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Glaubensbekenntnis

Interessant finde ich, daß eben die Unlogik und Widersprüchlichkeit als Grund angegeben wird, warum man der Religion den Rücken gekehrt hat. […]

Gerade der oben erwähnte Grund, die Religion verlassen zu haben nährt meinen Verdacht, daß vor allem bei den Brights der Wunsch groß ist, Autoritäten zu haben, die logisch und unwidersprüchlich sind, sonst hätten sie der Religion, die diese Kriterien nicht erfüllt, nicht den Rücken kehren müssen.

Eine Polemik von „Ein feste Burg ist unser Gott“ gegen Atheisten und Brights

[Überflüssig zu erwähnen, dass das oben zitierte und verlinkte Blog nicht nur Spuren von Religion enthalten kann — Allegiker sollten Abstand nehmen und Homöopathen sollten sich nach dem Genuss zehnmal schütteln…]

Es gibt keine ungläubigen Menschen. Das Wort von den „Ungläubigen“ ist ein Kampfbegriff aggressiver Religionen. Es gibt nur anders gläubige Menschen, also solche, die nicht bereit sind, den überlieferten und oft von ihnen geforderten (religiösen) Glauben zu übernehmen, weil sie aus oft sehr persönlichen Gründen einen anderen Glauben entwickelt haben.

(Zum Beispiel wird ein bestimmtes Glaubensbekenntnis regelmäßig gefordert, wenn jemand in einem Betrieb arbeiten will, der zu einer christlichen Kirche gehört — und die offene Abkehr vom geforderten Bekenntnis kann in der BR Deutschland legalerweise durch eine fristlose Kündigung beantwortet werden, was als kleines Sonderrecht der vom Staat gar nicht so unabhängigen christlichen Religionsgemeinschaften existiert und von diesen auch regelmäßig ausgelebt wird. Ich kenne selbst Betroffene dieses Bekenntniszwanges, die sich ein Drittel ihres Lebens hinter einer Fassade verstecken müssen, um nicht in das persönliche Nichts zu fallen, in dem ich schon lange lebe. Dass empfindsamere Menschen in diesem Zwiespalt aus meist sozialer Tätigkeit und täglich geforderter Lüge über ihren „inneren Kirchenaustritt“ persönlichen Schaden nehmen, kann wohl jeder nachvollziehen, der nicht aus Stein ist.)

Wer sich in seiner „Andersgläubigkeit“ nur darüber definiert, was er nicht glaubt, zeigt damit eine gewisse Dummheit. Wer sich darin begnügt, sich einen „Atheisten“ zu nennen, hat nur mit einem griechischen Fremdwort den religiösen Kampfbegriff des „Ungläubigen“ für sich aufgenommen und auf diese Weise auch nachträglich gerechtfertigt. Die ausschließliche Ablehnung einer organisierten und nicht nur angesichts ihrer Geschichte hoch fragwürdigen Religion ist nichts als ein Spiegelbild der Religion und genau so fragwürdig wie diese selbst.

Ich glaube. Aber ja, natürlich glaube ich! (Es liegt halt in meiner Natur…) Denn wenn ich mein Leben nur auf gesicherten Fakten beruhen lassen wollte, denn würde ich zwangsläufig daran meschugge werden. Und. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, stelle ich sogar fest, dass die meisten von mir „nur geglaubten“ Annahmen über die Beschaffenheit der Realität für die Mehrzahl meiner Entscheidungen weitaus wichtiger sind als die sichere Kenntnis irgendwelcher Fakten. Und nicht nur das, von dieser „Schwäche“ sind vor allem jene Entscheidungen betroffen, die ich persönlich ganz besonders bedeutsam finde. Zum Kaufen des preisgünstigsten Brotes benötige ich nicht besonders viel Glauben, aber einiges an Information; als wichtiger empfinde ich jedoch ganz andere, grundsätzlichere Entscheidungen in meinem Leben, für die ich „nur“ Geglaubtes zur Verfügung habe. Zum Beispiel die Prinzipien, nach denen ich lebe. Sie sind nichts als Glaube, mit dem ich gedeihe und mit dem ich untergehe.

Ja, manches „nur“ Geglaubte hat sich sogar in meinem Leben bewährt, und zwar nach Maßstäben, die ich wiederum nach „nur“ Geglaubtem anlege. Und wie jeder — also auch wie der konformere, gemeinhin als religiös benannte — Glaube wäre auch mein Glaube tot in sich selbst, zöge er keine lebendigen Erfahrungen mit sich. Selbst der dümmste, in sumpfiger Magie der psychischen Analogieschlüsse erblühende Aberglaube hat seinen Vorrat an Erfahrungen für jene, die ihn glauben. Placebos gibt es nicht nur in der Medizin. Ein erfolgreicher Selbstbetrug ist das, was zum Selbst wird. Auch mein Gedeihen und mein Untergang mag in seinem reichen Erleben und seinem breiten Schmerz nichts als gutgekreister Selbstbetrug sein, das weiß man selbst am wenigsten. Ich habe nichts anderes, und so bleibe ich bei dem, was ich habe.

Ich sagte doch, dass ich glaube

Dass ich das, was ich glaube, nicht ausgerechnet „Gott“ nennen mag, hat mit dem Gebrauch dieses Wortes durch jene zu tun, die dieses Wort säusellaut im Munde führen, weil sie neben diesem Wort und einem damit verbundenen Angebot der Normung der persönlichen Glaubenserfahrung nur wenig zu bieten haben. Es schwingt mir zuviel Gewalt darin, in diesem nach Sexualunterdrückung, Lustfeindschaft, Zwangsmissionierung, kolonialer Herrschaft, Krieg, Denkverbot, Angst, Lebensverneinung, Jenseitsvertröstung und Stütze noch der ungerechtesten Herrschaft schmeckenden Wort. Auch die ganzen Dekorationen um dieses Wort habe ich für mich verwerfen müssen, um wahr zu sein; diese geflügelten Menschen und diese Dreigespaltenheit und dieses ganze vom Leben der Menschen abgehobene celestiale Brimborium, das Spiegelbild der geldbesoffenen Mächtigen. Ohne das alles hätte ich vielleicht weniger Hemmungen, ein Wort wie „Gott“ zu verwenden — doch ohne das alles würde ich ein Wort wie „Gott“ wohl gar nicht kennen und kaum vermissen. Ich vermisse jetzt ja auch nicht das eine Wort, in dem ich zusammenfassen kann, was ich glaube — es ist mir direkte Erfahrung, wahr wie die Glut der sommerlichen Sonne und der schneidende Ostwind des Januar; Teil der stabilen und brüchigen Wirklichkeit (es ist die Wirklichkeit, die wirkt), in der mein Dasein aufscheint.

Ich sagte doch, dass ich andersgläubig bin

(Teil meiner „Andersgläubigkeit“ ist es, dass ich immer wieder von einem „überpersonalen Prozess“ spreche und schreibe und dass ich nicht an so etwas wie einen „freien Willen“ des Menschen glaube. Wer mich liest, weiß das; und wer mich hört, kennt den Klang. Jede psychische Regung ist determiniert und wird erst im Nachhinnein rationalisiert. Daraus erhüpft ein besonderer Begriff von der Freiheit, die ich nur als eine Freiheit von Angst verstehen kann. Ich weiß auch um die Wirksamkeit und damit Wirklichkeit einer psychischen Manipulation, die sich als Angebot der Angstabwehr gibt und damit die Angst pflegt — gut sichtbar in der Parareligion des Konsumismus, die sowohl direkten Abwehrzauber als auch narzißtische Allmachtsträume verkauft, um industriell erstellte Produkte zu verkaufen. Ich trete diesem Ansinnen entgegen, weil ich die Verantwortung habe, diesem Ansinnen entgegenzutreten. Aus Glauben entsteht Verantwortung.)

Aber. Ich habe meist Besseres zu sagen, als immerfort nur das zu sagen. Was ich glaube, pflege ich nicht in Glaubenssätzen zu betonieren, sonst könnte ich ja gleich ein Pfaffe werden. Vielmehr strebe ich an, dass es in allem, was ich lebe, sichtbar werde. Wo die genormten Gläubigen einer Religion Bücher, Traditionen, Überlieferungen in neurotisch zementierten und von gut bezahlten Verwaltern verwaltete Buchstaben haben, die sie kommunizieren können, da habe ich „nur“ ein Leben und die gesamte damit verbundene Lust und Verantwortung. Davon abgesehen, sind die Unterschiede zwischen mir und einem Gläubigen organisierter Religion — vor allem einem eher ekstatisch Gläubigen — gar nicht so groß.

Einen Unterschied freilich gibt es zwischen meinem Glauben und der organisierten Religion in ihren monotheistischen Ausprägungen, die ihren Anhängern eine Normung für den Glauben anbietet, und diesen halte ich für erheblich und wichtig: Niemals mache ich meinen Glauben zu einem Zwang für andere Menschen, niemals leite ich daraus gesellschaftliche Forderungen und eine für alle Menschen verbindliche Moral ab, die auch gegen Andersgläubige durchgesetzt werden soll, niemals beanspruche ich, dass mein Glaube für andere Menschen verbindlich ist und setze diesen Anspruch mit irgendwelchen Zwangsmitteln durch.

Verbindlich für andere Menschen können nur Fakten sein, und selbst darüber lässt sich im Zweifelsfalle streiten — wo die Fakten in ihrer Faktizität nicht erfahrbar und prüfbar werden, da handelt es sich wieder um Glaubenssätze.

Ich lehne jegliche Form der Zensur ab, die Fakten anhand religiöser Vorurteile in erwünschte und unerwünschte Fakten aufteilt und die unerwünschten Fakten aus der öffentlichen Kenntnisnahme und Diskussion heraushalten will. Genau dies ist eine häufig zu beobachtende Haltung der organisierten Religion, und selbst jene moderateren Strömungen in der Religion, die eine solche Zensur nicht direkt fordern, sind merkwürdig — also würdig, dass man es bemerkt und sich merkt — still gegenüber dieser Forderung, wenn sie von „radikaleren“ und „fundamentalistischeren“ religiösen Vereinen erhoben wird. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren nicht eine einzige christliche Gegenstimme wider den Dummfug des Kreationismus gehört, die auch nur annähernd so deutlich an die Öffentlichkeit getragen worden wäre wie die Ablehnung des Schwangerschaftsabbruches. (Jetzt sage mir bitte niemand, dass die großen Religionsgemeinschaften keine Möglichkeit hätten, Standpunkte an die Öffentlichkeit zu tragen!) Und der Kreationismus mit seinen sich daran hängenden gesellschaftlichen Ansprüchen. Ist nur eine von vielen christlich-fundamentlistischen Zensurforderungen, die in wissenschaftlicher Mimikry daher kommen. Dieses Schweigen ist ein recht zustimmendes, genau so wie das Schweigen zu gewissen menschenfeindlichen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften seit dem ungefähren Jahr 1995 einen zustimmenden Charakter hat — ja, ich meine hier die neoliberale Idee der totalen Verwirtschaftung allen menschlichen Tuns, gegen die nicht eine Spur der Kritik laut wurde. Die Partei der ohnmächtigen Menschen wird von der organisierten Religion in der Regel nicht ergriffen, und das Hohelied der Vernunft sucht man in den Gesangbüchern der Kirchen vergebens zwischen den machtbesoffenen Anpreisungen der Herrlichkeit.

So viel zu meinem Glauben in aller Kürze.

(Warum ich mich nicht gerade zu den im oben teilweise zitierten und verlinkten Blogpost erwähnten „Brights“ gesellen würde, ist hoffentlich zwischen den Zeilen klar geworden. Warum sich aber Menschen auf diese Weise organisieren, kann ich sehr gut verstehen.)

Mit fröhlichem Gruß an den „Bundesbedenkenträger“… 😉

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Von der Tiefe

Und der Nachtwächter sprach: Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über den Prozess, der über die Gesellschaft und damit auch über mich abläuft, aufregen würde. Und. Es ist auch nicht so, dass ich ein abgeschottetes Wesen wäre, eingemauert in den Steinen erlebter Verletzungen und in der allabwehrenden Angst vor weiteren Verletzungen. Mein Glück hat eine Beschaffenheit, die nicht kennt, wer sein lächerliches Heil in einer Naivität sucht, die den Geist verneint und seines eignen Geistes Stimme im Geräusch unentwegter Vergnügung und ständigen inputs für die Sinne ersticken will. Meine Seele ist ein tiefes Gewässer geworden, auch ein recht schlammiges, reich an längst gestorbnem Sein und damit auch an Nährstoff für das neue Werden; es hat freilich dabei nicht gelernt, köstlich zu duften, um damit Nasen zu bezirzen. Die wohl berechnete Kälte, die so überreich und tosend in die Welt geblasen wird, flachere Seelen zu bewegen, sie wühlt in meinem Wasser nur die Oberfläche auf und vermag in dieser Tiefe nichts. Doch das. Ist nicht Bewegungslosigkeit. Und auch. Kein für nichts und niemand mehr erreichbarer Wahn im engen Selbstkreis. Was in mir Bewegung schafft, ist doch etwas anderes, ist das Leben selbst; heiter, hell, geheim und sehr zerbrechlich; sein Geräusch. Ist. Ein leises, sanftes Säuseln. Aus dieser Tiefe, die den Tod und das Leben zu der Einsheit macht, die es immer schon war, blubbern Blasen glucksend an die Oberfläche, als ein Lachen über den absurden Witz des Daseins. Dass ich dabei dennoch nicht jeden Dörrgeist, jede Narretei und Gewalt meinem Dasein hinzufüge, dass ich so vielen und vielem jede aktive Zuwendung verweigere, ist nicht Grenzung, sondern Einsicht in die eigenen Grenzen. Auch die Energie aus dem Zerfall ist nicht unendlich. Am Rande des Weges, den ich zu gehen habe — lang schon bin ich nicht mehr in mir selbst auf meiner Füße singenden Schritten — stehen als Menetekel die jämmerlichen Kreuze und Kadaver jener, die ihre Selbste mit dem Prozess verwechselten, der sie hervorbrachte, statt dass sie die Winzigkeit ihrer Selbste wahr gehabt (und nicht genommen) und lachend in den Witz des Kosmos eingestimmt hätten. Nichts zerfrisst die Frist des Lebens so gründlich wie der kleinkindische Größenwahn. Und nichts. Bringt so viel infektiöse Kälte, Tod und Dummheit hervor.

Für F. B. und T. U.

Blinde Augen sehen nicht

Die von mir mit diesem Liedchen gemeinten Menschen werden wissen, dass genau  sie gemeint sind…

Die leeren Seiten deines Tagebuches
Wolltest du nicht sehen;
Dein vergifteter Sinn träumt weiter
Vesunkene Träume von Ewigkeit;
In einer Welt aus Staub
Hat sich der Frost
In dein kaltes, kaltes Herz gesenkt.
Zwischen dem Lachen und den Tränen
Gibt es keine Wirklichkeit.

Deine Angst hast du verloren,
Dich an die Vergangenheit gekettet:
Vor lauter Staub
Kannst Du kein Licht sehen.
Du hast eine neue Maske aufgesetzt,
Deine Seiten voller Vertrauen versiegelt;
Du hast versucht, dich zu retten —
Doch die Zeit rettet niemanden.

Eine Kette Tränen,
Eine Handvoll Vertrauen
In einer Welt aus Staub.
Eine Kette Tränen,
Eine Handvoll Vertrauen
In einer Welt, die keinen Bestand hat.

Ich kann hören, wie es kommt…
Ich höre sein Flüstern…
Stück um Stück tötet es.
Kein Blut zum bluten…
Kein Herz zum schlagen…
Es ist gekommen, dich zu holen.
Wende ihm nicht den Rücken zu!
Du weißt, dass es lauert
Und versuchen wird,
Dich in Ketten zu schlagen.

Wenn die Mauern deines Luftschlosses fallen
Ist es ein vorübergehender Schmerz.
Du versteckst dich in einem Märchen,
In einer Welt voller Phantasterei.
Prinzen haben die Drachen besiegt
Und die Helden haben immer überlebt.
Du willst wissen, was deine Bestimmung ist
Und deshalb blätterst du zu letzten Seite vor.

Eine Kette aus Träumen, Hände voller Staub
In allen Momenten deiner Vergangenheit.
Eine Kette aus Tränen, ein Herz voller Narben
Doch der Schmerz ist nicht beständig.
Die Tränen klemmen, niemals konntest du vertrauen.
Du versteckst dich vor der Vergangenheit.
Die Kette der Zeit, keine Zeit zum Weinen.
Denn du kannst dich nicht für immer verstecken.

Ich kann hören, wie es kommt…
Ich höre sein Flüstern…
Stück um Stück tötet es.
Kein Blut zum bluten…
Kein Herz zum schlagen…
Es ist gekommen, dich zu holen.
Wende ihm nicht den Rücken zu!
Du weißt, dass es lauert
Und versuchen wird,
Dich in Ketten zu schlagen.

Der Tag bricht wieder an
Und du hörst die Schwingen der Zeit.
Leg dein Schwert nieder!
Hör auf das Flüstern im Wind!
Die Zeit verändert alles.
Aber du musst ja warten…
Versuchen, deine Seele zu retten…
Bevor es zu spät ist.

Lacrimosa: No Blind Eyes Can See | YouTube-Direktlink
Die wohl vielen Verhörer und die miese Übelsetzung sind von mir…