Tag Archive: Mittelalter


Dummes Erwachen

Irgendwann in nicht mehr allzuferner Zukunft wird die politische „Linke“ nach gewohnt langem Schläfchen leicht verkatert und kopfschmerzig in der Idiocracy aufwachen und unwillig feststellen, dass diese von Dummheit, Wissensangst und Einsichtsverneinung beherrschte Gesellschaft in keinem einzigen ihrer Aspekte vom Faschismus zu unterscheiden ist — und was noch viel übler ist: Jene, die trotz dieser Umstände (und der vielfältigen psychisch wirksamen Ablenkungen) noch zu einer Spur Selbstreflexion fähig sind, müssen dann zu ihrer eigenen (und von anderen pathologisierten) Verzweiflung eingestehen, dass die gesamte politische „Linke“ den Weg in die Idiocracy begeistert und aktiv mitgegangen ist, statt ihm zu widerstreben.

Wer als Mensch aus Lust an der leichten Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit dieser Haltung damit beginnt, mit der Psyche zu „denken“, macht mit allen Konsequenzen den Affenkern seines Daseins zu seinem Sein, statt Mensch zu werden. Eine ganze Gesellschaft, die so tut, ist dazu verdammt, sich in eine Gesellschaft von Affen zu entwickeln. L’enfer, c’est la psyché.

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The Pirate Bay

Der Torrent-Tracker The Pirate Bay ist — ob es den Verwertern von Immaterialgüterrechten gefällt oder nicht — zurzeit die wohl beste Näherung an die antike Bibliothek zu Alexandria, die das Internet hervorgebracht hat; ein Tor zum gesamten Unsinn, zur Kunst, zur Stümperei, zum Wissen und zur Technik der gegenwärtigen Zeit¹. Dass die Bibliothek zu Alexandria in der Zeit des Ediktes von Theodosius I (im Jahr 391 u.Z.), alle nichtchristlichen Kultorte der Stadt zu zerstören, ebenfalls mit allem darin gesammelten Wissen verschwand, ist wohl eine der größten intellektuellen und kulturellen Katastrophen der Menschheit. Die Menschen, die als Vertreter einer Kopierindustrie — die gesamte Contentindustrie tat ja niemals etwas anderes, als ein gutes Geschäft aus einem Oligopol zur Anfertigung von Kopieren zu machen — das gesamte Internet in eine abgeschottete Trutzburg unter dem wehenden Banner des „Geistigen Eigentums“ verwandeln wollen, um ihre neureligiösen Interessen am totalitären Geldkulte durchzusetzen, sind keinen Deut besser als die staatsreligiös-christlichen Barbaren, die durch gezielte Zerstörung der antiken Kultur ihre Religion durchgesetzt haben und mit diesem Vorgehen das kommende Mittelalter eingeläutet haben, diese geistige Nacht Europas voller schriller Träume. Und. Sie werden keineswegs die Menschheit in eine hellere und erfreulichere Zeit als das Mittelalter führen, wenn man sie gewähren lässt. Leider fehlte damals der Mehrheit der Menschen ebenso das Bewusstsein für diesen Prozess, wie es auch heute der Mehrheit der Menschen fehlt, die sich in ihrem denkreduzierenden Bespaßungsstreben nahezu diesseitserlöst vorkommen, wenn sie über ihre unterhaltsamen Telefone und Inhaltsabspieltabletts streicheln und dabei genau so heute diesen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen von Streaminganbietern glauben, dass die URL das neue ubiquitäre MP3 sei, wie die Menschen damals jenen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen des Christentums glaubten, dass sie sich durch eine Taufe auf den Gekreuzigten und eine Handvoll auch von ungebildeten Frauen und Sklaven leicht erlernbare Formeln wirksam gegen den Tod impfen. Das Gadget ist das neue Kruzifix, sein ist die Macht der Wenigen und die Herrlichkeit der Benutzerfreundlichkeit in der gefühlten Ewigkeit der leeren leeren Langeweile; der Lichtschein seines Displays ist das Spiegelbild brennender Bibliotheken, eine Fackel am Abend der beginnenden intellektuellen Nacht, in deren Lodern die Ignoranz sich selbst veitstanzend darob feiert, dass sie den Schritt zurück wieder einmal so leichtfüßig vollbracht hat; dass sie — zumindest vorerst (und das bitte so lang wie möglich) — nichts Neues mehr erlernen muss.

¹Die Wikipedia, der Menschen unter der herrschenden Ideologie viel eher so einen Ort zusprechen würden, ist das nicht; sie ist das Spiegelbild des Lexikons, das gesichertes Wissen widergibt und darunter das versteht, was durch die Belege in den Medien der Herrschenden „Relevanz“ erhält. Sie könnte es sein, doch es ist von ihren Betreibern explizit nicht gewollt.

Schwert und Schild des Internet

Nur ein Beispiel dieser Metapher, die sogar in freier Software Widerhall findetDie visuelle Metapher, mit der „Sicherheitssoftware“ für die Internet-Benutzung sich häufig ihrem Nutzer gegenüber darstellt, ist ein bemerkenswertes Spiegelbild der Zustände im derzeitigen Internet. Sehr beliebt bei den Herstellern der Software ist die Metapher des Schildes, die in eine längst vergangene Zeit der Gewalt und Kriegsführung zurückweist; in eine Zeit, in der die Menschen im Kampfe noch mit Schwertern, Streitäxten, Piken, Armbrüsten und dergleichen mehr aufeinander eindroschen, um sich zu ermorden und in der ein Schild Schutz im Kampfe bot, wenn man es richtig und geübt einzusetzen verstand.

In dieser auf das Mittelalter zurückgreifenden optischen Metapher und in ihrer Verbreitung zeigt sich, in welchen Zustand das Internet derzeit geraten ist. Wer durch diesen virtuellen Raum geht, soll auf seinen Wegen jederzeit dafür gewappnet sein, einer ruchlosen Bande von „Räubern“ und „Mordbrennern“ zu begegnen, die jede sichtbare Schwäche als Einladung für ihre Übergriffe betrachtet und ohne Erbarmen aus dem Hinterhalt zuschlägt. Und ich muss sagen, dass das eine durchaus treffende Beschreibung für das gegenwärtige Mittelalter des Internet ist. Es ist auch das Körnchen Wahrheit hinter dem politisch-propagandistischen Geschwafel vom „rechtsfreien Raum“, mit dem die Hirne und Seelen gebeizt werden sollen, um sie bereit zu machen für die staatlichen Überwachungsgelüste, deren Zielsetzung und „argumentative“ Begründung allerdings nur selten Bezug auf die konkrete Wegunsicherheit im Internet nimmt — ein breites Bewusstsein dafür wäre auch schlecht für die breite Kommerzialisierung durch jene Contentindustrie, die viel zu stark mit der classe politique verflochten ist — sondern bevorzugt einige Randerscheinungen des Irrsinnes mit hohem moralischen Empörungspotenzial herauspickt, um mit diesem psychischen Hebel dafür zu werben, die Dystopien eines George Orwell noch übertreffen zu können.

In derzeitigen „Mittelalter des Internet“ sehne ich mich oft nach der von mir ebenfalls erlebten „Steinzeit des Internet“ zurück, die ich glücklicherweise auch erleben durfte. Auch damals gab es die Übergriffe und allerlei Schlechtes, aber es war dünn besiedelt und man begegnete gewissen asozialen Subjekten nur selten, so dass es insgesamt entspannter und fröhlicher zuging. Ja, in mir macht sich ein Überdruss ob der Barbarei des Internet breit, der durch das schöne Sommerwetter eher noch vergrößert wird. Es gibt ja immer noch hübschere Betätigungen als das Führen sinnloser, technischer Kämpfe an Orten, an denen man sich nur etwas Ausdruck verschaffen möchte…

Wenn ich demnächst einige heftig angegriffene meiner Projekte aus dem Internet nehmen sollte, ist dies der Tatsache geschuldet, dass ich die gegenwärtig laufenden Attacken unter den Bedingungen meines Daseins nicht mehr behandeln so kann, wie es erforderlich wäre. Der Hintergrund dieser Attacken lässt sich übrigens an anderer Stelle im Internet nachlesen. Die Barbarei ist allgegenwärtig.

Gotteslästerung

In jedem Gesetz, dass eine so genannte „Gotteslästerung“ unter Strafe stellt — interessanterweise ist damit niemals die Anmaßung eines Papstes oder die Verfütterung einer in Gott verwandelten Oblate in christlichen Kirchen gemeint, sondern immer nur die Kritik an solchem Unfug — in jedem solchen Gesetz schwingt überdeutlich zum höheren Spotte Gottes das Eingeständnis mit, dass Gott nicht für sich selbst streiten könne, dass er vielmehr, offenbar ein wenig schwächlich geworden, der besonderen Hilfe der im Staate monopolisierten Gewalt bedürfe. Angesichts der von den Gläubigen vertretenen Annahme, dass die unfassbare Gesamtheit der „Schöpfung“ von Gott in scheinbarer Mühelosigkeit in ein paar Tagen hingeschöpft wurde, dass Gott gar als majestätischer Herr über Leben und Tod anzusehen sei, spiegelt sich in diesem juristischen Schutz Gottes die von den Herrschenden für sicher erachtete Nichtexistenz Gottes wider. Und in diesem Spiegelbild zeigt sich ebenso überdeutlich, dass der Gottesbegriff nur ein Instrument der Herrschaft ist, ein psychologisches Werkzeug, mit dem die Menschen stumm und gefügig gemacht werden sollen. Wenn es einen eifersüchtigen Gott gäbe, der die Lästerung nicht hinnimmt, denn würde auf Herrschende, die solche Gesetze veranlassen, öfter einmal ein bisschen gutes, altes Feuer herunterregnen — so wäre Friede bei Gott und bei den Bedrückten allgemeines Wohlgefallen.

Mit einem derartigen Gesetz steht die Republik Irland — immerhin ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union — endlich nicht mehr nur alphabetisch in der Nähe einer repressiven Theokratie wie der Islamischen Republik Iran, sondern auch in der Willkür des zu Recht erklärten Unterdrückens anders gläubiger Menschen.