Tag Archive: Jugendschutz


Jugendschutz

Jugendschutz (der) — Sammelbegriff für technische Verfahren und politische Ideen, mit denen Menschen von klein auf an zentral organisierte Zensur und eingeschüchtertes Verschweigen und Unsichtbar-Machen von allgemein bekannten Tatsachen gewöhnt werden sollen. Die Gründe, warum ein derartiger Schutz nötig sein soll, brauchen dabei niemals mit Fakten belegt zu werden, es reicht selbst ein rhetorisch unbeholfenes Heraufbeschwören von postulierten „Entwicklungsrisiken“ und ein Appell an die bourgeoisen Moralvorstellungen. Wenn die wirkliche Absicht hinter dem Wort „Jugendschutz“ einmal zu deutlich werden sollte, muss stattdessen das noch stärker entrationaliserende Wort „Kinderschutz“ verwendet werden. Menschen, die durch solchen „Schutz“ daran gewöhnt wurden, dass der zu Schützende niemals gefragt wird, nehmen beinahe jeden politischen Unsinn hin, selbst, wenn sie älter geworden sind.

Werbeanzeigen

Der gut geschützte Jugendliche

Er ist fünfzehn Jahre alt, der gut geschützte Jugendliche, und damit im Rechtsraum der Bundesrepublik Deutschland zu jung für die allermeisten Dinge. Nur für eines ist er alt genug, ja, er soll und muss es sogar: Wissen, welchen Beruf er für den Rest seines Lebens ausüben will.

Jugendschutz

„Es ist doch erstaunlich“, sagte der Vorübergehende, „dass dieses Buch mit seinen expliziten Beschreibungen von Vernichtungskriegen und sexuellem Missbrauch nicht auf dem Index steht, um die Jugendlichen davor zu schützen. Dieses Buch, in dem jemand einen Mob aufhält, indem er seine Töchter zum Vergewaltigt-Werden vor die Tür setzt. Dieses Buch, in dem ein anderer tausende Menschen massakrieren lässt, weil sie eine Skulptur gegossen haben, um anschließend zu sagen, dass man nicht töten solle. Dieses Buch, das hunderte von Aufforderungen enthält, andere Menschen selbst für Persönliches und für Nichtigkeiten totzumachen. Dieses Buch, das Eltern empfiehlt, ihre Kinder mit Gewalt gefügig zu machen. Dieses Buch, das von einem übergeordneten Ideal von Reinheit spricht, das den Mord eines Menschen erforderlich machte. Dieses Buch, das erwiesenermaßen bei seinen Lesern immer wieder zu Exzessen des Mordes und des sexuellen Missbrauches geführt hat, bis auf den heutigen Tag. Ja. Ich meine das blutigste Buch der Menschheitsgeschichte, ich meine die Bibel“.

Scharfmacher

Es ist doch bemerkenswert, dass so etwas wie der Jugendschutz im politischen und journalisitschen Reden immer „verschärft“ wird. Was ist das für ein unpassendes Wort? Wie wenig erinnert „Schärfe“ vom sprachlichen Bild her an eine Schutzvorrichtung, die der „Jugendschutz“ doch eigentlich sein sollte? Wie sehr erinnert „Schärfe“ vom sprachlichen Bilde her an die gewetzte Schere des Zensors.

Vom unerwünschten Wort

Shit, fuck, Satan, death, sex, drugs, rape
These seven words you are trying to take

Anthrax, Startin’ up a Posse

Als der Regisseur Mike Newell im Jahre 1993 in Großbritannien die Dreharbeiten am Filme Four Weddings And A Funeral leitete, musste er eine erhebliche Anzahl von Szenen doppelt drehen lassen. Denn dieser Film sollte ja auch in den USA vermarktet werden können, und deshalb musste im Text des Drehbuches von Richard Curtis jedes Auftreten des Wortes „fuck“ durch eine „harmlosere“ Variante ersetzt werden und die Szene noch einmal mit diesem Text gespielt werden. Eine entsprechende Synchronisation des Tones hätte keineswegs ausgereicht, da man die wirkliche Intonation „fuck“ sehr deutlich an den Lippen hätte ablesen können.

Die Bemühung der US-amerikanischen Moralapostel und Jugendschützer um eine klinisch reine Sprache in Medienproduktionen hatte allerdings in diesem Fall einen eher zweifelhaften Erfolg. Curtis und Newell bekannten in ihrem Drehtagebuch, dass sie — wegen der Verpflichtung, diese Regel für den US-Markt einhalten zu müssen — während der Dreharbeiten an diesem Film viel häufiger ein psychisch erleichterndes „Fuck!“ ausgesprochen hätten als in irgendeinem anderen Moment ihres Lebens.