Tag Archive: Hunger


Kein Problem

Hunger tötet jeden Tag mehr Menschen als Ebola in einem ganzen Jahr, wird aber dennoch von den Medien der Staaten und der Milliardäre niemals so drastisch als Problem dargestellt, weil Politiker und reiche Menschen nicht an Hunger sterben können.

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Der Tisch

Ich träumte, dass sich ein bezahlter Sozialarbeiter auf meinem Weg um mich kümmere, damit er mich verkümmern macht. In der Person dieses Sozialarbeiters überlagerten sich zwei Menschen, die mir früher einmal wichtige Freunde waren, mit denen ich viel viel sprach, die aber jetzt eben so gut auf dem Mars leben könnten, so fern sind sie von meinem Leben an der unsichtbaren Kette ihrer systemisch kontrollierten Bedürfnisse. Auch ein Lehrer, der in meiner Kleinzeit mir gegenüber den Menschen heuchelte, fand sich in den Gesten dieser Überlagerung. Er redete lange auf mich ein, um mich Erwachsenen zu erziehen, um mich, den Lächelnden und Vorübergehenden, zu dem zu führen, was er für Glück hielt.

Und. Er hatte einen gewissen Erfolg damit, weil ich Hunger hatte, selbst noch im Schlafen. Denn er lud mich, ganz unverbindlich, wie er in der Lüge der Werber sagte, dazu ein, dass ich doch einfach einmal kommen sollte, um wenigstens zu essen. Diese Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie an der Assimilation arbeiten, verpacken ihre Gewalt ja immer als ein Angebot, das freiwillig angenommen werden könnte, und sie verschweigen. Immer den Hunger und Einsamkeit und die Angst; diese Peitsche, die Menschen so scharweis in jene professionell kalte Hölle treibt, in der sie ihren Job machen.

Noch im Traum wusste ich das. Und lachte darüber. Aber ich kam, denn ich hatte Hunger. Dort. War ein großer, grellweiß neonflackernder Raum mit einem Tisch, an dem etwa fünfzig Menschen saßen. Als dieser Sozialarbeiter mich kommen sah, konnte er das Triumphierende in seiner Haltung kaum unterdrücken, aber er musste mich ja „professionell“ behandeln und tat dies auch in großer Geübtheit. Er rückte mir in gespielter Demut und Dienstbarkeit einen Stuhl an den großen Tisch, direkt neben seinem Platz, damit er besser vor dem Druck der versammelten Runde auf mich einreden könnte. Am Tisch das Schweigen des Elendsgemeinschaft. Alle dort bekamen das, was sie dort haben wollten: Einen schmalen Teller und kleine Geschenke. Nur ich nicht, denn „ich war ja noch nicht dabei“, aber ich könnte natürlich „freiwillig und in eigener Verantwortung“ mitmachen. Doch der Traum macht die Seele frei von der strukturellen Gewalt, deshalb flüchtet man auch so gern in ihn. Und so. Konnte ich dieser Ansage heiter entgegentreten und diesem Wolf im Schafspelze erklären, was er da gerade tut, was er an mir und anderen tut. Noch, als er vom Tode sprach — auch diese Wucht musste er an mir probieren — blieb ich heiter und sprach vom Leben, dass dem Tod vorangeht und dem Lebenden Alles ist. Die anderen Menschen an diesem großen Tisch hatten ihre bohrenden und gefräßigen Blicke auf mich gerichtet, sie sahen aus, als wollten sie jeden Moment die verinnerlichte strukturelle Gewalt an mir ausleben, doch sie waren während dieser Situation wie versteinert. Das Klappern der Bestecke, der Grund dieses Ortes, war. Verstummt. Ich stand auf und ging aus diesem grellen Raum in eine hungrige, graue Trübsal, die mir in diesem Kontrast wie ein warmes Licht erschien.

Und. Ich erwachte aus dem Albtraum. Ich musste weinen, weinen um meine zwei Freunde, die mir einst so viel bedeutet hatten, und die jetzt fernweit sind und um alle die anderen Menschen da drinnen. Es gibt Träume, die den Geschmack des Freitodes süß erscheinen lassen, Träume, in denen sich das geraubte, enteignete, missbrauchte Leben spiegelt.