Tag Archive: Ideologie


Allmachtsgewebe

Die gefährlichsten und mörderischsten Menschen auf dieser Welt sind die Menschen, die fest und unverrückbar davon überzeugt sind, dass sie den Willen Gottes tun. Sie werden unmittelbar von denen gefolgt, die zwar keine tief verwurzelte Religion haben, aber dafür einer Ideologie, in der sie ebenso fest und unverrückbar davon überzeugt sind, dass die das Gute, Gerechte und Nötige tun. Die Empathielosigkeit, der moralisch verbrämte Hass und die Verachtung sind so tief in beiden drin, dass es im ersten Moment schwer fällt, sie zu unterscheiden. Religion und Ideologie sind aus dem gleichen psychischen Stoff gewebt, und sie sind genau das gleiche Gift.

Stellenleser

„Sie lesen Stellen, sie lesen nicht den Text“, sagte der Vorübergehende zum Zuträger der üblen Nachrede, „sie durchwühlen mit dem Computer megabyteweise den Text, bis sie ein geeignetes Triggerwort gefunden haben, um es schön als ‚Beweis‘ präsentieren zu können, damit es geglaubt werde. Sie reden von der Gerechtigkeit, aber ihr Tun ist voll des ungerechtesten und feigsten Rufmordes, und um den Mob auch ja gut zu steuern, legen sie gleich noch in Nachäffung geheimdienstlicher Tätigkeit ein kleines Dossier dazu, das im Wesentlichen einigen Google-Suchen entspricht, damit der Mob direkt reagieren kann und nicht erst umständlich suchen, lesen und bewerten muss, was vielleicht die Nachdenklicheren von dummen Taten abhalten würde. Das mit den Buchstaben, die Laute festhalten, haben sie wohl verstanden, aber das mit dem Sinn nicht. Deshalb können sie nicht lesen, und sind wie funktionale Analphabeten darauf zurückgeworfen, Stellen anstelle des Textes zu lesen — und bei alledem fühlen sie sich wie eine intelligente und wissende Elite, die eine übermenschlich wichtige Sache voranbringt, was der narzisstischen Pflege ihres Gewissens sehr entgegenkommt. Wenn sie sich doch nur einmal im Spiegel betrachten könnten, damit sie sehen, zu was sie geworden sind! Ich glaube, um diesen unerfreulichen Blick und diese Reflexion zu vermeiden, suchen sie nach immer abstruseren Sprachverbrechen bei anderen Menschen“.

Die Fundamentalisten

Die Fundamentalisten kann man daran erkennen, dass sie jedes ihrer eigenen Hirngespinste als „Gottes Wort“ — oder bei Ideologen: als „Wissenschaft“ — ausgeben, und bei alledem nur darauf bedacht sind, alle anderen Menschen unter dem Deckmantel der Religion oder Wissenschaft dazu zu zwingen, genau so zu denken wie sie selbst. Dabei interessieren sie sich für nichts weniger als für ihre jeweiligen hl. Bücher (aus denen sie aber gern leckere Rosinchen zur Abfütterung ihrer billigen Psyche picken) oder für die Wissenschaft (aus der sie aber bevorzugt das Unklarste, Grenzigste und Ungesichertste nehmen, weil es sich beliebig verbiegen lässt und dabei immer noch ein bisschen wie Wissenschaft ausschaut).

⫬A ⇒ B ∧ ⫬A ⇒ ⫬B

Das Hauptproblem aller Menschen, die in einer Ideologie oder in einer Religion gefangen sind, ist die innere Logik der Idelogie oder der Religion, die den Verstand verblendet und das Denken vernebelt, obwohl sie von außen lächerlich und durchschaubar wirkt. Tatsächlich kann man aus falschen Annahmen logisch korrekt jeden beliebigen Schluss und stets auch sein Gegenteil ableiten, und alles an diesem Erschließungsprozess wirkt wie eine echte gedankliche Tätigkeit, die vollwertige Erkenntnis hervorbringt: Ein wahrer und klarer Gedanke, belegbar und ja, sogar logisch erklärbar, obwohl es sich dabei immer nur um die Auswahl dessen handelt, was der Psyche am besten und kuschligsten behagt und den Geist nicht mit allzu derben kognitiven Dissonanzen belastet. Wer klar denken will, statt sich in der lustgetriebenen Mechanik seiner Psyche zu verlaufen, sieht zu, die Grundlagen seines Denkens zu sichern, noch bevor er Schlüsse daraus zieht, auf dass seine Erkenntnisse auch gültig werden. Das ist eine Tätigkeit, die im Lande der Psyche nur wenige ausüben, und beinahe kein Politiker befleißigt sich dieser Mühe.

Gruß an F. B.

Zwei Verwandte

Zwei Dinge machen erwachsene Menschen in erheblichem Maße kindisch, dumm und albern: Ein von Genussdrogen ausgelöster Rausch und akute Anfälle sexueller Lust in Gegenwart eines Partners. Und von beidem können erwachsene Menschen gar nicht genug bekommen… ja, einige würden sogar für diese paradiesische Kindischkeit töten.

Kein Wunder, dass jedes religiöse oder ideologische Neurosenregiment, das allen Menschen vorzuschreiben sucht, wie sie zu leben haben und diese Vorschrift im Zweifelsfall mit Gewalt bis hin zum Staatsmord durchsetzt, gleichermaßen die Sexualität und die Nutzung von Rauschmitteln unterdrücken muss, um den Menschen jegliche diesseitige Freude zu nehmen. Das Maß der Freiheit einer Gesellschaft erkennt man immer auch daran, ob es absurde Gesetze gibt, die Drogengebrauch oder gewaltfrei-verspielt ausgelebte Sexualität erwachsener Menschen kriminalisieren, obwohl es bei diesen „Verbrechen“ keine Geschädigten gibt. Denn alle Erwartungen sollen ja auf ferne, im eigenen Leben unerreichbare Ziele ausgerichtet werden, und alles andere wird mit künstlichem neurotischem Ekel überschüttet, der nur notdürftig rationalisiert werden kann.

Propagandaübersetzung

„In feministisch gefärbten Texten aus der bürgerlichen Presse und feministischen Stellungnahmen und PResseerklärungen aus der Politik“, sagte der Vorübergehende mit einem breiten Grinsen zu seinem um Gerechtigkeit bemühten Mitmenschen, „lese ich das Wort ‚Mann‘ als ‚Jude‘ und das Wort ‚Frau‘ als ‚Arier‘, und den Rest der Sprache und der Forderungen lasse ich völlig unverändert, weil er im neuen Kontext sehr gut passt. Dieses Lesen demaskiert das Denken, das ‚Argumentieren‘ und die Propaganda ausgerechnet derjenigen, die mich und dich den Antifaschismus lehren wollen — und es wird deutlich, dass Menschen auf der geistigen Sackgasse des ‚Anti‘ nicht etwa zu etwas Anderem, hoffentlich Erfreulicherem als dem Bekämpften, sondern nur zu einem Spiegelbild werden. Diese immer wieder leicht zu machende psychomechanische Beobachtung völlig zu übersehen, zu verdrängen, auszublenden, das ist das genaue Gegenteil von Analyse, Bewusstsein und Vernunft“.

Die Suche

Wissenschaft ist nicht „Wahrheit“, sondern die Suche danach. Wer „Wahrheit“ haben will, muss sich für dieses narzisstische „Bedürfnis“ schon von der Wissenschaft abwenden und zur Religion hinwenden; zur Religion oder zu ihrer kecken Bastardschwester, der Ideologie. Und selbst dann wird das befriedigende Gefühl, auch wirklich im Besitze der „Wahrheit“ zu sein, nur erreicht, wenn man sich die Lust an jeder weiteren Suche abtrainiert, oft mühsam abtrainiert, bis zur Verblödung abtrainiert. Doch ein Problem wird daraus nicht: Unter Seinesgleichen stört die Dummheit eines Tiefgläubigen selten.

Friedenszahn

Wie friedliebend, ja, pazifistisch doch das Gebiss eines Haifisches anmutet, wenn man es mit der „Sanftmut“ und „Friedfertigkeit“ der entfesselten Religionen der Menschen vergleicht. Und die Ideologien sind nur psychische Bastardkinder der Religionen, gewoben aus dem selben psychischen Material.

Die falscheste Religion

Die Behauptung, dass jeder Mensch alles erreichen könne, nebst der zugehörigen, meist nicht unterschwellig bleibenden Schuldzuweisung für alle jene Menschen, die krank oder in ihrem Leben gescheitert sind, ist die falscheste und vielleicht sogar die kälteste „Religion“ von allen. Sie ist leider auch zu einer tragenden Säule des Kapitalismus geworden.

Die Fanatiker

„Diese ganzen religiösen und politischen Fanatiker, die jeden auch nur gering abweichenden Gedanken einfach auslöschen und jeden Menschen, der ihn äußert, kaltstellen wollen“, sagte der Vorübergehende zu seiner Zeitgenossin, „sind doch ihr ganzes Leben lang nur damit beschäftigt, ihre eigenen, sorgfältig geheimgehaltenen und in kollektiven Bestätigungsritualen marginalisierten Zweifel überzukompensieren“.

Die Sprache der Unterdrücker

„Nein, ihr werdet gar nicht unterdrückt“, sagen die gutbesoldeten Sprechpuppen der Unterdrücker und ihre gläubig gewordenen Zuhörer zu allen Zeiten zu den Unterdrückten, „sondern ihr werdet von euch selbst befreit und so dazu ermächtigt, euch auf die notwendige nächste Stufe zu entwickeln. Damit eine neue Zeit vor euch liegt, die keine Not, keine Gewalt und keine Repression mehr kennt“.

Töten für das gerechtere Leben!

Wer aus seinem Empfinden von Gerechtigkeit heraus die Unterschiede zwischen den Menschen beseitigen will, muss aufpassen, dass er bei der Verfolgung dieses Planes nicht schließlich die Menschen beseitigt, indem er sie je nach ihrer Beschaffenheit in einem Friedhof oder einem Insektenstaat hineinzwingt. Kein Wort hat so viel Elend über die Welt getragen wie das Wort von der „Gleichheit“.