Tag Archive: Leben


Zeit

Die Menschen sagen und — noch schlimmer — sie glauben, sie hätten Zeit für etwas oder sie hätten keine Zeit dafür, aber sie bemerken beinahe niemals, dass sie selbst diese als “Zeit” benannte Befristung ihres Daseins sind. Wer keine selbstverfügte, unverplante Zeit hat, hat kein selbstverfügtes, unverplantes Leben; wer sich jeden Tag von einer Maschine gestalten lässt, welche die Zeit in Zahlen wandelt, um sie besser verwaltbar zu machen, ist längst selbst zur gutverwalteten Maschine geworden, gleich, welche Illusionen das Theater seiner Psyche seinem Sein vorspielt.

Von der Tiefe

Und der Nachtwächter sprach: Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über den Prozess, der über die Gesellschaft und damit auch über mich abläuft, aufregen würde. Und. Es ist auch nicht so, dass ich ein abgeschottetes Wesen wäre, eingemauert in den Steinen erlebter Verletzungen und in der allabwehrenden Angst vor weiteren Verletzungen. Mein Glück hat eine Beschaffenheit, die nicht kennt, wer sein lächerliches Heil in einer Naivität sucht, die den Geist verneint und seines eignen Geistes Stimme im Geräusch unentwegter Vergnügung und ständigen inputs für die Sinne ersticken will. Meine Seele ist ein tiefes Gewässer geworden, auch ein recht schlammiges, reich an längst gestorbnem Sein und damit auch an Nährstoff für das neue Werden; es hat freilich dabei nicht gelernt, köstlich zu duften, um damit Nasen zu bezirzen. Die wohl berechnete Kälte, die so überreich und tosend in die Welt geblasen wird, flachere Seelen zu bewegen, sie wühlt in meinem Wasser nur die Oberfläche auf und vermag in dieser Tiefe nichts. Doch das. Ist nicht Bewegungslosigkeit. Und auch. Kein für nichts und niemand mehr erreichbarer Wahn im engen Selbstkreis. Was in mir Bewegung schafft, ist doch etwas anderes, ist das Leben selbst; heiter, hell, geheim und sehr zerbrechlich; sein Geräusch. Ist. Ein leises, sanftes Säuseln. Aus dieser Tiefe, die den Tod und das Leben zu der Einsheit macht, die es immer schon war, blubbern Blasen glucksend an die Oberfläche, als ein Lachen über den absurden Witz des Daseins. Dass ich dabei dennoch nicht jeden Dörrgeist, jede Narretei und Gewalt meinem Dasein hinzufüge, dass ich so vielen und vielem jede aktive Zuwendung verweigere, ist nicht Grenzung, sondern Einsicht in die eigenen Grenzen. Auch die Energie aus dem Zerfall ist nicht unendlich. Am Rande des Weges, den ich zu gehen habe — lang schon bin ich nicht mehr in mir selbst auf meiner Füße singenden Schritten — stehen als Menetekel die jämmerlichen Kreuze und Kadaver jener, die ihre Selbste mit dem Prozess verwechselten, der sie hervorbrachte, statt dass sie die Winzigkeit ihrer Selbste wahr gehabt (und nicht genommen) und lachend in den Witz des Kosmos eingestimmt hätten. Nichts zerfrisst die Frist des Lebens so gründlich wie der kleinkindische Größenwahn. Und nichts. Bringt so viel infektiöse Kälte, Tod und Dummheit hervor.

Für F. B. und T. U.

Internetausdrucker

Dass einige durch ein hohes Maß an technischer Inkompetenz blendende Mitglieder der classe politique von der Masse der Nutzer und Gestalter des Internet wegen ihres unbeholfenen, lernresistenten und rückständigen Umganges mit technischen Möglichkeiten als “Internetausdrucker” bezeichnet werden, ist ein trefflicher Schuss in die falsche Richtung, nämlich in die Richtung derer, die so sprechen. Denn diese belegen. Mit solchem Sprech. Dass sie das Internet und ihr gesamtes Wirken darin für flüchtig, frei von nachhaltiger Wirkung, keines langfristigen Erhaltes und keiner späteren, rückblickenden Rezeption für würdig befinden, dass sie ihre Inhalte — ganz genau so, wie es die Contentindustrie seit jeher tut — für den affektiv aufbrausenden Sekundenglanz und das große Vergessen erstellen;  dass sie, schon mittelfristig betrachtet, nur für die Mülltonne lesen, schauen,  schreiben, kommunizieren, fotografieren, musizieren, Videos erstellen — und, so dies einen erheblichen Anteil ihrer beschränkten Lebenszeit aufzehrt, dass sie in hohem Maße für eine digitale Mülltonne leben. Selbst, wenn das in vielen Fällen zuträfe, ist es doch nicht gerade eine Haltung, die einen Menschen mit so viel idiotischem Stolz erfüllen sollte, dass er sie auch noch proll und prall plakativ anpreise.

Wenn das gegenwärtige Internet dereinst — so, wie es sich viele Herrschende und Besitzende zurzeit zu wünschen scheinen — durch etwas ersetzt wird, was durch eine weniger dezentrale Struktur besser zum künstlichen Erhalt bestehender Privilegien und Machtstrukturen geeignet ist, denn werden wir von der Fülle der jetzt noch öffentlichen Gedanken und Beobachtungen neben den ausbleichenden Erinnerungen nur noch unsere Ausdrucke haben. Es wäre doch ein bemerkenswerter Witz der Geschichte, wenn diese sich ausgerechnet bei den Inquisitoren der diversen “Sicherheitsämter” stapelten — und es wäre ein Witz der Geschichte, über den nicht zum ersten Mal gelacht werden könnte, wenn einem das Lachen nicht im grimmvollen Bauche hängen bliebe.

Das wahre Wahlplakat

Härter arbeiten! Schöner wohnen! Bunter kaufen! Schneller ficken! Früher sterben! Für ein ganzes Leben! Einheitsliste Deutschland! CDUSPDFDPGRÜNETC! ADEP - Asozialistische Deutsche Einheitspartei

So ungefähr sähen Wahlplakate zur kommenden Bundestagswahl aus, wenn auf ihnen nicht ein paar photoshopgeschönte Politstars und an die Reklame für Hundefutter erinnernde Kurzworte, sondern die Wahrheit über die politischen Beglückungsideen stünde.

Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: “Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter”. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

Fit For Death

Er ist so symptomatisch für diese Zeit: Der Geschäftsraum, an dem der Denkende und Fühlende vorüber geht. Überm Eingang die blende Reklame in freundlichen Farben, die diesen Raum als ein “Fittness-Studio” ausweist. Darinnen Menschen. Die an Maschinen stehen und mechanische Tätigkeiten ausführen, die sich qualitativ nicht von der abstrakten Arbeit unterscheiden, die aber im Unterschied zu dieser nicht entlohnt werden. Sondern sogar Geld kosten. Diese Menschen tun das, um sich fitt — das heißt zu Klardeutsch: angepasst — für die richtige abstrakte Arbeit zu machen, um ihren eigenen Marktwert zu erhöhen. Ebenso symptomatisch der Platz vor dem Eingang, der mit weißen Linien unterteilt ist. Ein Schild weist ihn als “Kundenparkplatz” des “Fittness-Studios” aus und winkt allen anderen Menschen, die dort ihr Auto abstellen wollen, mit dem dräuenden Abschlepphaken. Der Parkplatz ist wichtig, denn das “Fitness-Studio” steht ein wenig abseitig, und um aus den nächstliegenden Wohnquadern dorthin zu gelangen, müsste schon ein Fußweg von über vierzig Metern zurückgelegt werden. Das ist den Menschen, die Kunden eines solchen “Fitness-Studios” werden sollen, nun wirklich nicht zuzumuten. Denn diese Menschen. Die sich in dieser schweißgetränkten Selbstfolterkammer zu besseren Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess machen wollen. Sie vermeiden in ihrer sonstigen Zeit jede noch so kleine Bewegung, sie würden sogar noch vom Fernseher zum Kühlschrank mit dem Auto fahren, wenn es dort nur eine Straße gäbe. Mit welcher tänzelnden Heiterkeit der Fühlende und Denkende doch an dieser Mühsal vorbeischlendern kann, in der sich die Menschen ihren Bewegungsdrang, ja, ihren Drang zum Leben abtöten! Und. Mit welcher Betrübnis!

Lebensabend / Lebensnacht

Wenn dann endlich die Zeit gekommen ist, in der einer könnte, wie er will, dann ist längst die Zeit vorbei, in der er noch kann — und damit das trotz des an sich erfreulichen medizinischen Fortschrittes so bleibt, wird das Eintrittsalter für den Rentenbezug immer weiter Richtung Tod verschoben.

Wer sich für sein Leben in ein spätes und kraftloses Diesseits vertrösten lässt, ist fast so dumm wie einer, der sich gleich in das Jenseits vertrösten lässt.

Über die Religiösen

Zu viele Menschen benutzen den Schein der Religion, die ja trotz ihrer blutigen Geschichte und Gegenwart immer noch etwas von Menschlichkeit, Größe und Wärme in die Welt heuchelt, um nicht selbst ein Leben zu leben, das von Menschlichkeit, Größe und Wärme geprägt ist.

Der sich Verabschiedende

Er sagte: “Das bisschen Lust ist doch das ganze Elend des Lebens nicht wert.”

Und. Angesichts der Tatsache, dass “das bisschen Lust” noch eingeschränkt, vergällt, beschädigt wird, mag man ihm nicht mehr widersprechen.

Abendstimmung

Wenn die müde Sonne nach der Last eines Tages, an dem nichts Neues unter der Sonne geschehen ist, endlich unter dem Horizont entschwindet, nur um zu sehen, dass auch auf der anderen Hemisphäre der Erdkugel nichts Neues unter der Sonne geschieht; wenn diese wenigen Minuten über einen Menschen hinwegstreifen, in denen sich die ganze Welt in ein rötliches Halbdunkel legt, das des kühlen Märzens bei weitem nicht so warm ist, wie es aussieht; wenn sich die scheinbare Himmelskuppel in den Farben eines Regenbogens verfärbt und die getröstete Seele eine uralte Magie aus der Luft zu atmen glaubt…

Abendstimmung

…dann ist die in totaler Verwirtschaftung deflorierte Erde für einen kurzen Moment wieder zum Menschen kommensurabel geworden; dann erwacht heiter und singselnd eine längst vergessene Ahnung davon, wie das trübe, beschädigte Dasein wirklich sein könnte, ja, wie es sein müsste; und selbst noch die tristeste Industriebrache verliert für einen viel zu kurzen Moment ihre inhärente Hässlichkeit.

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