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Der Tod der Lyrik

Wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.

Theodor W. Adorno, Theorie der Halbbildung

Vermutlich ist die Lyrik die älteste Form künstlerischen sprachlichen Ausdruckes. Sie war keine nutzlose Kunst. Die formale Gestaltung, die Tendenz lyrischer Ausdrucksweise, Begriffe über den Gleichklang und das Metrum miteinader zu verbinden, weist in eine Zeit zurück, in der Menschen keine Schrift zur Verfügung hatten und sich dieser sinnlichen Qualitäten als ein Mittel bedienten, Text zum Erzählen (und zum Zaubern, denn ihre Weltanschauung war magisch) im Gedächtnis zu behalten. Tatsächlich ist solcher Nutzen der Form in der Triviallyrik der Volksweisheiten und Sprichwörter, obwohl im Verklingen begriffen, bis heute vernehmbar:

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
so oft er auch die Wahrheit spricht.

Mit der zunehmenden persönlichen Nutzlosigkeit auswändig verfügbaren Wissens in einer vom Buchdruck und lichtschnellen Medien geprägten Gesellschaft ist der Untergang der Lyrik eine folgerichtige Erscheinung, und der einst vom Hören einer aus dem Alltag sprießenden Lyrik geschulte Feinsinn der Menschen unter den Bedingungen des über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses folgt dieser Entwicklung, ohne dass etwas anderes entstanden wäre, den Sinn für sprachliche Harmonie zu schärfen. Was von der einst so bedeutenden Lyrik verblieben ist, das sind die Texte der industriell erstellten und lärmend gewordenen Populärmusik, deren Inhalte zumeist den allgemeinen Mangel an befriedigender Sexualität widerspiegeln. Und. Das als Show eines unterhaltsamen Wettbewerbes dargebotene Marktgeschreie auf so genannten „poetry slams“.

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Soldatenfriedhof

Grasfrech welkt der blinde Hügel;
Tausendstab und weiß die Kreuze
Steht der Tod in Reih und Glied,
Der Meister jedes Krieges.

Nochimmer das Vergessen.

Adjektive

Der Unterschied zwischen einem lyrischen Text und einem sachlichen Text zeigt sich bei einer Betrachtung der verwendeten Adjektive. Während diese im Sachtext in vielen Fällen eher die Textmenge aufblähen und vielfach ohne wesentlichen Verlust für das Mitgeteilte entfernt werden könnten, tragen sie in einem lyrischen Text das gesamte Gewicht des Mitgeteilten. Dies spiegelt wider, dass bei einer sachlichen Betrachtung den betrachteten Entitäten leicht ihre individuellen Eigenschaften abgesprochen werden, und damit eben auch ihre einzigartige Existenz und Bedingtheit. Und eben daher. Rührt der frostkalte, lebensfeindlich wirkende Hauch, der sich so oft mit der Forderung nach „Sachlichkeit“ verbindet.