Tag Archive: Leben


Erfolg

Von einem Anhänger der allmedial vermittelten Wohlstands- und Wirtschaftsreligion gefragt, warum er denn (spöttisch vorgetragen) bei aller seiner Weisheit so wenig Erfolg habe, antwortete der Vorübergehende: „Ich habe nicht wie du dafür gelebt, ‚Erfolg‘ zu haben, sondern ich habe unter widrigen Umständen und trotz ständiger privater, religiöser und politischer Versuche, mit aller Gewalt genau das zu verhindern den Erfolg gehabt, leben zu können. Ich lächle, und du bist verbittert“.

Priorität

„Um es ernstzunehmen“, sagte der Vorübergehende grinsend zu seiner Zeitgenossin, „ist dieses einmalige, vorübergehende Leben viel zu wichtig“.

Vorübergehend

Gefragt, warum er sich selbst einen „Vorübergehenden“ nenne, sagte der Vorübergehende: „Ich gehe weiter und lasse die Menschen tun und reden, was sie wollen, ohne dabei so kalt wie jene zu werden, denn davor graut es mir; aber auch ohne mich von meiner Psyche erhitzen zu lassen wie jene, denn das ist sehr gruselig. Das vernünftige und erfüllte Leben ist wie Fahrradfahren: Wer sich dabei nicht vorwärts bewegt, verliert sein Gleichgewicht, und wer absteigt, fährt nicht mehr“.

Gewohnheit

Bei vielen Menschen ist das Leben eher so eine Angewohnheit, die ihnen vertraut geworden ist und die sie deshalb nicht aufgeben wollen, als ihre aktiv und bewusst gestaltete, einmalige Zeit.

Konsum

„Ich konsumiere meine Zeit“, sagte der lebenslang Sterbende zu seinem Bruder im Staub, dem Vorübergehenden. Als er bemerkte, was er gesagt hat, verstummte er.

Geburtslauf

„Ein Mensch kommt ja viel zu früh auf die Welt: dumm, unselbstständig, gar nicht lebensfähig. Sein kommendes Leben entfaltet sich in einer Art langsamer Geburt, in welcher sich aus der Larve des Kleinkindes über Jahre hinweg der Charakter, die Vernunft, die Kraft und manchmal sogar die Weisheit eines Menschen zu pellen lernt, aber einen Rest der kleinkindhaften Larve zieht ein Mensch auch nach Jahrzehnten des Lebens stets hinter sich her, meist mit einer gewissen Scham“, sagte der Vorübergehende zu seinem verzweifelten Mitmenschen. Und er setzte fort: „Auch diese zweite Geburt, die man das Leben nennt, kann eine unerträglich schwere Geburt sein“.

Erleben

Er wollte etwas erleben, auch, um der objektiven mechanischen Ödnis seines verwerteten Daseins zu entkommen, aber er war immer nur dabei. Dafür gab es freilich zu jeder Zeit ein passendes Angebot, eine ganze Industrie des käuflichen Erlebnissurrogates vom Urlaub über den Sport bis zum Freizeitpark, denn es ist ja ein gutes Geschäft.

Zeit

Die Menschen sagen und — noch schlimmer — sie glauben, sie hätten Zeit für etwas oder sie hätten keine Zeit dafür, aber sie bemerken beinahe niemals, dass sie selbst diese als „Zeit“ benannte Befristung ihres Daseins sind. Wer keine selbstverfügte, unverplante Zeit hat, hat kein selbstverfügtes, unverplantes Leben; wer sich jeden Tag von einer Maschine gestalten lässt, welche die Zeit in Zahlen wandelt, um sie besser verwaltbar zu machen, ist längst selbst zur gutverwalteten Maschine geworden, gleich, welche Illusionen das Theater seiner Psyche seinem Sein vorspielt.

Von der Tiefe

Und der Nachtwächter sprach: Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über den Prozess, der über die Gesellschaft und damit auch über mich abläuft, aufregen würde. Und. Es ist auch nicht so, dass ich ein abgeschottetes Wesen wäre, eingemauert in den Steinen erlebter Verletzungen und in der allabwehrenden Angst vor weiteren Verletzungen. Mein Glück hat eine Beschaffenheit, die nicht kennt, wer sein lächerliches Heil in einer Naivität sucht, die den Geist verneint und seines eignen Geistes Stimme im Geräusch unentwegter Vergnügung und ständigen inputs für die Sinne ersticken will. Meine Seele ist ein tiefes Gewässer geworden, auch ein recht schlammiges, reich an längst gestorbnem Sein und damit auch an Nährstoff für das neue Werden; es hat freilich dabei nicht gelernt, köstlich zu duften, um damit Nasen zu bezirzen. Die wohl berechnete Kälte, die so überreich und tosend in die Welt geblasen wird, flachere Seelen zu bewegen, sie wühlt in meinem Wasser nur die Oberfläche auf und vermag in dieser Tiefe nichts. Doch das. Ist nicht Bewegungslosigkeit. Und auch. Kein für nichts und niemand mehr erreichbarer Wahn im engen Selbstkreis. Was in mir Bewegung schafft, ist doch etwas anderes, ist das Leben selbst; heiter, hell, geheim und sehr zerbrechlich; sein Geräusch. Ist. Ein leises, sanftes Säuseln. Aus dieser Tiefe, die den Tod und das Leben zu der Einsheit macht, die es immer schon war, blubbern Blasen glucksend an die Oberfläche, als ein Lachen über den absurden Witz des Daseins. Dass ich dabei dennoch nicht jeden Dörrgeist, jede Narretei und Gewalt meinem Dasein hinzufüge, dass ich so vielen und vielem jede aktive Zuwendung verweigere, ist nicht Grenzung, sondern Einsicht in die eigenen Grenzen. Auch die Energie aus dem Zerfall ist nicht unendlich. Am Rande des Weges, den ich zu gehen habe — lang schon bin ich nicht mehr in mir selbst auf meiner Füße singenden Schritten — stehen als Menetekel die jämmerlichen Kreuze und Kadaver jener, die ihre Selbste mit dem Prozess verwechselten, der sie hervorbrachte, statt dass sie die Winzigkeit ihrer Selbste wahr gehabt (und nicht genommen) und lachend in den Witz des Kosmos eingestimmt hätten. Nichts zerfrisst die Frist des Lebens so gründlich wie der kleinkindische Größenwahn. Und nichts. Bringt so viel infektiöse Kälte, Tod und Dummheit hervor.

Für F. B. und T. U.

Internetausdrucker

Dass einige durch ein hohes Maß an technischer Inkompetenz blendende Mitglieder der classe politique von der Masse der Nutzer und Gestalter des Internet wegen ihres unbeholfenen, lernresistenten und rückständigen Umganges mit technischen Möglichkeiten als „Internetausdrucker“ bezeichnet werden, ist ein trefflicher Schuss in die falsche Richtung, nämlich in die Richtung derer, die so sprechen. Denn diese belegen. Mit solchem Sprech. Dass sie das Internet und ihr gesamtes Wirken darin für flüchtig, frei von nachhaltiger Wirkung, keines langfristigen Erhaltes und keiner späteren, rückblickenden Rezeption für würdig befinden, dass sie ihre Inhalte — ganz genau so, wie es die Contentindustrie seit jeher tut — für den affektiv aufbrausenden Sekundenglanz und das große Vergessen erstellen;  dass sie, schon mittelfristig betrachtet, nur für die Mülltonne lesen, schauen,  schreiben, kommunizieren, fotografieren, musizieren, Videos erstellen — und, so dies einen erheblichen Anteil ihrer beschränkten Lebenszeit aufzehrt, dass sie in hohem Maße für eine digitale Mülltonne leben. Selbst, wenn das in vielen Fällen zuträfe, ist es doch nicht gerade eine Haltung, die einen Menschen mit so viel idiotischem Stolz erfüllen sollte, dass er sie auch noch proll und prall plakativ anpreise.

Wenn das gegenwärtige Internet dereinst — so, wie es sich viele Herrschende und Besitzende zurzeit zu wünschen scheinen — durch etwas ersetzt wird, was durch eine weniger dezentrale Struktur besser zum künstlichen Erhalt bestehender Privilegien und Machtstrukturen geeignet ist, denn werden wir von der Fülle der jetzt noch öffentlichen Gedanken und Beobachtungen neben den ausbleichenden Erinnerungen nur noch unsere Ausdrucke haben. Es wäre doch ein bemerkenswerter Witz der Geschichte, wenn diese sich ausgerechnet bei den Inquisitoren der diversen „Sicherheitsämter“ stapelten — und es wäre ein Witz der Geschichte, über den nicht zum ersten Mal gelacht werden könnte, wenn einem das Lachen nicht im grimmvollen Bauche hängen bliebe.

Das wahre Wahlplakat

Härter arbeiten! Schöner wohnen! Bunter kaufen! Schneller ficken! Früher sterben! Für ein ganzes Leben! Einheitsliste Deutschland! CDUSPDFDPGRÜNETC! ADEP - Asozialistische Deutsche Einheitspartei

So ungefähr sähen Wahlplakate zur kommenden Bundestagswahl aus, wenn auf ihnen nicht ein paar photoshopgeschönte Politstars und an die Reklame für Hundefutter erinnernde Kurzworte, sondern die Wahrheit über die politischen Beglückungsideen stünde.

Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter“. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.