieser Vorstellung niemals Rechnung tragen, dass sie ihre Internetarbeit nicht so zu gestalten versuchen und noch weniger, sie so zu gestalten verstehen, wie es einen Netzwerk prinzipiell gleichberechtigter Computer angemessen wäre, welches das Potenzial hat, Menschen zusammen zu bringen, die sich sonst niemals begegnet wären.

Und diesem Unverständnis über die wirkliche Struktur und daraus ersprießende Bedeutung des Internet entsprechend ist dann auch die Internetarbeit jener Medien, deren letzter Rest von gutem Ruf zurzeit durch das Internet und die damit gegebenen Möglichkeiten des Vergleiches und des Austausches der „Mediengenießer“ aufgezehrt wird. Wer nur einmal die wörtlich abgetippten, identischen Agenturmeldungen der überregionalen Tageszeitungen im Internet gelesen hat, wer festgestellt hat, dass sich die verschiedenen seriösen Blätter im Internet vor allem in der Penetranz der eingeblendeten Werbung und in den beworbenen Produkten unterscheiden und dass sie ansonsten versuchen, diese Werbung mit einer künstlich unverständlich gemachten Navigation möglichst oft einblenden zu können, der weiß, dass man auf derartige „Dienste“ gut verzichten kann, wenn man nicht zum Diener geboren ist. Kein Wunder, dass sich in der von euch geschaffenen Situation jeder Denkende über Google News und andere Formen der Zusammenfassung des agenturzentral gleichgeschalteten Tagesausstoßes freut — und einige Menschen, ich zum Beispiel, gehen sogar so weit, dass sie andere Blogger den täglichen Auswurf eures Apparates für sich filtern lassen, und zwar vor allem solche Blogger, die sich für die persönlichen Schwerpunkte als gute und ausgewogene Vorfilterung bewährt haben.

Kleine persönliche Randbemerkung: Wenn es um Wissenschaft geht — und damit beschäftige ich mich ständig — hilft mir nicht einmal mehr der Filter der anderen Blogger, weil ihr etablierten Medien schlicht nicht über Wissenschaft berichtet. Ihr tarnt zwar manchmal eure Propaganda für ein entfesseltes Wirtschaften als eine Art Wissenschaft, indem ihr sie mit willkürlich ausgewählten Daten zu belegen sucht, aber richtige Wissenschaft existiert bei euch nicht. Ich bin regelmäßig auf englischsprachige Websites zurückgeworfen. Aber Horoskope kaufen und abdrucken, das könnt ihr!

Nun sieht man das alles dort, wo man das Internet gar nicht recht versteht, also bei den althergebrachten Medien, völlig anders. Der allerwerteste Herr Burda hat sogar im Namen der Gesamtheit der Journaille in der BR Deutschland in die Mikrofone geflennt, dass die Aufbereitung der verschiedenen und doch so gleichen Medieninhalte in einer für Menschen unmittelbar verständlichen Zusammenfassung wie Google News einer „Enteignung“ gleich käme. Und der offenbar Not leidende Springer-Verlag — wenigstens das Innere des Schädels scheint dort bei vielen eine gewisse Not durch sich ausbreitendes Vakuum zu leiden — hat die seltsame Vorstellung in die völlig von den Medien selbst gemachte „Debatte“ geworfen, dass man in Zukunft doch einfach eine staatliche Zwangssteuer auf den Neupreis von Computern erheben könnte, um diese Einkünfte an die klassischen Medien weiterzuleiten, die doch so viel verloren haben.

Doch diesen ganzen lichtscheuen Jammerlappen kann geholfen werden!

Denn ich habe den Verlegern in der BR Deutschland einen ganz einfachen Vorschlag zu machen, wie sie künftig derartige „Enteignungen“ durch Google und andere Dienste von unendlichem Nutzen für ihre Nutzer verhindern können: Die Verantwortlichen für die Website mögen sich bitte einfach einen gewöhnlichen Texteditor greifen. Zur Not geht auch Notepad, das Not-Pad von Windows. Welchen Texteditor sie immer auch nehmen, es handelt sich in jedem Fall um ein Programm, dass sich noch viel leichter bedient als jedes Redaktionssystem zum Anreichern der Meldungen aus den NITF-Feeds der Agenturen durch irgendwelche Klickstrecken und zum Aufspalten noch der kürzesten Meldung auf mindestens zwei Seiten. Damit sollte eigentlich jeder klarkommen, auch ein Mensch mit geringer informationstechnischer Literalität. Mit diesem Programm bitte eine Datei namens robots.txt anlegen, und in diese Datei einfach nur die folgenden Zeilen reinschreiben:

User-agent: *
Disallow: /

Dann sagt bitte eurem Techniker, dass er diese Datei in das Wurzelverzeichnis des Webservers hochladen soll, auf dem eurer ganzer „enteigneter“ Content herumliegt. Ihr werdet es kaum glauben, aber diese eine Kleinigkeit mit einem gesamten Arbeitsaufwand von unter fünf Minuten reicht völlig aus, und weder Google noch irgendein anderer zivilisierter Crawler wird sich in Zukunft noch einmal bei euch bedienen. Die respektieren das nämlich alle, wenn ihr euer von den Agenturen abgekauftes „Eigentum“ behalten wollt. Ich habe dies in einigen, für einen eher geschlossenen Nutzerkreis gedachten Projekten schon selbst ausprobiert, und die Wirkung ist wunderbar: Eine einfache Anweisung an die Crawler, und schon wird man nicht mehr gecrawlt. Ihr habt es völlig selbst in der Hand, ob ihr weiter „enteignet“ werden wollt, oder ob ihr Google und den ganzen anderen Bots eine klare Grenze zieht. Da braucht ihr nicht mehr zu eure Taschentücher vollzuheulen und auch nicht nach irgendwelchen staatlich verordneten Zwangsabgaben auf Computer zu rufen, die dann ausgerechnet euch in die Tasche gesteckt werden sollen. Da braucht ihr nur eine einzige Datei auf eurem Webserver abzulegen, die zudem sehr einfach mit überall verfügbarer Software zu erstellen ist.

Gut, ihr werdet dann auch nicht mehr von Google gefunden, das ist vielleicht ein bisschen ungewohnt für euch. Aber das könnt ihr ganz sicher sehr leicht ausgleichen, indem ihr euch endlich einmal ein paar Gedanken darüber macht, wie ihr auf wirksame Weise die Leser an eure tollen Websites binden könnt, und zwar am besten so binden, dass ihr dabei auch ein Geschäft machen könnt. Das ist ja nicht so, dass ich oder irgendjemand anders euch euren Reibach nicht gönnen würde. So viel kann ich euch als jemand, der sich jetzt zweieinhalb Jahrzehnte lang mit dem Irrsinn der EDV herumgeschlagen hat, jedenfalls zu diesem Thema sagen: Mit einer nicht nachvollziehbaren Benutzerführung und künstlichen Schwierigkeiten beim Zugriff auf die von euch angebotenen Informationen werdet ihr es nicht schaffen, jemanden an euch zu binden. Auch aufdringliche Werbung gehört zu den Dingen, mit denen man Menschen eher vertreibt oder zu Gegenmaßnahmen greifen lässt. Und. Ihr werdet es übrigens auch nicht schaffen, wenn ihr eure Leser regelmäßig beschimpft. Aber schaut euch doch einfach mal selbst den Rest des Internet an, denn wird euch schon etwas einfallen.

Und wenn euch nichts einfällt, denn bestempelt einfach weiter tote Bäume, denn das könnt ihr. Und mit dem Fortschreiten einer Technik, die keine zentralisierten Produktionsmittel mehr benötigt, geht doch bitte einfach sterben! Ich brauche euren täglichen medialen Mindfuck mit neoliberaler Propaganda, die von euch abgeschriebenen und ohne die Spur ergänzender Recherche übernommenen Agenturmeldungen und die dummdreiste Gutsherrenart eures Auftretens jedenfalls nicht — und die Anzahl der Menschen, denen es in dieser Sache genau so geht wie mir, sie wird jeden Tag ein bisschen größer.

Und das liegt auch an euch und an dem lichtscheuen Gesindel, das für euch in die Kameras und Mikrofone flennt, schimpft und den staatlichen Grabsch in unser aller Taschen fordert, einfach nur deshalb, weil immer weniger Menschen dazu bereit sind, für euren mit Werbung, Schleichwerbung und Propaganda durchsetzten Strunz auch noch etwas zu bezahlen. Vor ein paar Jahrzehnten hätte ich euch nur gesagt: „Geht doch nach drüben, wenns euch hier nicht gefällt!“ — vor allem den Leuten vom Springer-Verlag hätte ich das gern gesagt… :mrgreen:

Und, ihr Verleger, immer daran denken! Vor dem Aus-sterben kommt immer erst das An-sterben…

An Stelle eines Nachrufes

Klei mi ann Mors!

Ein breit niederdeutsch sprechender Obdachloser aus Seelze bei Hannover zu den „Inhalten“ der Nachrichtensendungen und Zeitungen. In feinerem Schriftdeutsch bedeutet dies ungefähr „Kratz mich am Hintern!“.

Betroffenheit — Wenn die Menschen um mich herum auch nur halb so betroffen davon wären, dass ihnen ganz persönlich ein so genanntes „Grundrecht“ nach dem anderen entzogen wird und dass ihnen ihr Leben vergällt, geraubt und enteignet wird, während eine kleine Clique von Besitzenden und Mächtigen sich am geraubten Lohn ihres Schweißes mästet, wie sie über den Tod eines sich durch bloßes Hinschauen als recht künstlich erweisenden Produktes der Contentindustrie betroffen fühlen gemacht werden, denn wäre ich für die Zukunft dieser Gesellschaft sehr viel optimistischer. Die industriell erstellte Unterhaltung — auch in ihren scheinbar ernsteren Inhalten, auch in ihren Meldungen vom Tod eines so genannten stars, bei dem bestenfalls die Selbstverstümmelung und die Monstrosität der Fleischvermarktung astronomische Ausmaße angenommen haben — sie ist in ihrer Abstopfung der Sinne und des Sinnes nichts als Unten-Haltung. Für diesen Zweck spielt es keine besondere Rolle, ob man einen mit Drogen vollgepumpten und schwer kranken Musiker unter der Marschmusik der Werbetrommeln durch die gewaltigen Bühnen der Welt hetzt, oder ob man einen toten Körper ausweidet. Ja, Letzteres ist vielleicht sogar attraktiver fürs Geschäft. Die Leichenfledderei ist eröffnet; der „Markt“ kann jetzt noch einmal überflutet werden mit bislang unveröffentlichten Studioaufnahmen, privaten Fotos, den greatest hits und anderen Schlägen.

Modernität — In gewisser Weise war Michael Jackson ein sehr modernes Produkt der Contentindustrie, deshalb geriet er auch im Fortlaufen des Prozesses in relative Vergessenheit. Seine frühen Musikvideos waren beachtliche Werke, die mit hohem Aufwand eine künstliche, traumartige Welt an das kollektive Auge der Wachenden brachten, seine Bühnendarbietungen waren von der Perfektion des geldernsten show business geprägt. Niemand hat sich daran gestört, dass die Musik, die doch vorgeblich über diese Medien transportiert werden sollte, hinter der Darbietung zurücktrat. Selbst das Vollplayback stellte für keinen der Fans dieses Sängers ein Problem dar. Auch der Körper Michael Jacksons wurde völlig in den Dienst dieser vollumfassenden show gestellt und mit ärztlichen Mitteln von seinen natürlichen Beschaffenheiten wie der Hautfarbe oder der Form des Gesichtes „befreit“. Dass dabei alle afrikanischen Züge aus der Marktware des Körpers von Michael Jackson verschwanden, spiegelt — wie auch die typischen Rollen der Nachkommen ehemaliger zwangsversklavter Menschen aus Afrika in den Hollywood-Produktionen — den ebenfalls modernen Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika wider. Und. Dass schließlich, nach Jahren der chirurgischen Umgestaltung des Körpers die Nase von Michael Jackson wegfaulte, ist ein trefflicher Spiegel dafür, wie das alles zum Himmel stinkt.

Existenzfragen — Als jemand, der auch gern einmal eine entspannte Stunde in der Mülltonne des Internet wühlt, habe ich schon viel Absurdes gelesen. Zum Beispiel las ich, dass eine ganze Handvoll außerirdischer Zivilisationen regelmäßig die Erde besuchen, ohne dass sie irgendwelche physikalischen Spuren dieser Besuche zurücklassen; dass das Apollo-Programm der USA nicht stattfand, sondern in geheimen Studios auf der Area 51 gedreht wurde; oder auch, dass Adolf Hitler noch lebt und am Südpol darauf wartet, die Herrschaft über die Welt antreten zu können. Eine sehr naheliegende Spekulation habe ich hingegen nie gelesen, obwohl viel mehr dafür gesprochen hätte, und das ist die Spekulation, dass Michael Jackson gar nicht (mehr) existiert hat. Wie trefflich hätte sich auf der Grundlage dieser einen Spekulation alles erklären lassen! Das sich ständig verändernde Gesicht; die Wechsel in der Hautfarbe, die fühlbare Künstlichkeit aller Meldungen; die sonderbare Scheu und die Vorkehrungen bei öffentlichen Auftritten, die bis zum Tragen einer chirurgischen Gesichtsschutzes gingen; das Vollplayback zu den Darbietungen eines weniger zum Singen talentierten Balletttänzers, der unter dem blendgrellen Schutz der Scheinwerfer den Jacko macht — die hierzu erforderliche Maske hätte jeder modellieren können, der als Maskenbildner für Horrorfilme geübt ist. Die Vorstellung, dass alle diese Zeichen darauf hindeuteten, dass sich hinter ihnen keine existierende Person mehr befand, drängt sich geradezu auf. Und. Selbst, wenn man — wie ich — diesen paranoiden Schluss nicht ziehen mag, kann man sich durchaus die traurige Frage stellen, wie lange vor seinem Tod der king of pop schon zu leben aufgehört hat. Und. Diese Frage wird fast zwangsläufig von der Frage gefolgt, wann wohl das eigene Leben unter den Bedingungen der Verwirtschaftung aufgehört hat.

Das Ende der Pop-Ikonen — So modern das Produkt Michael Jackson zu seiner Zeit auch gewesen sein mag, es spiegelt einen Zwischenstand im Prozess der Musikvermarktung durch die Contentindustrie wider. Der Prozess lief weiter, und er hat solche Produkte obsolet gemacht. Dort, wo man Profit daraus schlürft, „Musik“ für den Massenmarkt zu erstellen, wurde längst begriffen, dass selbst eine vom Fraß des Marktes übrig gelassene Restpersönlichkeit eben noch eine Persönlichkeit ist und als solche Probleme bereiten kann, die eine Vermarktung behindern. Deshalb werden heute noch synthetischere Produkte auf den Markt gespien, Gestalten, für die man zielgruppengerecht eingängige Funktionsmusik komponieren lässt, mit der sie dann für ein paar Wochen oder einen Sommer lang mit aller Macht in die Rundfunkempfänger gepresst werden, auf dass es zu einem Geschäft komme. Das sich auf diesem Wege irgendwelche Menschen zu fans entwickeln, die eine abstrakte persönliche Beziehung zu diesen Gestalten aufbauen, ist dabei explizit unerwünscht. Gewünscht sind austauschbare Nanoprominente für den Augenblick, die ohne Schmerzen für das kleine Investment in ihrem künstlichen Ruhm wieder fallen gelassen werden können. Was den Menschen heute als Glimmerwelt des show business vor Augen gestellt wird, hat längst schon das volle Gepräge jedes anderen Wirtschaftens und erachtet seine Arbeiter (darin seid gewiss: Show ist harte Arbeit!) als Menschenmaterial, als austauschbare Batterie im industriellen Produktionsprozess. Dem entsprechend gering ist auch die Mühe, die zur Jetztzeit in der Vermarktung von Musik aufgewändet wird, sie spiegelt wider, dass es sich hierbei um ein Einwegprodukt handelt, das benutzt und anschließend weggeworfen wird. Wo die zu Verbrauchern degradierten Menschen sich dann aber billigerweise so verhalten, wie es dem billigen Produkte gegenüber angemessen ist, da ist das Klagen der Industrievertreter laut und jämmerlich und ihre Forderung nach einer staatlichen, schwer strafbewehrten Kriminalisierung natürlicher technischer Möglichkeiten unerträglich. Internet und Filesharing hin und her, ich habe keinen einzigen richtigen fan von Michael Jackson erlebt, der nicht eine vollständige Sammlung aller seiner Alben im Regal gehabt hätte — und wie schon gesagt, auch die jetzige totale Ausweidung des toten Jackos wird ein großes Geschäft werden, ganz genau so kalt und skrupellos wie die Ausweidung des lebenden Jackos…

Moin U., datt hätt je nit gedacht, datt ik di zitier, watt?!

Richtung und Garheit (23)

Glauben Sie wirklich, der Mond ist nicht da, außer wenn jemand hinschaut?

Albert Einstein (polemisch zur Quantentheorie)

Mondbesitzer — In Westerkappeln (Westfalen) lebt ein gewisser Martin Jürgens, der Eigentumsrechte am Mond beansprucht. In seinem Besitz ist eine Schenkungsurkunde, ausgestellt und unterschrieben vom preußischen König Friedrich dem Großen. In dieser Urkunde wurden der Familie Jürgens die Rechte am Mond übertragen, und es wurde ferner in aller gebotener Form vom Könige verfügt, dass dieses Eigentum am Mond jeweils auf den jüngsten Sohn weitervererbt werden soll. Auf diese Weise hat der König seinen Dank gegenüber einem besonders beflissenen Schergen Ausdruck verliehen, und natürlich hat sich der manchmal recht zynische Alte Fritz in seinem herrschaftlichen Wahn gar nicht erst die Frage gestellt, wer oder was ihm eigentlich das Recht gibt, den Mond zu verschenken. Hätte der Sprössling des als adlig bezeichneten Großräubertums stattdessen ein Stück Land auf der Erde verschenkt, denn wäre die Familie Jürgens wohl bis heute eine jener privilegierten Familien mit jenem großen Landbesitz, der dauerhaften Reichtum hervorbringt. Denn im Gegensatz zum Verschenken des Mondes stellt bis heute niemand die Gültigkeit einer solchen königlichen Schenkung von irdischem Land in Frage, viele derartige Verfügungen sind bis heute in Kraft, den Erben der Begüngstigten zum Geldquell. Wer es freilich absurd findet, dass jemandem der Mond gehören könnte, wie kann der es nicht wenigstens fragwürdig finden, dass irgendein Mensch Besitzrechte an irdischem Boden hat?

Steine — Das wesentliche Ziel des sowjetischen Raumfahrtprogrammes „Luna“ aus den Sechziger Jahren war es, noch vor den USA eine Probe Mondgestein zur Erde zu befördern. Hierzu wurde eine Proton-Rakete eingesetzt, die mit einem Startgewicht von rund 585 Tonnen eine Nutzlast von etwa 6000 Kilogramm zum Mond befördern konnte. Diese brachte eine Mondsonde in eine Umlaufbahn um den Mond, die mit den Steuertriebwerken der Sonde so angepasst werden sollte, dass der mondnächste Punkt der Bahn über dem geplanten Landegebiet lag. Dieser Punkt sollte der Oberfläche immer näher gebracht werden, und die immer noch hohe Geschwindigkeit sollte dann durch ein kleines Triebwerk reduziert werden, so dass es schließlich zu einer Landung auf dem Mond kommt. Nach der Landung würde die Bodenprobe mittels eines Bohrers entnommen und in die 39 Kilogramm wiegende Rückführkapsel überführt, die dann direkt zur Erde startet und von einem Fallschirm gebremst in der Sowjetunion landet. In dieser Kapsel sind bei planmäßigem Verlauf maximal 200 Gramm Bodenprobe vom Mond. Wer meint, dass dies doch ein recht monströses Projekt zur Gewinnung einiger Steine ist, der übersieht, dass der technische und finanzielle Aufwand der USA mit dem bemannten Apollo-Programm wesentlich höher war. Die Sonde Luna 15 wurde am 13. Juli 1969 gestartet, drei Tage vor dem Start von Apollo 11, die Mission schlug allerdings fehl und die Sonde stürzte unplanmäßig hart auf die Mondoberfläche. Die Apollo-Astronauten der USA in ihrem kleinen Raumschiff sahen sie vor diesem Scheitern noch vorbeiziehen, bevor sie ihre erfolgreiche Mission durchführten und insgesamt 21,6 Kilogramm Bodenproben einsammelten und zur Erde zurückführten. (Mit späteren, erfolgreichen Missionen des Luna-Programmes hat auch die Sowjetunion gut 300 Gramm Mondgestein gewonnen.) Wesentlich günstiger wäre es freilich gewesen, auf der doch recht nahe gelegenen Erde zu suchen, führt doch immer wieder einmal der Einschlag eines Metoriten auf dem Mond dazu, dass lunares Gestein herausgeschlagen und zur Erde befördert wird; dies geschah im Laufe der Jahrmilliarden derart häufig, dass wohl jeder schon einmal einen Stein in der Hand hatte, der vom Mond stammt. Im Jahre 1979 wurde in der Antarktis der erste Meteorit gefunden, der sicher als Mondgestein identifiziert wurde, mit gleicher Sicherheit kennt man heute einige Dutzend derartige Meteoriten. Für eine wissenschaftliche Untersuchung sind sicher als Mondgestein identifizierte Meteroiten sogar wertvoller, da sie mit gleicher Wahrscheinlichkeit aus jeder lunaren Geländeform stammen können und nicht nur die möglicherweise speziellen Verhältnisse eines recht beschränkten Ortes der Probeentnahme widerspiegeln. Vermutlich gab es bei allen Mondprogrammen während des kalten Krieges nur eines, was noch monströser als der technische Aufwand war, und das war die zugehörige Propaganda.

Der Hunger — Bei der Vorstellung hungernder Menschen denkt beinahe jeder Mensch in der BR Deutschland nach allen werbenden Anstrengungen des Spendengewerbes an Afrika, und an die großflächig plakatierten Kinderaugen mit reklamewirksamer Fliege darunter, die zum modernen Ablasshandel rufen. Und in der Tat. Ist die permanente Unterernährung dort oft die Ursache für ein schreckliches Verrecken der davon betroffenen Menschen. An die Zustände in großen und reichen Industrienationen wird hingegen weniger gedacht. Im Jahre 2005 waren in den USA über 10 Millionen Menschen wegen ihrer Armut von permanenter Unterernährung betroffen, und gut 35 Millionen Menschen hatten nicht die Möglichkeit, sich ausreichend zu ernähren, das ist immerhin ein Achtel der Bevölkerung. Im November 2006 haben die Regierenden der USA dieses Problem „gelöst“, indem sie seitdem in ihren offiziellen Statistiken nicht mehr von klar und deutlich vom Hunger, sondern vorsätzlich verschleiernd von „sehr geringer Nahrungssicherheit“ sprechen, als ob solcher Neusprech etwas an den Tatsachen änderte. Unterdessen wird in den USA immer mehr Mais zu Treibstoff für den Irrsinn der Individualmotorisierung verarbeitet und steht nicht mehr als Nahrungsmittel zur Verfügung, so dass sich im benachbarten Mexiko viele arme Menschen nicht mehr ihre Tortillas leisten können.

U-FOol-ogie — Wenn die Religion das Opium des Volkes (Marx) oder das Opium für das Volk (Lenin) ist, denn ist die gegenwärtig von so genannten Sachbuchautoren in Geld verwandelte UFOlogie mit ihrer parareligiösen Mimikry das LSD des Volkes: Eine stark halluzinogen wirkendes Drogensurrogat für schlichte Gemüter mit zu großer Angst vor richtigen Drogen, das sogar dazu führt, dass sonst recht unauffällige Zeitgenossen den Anblick der Venus für eine persönliche Begegnung mit einem Raumschiff außerirdischer Zivilisationen halten, die ihre hütenden Augen über das Treiben der Menschheit an den Himmel kleben. Da kann man doch gleich den geist- und verantwortungslosen Irrsinn der irdischen Zivilisation weitertreiben, es sind ja mächtige Wesen da, die jederzeit eingreifen können.

Mit fröhlichem Gruß an Werner Walter, CENAP

Die Entdecker

Vorið eg að vini kýs,
verður nótt að degi,
þegar glóærð geisladís
gengur norðurvegi.

Die Kleinigkeit — Realdo Colombo, Anatom an der Universität zu Padua (Italien), beschrieb im Jahre 1559 in seinem Buche de re anatomica erstmals die Klitoris und bezeichnete sich folglich auch als der „Entdecker“ der Klitoris. Sein Nachfolger in Padua, Gabriele Falloppio, machte Colombo allerdings einige Jahre später seine „Entdeckung“ streitig und wollte als der wirkliche „Entdecker“ der Klitoris gelten. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sich schon ungezählte Jahrtausende vor diesem Prioritätsstreit um die „Entdeckung“ etliche Frauen voller Wonne der ausführlichen Erforschung der von männlichen Anatomen so oft übersehenen Kleinigkeit hingegeben hatten und auch immer wieder Männer dazu anleiteten.

Die Ausländer — Als Christoph Kolumbus das Land des amerikanischen Kontinentes betrat, glaubte er sich in Indien, erst Amerigo Vespucci vermutete später beim Erforschen der Amazonasmündung, dass es sich um eine völlig unbekannte Welt handeln müsse. Matthias Ringmann, ein Freiburger Dichter, las Vespuccis Reiseberichte und hielt daraufhin Vespucci für den Entdecker der „neuen Welt“. Da Ringmann mit dem Freiburger Kartographen Martin Waldseemüller zusammen arbeitete, welcher gerade eine neue Bearbeitung der Weltkarte anfertigte, verfasste er die Begleitschrift zu diesem Kartenwerk, in der er vorschlug, den neuen Kontinent nach seinem „Entdecker“ Amerige oder America zu nennen. Die von Waldseemüller und Ringman herausgegebene Karte der Welt verbreitete sich sehr schnell, vor allem durch Raubdrucke, und der Fehler Ringmanns wurde in Fachkreisen zur offiziellen Bezeichung des „neuen“ Kontinentes. Die Erben von Christoph Kolumbus strebten im 16. Jahrhundert ein Gerichtsverfahren an, in welchem sie erreichten, dass Kolumbus als Entdecker Amerikas festgeschrieben wurde, und so steht es bis heute in allen Geschichtsbüchern der Welt. Die vielen Menschen hingegen, die seit Äonen auf dem amerikanischen Kontinent lebten und deren ausgedünnte Nachkommen dort bis auf den heutigen Tag leben; die Menschen, die für die heilige Erde, auf der sie lebten, gewiss so viele treffliche Namen hatten, wie sie verschiedene Sprachen sprachen, sie wurden und werden trotz aller voranschreitender Einsicht in die wirklichen Verhältnisse weiterhin als Bewohner Indiens, als Indianer bezeichnet. Und auf diese Weise. Bis heute in ihrer eigenen Heimat zu Ausländern gestempelt. Und genau so. Werden sie von den Nachkommen der „Entdecker“ auch oft behandelt.

Vom Pissen — Am 20. Juli 1969, nach Greenwich-Zeit gegen drei Uhr morgens, betrat Neil Armstrong unter Absagen weihevoller Worte in den mit starken Störgeräuschen durchsetzten Funk die Oberfläche des Mondes. Der Name des zweiten Menschen auf dem Mond ist heute übrigens so gut wie vergessen, er lautet Edwin Aldrin. Die wissenschaftliche Mission von Apollo 11 war nicht groß und hatte den Chrakter eines Feigenblattes, aber das tat dem medial aufgerichteten Weltspektakel keinen Abbruch. Ein besonders wichtiger Anteil der Mondshow war das Aufstellen einer US-Flagge auf dem Mond, um auf diese Weise die Überlegenheit der USA gegenüber der Sowjetunion zu demonstrieren. In der Sowjetunion freilich verzichtete man nach einigen Fehlschlägen im Vorfelde auf eine gefährliche bemannte Mission zum Mond und führte ein wissenschaftliches Programm mit unbemannten Sonden durch, bei dem sogar einige hundert Gramm Bodenprobe vom Mond für nähere Untersuchungen auf die Erde gebracht wurde. Später brachten Luna 17 und Luna 21 auch jeweils einen fernsteuerbaren, beweglichen Roboter namens Lunochod zum Mond. Die gut entwickelte und im Vergleich zum Einsatz von Menschen unter Extrembedingungen auch preiswerte russische Robotertechnik sollte später noch einmal auf der Erde eine Anwendung finden: Ein russischer Roboter entfaltete auf dem Meeresgrund unterhalb des Nordpols eine russische Flagge. Noch preisgünstiger ist nur das Verfahren der Hunde, die nicht in die Höhe und nicht in die Tiefe streben, die zur Markierung des Ortes nur einfach ein Beinchen heben.