Tag Archive: Konformismus


Es geht vorwärts

Jeder einzelne hoffend, dass er nicht bemerkt werde, marschieren sie leise, auf Zehenspitzen, im Gleichschritt. Dem Abgrund entgegen.

Schade eigentlich…

Und wenn ich mal groß bin, damit Ihr es wißt,
Dann werde ich auch so ein Volkspolizist.
Ich helfe den Menschen, ich bin mit dabei,
Beschütze die Heimat als Volkspolizei!

Kinderlied aus der DDR

Schade eigentlich, dass die “Junge Polizei Bremen” (eine Jugendorgansiation der Deutschen Polizeigewerkschaft) nicht nur die Bilder dieser so heiter selbstoffenbarenden Kampagne “aus dem Verkehr gezogen” hat…

An der Grenze der Belastbarkeit -- DOrt! Ein Terrorist! Schnelkl! Das dauert. Wir haben keine Kräfte frei. Die JUNGE POLIZEI fordert: Nachhaltige Erhöhung der Einstellungszahlen! - Junge Polizei

…sondern darüber hinaus auch Blogger mit einer gewissen Reichweite, die gemeinhin als seriös rezipiert werden, freundlich darum bittet, derartige Zeugen der Zustände des Jetzt aus ihrem Blog zu nehmen, um “falsche Eindrücke” künftig zu vermeiden. Dabei gaben derartige Bilder doch einen recht zutreffenden Eindruck davon, was für Denkmuster innerhalb gewisser Kreise der Polizeien in der Bundesrepublik in so großem Maße gängig und selbstverständlich sind, dass dort offenbar niemand im Vorfeld ein Problem darin sah, mit einer Kampagne an die Öffentlichkeit zu treten, die derartige Denkmuster verbildlicht und damit noch deutlicher und offenbarender macht.

Im Übrigen ist die mit dem oben gezeigten Bild transportierte Aussage zur Polizeiarbeit “Wir haben keine Zeit, uns um einen schwerkriminellen Terroristen zu kümmern, weil wir irgendwelche ansonsten harmlosen, herumlungernden Menschen aus dem öffentlich sichtbaren Stadtbild entfernen müssen, damit das image der Städte geschäftsfördernd bleibt” dermaßen wahr, dass es nicht einmal das Titanic-Magazin tödlicher hätte hinbekommen können… :mrgreen:

Freiheit durch Konsum

Die Freiheit und Selbstverwirklichung, die in der allgegenwärtigen Werbung unentwegt versprochen wird, wenn man sich den darin angebotenen Tinnef kauft, sie ist die Karikatur einer Revolution. Sie lässt sich grob in der Aufforderung zusammenfassen: Sei du selbst, gehe mit den anderen konform.

Überwachung

Glaube nicht an irgendetwas einfach nur, weil du es gehört hast. Glaube nicht an irgendetwas einfach nur, weil viele darüber sprechen. […] Glaube nicht an irgendetwas nur wegen der Autorität deiner Lehrer und der Alten. Glaube nicht an Traditionen, weil sie über viele Generationen überliefert worden sind. Wenn du aber beobachtet und analysiert hast, wenn du zu der Auffassung gelangt bist, dass etwas vernünftig ist und zum Guten hinführt und dem einzelnen und der Allgemeinheit nützt, dann akzeptiere es und lebe dementsprechend.

Buddha zugeschrieben

Das überforderte Auge — Die von der classe politique so gern vertretene Idee, dass ein Mehr an allgemeiner Überwachung zu einem Mehr der Sicherheit führe und die damit verbundene Forderung nach ständiger Ausweitung der Überwachung, sie ist populistisch und dumm. Sie ist es, weil sie übersieht, dass Menschen die Ergebnisse der Überwachung beurteilen müssen, und dass diese Menschen dann das Resultat der umfassenden Überwachung bewerten müssen. In der anschwellenden Flut der mechanisch erfassten Daten ertrinkend, bleibt ihnen dabei als Hilfsmittel nichts weiter als der “gesunde Menschenverstand”, der im Wesentlichen eine Ansammlung von allgemeinen Vorurteilen und verbreiteten Fehlkonzeptionen ist. Was diesen menschlichen Betrachtern hinter dem allgegenwärtigen Auge der Überwachung auf dieser dürren Grundlage auffällt, wird zum scheinbar objektiven Kompass polizeilicher Tätig- und Tätlichkeit gemacht, ist aber in Wirklichkeit das hinter einem technischen Apparat verschanzte Stammtischhirn eines Spießers, der vor allem alldas für bedrohlich und gefährlich hält, was anders und bunter und lebendiger aussieht als er selbst. Aber wie sehr muss derjenige, der eine Steigerung der Sicherheit durch Überwachung für billig und machbar hält, von einem kalten Größenwahn der Allmachbarkeit durchdrungen sein.

Nur nicht auffallen — Die Menschen werden unter der Bedingung einer allgegenwärtigen Überwachung des öffentlichen Raumes dazu erzogen, den beobachtenden und wertenden Menschen am anderen Ende des “Objektivs” nicht aufzufallen, ihren unausgesprochenen, aber zur autoritären Kontrolle des Andersseins führenden Erwartungen so weit wie möglich zu entsprechen. Ein Teil dieses Prozesses ist bereits jetzt in der Praxis der in den letzten zehn Jahren recht häufig gewordenen, polizeilichen Personenkontrollen sichtbar. Was den Streifenpolizisten “auffällt” und zum Anlass der Machtdemonstration einer Personenkontrolle wird, das ist der Ausländer, der Obdachlose, der nichtkonform aussehende und ungewöhnlich lebende Mensch und jeder, der den öffentlichen Raum nicht kaufsüchtig durcheilt, sondern ihn dazu nutzt, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Schon dieses in Uniform gekleidete, Norm gebende Vorurteil des im Streifenwagen durch die Straßen schleichenden Polizisten hat zu einer Zurückdrängung der früheren urbanen Vielfalt und zu einer Verödung des städtischen Straßenbildes geführt. Die damit einher gehende, übergeordnete Botschaft an alle Menschen ist, dass die öffentlichen Plätze nur der Bewegung von der Wohnung zum Kaufhaus oder zum Arbeitsplatze geweiht seien und dass sich jede Äußerung der Lebendigkeit in die vier Wände des Wohnquaders zurückzuziehen habe. Stadteile, in denen diese Zurückdrängung jeglichen Lebens in die Privatheit und Unsichtbarkeit nicht gelingt, werden als “problematisch” und unsicher betrachtet. Das Leben selbst wird kriminalisiert. Mit einer ständig ausgeweiteten, technisch durchgeführten Überwachung greift diese unsichtbare Hand des geforderten Konformismus und des getarnten Rassismus in immer abstrakterer Form in einen immer größer werdenden Lebensraum hinein und erzwingt Anpassung durch den ständigen Blick und die Haltung, jeden Menschen, der in diesem Rahmen auffällt, mit einer persönlichen Kontrolle klar zu machen, dass er jenseits der geforderten Norm lebt. Der “große Bruder”, der dies zu tun scheint, ist die Larve des kleingeistigen Spießers mit seiner irrationalen Angst vor dem Leben selbst.

Gefühlte Sicherheit — Den populistisch geforderten Maßnahmen zur “Erhöhung der Sicherheit” steht keine besondere Unsicherheit gegenüber, sondern eine lediglich gefühlte Unsicherheit, die übrigens jeden Tag massenmedial in reißerischer Aufbereitung extremer Einzelfälle angeheizt wird, da seit Zimmermanns “Aktenzeichen XY ungelöst” wohlbekannt ist, dass sich der in den Alltag ragende Horror gut verkauft. Sie ist nicht einmal eine “gefühlte” Unsicherheit, sie ist eine “gefühlt gemachte”. Das Entsetzliche der Reportagen und Meldungen muss nur ja schön grell und geil sein, damit die eigentliche Botschaft der Massenmedien, das konsumistische Evangelium der Reklame, umso bunter und leuchtender erstrahlt. Das so geschaffene subjektive Gefühl des Bedrohtseins wird als Grund für die objektive Beschränkung von Grundrechten genommen. Die zentral organisierten Massenmedien mit ihrem Titti- und Infotainment töten nicht nur den Lebenswillen ihrer Konsumenten ab, indem sie diese bewegungslos aufgeregt in den Fernsehsessel bannen, sie beschneiden in indirekter Auswirkung auch noch die Lebensmöglichkeiten jener Menschen, die ganz prächtig ohne dieses Stammhirnfutter leben könnten und das auch versuchen. Es nimmt nicht Wunders, dass gerade die Auswürfe von Jornaille und Schundfunk immer wieder dazu dienen, die Forderung einer Ausweitung der Überwachung zu transportieren, denn unter ihren gebannten, jeden Tag psychisch manipulierten und emotional kastrierten Nutzern sitzen jene Menschen, bei denen solche Forderung keine Einschränkung des eigenen “Lebens” zur Folge hätte und bei denen die zur Durchsetzung einer solchen Forderung erforderliche Angst jeden Tag aufs Neue geweckt wird. Die “Demokratie” unter den breit wirksamen, zentral organisierten Massenmedien ist eine Demokratur jener paar Handvoll Milliardäre, welche durch Anwendung ihrer Geldmacht die in diesen Medien transportierten Inhalte kontrollieren können.

Freimachen! — Kaum etwas macht die unverschämte Grenzenlosigkeit des zurzeit erstrebten Maßes der Überwachung so deutlich, wie die allen Ernstes geforderte, mechanische Demütigung der Menschen durch Nacktscanner. Während den Menschen einerseits durch das gesellschaftlich etablierte, religiöse Tabu und andererseits durch die Kriminalisierung der Nacktheit eine verklemmte Scham vor ihrem baren, körperlichen Sein eingeimpft wird, sollen sie sich andererseits von staatlichen Beamten allesamt und grundlos technokratisch ausziehen lassen, ganz im Namen der “Sicherheit”, versteht sich. Nichts könnte deutlicher machen, mit welcher Verachtung des einzelnen Menschen, mit welcher Freude an der Herabsetzung und erzwungenen Entblößung jede Forderung nach einer Ausweitung der Überwachung einher geht. Noch zwei bis drei Jahre tägliche Angstnachrichten, nach denen sich die zentral gesteuerte Angst richten soll, und die Menschen sind auch bereit genug, dass sie so eine Zumutung ohne nennenswerten Widerstand über sich ergehen lassen.

Die Unbewachten — Eine Gruppe von Menschen wird bei der Forderung nach Ausweitung der Überwachung immer wieder vergessen, und das sind jene Menschen, die in irgendwelchen Kontrollräumen sitzen und die Überwachung durchführen. Was werden es wohl für Spanner und Träger einer unterdrückten, perversen Herrschlust sein, die sich zu so einer wenig erfreulichen Tätigkeit hinreißen lassen, die ja auch nicht gerade gut entlohnt wird? Welche Ereignisse werden wohl ihre besondere Aufmerksamkeit bei diesen aus der technologischen Anonymität heraus zuschauenden Menschen finden? Schon diese kleine Überlegung macht klar, dass man sich von diesen Leuten nicht begaffen lassen will; es ist schon schlimm genug, welche fragwürdigen Charaktere den Polizeidienst attraktiv finden.

Rechtsfreier Raum — Gern wird von den demokratorischen Populisten, die ihre Rede für eine Ausweitung der Überwachung in die Hand nehmen, davon gesprochen, dass es nirgends “rechtsfreie Räume” geben dürfe. Beim Nachdenken über die geforderte Überwachung zeigt sich aber, dass diese Populisten mit dieser Wortfaust einen stetig wachsenden rechtsfreien Raum erboxen wollen, einen Raum, der frei ist von elementaren Menschen- und Bürgerrechten wie der Freiheit zur friedlichen Versammlung, dem Recht auf ein Leben ohne rassisistische, weltanschauliche oder religiöse Diskriminierung und dem wegen seiner Selbstverständlichkeit nirgends kodifizierten Recht, sich selbst ohne den fressenden Blick anonym bleibender Spanner entfalten zu können. Wer eine Ausweitung der Überwachung fordert, fordert damit einen Abbau grundlegender Rechte.

Nichts zu verbergen — Die vielen Idioten, die so bereitwillig jedem, der sich nicht jede Zumutung des ausgeweiteten Überwachungswahns wortlos bieten lassen will entgegen, dass sie doch nichts zu verbergen hätten, wären darin sehr viel überzeugender, wenn sie sich zum Beleg dieses dummdreisten Wortes auf der Stelle nackt auszögen.

Sicherheit macht unfrei!

Individualismus

Individualismus (der) — Bezeichnung für eine moderne menschliche Haltung, in welcher die Menschen alles das tun, was die anderen Menschen auch tun. Nur eben allein.

Eine nützlich Psychologie

So zynisch es klingen mag, eine solche “Psychologie”, die den alltäglichen Zumutungen nur die Idee entgegen setzt, einen Patienten so zu konfigurieren, dass diesem der ganze Dreck ziemlich egal wird, ist gesellschaftskonform und wertschöpfend: Sie erspart nicht nur die Diskussion über die ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen der Menschen, sie verschafft auch ein paar Schreinern Arbeit; entweder beim Orgon-Kastenbau oder bei der Herstellung von Särgen.

“Der Diskurs des Psycho-Irrsinns” im Eso-Blog

Der esoterische Selbstbetrug

Oh, der Einfall war kindisch, aber göttlich schön.

Friedrich Schiller, “Don Carlos”

Manchmal, eigentlich sogar recht häufig, wollen einem Anhänger der modernen und am Markt recht erfolgreichen hybriden Religion namens “Esoterik” anderen Menschen weis machen, dass die von ihnen auserkorene Irrationalität eine Vorwegnahme künftiger Wissenschaft sei. Um diese These zu “belegen”, greifen die so Redenden ein wenig in die bunte Kiste mit den Irrungen der Wissenschaftsgeschichte und greifen sich aus diesem fröhlichen Schatz eine Handvoll besonders eklatanter Beispiele der Ignoranz des wissenschaftlichen Etablissements heraus und verweisen darauf, dass “die Wissenschaft” dann schließlich doch noch die Fakten anerkennen musste, sie sogar zu Gegenständen der Forschung machen musste. Und genau das gleiche erwarten sie von ihrem durch nichts belegbaren, gleichermaßen billigen wie nicht preiswerten Seelentrost voller Geschäft, Primitivität, Betrug und Angstabwehr.

Ein beliebtes Beispiel der so redenden und leider auch so denkenden Idioten sind — so sie nicht gleich von der scheibenförmigen Erde jener Zeit sprechen, in welcher eine Kaste von Pfaffen den Allheitsanspruch ihrer Religion mit Gewalt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit machen konnte — die Meteoriten. Sie verweisen darauf, dass die meisten Wissenschaftler von ihrem damaligen Modell des Sonnensystemes ausgehend, jeden Fund eines Meteoriten mit den ungefähren, recht autoritär dargebrachten und oft mit ätzender Polemik gewürzten Worten “Steine fallen nicht vom Himmel” für unbeachtlich erklärten und sich mit der Wirklichkeit der Meteoriten nicht weiter beschäftigten, weil sie davon ausgingen, dass der Raum im Sonnensysteme nur mit größeren Körpern gefüllt sei. Ein anderes Beispiel, das von den Wirrgläubigen gern herausgepickt wird, sind die Kugelblitze, deren Natur übrigens bis heute unklar ist. Beides sind heute ganz selbstverständliche Gegenstände der Forschung und Theoriebildung, obwohl die Beschäftigung mit diesen Erscheinungen vor noch gar nicht so langer Zeit den Ruch des Abergläubischen und Irrationalen hatte, durchaus damit vergleichbar, wie in der heutigen Wissenschaft die so genannten “Parawissenschaften” betrachtet werden.

Aber die blinden Gläubigen der Esoterik bemerken dabei nicht, dass sowohl die Existenz von Meteoriten als auch die Existenz von Kugelblitzen in psychischer Hinsicht neutral sind. Das Postulat, dass Steine außerirdischen Ursprunges vom Himmel fallen oder das Postulat, dass eine mutmaßlich elektrische Erscheinung in Form eines leuchtenden Plasmaballes auftreten kann, mag intellektuell interessant und kurios sein, aber es ist für das Seelenleben eines Menschen ungefähr so bedeutsam wie das Postulat, dass jede natürliche Zahl einen Nachfolger habe und dass man deshalb unbegrenzt zählen könne. Von daher gibt es zum Beispiel keine nennenswerte psychische Motivation, derartige Berichte zu erfinden oder Belege für diese Thesen zu fälschen — was bleibt, ist die Ungenauigkeit in den Mitteilungen episodischer, nicht-reproduzierbarer Erlebnisse, die der Skepsis gegenüber dem Mitgeteilten für so lange Zeit Futter gab.

Deshalb hat es auch niemals ein großes, psychisch motiviertes Geschäft mit dem Glauben an Meteoriten oder Kugelblitzen gegeben. Im schlimmsten Falle wurden und werden Sammlern ordinäre irdische Steine vulkanischen Ursprunges als meteoritisches Gestein verkauft.

Die von primitiver Magie, narzisstischer Seelenvergötzung und einem allgemeinen Konzept des Belebt- und Durchgeistert-Seins aller Erscheinungen des Kosmos geprägten Konzepte der Esoterik und der darauf basierenden Parawissenschaften sind aus einem völlig anderen psychischen Material gebaut, sie erfüllen dem in seinem Bedingt-Sein verhafteten Menschen Wünsche nach individueller Bedeutung, Einflussnahme, Unsterblichkeit und Sinnhaftigkeit, sie sind ein geiler Traum, der so alt ist wie die Einsicht in die kalte, gebieterische Wirklichkeit des Todes und der sogleich daran mit aufkommende Wunsch, diese Wirklichkeit möglichst umfänglich zu vergessen. Für solche Verdrängung existiert ein großer Markt; und die vielen Bereiche der Esoterik, sei es der Geisterglaube, der Spiritismus, die angenommene Möglichkeit telepathischen Austausch oder der telekinetischen Beeinflussung der Umwelt durch psychische Kräfte, sie sind schon immer Bereiche gewesen, in denen gefälscht wurde, in denen gelogen wurde und in denen den Gläubigen für ein bisschen Einlullung ihrer todgepeinigten Seele ordentlich das Geld aus der Tasche gezogen werden konnte. Das gleiche gilt für eine recht junge (aber zum Glück schon wieder etwas in Vergessenheit geratene) Spielart dieses postmodernen Voodoo*, der UFO-Esoterik. Aus dem psychischen Gewinn, der sich mit diesen Konzepten verbindet, lässt sich also wirtschaftlicher Gewinn saugen, und dies geschah und geschieht immer wieder.

Nicht, dass ich jemanden um seine Selbsteinlullung bringen will, aber zum Thema der Wissenschaft wird sie hoffentlich niemals werden — und wenn doch einmal, dann am ehesten noch zum Thema der Psychopathologie. Wer sogar so blöd ist, dass er eine kommerziell vorgestanzte Form der seelischen Selbsteinlullung mit Individualität verwechselt, ist in diesem vollständigen Denkverzicht längst verloren — ein Denkender und Fühlender lullt sich wenigstens noch in eigener Verantwortung auf seine eigene Art ein. ;-)

Nur eines sei hier noch zum Abschluss gesagt: Es gab genau zwei Erkenntnisse in der jüngeren Geschichte der Wissenschaft, die sich gegen große gesellschaftliche Widerstände durchsetzen mussten. Der Grund dieser Widerstände war (und ist) das psychische Unbehagen, das sich mit diesen Einsichten verband. Die erste Einsicht, die sich mit dem Namen Galileo Galilei verbindet, ist die Tatsache, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist. Diese Einsicht führte zur juristischen Verfolgung Galileis durch die Profiteure des psychischen Geschäftes im Vatikan, bei der belastende Beweise einfach gefälscht wurden. Eine Rehabilitation Galileis durch die juristischen Organe des Vatikans fand erst am 2. November 1992 statt. Die zweite Einsicht, die sich mit dem Namen Charles Darwin verbindet, ist die Tatsache, dass sich alles Leben auf der Erde unter völlig natürlichen, materialistisch erklärbaren Bedingungen entwickelt und diversifiziert hat. Diese Einsicht hatte für Darwin zwar keinen lebenslangen Hausarrest und die in der Luft liegende Drohung des Scheiterhaufens mehr zur Folge, aber sie wird bis heute massiv angefeindet, und wenn die meist religiösen Gegner dieser Einsicht nur die Macht hierzu hätten, denn würde sie auch mit Gewalt unterdrückt. Wer wirklich meint, dass sein narzisstisches Bedürfnis nach Todesverdrängung, Sinngebung und eingebildeter Allmacht in den Rang einer für alle Menschen verbindlichen Erkenntnisgrundlage gestellt werden sollte, der steht in dieser Meinung für derartige Unterdrückungen. Und. Belegt damit das barbarische, archaische Material unter der bunten Verpackung, in der eine jahrmarkthafte Esoterik-Industrie den seelischen Ausverkauf betreibt.

* Anhänger der ebenfalls hybriden, aber wenigstens mit Tradition ausgestatteten Religion Voodoo mögen mir diesen Vergleich mit einer reinen, als Spiritualität getarnten Geschäftemacherei verzeihen.

Lobotomie

Die Psychochirurgie erreicht ihre Erfolge, indem sie die Phantasie zerschmettert, die Gefühle abstumpft, das abstrakte Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum erschafft.

Walter Freeman, Psychiater, über seine eigene Arbeit

Wer wissen will, was die so genannten “Menschenrechte” und das Gefasel von der so genannten “menschlichen Würde” in irgendwelchen Sonntagsreden wert sind, der braucht sich nur anzuschauen, wie unverbindlich derartige Werte dort werden, wo sich Menschen nicht mehr verwirtschaften lassen und keinen Widerstand gegen das zu leisten vermögen, was ihnen zwangsweise widerfahren gemacht wird.

Das heute vielen jüngeren Menschen eher unbekannte Wort “Lobotomie” bezeichnet einen chirurgischen Eingriff in das Gehirn eines Menschen, bei dem die Nervenbahnen zwischen dem Thalamus und dem Stirnhirn zusammen mit Teilen der grauen Substanz zerstört werden. Bei diesem gleichermaßen recht schnell und einfach durchzuführenden und auf andererseits irreversibel tiefen Eingriff kommt es zu einer Veränderung der Persönlichkeit bei gleichzeitiger Vernichtung der Emotionalität und jeglichen Antriebes. Das Verfahren wird heute nicht mehr angewendet. (Denn es gibt heute andere, reversiblere Verfahren mit einem ähnlichen Effekt, aber dazu später etwas mehr.) Als jedoch in den 1940er Jahren der Psychiater und Leiter der Psychiatrischen Klinik zu Washington D.C., Walter Freeman, ein einfach anzuwendendes chirurgisches Verfahren für die Lobotomie entwickelte, da wurde dieses zu einer Standardtechnik der Psychiatrie, das bis zur Mitte der 1950er Jahre vor allem in den englischsprachigen Staaten, aber auch in vielen anderen Staaten sehr häufig an solchen Menschen durchgeführt wurde, die man für psychisch krank hielt. Es wird geschätzt, dass das Freeman-Verfahren weltweit an einer Million Menschen angewendet wurde — genaue Daten sind nicht ermittelbar, weil sie niemals erfasst wurden.

Dies ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass es infolge der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges mit seinen psychischen Traumatisierungen zu einem plötzlichen Anstieg psychischer Erkrankungen kam, die damals nicht medizinisch behandelt werden konnten. Die übliche “Behandlung” bestand darin, dass die Patienten zwangsweise aus der menschlichen Gemeinschaft herausgenommen, weggesperrt, in engen Zimmern zusammengepfercht wurden und Elektroschocks erhielten.

Als der Yale-Absolvent Walter Freeman aus durchaus humanitären Gründen nach einer Therapie für diese medizinischen “Fälle” suchte, stieß er auf eine Arbeit des portugiesischen Arztes Egaz Moniz, der für seine darin dargelegte Idee und die Entwicklung eines ersten Verfahrens übrigens im Jahre 1949 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam, und der in ebendieser Arbeit die Auffassung vertrat, dass man viele psychische Krankheiten heilen könnte, indem man im Gehirn die Nervenstränge vom Stirnlappen zum Thalamus durchtrennt. Offenbar war die Zeit für diese Form der “Behandlung” psychischer Krankheiten so “reif”, dass es jahrzehntelang niemandem auffiel, dass es keine Studien über die Wirksamkeit und mögliche unerwünschte Wirkungen eines solchen Verfahrens gab.

Die besondere Leistung Freemans bestand darin, ein sehr einfach anzuwendendes Verfahren zur Durchführung dieses Eingriffes zu finden und dieses Verfahren zu propagieren und in mehreren tausend Fällen selbst anzuwenden. Das Propagieren Freemans war dermaßen beflissen, dass er Operationen nach dem Freeman-Verfahren in Hörsälen und sogar im Fernsehen vorführte, um seine “optimale Behandlungsform” zu demonstrieren und mit einem Wohnwagen, den er als “Lobomobil” bezeichnete, von Klinik zu Klinik fuhr, um dort zu “operieren” und sein Verfahren zu lehren. Das Verfahren war in seiner Durchführung dermaßen einfach, dass Freeman zwei Dutzend Menschen am Tag lobotomieren konnte. Dieses offensive Auftreten führte dazu, dass die damaligen Zeitungen voll mit den Berichten über die “Wunderheilungen” Freemans waren — offenbar deckte sich der “Erfolg” der Freeman-Methode mit den Vorstellungen und Wünschen jener Menschen, die ihre verquarzte Gedankenwelt mittels einer Rotationsmaschine auf tote Bäume stempeln konnten und können und so zur Deinung der Massen machen konnten und können.

Beim Freeman-Verfahren der Lobotomie wird keine spezielle neurochirurgische Qualifikation benötigt. Auch die erforderlichen Instrumente sind preisgünstig und stellen keine besonderen Anforderungen an ihre Fertigung; Freeman verwendete anfangs einen Eispickel, später ein speziell gefertigtes Instrument, das einem Eispickel nachempfunden war. Dieses Instrument, welches man in solcher Verwendung eher in einer mittelalterlichen Folterkammer als in einen Operationsaal vermuten würde, wurde unter meist lokaler Anästhesie am Auge vorbei geführt, um mit einem leichten Stoß den dünnen Knochen im oberen Bereich der Augenhöhle zu durchstoßen und so in das Innere des Schädels, in das Gehirn eingeführt werden zu können. Hierzu musste nur ein Augenlid angehoben werden, um die Spitze des “chirurgischen Instrumentes” am Auge vorbeiführen zu können. War auf diese Weise der Weg in das Gehirn gebahnt, so wurde nach dem Erreichen einer vom Arzt subjektiv bewerteten, “richtigen” Eindringtiefe durch strokelnde, rotierende Bewegungen der “kranke” Teil des Gehirnes zerstört. Dieser Eingriff war nicht nur so einfach, dass er auch von Menschen ohne chirurgische Ausbildung ausgeführt werden konnte und auch ausgeführt wurde, er galt überdem als besonders schonend, musste doch nicht eigens der Schädel von oben geöffnet werden. Es blieb nicht einmal eine Narbe zurück, nur ein Bluterguss am Auge legte für einige Wochen Zeugnis davon ab, dass ein Eingriff in das Gehirn vorgenommen wurde. Und. Natürlich auch die irreversibel vernichtete Persönlichkeit des so “operierten” Menschen.

Kaum war ein solches, billig, einfach und am Fließband anzuwendendes Verfahren verfügbar, schon fanden sich auch viele “Krankheiten”, die damit “behandelt” werden konnten. Mit einer Lobotomie wurden immer wieder auch ganz bestimmte “Krankheiten” “geheilt”, wie etwa Kommunismus, Homosexualität, “asoziales Verhalten” oder auch einfach nur eine Unwilligkeit oder Unfähigkeit, den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen Genüge zu tun. In der Tat lösten sich diese “Krankheiten” oft in Nichts auf, wenn aus einer lebhaften Persönlichkeit ein emotionsloser, sedierter und zu keiner eigenen Lebensäußerung mehr fähiger Funktionsmensch gemacht wurde. Und auf die gleiche Weise lösten sich auch alljene Krankheiten auf, die man heute noch als Krankheiten bezeichnen würde, etwa bestimmte Formen der Depression, Zwangsstörung und des posttraumatischen Belastungssyndroms. Sie verschwanden einfach zusammen mit der erkrankten Persönlichkeit, während die entkernte Hülle eines Menschen als noch verwertbares Formfleisch zurückblieb. Dass die so behandelten Menschen nicht gerade um Erlaubnis befragt wurden, sondern durch die Verfügung anderer Menschen der als Wissenschaft und Medizin getarnten Barbarei überantwortet wurden, versteht sich von selbst. Niemand, der noch bei Troste ist, lässt das. Mit sich machen.

Über ein Jahrzehnt lang konnte Walter Freeman seine Methode der Lobotomie anwenden und lehren, ohne dass es von medizinischer Seite, von staatlicher Seite oder von der Journaille und anderen Massenmedien zu einem Versuch kam, ihn daran zu hindern. Es gab keine Studien über die Erfolge und mögliche unerwünschte Auswirkungen des Verfahrens, nur subjektiv gefärbte Erfolgsberichte, die vor allem von Befürwortern und Praktizierenden der Lobotomie gesammelt wurden; es gab keine Spur von einer Wissenschaft, die diesen Namen verdient hätte. Es war einfach nur barbarische Willkür, ein am Fließband betriebener Mord am Kern der Persönlichkeit mit der Absicht, den Körper dabei möglichst in einem eher mechanischen Sinn lebendig, also weiterhin funktionsfähig und verwertbar zu halten.

Das eingangs gegebene Zitat Freemans ist übrigens frei von jeder Selbstkritik, er hat seine “medizinischen” “Erfolge” wirklich so gesehen, wie sie waren. Und. Genau in dieser Form für gut befunden.

Die massenhafte Lobotomie hörte erst in der Mitte der 1950er Jahre auf, als mit dem Neuroleptikum Chlorpromazin unter dem Markennamen Thorazine das erste wirksame Psychopharmakon in den USA verfügbar wurde — und seitdem werden hinter den Mauern, an denen die so genannten “Grundrechte” enden, in den psychiatrischen Kliniken, auch immer wieder schwer in den Stoffwechsel des Gehirnes eingreifende Medikamente verabreicht, um Menschen auf diese Weise sediert und gefügig zu halten. Es ist bitter, dass man diesen Medikamentenmissbrauch durch Ärzte als einen Fortschritt betrachten muss, wenn man nur ein paar Jahrzehnte zurückschaut.

Doch auch nach der Erfindung der Psychopharmaka wurde von US-amerikanischen Ärzten immer wieder die Lobotomie als eine günstige “Lösung” bestimmter Probleme vorgeschlagen.

Als es im Jahre 1967 in Detroit (Michigan) nicht nur das Henry-Ford-Museum, das Labor von Thomas Edison und die alte Werkstatt der Gebrüder Wright gab, sondern auch vorübergehende, aber schwere Rassenunruhen, da wurde im Journal of the American Medical Association ein Leserbrief der nicht nur am Kittel weißen Harvard-Autoren V. Mark, F. Ervin und W. Sweet abgedruckt. Diese sahen eine “fokale Gehirnstörung” als Ursache der Ausstände, und um weitere Unruhen zu verhindern, sollte es nach Meinung dieser Ärzte völlig ausreichen, diese “Ursache” operativ zu entfernen. Zwei dieser Autoren, Mark und Ervin, veröffentlichten im Jahre 1970 ihr Buch Violence and the Brain, in welchem sie die Lobotomie als final solution (!) für das Gewaltproblem vorschlugen, zum Beispiel zur Behandlung von Häftlingen, die sich nicht resozialisieren lassen. Auch, wenn dies nicht explizit erwähnt wurde, ist wohl nicht davon auszugehen, dass nach Meinung dieser ganz besonderen Menschenfreunde die so zu verkrüppelnden Menschen vorher um Erlaubnis gefragt werden sollten. Wo die Humanität das ärztliche Eingreifen erfordert, muss der von solchen Ideen besessene Arzt eben tätig und tätlich werden — das ist, um es mit den Worten des Psychiaters L. G. West zu dieser faschistoiden Idee zu sagen, eben ein “biosozialer Humanismus”. Später wurden solche “Argumentationen” — dem sich ändernden Zeitgeist entsprechend — noch um wirtschaftliche Betrachtungen angereichert; als etwa im Jahre 1979 der Psychiater H. Brown die Lobotomie zur “Rehabilitation” jugendlicher Straftäter empfahl, da wurde dieser Vorschlag unter besonderer Betrachtung der Tatsache diskutiert, dass eine solche “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” doch mit einem Aufwand von 6.000 Dollar wesentlich kostengünstiger sei als eine lebenslange “Verwahrung”, die im Schnitt 100.000 Dollar kostet.

Wer angesichts dieses Rückblickes glaubt, dass die heutige Medizin frei von Barbarei sei, ist ein Traumtänzer — wie kommenden Generationen die jetzigen Zustände in der so genannten “Pflege”; in der (meist nicht stattfindenden) Palliativmedizin bei Sterbenden, die sich darauf beschränkt, die Menschen in ihrem angstvollen und ungelindert schmerzhaften Verrecken bis zum letzten Atemzug zu verwirtschaften; oder auch immer noch in der Psychiatrie erscheinen werden, das kann man heute schon sehen, wenn man einfach nur hinschaut.

Was es wohl bedeuten mag, dass nach einem Bericht des “Spiegel” (im Artikel “Abschied vom Kettenhemd” der Ausgabe 52/2002) die meisten Ärzte ihren Verwandten keine hochpotenten Neuroleptika verordnen würden, kann sich jeder selbst denken; vielleicht hilft solches Denken auch, anderen ärztlichen Verordnungen gegenüber angemessen kritisch zu sein und sich stets selbst zu informieren. Dass es zur Wirkungsweise von Neuroleptika kaum Grundlagenforschung gibt und dass zudem beinahe die gesamte Forschung ausschließlich durch die Hersteller der Medikamente finanziert wird, erinnert angesichts der breiten Anwendung dieser Medikamente alarmierend genug an den “wissenschaftlichen” Hintergrund bei der massenhaften Durchführung der Lobotomie.

Und wer wirklich glaubt, dass die so genannten “Menschenrechte” auch für jene Menschen eine Bedeutung und Wirksamkeit hätten, die unter der direkten oder — wegen existenzieller wirtschaftlicher Abhängigkeit — mittelbaren Verfügungsgewalt anderer Menschen stehen, sollte einmal nachschauen, ob er nicht zwischendurch selbst das Opfer einer Lobotomie geworden ist. Das zeitgemäße Verfahren der “Lobotomie durch Fernsehen und Massenmedien” scheint — wie ich immer wieder bei meinen Zeitgenossen feststellen muss — von verheerender Wirksamkeit zu sein.

Vom Wegwerfen der Menschen

Es ist schon ein bemerkenswerter Zug dieser Gesellschaft, dass jene (inzwischen recht wenigen) Menschen, die sich dem allgemeinen Konformismus verweigern; die nicht in die vorgefertigten Schubladen passen wollen; die einfach nur sie selbst sein wollen; dass jene von den anderen Menschen so sehr ausgegrenzt werden, dass sie nur noch an sich selbst und an ihrem Verstand zweifeln können, ja, dass jene Individuuen irgendwann — und seien sie auch die fröhlichsten und lichtvollsten Gemüter — ihr Dasein als einen stinkenden Kadaver betrachten müssen, von dem sie sich durch einen Freitod befreien wollen. Menschen sind nun einmal soziale Wesen und gehen im Irrsinn ein, wenn man sie mitten unter anderen Menschen isoliert. Hier werden jeden Tag Menschen aus banalsten Gründen weggeschmissen, die einen wegen einer Zahnlücke oder einer Tätowierung, und die anderen wegen ihrer Kleidung. Und das. Fängt bereits in der Schule an. Jeder, der sich weigert, sein Sein und Schein an die industriell erstellten Vorbilder der Massenstanze der Massenmedien anzupassen, wird abgestraft, wird mit sozialem Druck dazu gedrängt, konform zu gehen, wird schließlich bei fortgesetzter Verweigerung ausgeschlossen, aus der Wahrnehmung ausgeblendet, weggeworfen, als Unperson betrachtet, durch die Verweigerung des Gedankens an seine Existenz gedanklich getötet.

Und. In den flackernden Evangelien des Konsumismus und von jeder Plakatwand herab wird die Ekstase des Genusses, die Freiheit und die durch Produktkauf erreichbare Individualität verkündet.

Fit For Death

Er ist so symptomatisch für diese Zeit: Der Geschäftsraum, an dem der Denkende und Fühlende vorüber geht. Überm Eingang die blende Reklame in freundlichen Farben, die diesen Raum als ein “Fittness-Studio” ausweist. Darinnen Menschen. Die an Maschinen stehen und mechanische Tätigkeiten ausführen, die sich qualitativ nicht von der abstrakten Arbeit unterscheiden, die aber im Unterschied zu dieser nicht entlohnt werden. Sondern sogar Geld kosten. Diese Menschen tun das, um sich fitt — das heißt zu Klardeutsch: angepasst — für die richtige abstrakte Arbeit zu machen, um ihren eigenen Marktwert zu erhöhen. Ebenso symptomatisch der Platz vor dem Eingang, der mit weißen Linien unterteilt ist. Ein Schild weist ihn als “Kundenparkplatz” des “Fittness-Studios” aus und winkt allen anderen Menschen, die dort ihr Auto abstellen wollen, mit dem dräuenden Abschlepphaken. Der Parkplatz ist wichtig, denn das “Fitness-Studio” steht ein wenig abseitig, und um aus den nächstliegenden Wohnquadern dorthin zu gelangen, müsste schon ein Fußweg von über vierzig Metern zurückgelegt werden. Das ist den Menschen, die Kunden eines solchen “Fitness-Studios” werden sollen, nun wirklich nicht zuzumuten. Denn diese Menschen. Die sich in dieser schweißgetränkten Selbstfolterkammer zu besseren Batterien für den betrieblichen Produktionsprozess machen wollen. Sie vermeiden in ihrer sonstigen Zeit jede noch so kleine Bewegung, sie würden sogar noch vom Fernseher zum Kühlschrank mit dem Auto fahren, wenn es dort nur eine Straße gäbe. Mit welcher tänzelnden Heiterkeit der Fühlende und Denkende doch an dieser Mühsal vorbeischlendern kann, in der sich die Menschen ihren Bewegungsdrang, ja, ihren Drang zum Leben abtöten! Und. Mit welcher Betrübnis!

Bei den zensierten Bloggern

Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.

Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.

Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.

Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes —
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.

Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
“Willkommen bei den Bloggern im Exil!”,
Sagte der eine.
“Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!”
Keine Pause, schon ein andrer:
“Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!”
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
“Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!”;
Und ein Fünfter:
“Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.” —
das iPhone trägt er hier selbst noch.
“Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!”,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
“Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.”

So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.

Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
“Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?”

“Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‘ausgestattet’?”
Sprach der Reisende erstaunt.

“Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?”,
das war seine leise Antwort.

Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
“Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.”
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.

Die frühe Wurzel

Die Gesamtheit der Maßnahmen zum so genannten “Jugendschutz” haben ein künstliches und gewaltsames Gepräge, es sind strafbewehrte Maßnahmen der Zensur und Vorenthaltung, die den davon betroffenen, jungen Menschen das volle Lebensrecht eines Menschen abzusprechen trachten. Darin spiegelt sich wider, dass die Idee der “Jugend” und wohl auch die Idee der “Kindheit” als unreife und zu schützende Phase des Menschseins eine künstliche, unnatürliche, vielleicht sogar kranke zivilisatorische Idee ist, die nur durch Anwendung staatlicher Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Im gleichen Maße, in dem direkte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine besondere Ächtung erfahren hat, ist die institutionalisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Form einer recht weit gehenden Entrechtung und künstlich erzwungenen Unselbstständigkeit als gesellschaftliche Norm etabliert worden, was heute so weit geht, dass man Menschen abspricht, dass sie vollwertige, mit voller Verantwortung und vollem Existenzrecht ausgestattete Menschen seien, bevor sie nicht eine zahlenmäßig festgelegte Spanne an Lebenstagen vollendet haben. Mit dieser Vorgehensweise wird dem Menschen vom frühesten Moment seines Lebens an und über die prägenden Jahre hinweg ein Eindruck jener überwältigenden und jeden Widerstand zwecklos machenden Gewalt eingestempelt, der den Menschen zum leicht verwertbaren Objekt des staatlichen und wirtschaftlichen Herrschaftsanspruches macht. Wer vom Menschenrecht und von der Freiheit spricht und gleichzeitig jungen Menschen beides vorenthält, um sie in Zwangsmaßnahmen und “schützender” Zensur zu knechten, der wünscht nicht Recht und Freiheit, sondern früh in Unterwürfigkeit geübte Restmenschen, die im Krisenfall nicht ans eigenständige Handeln als ersten Impuls des Seins gewöhnt sind, sondern verantwortungslos nach der Knute schreien, die sie zerstört. Kaum eine zivilisatorische “Errungenschaft” ist ein so guter Nährboden für faschistoide Gesellschaften wie der so genannte “Jugendschutz”. Wohl auch deshalb. Waren die Idealbilder der Mutterschaft und der Kindheit in so auffälligem Maße wesentlich für die areiligiöse Ikonografie der nationalsozialistischen Barbarei.

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