Tag Archive: Homöopathie


Vollständig legale Drogen…

Diese im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft, Menschenbefinden umzuändern und daher Krankheiten zu heilen, ist an sich auf keine Weise mit bloßer Verstandes-Anstrengung erkennbar; bloß durch ihre Aeußerungen beim Einwirken auf das Befinden der Menschen, läßt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich wahrnehmen

Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, § 20

„Seltsam“, sagte der Vorübergehende beim Vorübergehen an der Apotheke in der Nähe der Waldorfschule zu einer hoffnungslos Gläubigen, „so viele Menschen glauben an die im wahrsten Sinne des Wortes ’schulmedizinische‘ Methode der Homöopathie, die nur mit einem nicht vorhandenen Wirkstoff, oder genauer: mit den Geistwirkungen eines beim ‚Potenzieren‘ entschwundenen Wirkstoffes Wirkungen wie ein Wirkstoff verursachen soll, aber niemand berauscht sich an hochpotenzierten homöopathischen Drogen, die allein deshalb völlig legal wären, weil sie ihre Urtinktur gar nicht enthielten, sondern nur aus erfreulich legalem Milchzucker bestünden. Dabei wären solche homöopathischen Rauschmittel unter den Bedingungen kriminalisierter Rauschmittel doch ein unfassbar großer und lukrativer Markt“.

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Chemiefrei

Der Vorübergehende fragte seine ängstlich-esoterischen Zeitgenossen, die sich „keine Chemie in den Körper tun“ wollte: „Nimmst du denn auch ein homöopathisches Verhütungsmittel“?

Verdummung? Fragen sie ihren Arzt oder Apotheker!

Schaufenster einer Apotheke mit offener Reklame für Quacksalberei -- Homöpathie. Aus Liebe zum Leben.

Wer nach derartigen Verdummungskampagnen — von akademisch gebildeten Leuten übrigens, die es besser wissen müssten, es aber wegen des guten Geschäfts mit dem teuer verkauften Zucker lieber nicht so sagen, wie sie es wissen — immer noch glaubt, dass die Homöopathie irgendwas mit der „Faszination der Blumenwiese“, dem „Geheimnis des Waldes“ oder dem „Schatz der Kontinente“ zu tun habe, der lese bitte unbedingt nach, was diese okkulte Heilung mit den Geistern entschwundener Substanzen in Wirklichkeit ist!

Wohl dem, der mehrere Apotheken zur Auswahl hat und deshalb nicht seine Arzneimittel bei einem Apotheker kaufen muss, der seine Kunden vorsätzlich und aus Geldgier dumm hält und belügt. Eine Empfehlung ist das nämlich nicht.

Entschuldigung für das schlechte Bild mit den vielen Reflexionen. Ein Königreich für einen Polarisationsfilter!

Die Apotheken-Umschau

There are no greater liars in the world than quacks — except for their patients.

Ben Franklin

Wer einmal einen Eindruck davon bekommen möchte, warum die Menschen in Deutschland in gesundheitlichen Fragen dermaßen dumm sind, der muss sich in der Apotheke einmal dieses Werbeblatt mit dem Namen „Apotheken-Umschau“ geben lassen und dieses Machwerk mit wachem Geist durchblättern. Es ist nicht schwierig, sich dieses glänzende und blendende Stück bestempelten Baumes geben zu lassen, man bekommt es bei jeder Gelegenheit angeboten. Besonders interessant ist darin das Zusammenspiel aus Werbung (für Produkte, die ausschließlich in den Apotheken gekauft werden können) und vorgeblicher Information, die den Eindruck zu erwecken sucht, der Apotheker sei ein an der Gesundheit seiner Kunden interessierter, halber Wissenschaftler und nicht etwa ein Arznei-Dealer, der von der Krankheit und vom Unwissen seiner Kunden lebt. Und. Der besonders gut leben kann, wenn er seinen Kunden für teures Geld völlig wirkungsloses Zeug verkauft, auf dass sie immer und immer wiederkommen.

Als ein Beispiel für sehr viele möchte ich hier nur eine Anzeige aus diesem Reklameblatt beschreiben. Diese Anzeige besteht, wie so vieles im legalen Beschiss, aus einem groß gedruckten Anteil und aus dem darunter gesetzten, sehr klein gedruckten Text mit einem 6-Punkt-Zeichensatz, durch leicht reduzierte Zeilenhöhe noch ein bisschen anstrengender zu lesen. (Ich habe gerade kein Font-Lineal zur Hand, es können durchaus auch fünf Punkt sein; in jedem Fall ist der Text vorsätzlich schwer lesbar gestaltet, obwohl er die wichtigste Information zu diesem Produkt transportiert.)

Der groß gedruckte Anteil ist luftig himmelblau und meerblau, und zwei Drittel der Breite wird von einer deutlich blaustichigen Seemöve mit ausgebreiteten Flügeln eingenommen. Über den ausgebreiteten Schwingen der Möwe ist, noch in der Form des Vogelumrisses, der Text „Bringt das innere Gleichgewicht zurück“ gesetzt, und um diese Zusicherung für die Zielgruppe des Schwindels noch etwas deutlicher zu machen, wird deutlich kontrastreicher und klar lesbar auch noch zugesagt, wofür dieses Mittelchen gut sein soll: „Entspannen am Tag. Schlafen in der Nacht.„. Dass es sich hier nicht gerade um ein Kombinationsprärarat aus Promethazin und Diazepam handelt, wird auf der rechten Seite der Werbung deutlich. Dort ist nämlich nicht nur die Packung des Medikamentes abgebildet, mit dem Aufdruck „Neurexan — Schlafstörungen und nervöse Unruhezustände„, sondern auch der einzige rote Farbklecks; ein schiefes, nach oben weisendes rotes Rechteck mit dem kontrastreichen, weißen Text „wirkt schnell und natürlich„. Um diese Präsentation des Mittelchens herum ein gestrichelt gezeichnetes Kreissegment mit dem zum Ausschneiden auffordernden Umriss einer Schere darüber, genau richtig für alle, die nach solcher Zusicherung jetzt endlich ein Mittel gegen ihr Leiden kaufen wollen und es vor lauter Stress nicht einmal mehr schaffen, sich die drei Silben des Markennamens „Neurexan“ einzuprägen. Einfach ausschneiden und dem weißbekittelten Geschäftemacher mit der Krankheit und den krank machenden Lebensumständen vorlegen! Dazu ist auch noch der Dümmste in der Lage, und genau an den wendet sich diese Reklame ja auch.

Nein, es handelt sich hier nicht um eine Baldriantinktur oder ein ähnliches Mittel, das wirklich eine Wirkung hat. Sondern es handelt sich um völlig wirkungslose Kurpfuscherei, die im Weißkittelchen des Apotheken-Dealers an den gläubigen und stressgeplagten Kunden gebracht werden soll. Der klein gedruckte Text gibt endlich, wenn man ihn denn überhaupt noch liest, Aufschluss über die Lüge im groß gedruckten Text:

Neurexan Tabletten, Zul.-Nr. 16814 00 01. Anwendungsgebiete: Sie leiten sich von den homöpathischen Arzneimittelbildern ab. […]

Diese Aussage lässt sich noch kürzer zusammenfassen: Das „Medikament“ enthält keinen Wirkstoff. Es wirkt ungefähr so gut wie das Anbringen eines Kruzifixes übern Bett, wenn man an die Kraft eines solchen Amulettes glaubt — Nichtchristen mit romantischer Indianer-Schwärmerei können alternativ auch einen dieser „Traumfänger“ erwerben, der genau so wirkungslos ist. Und dieser Placebo-Effekt ist auch das einzig „natürliche“ an der Wirkweise. Die so genannte „homöopathische Potenzierung“ sorgt dafür, dass sich kein Wirkstoff mehr im „Medikament“ befindet, jedenfalls nicht mehr in einer ausreichenden Menge. Die Homöopathie hat nicht einmal etwas mit der so genannten „Naturheilkunde“ zu tun, bei der immerhin noch physiologisch wirksame Substanzen angewendet werden (die durchaus auch beachtliche unerwünschte Nebenwirkungen haben können, was wohl jeder weiß, der seine Schwermut schon einmal mit Johanniskraut behandelt hat). Dass eine solche Nähe zur so genannten „Naturheilkunde“ durch die rot-weiße Präsentation in der Werbung implizit hergestellt wird, liegt in der wohl auch markterforschten Beobachtung begründet, dass viele Menschen nach vier Jahrzehnten allgemeinen NewAge- und Esoterik-Hirnfick über alle Kanäle eine irrationale Angst von „der gefährlichen Chemie“ entwickelt haben. Irrationale Angst ist immer eine gute Grundlage für Abzockerei und fragwürdige Geschäfte aller Art, auch für den Handel mit „den Geistern verschwundener Wirkstoffe“.

Und das war nicht die einzige derartige Anzeige in der Apotheken-Umschau. Allein die Tatsache, dass einem in der Apotheke ein Heft mit derartigen Empfehlungen kalt professionell lächelnd in die Hand gedrückt wird, ist geeignet, den werbenden Blah in „fragen Sie doch Ihren Apotheker“ richtig zu stellen.