Tag Archive: Marketing


Clickbait mit Messer und Gabel

Kaum werden — das ist ja auch eine gute Verkaufsförderung für ein Büchlein — ein paar Sprüche eines abgehalfterten Altkanzlers über die angebliche Unfähigkeit der amtierenden Bundeskanzlerin beim Essen mit Messer und Gabel publik, schon wird das vom Apparat der Contentindustrie klickträchtig aufgeschäumt, als ob es eine Nachricht wäre. Ganz so, als gäbe es über die Machenschaften der gegenwärtigen Regierung der Bundesrepublik Deutschland keine substanziellere Kritik zu schreiben. Der Beitrag der Contentindustrie zur Entpolitisierung der Menschen in Deutschland ist niemals zu unterschätzen.

Irgendwelche Links auf die dumme Click- und Linkbait der Presseverlage im Dienste einer Buchverkaufs-PR habe ich bewusst vermieden…

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Social

Die Kälte des menschlichen Miteinanders spiegelt sich auch darin, wie häufig die Entwicklung „social media“ von irgendwelchen „Experten“ als reines Marketinginstrument betrachtet wird.

Tittenscheibe

Ein UFO ist wie eine Titte. Packst du das auf den Titel, verkaufst du gleich 5000 Stück mehr.

Johannes von Buttlar, im Stern vom 2. November 1995

Zielgruppe

Prof. Dr. Franz-Rudolf Esch -- Senioren sind die neue Zielgruppe

Im Begriffe „Zielgruppe“ der Allvermarkter schwingt immer leicht der Gedanke an die Zielvorrichtung einer Waffe mit, in deren statistischem Fadenkreuz die Menschen genommen werden, damit man sie auch treffe.

Auswärtiges Denken

Die meisten Marketing-Programme basieren auf der Angst, es könne sich herausstellen was wirklich innerhalb des Unternehmens abgeht.

Punkt 28 des cluetrain manifestes | via Freiheitsfabrik

Marketing?

Eben beim Lesen meiner Mail habe ich den interessanten Hinweis bekommen, dass es sich beim rüpelhaften und nicht besonders sportlichen Vorgehen der JAKO AG gegen einen Blogger doch um eine Form des Marketings handeln könne, immerhin ist ja jetzt eine zuvor eher unbekannte Marke allgemein bekannt geworden.

Nun, das ist eine interessante Idee. Von dieser Methode des „Marketings“ habe ich schon vor vielen Jahren einmal gehört, und das hörte sich so an:

Chef: Herein! … Ah, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Ich muss mit Ihnen reden, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Es ist wegen Ihrer Kampagne für Conquistador Kaffee. Nun, ich musste mich heute morgen mit dem Manager von Conquistador treffen, und er ist sehr unglücklich wegen Ihrer Kampagne. Sehr unglücklich. Tatsächlich hat er sich erschossen.

Frosch: Schlimm?

Chef: Nein, wirklich gut. Bevor er von uns gegangen ist, hat er eine Nachricht für den Sekretär des Unternehmens hinterlassen, deren wesentlicher Punkt es ist, wie enttäuscht er von Ihrer Arbeit war, und insbesondere, warum sie den Namen von Conquistador Instant-Kaffee in Conquistador Instant-Lepra geändert haben. Warum, Frosch?

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Warum haben Sie das getan?

Frosch: Es war ein Scherz.

Chef: Ein Scherz?

Frosch: Nein, nein, kein Scherz… eine Marketing-Kampagne.

Chef: Ich sehe, Frosch.

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Schauen wir uns doch einmal die Verkaufszahlen an. Als sie diesen Wert übernommen hatten, Frosch, war Conquistador ein Markenführer. Hier haben Sie ihre erste Kampagne gestartet: „Conquistador Kaffee gibt dem Wort ‚erbrechen‘ eine neue Bedeutung“. Hier haben sie ihr Einführungsangebot gestartet, zu jeder Packung einen kostenlosen toten Hund hinzuzugeben. Und das hier ist das Ergebnis Ihrer zweiten Kampagne, „der prickelnde, frische Kaffee, der Ihnen eine eine reizende neue Cholera, Räude, Wassersucht, einen Tripper, die Staupe und eine Herzerweiterung* verschafft. Aus dem Hause Conquistador“.

Frosch: Es war keine gute Verkaufsstrategie**.

Chef: Warum, Frosch?

Frosch: S. Frosch, bitte.

Chef: Schnauze! Ja?

Frosch: Nun, immerhin kennen die Leute den Namen.

Chef: Aber sicher kennen sie den Namen. Sie haben die Fabrik niedergebrannt. Der Eigentümer hält sich in meinem Badezimmer versteckt… der Eigentümer hielt sich in meinem Badezimmer versteckt.

Frosch: Sie werden mich doch jetzt nicht etwa feuern, Chef?

Chef: Sie feuern?! Drei Männer tot, die Fabrik niedergebrannt, jede Bedeutung verloren und unsere Firma völlig bankrott. Was… was… was… was können Sie dazu sagen? Welche Entschuldigung können Sie vorbringen?

Frosch: Entschuldige, Vater!

Chef: Oh. Ja. Nebenbei bemerkt: Ihr Film hat einen Preis gewonnen.

Monty Python: Conquistador Coffee Campain | YouTube-Direktlink
Sorry für die vielen Fehler, die in der Übelsetzung stecken müssen…

* Unsicher: Ich verstehe hier „athlete’s heart“, bin aber nicht sicher.

** Nur, wenn ich „soft-sell“ hier richtig als kleines Wortspiel mit „hard-sell“ für eine aggressive Verkaufsstrategie verstanden habe.

Stümpern gegen Satire

fdp_bruederleEines muss man der FDP in diesem Wahlkampf ja lassen, und das muss wirklich auch ein Vorsatz und ein Plan sein: Sie hat ihre überall hingeklebten Plakate derart mies gestaltet, dass es niemandem Spaß machen wird, eine Satire auf diese Plakate — oder wie man neuerdings zu sagen pflegt: einen Remix — anzufertigen. Somit bleibt die FDP, obwohl sich nach dem jüngsten Scheitern der darin vertretenen Ideologie vom „freien“ Wirtschaften als Zielscheibe für den ätzenden Spott geradezu anbietet, davon verschont, dass kreative Richtig-Dichter den platten und offen in den Stil der Bildzeitung abgleitenden Dummschwätz von Brutto, Netto und Mitte in angemessener Weise richtig stellen.

Die gezielte Stümperei der dafür gewiss gut bezahlten Marketingleute im Auftrage der neoliberalen Kampfpartei geht so weit, dass auf dem Plakat mit Rainer Brüderle das „r“ des Schlachtrufes in Gelb auf gelbem Hintergrund aufscheint und kaum noch zu lesen ist. Es mag ja sein, dass „Deutschland es besser kann“, aber wer mag sich den ernsthaft in solche Miserablität hineinziehen lassen… :mrgreen:

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung „vermarktet“ werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und „inhaltlich“ in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am „Markt“ erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten „Discounter“, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Evidenzbasierte Medizin

„Evidenzbasierte Medizin“ ist eines dieser Wörter, die durch ihre bloße sprachliche Existenz den Zustand offenlegen, der sonst durch wissenschaftliches Gehabe, irreführende mediale Darbietungen und die Werbung für Pharmaprodukte verborgen werden soll. Gemeint ist mit diesem Wort eine Form der medizinischen Behandlung, bei der sämtliche Entscheidungen in Bezug auf einen Patienten und seiner Krankheit auf Grundlage einer nachgewiesenen Wirksamkeit getroffen werden. Das Wort von der „evidenzbasierten Medizin“ ist ein Beleg dafür, dass ein solches Vorgehen in vielen Fällen nicht üblich ist und dass das Weißkittelchen, diese Respekt befehlende Priesterkutte der Wissenschaft, bei Ärzten eher als eine Tarnung zu betrachten ist, als eine Tarnung für fortgeschrittene Quacksalberei.

Das Konzept der „evidenzbasierten Medizin“ wurde in der BR Deutschland zum ersten Male im Jahre 1995 publiziert. Man stelle sich nur einmal einen Physiker vor, der seine spezielle wissenschaftliche Methode mit dem Wort „evidenzbasierte Physik“ bezeichnet, um sie vom „wissenschaftlichen“ Vorgehen seiner Kollegen abzugrenzen, und schon wird auf der Stelle klar, wie „wissenschaftlich“ und „rational“ das ist, was jeden Tag von vielen (nicht allen) Ärzten auf ihre Patienten losgelassen wird. Diese Vorstellung hilft hoffentlich auch, beim nächsten Arztbesuch eine hinreichend kritische Haltung einzunehmen, sich selbst zu informieren und weder alles unhinterfragt zu glauben, was vom weißen Schamanen erzählt wird, noch alles unhinterfragt zu fressen, was von ihm verschrieben wird. Wird daraus eine verbreitete Haltung (sie ist leider anstrengend und setzt im Gegensatz zum passiven Behandelt-Werden Recherche und Denktätigkeit voraus), so könnte allein dadurch die Kostenentwicklung im Krankheitswesen in einer wünschenswerten Weise beeinflusst werden.

An Stelle eines Nachrufes

Klei mi ann Mors!

Ein breit niederdeutsch sprechender Obdachloser aus Seelze bei Hannover zu den „Inhalten“ der Nachrichtensendungen und Zeitungen. In feinerem Schriftdeutsch bedeutet dies ungefähr „Kratz mich am Hintern!“.

Betroffenheit — Wenn die Menschen um mich herum auch nur halb so betroffen davon wären, dass ihnen ganz persönlich ein so genanntes „Grundrecht“ nach dem anderen entzogen wird und dass ihnen ihr Leben vergällt, geraubt und enteignet wird, während eine kleine Clique von Besitzenden und Mächtigen sich am geraubten Lohn ihres Schweißes mästet, wie sie über den Tod eines sich durch bloßes Hinschauen als recht künstlich erweisenden Produktes der Contentindustrie betroffen fühlen gemacht werden, denn wäre ich für die Zukunft dieser Gesellschaft sehr viel optimistischer. Die industriell erstellte Unterhaltung — auch in ihren scheinbar ernsteren Inhalten, auch in ihren Meldungen vom Tod eines so genannten stars, bei dem bestenfalls die Selbstverstümmelung und die Monstrosität der Fleischvermarktung astronomische Ausmaße angenommen haben — sie ist in ihrer Abstopfung der Sinne und des Sinnes nichts als Unten-Haltung. Für diesen Zweck spielt es keine besondere Rolle, ob man einen mit Drogen vollgepumpten und schwer kranken Musiker unter der Marschmusik der Werbetrommeln durch die gewaltigen Bühnen der Welt hetzt, oder ob man einen toten Körper ausweidet. Ja, Letzteres ist vielleicht sogar attraktiver fürs Geschäft. Die Leichenfledderei ist eröffnet; der „Markt“ kann jetzt noch einmal überflutet werden mit bislang unveröffentlichten Studioaufnahmen, privaten Fotos, den greatest hits und anderen Schlägen.

Modernität — In gewisser Weise war Michael Jackson ein sehr modernes Produkt der Contentindustrie, deshalb geriet er auch im Fortlaufen des Prozesses in relative Vergessenheit. Seine frühen Musikvideos waren beachtliche Werke, die mit hohem Aufwand eine künstliche, traumartige Welt an das kollektive Auge der Wachenden brachten, seine Bühnendarbietungen waren von der Perfektion des geldernsten show business geprägt. Niemand hat sich daran gestört, dass die Musik, die doch vorgeblich über diese Medien transportiert werden sollte, hinter der Darbietung zurücktrat. Selbst das Vollplayback stellte für keinen der Fans dieses Sängers ein Problem dar. Auch der Körper Michael Jacksons wurde völlig in den Dienst dieser vollumfassenden show gestellt und mit ärztlichen Mitteln von seinen natürlichen Beschaffenheiten wie der Hautfarbe oder der Form des Gesichtes „befreit“. Dass dabei alle afrikanischen Züge aus der Marktware des Körpers von Michael Jackson verschwanden, spiegelt — wie auch die typischen Rollen der Nachkommen ehemaliger zwangsversklavter Menschen aus Afrika in den Hollywood-Produktionen — den ebenfalls modernen Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika wider. Und. Dass schließlich, nach Jahren der chirurgischen Umgestaltung des Körpers die Nase von Michael Jackson wegfaulte, ist ein trefflicher Spiegel dafür, wie das alles zum Himmel stinkt.

Existenzfragen — Als jemand, der auch gern einmal eine entspannte Stunde in der Mülltonne des Internet wühlt, habe ich schon viel Absurdes gelesen. Zum Beispiel las ich, dass eine ganze Handvoll außerirdischer Zivilisationen regelmäßig die Erde besuchen, ohne dass sie irgendwelche physikalischen Spuren dieser Besuche zurücklassen; dass das Apollo-Programm der USA nicht stattfand, sondern in geheimen Studios auf der Area 51 gedreht wurde; oder auch, dass Adolf Hitler noch lebt und am Südpol darauf wartet, die Herrschaft über die Welt antreten zu können. Eine sehr naheliegende Spekulation habe ich hingegen nie gelesen, obwohl viel mehr dafür gesprochen hätte, und das ist die Spekulation, dass Michael Jackson gar nicht (mehr) existiert hat. Wie trefflich hätte sich auf der Grundlage dieser einen Spekulation alles erklären lassen! Das sich ständig verändernde Gesicht; die Wechsel in der Hautfarbe, die fühlbare Künstlichkeit aller Meldungen; die sonderbare Scheu und die Vorkehrungen bei öffentlichen Auftritten, die bis zum Tragen einer chirurgischen Gesichtsschutzes gingen; das Vollplayback zu den Darbietungen eines weniger zum Singen talentierten Balletttänzers, der unter dem blendgrellen Schutz der Scheinwerfer den Jacko macht — die hierzu erforderliche Maske hätte jeder modellieren können, der als Maskenbildner für Horrorfilme geübt ist. Die Vorstellung, dass alle diese Zeichen darauf hindeuteten, dass sich hinter ihnen keine existierende Person mehr befand, drängt sich geradezu auf. Und. Selbst, wenn man — wie ich — diesen paranoiden Schluss nicht ziehen mag, kann man sich durchaus die traurige Frage stellen, wie lange vor seinem Tod der king of pop schon zu leben aufgehört hat. Und. Diese Frage wird fast zwangsläufig von der Frage gefolgt, wann wohl das eigene Leben unter den Bedingungen der Verwirtschaftung aufgehört hat.

Das Ende der Pop-Ikonen — So modern das Produkt Michael Jackson zu seiner Zeit auch gewesen sein mag, es spiegelt einen Zwischenstand im Prozess der Musikvermarktung durch die Contentindustrie wider. Der Prozess lief weiter, und er hat solche Produkte obsolet gemacht. Dort, wo man Profit daraus schlürft, „Musik“ für den Massenmarkt zu erstellen, wurde längst begriffen, dass selbst eine vom Fraß des Marktes übrig gelassene Restpersönlichkeit eben noch eine Persönlichkeit ist und als solche Probleme bereiten kann, die eine Vermarktung behindern. Deshalb werden heute noch synthetischere Produkte auf den Markt gespien, Gestalten, für die man zielgruppengerecht eingängige Funktionsmusik komponieren lässt, mit der sie dann für ein paar Wochen oder einen Sommer lang mit aller Macht in die Rundfunkempfänger gepresst werden, auf dass es zu einem Geschäft komme. Das sich auf diesem Wege irgendwelche Menschen zu fans entwickeln, die eine abstrakte persönliche Beziehung zu diesen Gestalten aufbauen, ist dabei explizit unerwünscht. Gewünscht sind austauschbare Nanoprominente für den Augenblick, die ohne Schmerzen für das kleine Investment in ihrem künstlichen Ruhm wieder fallen gelassen werden können. Was den Menschen heute als Glimmerwelt des show business vor Augen gestellt wird, hat längst schon das volle Gepräge jedes anderen Wirtschaftens und erachtet seine Arbeiter (darin seid gewiss: Show ist harte Arbeit!) als Menschenmaterial, als austauschbare Batterie im industriellen Produktionsprozess. Dem entsprechend gering ist auch die Mühe, die zur Jetztzeit in der Vermarktung von Musik aufgewändet wird, sie spiegelt wider, dass es sich hierbei um ein Einwegprodukt handelt, das benutzt und anschließend weggeworfen wird. Wo die zu Verbrauchern degradierten Menschen sich dann aber billigerweise so verhalten, wie es dem billigen Produkte gegenüber angemessen ist, da ist das Klagen der Industrievertreter laut und jämmerlich und ihre Forderung nach einer staatlichen, schwer strafbewehrten Kriminalisierung natürlicher technischer Möglichkeiten unerträglich. Internet und Filesharing hin und her, ich habe keinen einzigen richtigen fan von Michael Jackson erlebt, der nicht eine vollständige Sammlung aller seiner Alben im Regal gehabt hätte — und wie schon gesagt, auch die jetzige totale Ausweidung des toten Jackos wird ein großes Geschäft werden, ganz genau so kalt und skrupellos wie die Ausweidung des lebenden Jackos…

Moin U., datt hätt je nit gedacht, datt ik di zitier, watt?!