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Die Mutter der Dinge

Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt die zu retten, die daran glaubten.

1. Kor 1, 21, zitiert nach dem 1956er Luthertext

Im Worte „Materie“ und seinen Ableitungen wie „Material“ schwingt immer noch die lateinische Wurzel mater mit. So wird bis heute in diesem Worte klar, dass die Menschen zu jener Zeit, in denen ihre Weltsicht die Sprache formte, auch für spätere Generationen formte, eine ganz bestimmte Auffassung von den hergestellten Dingen hatten. Der Stoff, aus dem die Dinge bestehen, ist sein mütterlicher Anteil, ist das, was die Dinge erst „geboren“ macht, was ihnen Existenz verleiht; umgekehrt wird die Idee und die Vorgehensweise des Künstlers und Handwerkers, der die Dinge formt, als väterlicher Anteil verstanden worden sein — und auch dies hat bis heute seine Spuren darin hinterlassen, dass die Idee des Werkzeuges, das im schöpferischen Prozesse zum Einsatze kommt, seine fühlbar phallische Konnotation hat, die sich immer wieder in der derben Umgangsprache und oft auch in der Lyrik Bahn bricht. Einer Idee oder einem Plan, dem die Möglichkeit fehlt, Materie zu formen, fehlt jedes Sein; solche Ideen dünsteln geisterhaft als Möglichkeiten durch die Wüsteneien des Denkens, ohne Wirklichkeit und damit Wirksamkeit zu entfalten.

Erst lange nach dieser sprachlichen Gestaltwerdung der ursprünglicheren Sicht haben wirre religiöse Menschen und Philosophen damit begonnen, die Materie zu verachten und die geisterhaft dünstelnden Schatten im Traumkino ihres Gehirnes für eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu halten. Damit zeigten sie nicht nur ihre Verachtung für das Dasein und alles Seiende, sondern sie legten in diesem Wahn die „philosophische“ Grundlage für jede kommende Geringschätzung des fröhlichen Lebens und seiner Möglichkeiten. Dass mit dieser geisteskranken Geringschätzung eine bis heute wirkmächtige Verwerfung der Sexualität und Entmenschlichung der Frau einher ging, ist angesichts des neurotischen Hintergrundes dieses Prozesses nicht verwunderlich. Zum großen und anhaltenden Unglück für die gesamte Menschheit kam der Gründer der christlichen Religion, Paulus, (im Gegensatz zu Jesus dem Nazarener) aus einem kulturellen Umfeld, das von diesem wenig erquicklichen Wahnsinn geprägt wurde. Und seine Briefe. Die Bestandteil der Bibel und das Gründungsdokument jener weltweit verbreiteten Religion geworden sind und die von den Anhängern der christlichen Religion als „Gottes Wort“ bezeichnet und behandelt werden, sie sind voll von dieser verwerfenswerten Neurose. Der Rest ist Geschichte. Immer noch werdende Geschichte.

E = mc²

Materie (mit ihrer trägen Masse) ist Energie, die auf ihre Befreiung wartet. Und. Energie ist befreite Materie.