Tag Archive: Meinung


Meinungen

„Kauf dir die Hilfsmittel für einen süßeren narzisstischen Traum in einer Sekte oder in einer Partei! Du fragst mich nach meiner Meinung, als ob diese eine Bedeutung hätte“, sagte der Vorübergehende zum Zeitgenossen, dem die ideologische Brille so fest auf die Nüstern gewachsen war, dass er sie gar nicht mehr bemerkte, „und statt zu antworten, frage ich nur an dich zurück, was unmittelbar und wirksam Not-wendig und deshalb nötig ist. Genau das ist meine ‚Meinung‘, und sonst nichts“.

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Meinung

Meinung subst., fem.: Auffassung von Dingen oder Personen, die ein Mensch für ein Ergebnis seiner eigenen Einsicht hält, weil er völlig vergessen hat, wo diese Auffassung einmal gehört oder gelesen hat. Ungewöhnliche Meinungen einzelner Menschen werden auch „Vorurteil“ genannt; in der Gesellschaft allgemein verbreitete Meinungen werden auch „gesunder Menschenverstand“ oder „Tatsache“ genannt.

Seine Meinung

Er las nebenbei noch seine Zeitung, als er sprach. Er sagte: „Natürlich habe ich eine Meinung zu xxxxxx. Wie kann man denn zu irgendetwas keine Meinung haben?“

Und. Er wurde nicht einmal nachdenklich, als ich ihn nach seiner Meinung zur auffälligen Größe des Mimivirus befragte — aber eine Meinung dazu hatte er auch nicht…

Stell die richtigen Fragen!

Die Frage bei den medial transportierten Nachrichten ist nicht, was in den industriell erstellten Meldungen gesagt wird, sondern was in ihnen verschwiegen wird, damit die Empfänger dieser nachgerichteten Nachrichten die falschen Fragen stellen.

Wer es schafft, Menschen dazu zu bringen, dass sie die falschen Fragen stellen, hat keine Probleme damit, diese falschen Fragen zu beantworten. Deshalb wird so viel Mühe darauf verwendet, dass sich der Menschen Sinn mit den falschen Fragen beschäftige. Die unter dem gegenwärtig ablaufenden, gesellschaftlichen Prozess geformte Welt ist voller Tafeln und Fingerzeige auf die falschen Fragen.

Die Frage beim Fortschritt ist nicht, wann er kommt und wie groß er ist, sondern in welche Richtung er die Menschen führt, führen wird, führen könnte, führen müsste.

Die Frage beim Wachstum ist nicht, welche Quantität es hat, sondern mit welchen Qualitäten es sich für welche Kreise der Menschen verbindet.

Die Frage beim Krieg ist nicht, welches Staaten ihre durch Konditionierung, Drill und Angst gefügig gemachten Menschen mordend aufeinander hetzen, sondern welche verachtenswerten Menschen und Institutionen von diesem Gemetzel profitieren.

Die Frage beim Gesundheitswesen ist nicht, in welcher Weise man dem Leben ein paar Jahre abtrotzen kann, sondern wie man den wenigen Jahren ein Leben abgewinnen kann.

Die Frage bei der wachsenden Arbeitslosigkeit ist nicht, wie man die Menschen denn nun „beschäftigen“ kann, sondern wie mit der sehr erfreulichen gesellschaftlichen Tatsache zu leben gedacht wird, dass immer mehr mühsame und geistlose Tätigkeit durch Maschinen erledigt wird, dass der Leistungsgesellschaft endlich der Bedarf nach von Menschen erbrachter Leistung ausgeht.

Die Frage bei der Informationstechnologie und vernetzten Rechnersystemen ist nicht, ob man Zugang zu aktuellen Informationen erhält, sondern ob man Zugang zu persönlich bedeutsamen Informationen erhält und wer diesen Zugang aus welchen Gründen und unter Vorschieben welcher Lügen einzuschränken bedenkt.

Die Frage bei der Bildung ist nicht, ob sie einen Menschen besser verwertbar für den betrieblichen Produktionsprozess mache, sondern ob sie den Menschen lebenstauglicher, feiner, wissender, fähiger zur Einsicht, langsamer zum unreflektierten Zorn, kurz: weiser machen kann.

Die Frage angesichts der Forderung nach „Mobilität“ ist nicht, wie sich ein Mensch sein modernes Nomadenleben als Getriebener seiner wirtschaftlichen Not organisiert, sondern ob ein Mensch als geborenes soziales Wesen bereit sein sollte, für ein solches Leben als atomisiertes und entsolidarisiertes Einzelwesen alle persönlichen Bindungen zu opfern.

Die Frage beim „geistigen Eigentum“ ist nicht, wie man es durch eine zu Recht erklärte Technikverhinderung durchzusetzen trachtet, sondern wie man den Nutzen an der obsolet gewordenen Contentindustrie vorbei an die Schöpfer immaterieller Güter bringen will.

Die Frage beim Geldsystem des Debitismus ist nicht, wie man es stabilisiert und erhält, sondern wie man es ohne gesellschaftliche Katastrophen überwinden kann.

Die Frage beim Besitz ist nicht, wie er geschützt und erhalten werde, sondern wie verhindert werden kann, dass er zu Geiz, Raffgier oder der Herausbildung eines modernen Feudalsystemes führt.

Die Frage bei der Krise ist nicht, wann sie endlich vorüber ist, sondern welche Chance sie bedeutet und warum diese Chance von niemandem ergriffen wird.

Die Frage beim Fernsehen ist es nicht, welcher Sender zu einem bestimmten Zeitpunkt das am wenigsten unerträgliche Programm anbietet, sondern wie und durch wen es gekommen ist, dass man kein anderes Leben mehr hat.

Die Frage bei Kunst und Kultur ist nicht, in welchem Museum und in welcher Ausstellung und auf welcher Veranstaltung man sie kostenpflichtig und stark ritualisiert dargeboten bekommen kann, sondern wo und warum sie im Alltag schmerzlich vermisst werden.

Die Frage beim Lesen der Texte eines Menschen, den man zunächst als naiven Traumtänzer empfindet, ist nicht, warum der so ein naheliegendes, illusionär und naiv wirkendes Zeug denkt, sondern warum das so wenige Menschen zu tun scheinen.

Die Frage im Wahlkampf ist nicht, wie die photoshopretuschierten Gesichter der Politdarsteller aussehen, sondern welche Antwort diese Politdarsteller auf die richtigen Fragen geben würden, derer ich hier nur eine unvollständige Auswahl gegeben habe. Und. Wie sie wohl diese Antwort in gesellschaftliche Gestaltung umsetzen würden.

Mich als Bettler hat heute allen Ernstes ein ausgewachsener Mann mit einem Alter von deutlich mehr als dreißig Jahren danach gefragt, was er denn wählen soll. Ja, mich hat er das gefragt. Und. Ja, er hat das gefragt. Sehr ehrlich und allen Ernstes. Und. Ich war dermaßen baff, dass ich auf diese in einem Wahlkampf gar nicht so fern liegende Frage gar keine Antwort geben konnte.

Erst Stunden später habe ich bemerkt, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben konnte, weil es nicht die richtige Frage war. Er hat nicht gefragt, ob er überhaupt eine Wahl hat, was ja vor einer solchen Entscheidung als Grundlage des ganzen Vorganges nicht unerheblich ist. Sonst hätte er vielleicht bemerkt, woran die ihm abgeforderte Entscheidung krankt, vielleicht hätte sogar selbst einen Umgang damit gefunden. Nein, er wollte diese Entscheidung, die er gewiss nicht als eine Freiheit, sondern als etwas von außen Aufgebürdetes empfindet, an jemanden delegieren, um sich davon zu befreien.

Aber wie sollte er auch die richtigen Fragen stellen?

Von den Wahlplakaten, aus den Zeitungen, aus den schwatzvollen Polittalkshows in der Glotze und aus der sonstigen Wahlwerbung der antretenden Parteien findet er nichts, was ihn im Fragen unterstützt. Nur „Wir haben die Kraft“, „Deutschland kann es besser“ und „Deshalb SPD“ — immer verbunden mit Antworten auf fühlbar falsche Fragen. Und aus sich selbst heraus einen Gedanken zu denken, das ist selbst für mich nicht leicht, trotz bester Voraussetzungen, also aus einem vollständig verstandenen und nicht verdrängten Maß persönlichen Zerbruches heraus.

Ich befürchte, die meisten delegieren ihre Möglichkeit zur Entscheidung an etwas anderes, an einen als extern empfundenen und extern durch Manipulation getriggerten Prozess. Und. Sie halten solche Deinung für ihre Meinung.

Mit leisem Gruß an M. — lass dich nicht irre machen vom schwarzen Wahn, den du geradefleuch entkommen bist und verwechsle Abziehbilder nicht mit dem Leben!

Ernsthafte Meinungsforschung

Wenn der Vorübergehende hört oder liest, dass ein Zeitgenosse zu einem beliebigen Thema außerhalb seines direkten, alltäglichen Erfahrungsbereiches eine „eigene Meinung“ haben will und diese auch energisch zu vertreten beginnt, denn wird — so ein Vorübergehender einen derartigen Zeitgenossen überhaupt ernst nehmen kann — zwei Dinge genauer untersuchen. Nämlich Erstens. An welchem Maßstab gemessen diese etwas „eigenes“ sein soll. Und zweitens. An welchem Maßstab gemessen diese eine „Meinung“ sein soll.

Öffentliche Meinung

Öffentliche Meinung — Bezeichnung für eine große Seifenblase, die von Presse und Massenmedien aufgeblasen wird.