Tag Archive: Hölle


Kapitän

„Wenn die Religion das Steuer übernimmt“, sagte der Vorübergehende, „dann geht die weitere Fahrt direkt in die Hölle“.

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Spießers Paradies

Die „Paradiesvorstellungen“ der Spießer sind gruseligere und vor allem kältere Höllen als alles, was zwei Jahrtausende Christentum an neurotischen Höllenvisionen heiliggesprochen haben. Wer in solchen Höllen leben muss, hat allen Grund, die Toten zu beneiden.

Kannibalimus

„Kapitalismus“ ist nur ein als objektiv verlarvtes Wort für einen Prozess, in dem die grenzenlose Gier eines Menschen nicht mehr einem Gemeinwohl untergeordnet und auf eingeschränkte Besitzrechte reduziert, sondern ins pathologische verzerrt als Grundlage des menschlichen Miteinanders kultiviert werden soll. Das letztendliche Ideal eines solchen Prozesses ist eine „Gesellschaft“ von sich unentwegt mit bloßen, reißenden Zähnen anfallenden Menschenfressern, eine irdische Hölle.

Religiöse Freude

Der Vorrübergehende fragte seinen christlichen Zeitgenossen nur noch eines: „Warum, mein Bruder im Staub, warum bereitet dir die Aussicht so viel Freude, dass jemand wie ich für die ganze ganze Ewigkeit in der Hölle deiner Religion gefoltert wird, nur weil er nicht die richtigen Zaubersprüche aufsagt? Ist das die Liebe, von der du sprichst, wenn du mit verzerrter Wahrnehmung das Gute in deiner Religion zeigen willst?“

Der Schrei

Der Vorübergehende sagte zu seiner Begleiterin im Supermarkt: Hörst du, wie das Baby schreit? Alle versuchen, es auszublenden, doch. Es ist genau so ernst, wie es sich anhört, es ist unmittelbarer Ausdruck einer von Angst gequälten Seele.

Die Hölle

Zwei Eingänge hat die Hölle, einen für das Personal und einen für die Kundschaft. Über dem Eingang für die Kunden der Hölle stehen die Worte: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Und. Über dem Eingang für das Personal der Hölle stehen die Worte: „Wir wollen immer für alle das Beste“.

Mit Dank an den Schattenkönig

Seelenbrand

Wozu brauchen die religiösen Menschen eigentlich die Idee einer Hölle, wenn sie doch eine Psyche haben…

Vom Tourismus

Der moderne Tourismus und die von ihm industriell hervorgebrachten, synthetischen Paradiese; sie sind ein Spiegelbild der industriell hervorgebrachten Hölle des Alltages der meisten Menschen.

L’hôpital froid

Vorweg

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen; wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen ja doch aus gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, aber noch nicht vom Selbsthass zerfressen ist und noch ein Gefühl für seine eigene Würde als Mensch hat, der sollte vor allem auf eines achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren wird, dort, wo sich Sallstraße und Marienstraße treffen. Vielleicht sollte er auch die anderen Häuser des Henriettenstiftes, etwa in Kirchrode, meiden, aber dazu kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen.

Und er sollte sich niemals von irgendjemandem einreden lassen, dass es sich beim Henriettenstift zu Hannover (betrieben von der Diakonie) um eine gute Wahl und um ein gutes Krankenhaus handelt. Niemals!

Kälte

Sie ist über siebzig Jahre alt, und ich hoffe sehr, dass sie noch lebt, denn ich mag sie. Ein besonderes Vertrauen in die Herzmetzgerei Henriettenstift habe ich nicht, deshalb kann ich nur hoffen. Sie ist natürlich schon etwas hinfällig, denn Menschen werden nun einmal etwas hinfällig, wenn sie alt werden. Die Jahre gehen über den Körper, die Krankheiten sammeln sich an, der vergangenen Freuden verblassen über die Last des Daseins, das Leben wird zur Quälerei — der siechvolle Sterbeprozess ist im gleichen Maße tabuisiert wie der Tod selbst, während rundumher die großen, bunten Werbetafeln von Aktivität und Jugend schreien. Der erste falsche Glaubenssatz des Konsumismus lautet: Vergessen macht frei.

Sie wollte rausgehen, in die stinkende Stadt der tausend Dröhne. Ein Weg zur Bank, um die Katastrophe ihres Kontoauszuges zu betrachten und ein paar Dinge zu erledigen, denn die Frucht eines Lebens voller Arbeit reicht hinten und vorne nicht. In der U-Bahn-Station bemerkte sie plötzlich, dass ihr der gesamte rechte Teil des Gesichtsfeldes ausgefallen war, dass sie nur noch verschwommen sah und dass ihre Sicht von Schlieren, schwarzen Bereichen und Wellenmustern überlagert wurde. Deshalb ging sie wieder zurück, ängstlich (wer wäre das in so einer Situation nicht) und verunsicherten Schrittes stapfte sie durch den Schnee. Zurück. Nur ankommen.

Sie wollte nicht krank sein. Sie weinte laut und hemmungslos, weil sie sich die medizinische Behandlung finanziell nicht mehr leisten kann. Zur Vernichtungsangst, die mit einem solchen Ausfall einher geht, gesellte sich die Existenzangst, die dem Armen aufkommt, wenn weitere, unerwartete Kosten eine ganze Monatsplanung zerstören, wenn absehbar wird, dass am Ende des Geldes wieder einmal so viel Monat übrig sein wird. Und die Angst, dieses lähmende Gift der Seele, macht ihrerseits die Symptome einer Krankheit grausamer. Ein Höllenkreisel der Psyche, der sich selbst stabilisiert. Ihr Tag hatte gut und kraftvoll begonnen, doch nun war sie ein Häuflein Elend, weinend, markerschütternd weinend, unartikuliert wie die Stimme eines kleinen Kindes aus dem Munde eines Erwachsenen. Sie weinte auch noch, als sie schließlich von ihrer Angst angetrieben den Notarzt anrief, sie war so fertig, dass ihr sogar die sonst so klare Stimme im Munde zerbrach. Dort bestellte man gleich die Rettungssanitäter der Feuerwehr, denn am Telefon musste sich der Verdacht auf einen Schlaganfall aufdrängen.

Ich war dabei, redete auf sie ein, versuchte verzweifelt, etwas Ruhe in ihren schrecklichen Zustand zu bringen, hielt ihre Hand, versuchte mit Worten, an das einzige Mittel gegen die Angst zu appellieren, dass einem Menschen zur Verfügung steht, an die Vernunft. Auch die professionellen Helfer aus dem feuerroten Wagen ließ ich hinein, und sie taten das, was sie wohl immer in einer solchen Situation tun. Sie stellten einige Fragen nach dem Verlauf und beobachteten aufmerksam, ob irgendwelche Ausfälle erkennbar wurden, die auf einem Schlaganfall hindeuteten; sie prüften, ob beide Hände die gleiche Kraft beim Druck ausüben; und sie maßen flugs den Blutdruck, der in dieser Situation natürlich erschreckend hoch war. Dann sollte sie ins Krankenhaus, damit ihr von einem Arzt geholfen werden kann, und ich fuhr mit. So kamen wir an der Notaufnahme des Henriettenstiftes an.

Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Der Schnee fiel, verdichtete sich durch Kompression auf den Straßen und Wegen zu Eis, und Unfälle aller Art waren häufig. Die Notaufnahme des Krankenhauses war dementsprechend überlaufen, und die dort arbeitenden Menschen waren überlastet und konnten des Ansturmes nicht richtig Herr werden. Dennoch tat jeder sein Bestes in dieser Situation. Wo wenig Menschen viel Arbeit verrichten müssen, da verrichtet der einzelne Mensch eben zu viel Arbeit, man muss im Zeitalter der totalitären Verwirtschaftung ja überall sparen, und Personalkosten sind da ebenfalls ein Teil. Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Es war auch ein seelisch kalter Tag, wie alle 365 Tage des Jahres im kalten kalten Königreich des Mammons.

Die mehrstündige Wartezeit an der Notaufnahme, bis dann endlich ein Arzt im Notdienst die Zeit für eine erste Begutachtung entbehren konnte — immerhin bei einem Verdacht auf Schlaganfall — ist also durchaus verständlich. Für jeden, der aus der Sicht der Rationalisierung und der Verherrlichung des Geldwertes für alles Verständnis aufzubringen vermag. Wer, anders als sie, über Geld verfügt, wird wohl zumindest schneller, vielleicht gar etwas besser behandelt und erhält eine größere Chance, zu überleben. Den Wert eines Menschenlebens drückt man im Königreich von Merkel, Schröder, Steinmeier, Westerwelle und der INSM am trefflichsten in Euro aus. Der Rest. Ist Schweigen und eine Kollektion wohlklingender Worte ohne weitere Verpflichtung, eine Sonntagsrede von Menschenwürde und Lebensrecht. Immerhin war gut geheizt. Und wer sich während der Wartezeit noch die Beine vertreten konnte, der fand überall im öffentlichen Bereich dieses Krankenhauses die Hochglanzwerbung für dieses Krankenhaus, in Wort und photoshopretuschiertem Bild faselnd von allerlei Werten und sonstigem Zeug.

Immerhin, nach etwas über viereinhalb Stunden des Liegenlassens einer von Vernichtungsangst gequälten, alten Frau kam es zu einer ersten Begutachtung durch eine Fachärztin des Krankenhauses. Die neurologische Untersuchung war, so weit ich das als medizinischer Laie beurteilen kann, gründlich und kompetent, und der verfügbare diagnostische Apparat des Krankenhauses kam zum Einsatz, einschließlich einer CT. Der Krankenkasse gegenüber soll ja etwas abgerechnet werden, und auf dieser Rechnung erscheinen nicht Würde und Menschlichkeit, sondern die erbrachten „Leistungen“ des Hauses. In der Mischkalkulation, die ein paar Ebenen höher gemacht wurde, um diese medizinische Fabrik zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen zu machen, ist es wieder einmal aufgegangen, und dieses Mal musste nicht ein ausgewanderter Puls von der Liege auf die Bahre gewuppt werden. Obwohl ich Krankenhäuser hasse, war ich doch froh, dass ich mitgekommen war, denn sonst hätte dort ein Mensch viereinhalb Stunden geängstet und wimmernd herumgelegen, ohne dass sich jemand in der emsigen Betriebsamkeit dieses hôpital froid die Mühe gemacht hätte, eine nicht abrechenbare „Leistung“ wie ein menschliches Wort oder gar eine gehaltene Hand zu erbringen.

Man hat ja keine Zeit, und alles ist so viel Arbeit heute. Jeder tut, was zu tun ist, und niemand ist für das Gesamte verantwortlich. Mit den gleichen Prinzipien, mit denen die Prozesse eines größeren, gut durchrationaliserten Betriebes durchgeführt werden, könnte man auch ein KZ betreiben, schoss es mir irgendwann durch den Kopf, als ich mich selbst in Zynismus flüchtete, um den stumpfen Zynismus, der mich umgab, ertragen zu können.

Geldschneiderei

Als es endlich so weit war, dass eine Fachärztin da war, wurden wir beide froh, dass das Warten in Quälerei ein Ende finden sollte. Auch sagte ich zu ihr, die außer einem Frühstück vor dem geplanten Weg in die Stadt noch nichts gegessen hatte und inzwischen auch ein sehr flaues Gefühl im Bauche hatte, dass sie wohl bald wenigstens etwas essen könnte — denn auch die körperlichen Bedürfnisse eines Menschen, so sie nicht direkt gegenüber der Krankenkasse abrechenbar sind, spielen im Betrieb des Krankenhauses keine besondere Rolle. Es gibt ja einen überteuerten Kiosk und einen Automaten, an dem sich die Menschen allerlei junk food zu gesalzenen Preisen kaufen könnten, wenn sie sich das noch leisten können.

Ich war so zuversichtlich, weil mir schon vorher klar war, zu welchem Ergebnis die Ärztin in ihrer Untersuchung kommen würde, und zwar völlig unabhängig von den Zahlen und Bildern, die von den Geräten ermittelt werden. Natürlich sollte sie im Krankenhaus bleiben, obwohl es keinerlei Anzeichen für einen Schlaganfall gab (und es sich wohl eher um eine vorübergehende Durchblutungsstörung im visuellen Cortex handelte — die eigentlichen Symptome hatten längst deutlich nachgelassen), damit das noch ein paar Tage lang „beobachtet“ werden kann. Dies ist ja schließlich eine „Leistung“ des Krankenhauses, die mit der Kasse abgerechnet werden kann, und nur dafür wird der ganze Betrieb ja betrieben. Jede andere ärztliche Auffassung hätte das Bild in meinem Kopfe, das sich durch die schlichte Betrachtung dessen, was mich umgab, immer dinglicher ausformte, zerschmettert.

Und natürlich sollte es gleich auf die stroke station gehen. In ein „paar Minuten“ sollte sie zur intensivmedizinischen Überwachung auf die Station gebracht werden. Und. Ja, sie bekäme dort auch etwas zu essen.

Die „paar Minuten“ dehnten sich zu weiteren zweieinhalb Stunden auf einer unbequemen Liege in der Notaufnahme. Zweieinhalb Stunden, in denen sich niemand um eine alte Frau kümmerte und — auf explizite Ansprache — niemand für sie „zuständig“ war, deren Zustand immerhin von einer Fachärztin als so ernst eingeschätzt wurde, dass er der intensivmedizinischen Überwachung bedürfe. Allein diese Vorgehensweise legt den Gedanken aufdringlich nahe, dass der Zustand so ernst wohl doch nicht gewesen sein kann, dass die Verkabelung des Körpers mit einer Reihe von Messgeräten nur vorgenommen werden sollte, um ein paar wirklich teure Tage mit der Kasse abzurechnen. Unterdessen hätte sie dort wimmernd auf der Liege verrecken können, es hätte wohl niemanden interessiert. Und niemand hielt es für nötig, ihr oder mir etwas darüber zu sagen, wie lange es noch dauern würde und worin der Grund für diese Verzögerung läge. Jeder tat, was er zu tun hatte und wofür er bezahlt wurde, und niemand war verantwortlich für die entstehende, unmenschliche Gesamtheit des Ablaufes.

Nach deutlich über anderthalb Stunden des weiteren Wartens — niemand unterstelle ihr oder mir einen Mangel an Geduld! — hatten wir es satt. Sie war inzwischen sehr unruhig geworden, die schlimmsten Symptome hatten nachgelassen und so konnte sie bemerken, wie sie als hilfloser Mensch zu einer reinen Wirtschaftsmasse aus noch zuckendem Fleisch, zu einem Objekt der Rechnungsstellung geworden war. Wir beschlossen, einfach zu gehen, die nächste Taxe zu nehmen — weder ich noch sie hatte auch nur das Geld dafür — und diese Hölle zu verlassen. Um zu erkennen, dass die angeordneten „medizinischen Maßnahmen“ reine Geldschneiderei gegenüber der Krankenkasse waren, dass sie mit einer beachtlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem wirklichen medizinischen Zustand und dem leidenden Menschen angeordnet wurden, bedurfte es keiner besonderen mentalen Befähigung und keiner medizinischen Fachkenntnisse mehr. Die offen herumliegende Mappe mit den Untersuchungsergebnissen (ich habe sie in den vielen Stunden sehr sorgfältig durchgelesen, sie enthielt für meine laienhaften Augen in viel medizinischer Fachsprache verpackt immer wieder die Feststellung, dass es keinerlei messbare medizinische Auffälligkeit gibt) wollten wir einfach mitnehmen, um im Zweifelsfall handfestes Belegmaterial zur erlebten Willkür und Unmenschlichkeit zu haben. Angesichts der Tatsache, dass ich im Begriffe war, mit einem Menschen das Krankenhaus zu verlassen, für den gerade ärztlich eine intensivmedizinische Überwachung angeordnet wurde, stand ich mit diesem Entschluss ja mit einem Bein im Gefängnis, wenn nur irgend etwas passiert — und die Unmenschen, die diesen Betrieb aufrecht erhalten, werden ihrerseits niemals ein Gefängnis von innen sehen, egal, was passiert. Da sichert man sich gern gegen jede Eventualität ab, wenn man noch Restfunktionen des Verstandes hat.

Natürlich war sie nach den zermürbenden, inzwischen mehr als sieben Stunden des Wartens, nach der ausgestandenen Todesangst, nach einem Tag ohne Essen, nach einer völlig entwürdigenden, kalten und unmenschlichen Behandlung einfach… nur noch fertig, schlaff, hilflos, gar von einer gewissen Sehnsucht nach dem Tod erfüllt, ihre Stimme kraftlos, die Müdigkeit überwältigend. Angst, Hunger und seelische Kälte machen eben müde. Und auch ich, der ich „nur“ dabei war, zehrte schon längst von den letzten Resten meiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit.

Es war schon sehr erstaunlich, wie auf einmal in dieser Notaufnahme, die sich sonst einen Dreck um einen dort in Not und Todesangst herumliegenden Menschen scherte, Aufmerksamkeit entstand. Auf einmal fühlte sich einer der dort herumlaufenden Pfleger sehr wohl „zuständig“ für diesen Vorgang. Zunächst sprach er mich recht energisch an, vielleicht auch, weil er mich für die treibende Kraft hielt und aus seiner täglichen Erfahrung in diesem Betrieb heraus sehr genau wusste, dass die so misshandelten Menschen jede Widerstandskraft verlieren. Als erstes erzählte er mir, dass es die von misshandelte Frau „gleich“ auf die Station käme, woraufhin ich erwiderte, dass dieses „gleich“ sich schon deutlich über anderthalb Stunden hinzieht und dass es mit der angeordneten intensivmedizinischen Überwachung wohl nicht ganz so wichtig sein könne. Dann versuchte er mir Angst einzujagen mit dem Hinweis, dass ich die ganze Verantwortung trüge, wenn irgendetwas passiert. Ich musste mich wirklich sehr beherrschen, diesem Typen nicht in seine unmenschliche, wirtschaftsfaschistische Fratze zu rotzen und ihm ohne eine Spur von Boshaftigkeit oder Aggression, aber doch klar und entschieden entgegenzuhalten, wie zynisch und unmenschlich das Wort „Verantwortung“ aus solchem Mund und in solcher Situation klingt. Zu guter Letzt behauptete er, dass die Mitnahme der Untersuchungsergebnisse doch verboten sei — er sah die Mappe in meiner Hand — und dass ich diese Dokumente aber sofort herausgeben sollte. Ich setzte das grimmigste mir mögliche Gesicht auf und sagte nur, er könne ja versuchen, sich die Mappe zu holen, und ich sags euch, wenn es zum Kampf gekommen wäre, denn säße ich jetzt wegen Totschlages in Untersuchungshaft und würde das hier nicht mehr schreiben und veröffentlichen können. Zu guter Letzt belegte er die gesamte Verrohung und Verrottung seiner stinkenden Seele, indem er einsah, dass seine Standardmethoden bei mir nicht mehr wirklen, mich einfach ignorierte und mit gut geübter Routine auf eine hilflose, geängstete, völlig erschöpfte Frau einredete, die zuvor von ihm und seinen Kollegen so viele Stunden sich selbst überlassen worden war und sich dabei auch nicht zu schade dafür war, mit seinem gefräßigen Fleisch nach ihrer Hand zu grabschen, ihr tief in die Augen zu blicken, sie zum Zurückschauen aufzufordern und wie ein geübter Hyponotiseur monoton auf sie einzureden, offenbar genau wissend, dass von ihr nach stundenlanger Zermürbung durch seelische Misshandlung kein Widerstand mehr zu erwarten ist. Das „überzeugte“ sie, und sie ging zurück zu einer weiteren Dreiviertelstunde des Wartens. Er muss viel Erfahrung darin gehabt haben. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, was er da getan hat und wie sehr ich ihn dafür verachte, und ich prägte mir das Gesicht dieses sehr beflissenen Schergen ganz genau ein, man sieht sich ja immer zweimal im Leben. In mir zerbrach eine ganze Welt, und ich musste mich sehr zusammenreißen, nicht auf der Stelle krampfartig zu weinen.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde — die unmittelbare psychische Wirkung der sehr geübt gegebenen Hypnose ließ gerade nach, und sie war zwar noch erschöpfter, hungriger und müder, dachte aber schon wieder daran, dass wir vielleicht doch wie beschlossen gehen sollten — kam sie endlich zum intensivmedizinischen Verdrahtetwerden auf die Station. Es war der gleiche Pfleger, der sie dorthin brachte und der mich nach allen diesen Stunden sogar noch mit seinen Worten daran hindern wollte, dass ich mitkomme — und zwar gegen den Willen der Frau, die er jetzt dorthin bringen sollte.

Er war sehr aufmerksam, als er das kleine kahle Zimmer in der Notaufnahme betrat, er wusste eben, worauf es in solcher Situation ankommt. Sein erster Blick galt dem Tisch mit der Mappe, die er an sich nahm, bevor er auch nur ein Wort sagte — er handelte eben wie jemand, der genau weiß, dass gewisse Spuren nicht an andere Augen geraten sollten, weil sie eben auch Augen öffnen können. Auch das wirkte ausgesprochen routiniert.

Auf der Station

Auf der stroke station (man spricht dort kein Deutsch mehr auf den Schildern) wurde sie dann schließlich von einer freundlichen Assitenzärztin mit den Geräten verkabelt, und ich verabschiedete mich vorher mit einer langen und traurigen Umarmung. Die Ärztin erzählte mir angesichts dieser Szene ihr Märchen von den „guten Händen“ in denen die zerschlagene Seele jetzt sei, und ich rang mit den Tränen, als ich ihr kurz und wenig konsistent erzählte, was das für „gute Hände“ sind, die wir den ganzen Tag erleben und erleiden durften. Sie zeigte sich ernsthaft entsetzt von den Zuständen, aber diese liegen eben auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches, wie sie sagte. Jeder tut eben nur seine Arbeit, und niemand ist verantwortlich für das sich ergebene Gesamte, der Moloch brennt lichterloh und bratend, die Hände sind in Unschuld und Sterilium gewaschen.

Ich verabschiedete mich von diesem verantwortungslosen Rädchen in der Seelenmühle kurz und so freundlich, wie ich es gerade noch hinbekam. Ich hätte ihr noch vieles mehr zu sagen gehabt, auch darüber, ob es vielleicht ein bisschen mehr in ihrem „Zuständigkeitsbereich“ läge, wenn so eine intensivmedizinische Beobachtung eines Patienten ganz offenbar aus reiner Kostenschneiderei angeordnet wird, wenn es so ganz offensichtlich scheißegal ist, wie es dem Menschen ergeht, bis er endlich an die Apparate angeschlossen wird, auf dass die Kasse klingele, die Hauptsache in alledem. Ich war endlich mürbe, wollte nur noch raus und dieses Haus niemals wieder betreten. Raus auf die kalte Straße, um endlich in aller Ruhe für mich zu heulen. Nein, ich wollte nicht mehr, dass mir jemand den Weg nach draußen zeigt, da irre ich lieber selbst durch die (recht gut ausgeschilderten) Gänge des inzwischen still gewordenen Hauses.

Nach einem ganzen Tag unter Sterilität und Leuchtstofflicht trat ich endlich hinaus aus diesem Haus, über dessen hellerleuchtetem Glastor am besten noch die diakonischen Worte „Wer hier eintritt, lasse alle Menschlichkeit fahren“ passen. Der Wintertag hatte sich längst in eine kalte Winternacht ergossen, der stobende Schnee schoss mir nass und schwer in das Gesicht. Ich war nur dünn bekleidet, aber ich fror nicht. Es erschien mir draußen, bei minus sechs Grad, sogar körperlich noch wärmer als in diesem Krankenhaus. Erst jetzt spüre ich, wie groß die Anleihe auf meine Gesundheit ist, die ich genommen habe.

Zum Schluss

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen, der soll dies bitte und um seiner eigenen Würde willen tun! Wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen aus wirklich gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, der sollte vor allem anderen auf eines dabei achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren werde, dort, wo sich die Sallstraße und die Marienstraße in der Südstadt treffen. Es ist kein Ort für Menschen.

Alles, was ich hier beschrieben habe, habe ich gestern selbst so erlebt, wie ich es beschrieben habe. Ich habe gegen das Schweigen geschrieben, das so erwünscht ist, gegen die Verdrängung, gegen das „Vergessen macht frei“ als eine kranke Haltung, die kranke Zustände erhält. Jeder Mensch kann einmal in die Situation kommen, hilflos einer solchen Mühle ausgeliefert zu sein, und nur die wenigsten werden in diesem Betrieb aus sich selbst heraus und noch krank die Kraft haben, dem kalten Irrsinn ihrer totalen Verwirtschaftung zu widerstehen. Lasst euch nicht durch die künstliche Sprache der Ärztebrut und das ebenso künstlich erzeugte Ansehen dieses Packs verblenden, und versucht, die Dinge bei ihrem Namen zu benennen! Die künstliche Sprache der Mediziner kennt jeder, der schon einmal mit einem Mediziner gesprochen hat, und das künstlich erzeugte Ansehen ist sogar in die Alltagssprache übergegangen, wenn der Pfusch eines Arztes eben nicht als „Pfusch“ (ist ja auch „nur“ ein Mensch), sondern als „Kunstfehler“ bezeichnet wird. Zuweilen hört oder liest man dann hinterher auch noch die Worte „Die Wege Gottes sind unergründlich“ — hier schließt sich dann der bittere Kreis zur Diakonie.

Wer glaubt, das von mir beschriebene sei ein „Einzelfall“ und klinge nur durch Verkettung einiger unglücklicher Umstände so böse, der hat nicht miterlebt, wie geübt dieser Einzelfall von allen Beteiligten herbeigeführt wurde. Hinter dieser Routine muss eine lange Erfahrung stehen, auch eine lange Erfahrung darin, wie man Menschen bricht, die ihr Recht einfordern, als Mensch behandelt zu werden.

Und nein! Die so genannte, von Quacksalbern, windigen Geschäftemachern und immer mehr auch von Apothekern betriebene, auf Aberglauben und primitiver Magie basierende „Alternativmedizin“ ist keine Alternative. Die einzige Alternative ist es, dass Menschen wieder wie Menschen behandelt werden, weil es ihnen — verdammt noch mal! — als Menschen einfach zusteht. Das ist auch mit einer Medizin möglich, die den körperlichen Tatsachen verpflichtet ist, es wäre sogar im Betrieb eines Krankenhauses möglich, wenn dort auch die psychischen Tatsächlichkeiten des Menschen geachtet würden und aus dem Hilflosen nicht einfach nur ein verwurstbares Wirtschaftsobjekt gemacht würde, das man in seiner Not mit Füßen tritt. Es ist nicht gewünscht. Zumindest nicht. Im Henriettenstift in Hannover. Der Rest ist von professionellen Werbern auf Hochglanzpapier gestempelter Schönsprech, also Lüge.

Für M.
Ein Detail habe ich in meinem Bericht nicht erwähnt, obwohl ich es ebenfalls bemerkenswert finde. Niemand ist in diesen ganzen Stunden in einem Haus mit Schränken voller wirksamer Medikamente auf die an sich nahe liegende Idee gekommen, ein Psychopharmakon gegen die schreckliche Angst zu verabreichen. Ich habe es nicht weiter erwähnt, weil ich auf dem Hintergrund meiner Kenntnisse nicht beurteilen kann, ob es sich hierbei um eine medizinisch begründete Entscheidung handelt. Angesichts der völligen Gleichgültigkeit einem Menschen und seinem Elend gegenüber, die ich über Stunden hinweg miterleben durfte, halte ich es aber eher für wahrscheinlich, dass an so eine Hilfe jenseits der eigentlichen Rechnungsstellung einfach „nicht gedacht“ wurde, dass das Leiden der Menschen im Betrieb des Krankenhauses einfach nur egal ist. Doch ich bin mir darin in diesem einen Punkt nicht sicher, ob die Gabe eines Psychopharmakons ein Untersuchungsergebnis verfälschen kann, deshalb habe ich mich auf das unzweifelhaft Kalte, Widerliche, Unmenschliche beschränkt.

Vom großen Fest

Wer es — wie ich — nicht vermeiden konnte, am heutigen Samstag durch die Innenstadt von Hannover zu gehen, der hat die Gelegenheit zu einem klaren Einblick in den wirklichen Charakter des Weihnachtsfestes bekommen. Denn dieser. Spiegelte sich grauschmerzend in der greifbaren Freudlosigkeit der Gesichter, der hetzenden und gehetzten Gesichter.

S. ist tot

Vim vi repellere licet

S. ist tot, und niemand kann es fassen. Niemand, das heißt: Niemand von all diesen Menschen, die glaubten, dass sie S. schon deshalb kannten, weil sie in ihrer ständigen Gegenwart waren; solche Menschen wie die Eltern oder der Lebensabschnittsgefährte. Sie hat doch gestern noch mit so ungewohnt klarer Stimme am Telefon gesprochen, mit so einer ungewohnt klaren Stimme.

Und dann hat sie dafür gesorgt, dass sie ein paar Stunden ungestört ist und sich mit ihren gesammelten Tabletten und einer großen Menge Alkohol vergiftet. Tabletten hatte sie viele. Man bekommt sie ja mit flottem Stift verschrieben, wenn die Körpermaschine trotz der blutenden Psyche weiterhin im betrieblichen Produktionsprozesse verwertbar sein soll, und auch, um einen Menschen mit einer solchen Körpermaschine immer wieder einmal ruhig zu stellen, wenn die gewöhnliche Sedierung mit dem Fernsehempfänger nicht ausreicht. Es ist ein gutes Geschäft mit den Tabletten, gerade unter dem gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozess. Und deshalb hat ein Mensch mit schweren Problemen eben viele Tabletten, vor allem, wenn er mit dem Zielbewusstsein der Erlösung ein wenig sammelt.

Jede Hilfe kam zu spät. Sie wusste genau, wie man sich die erforderliche Ruhe verschafft. Damit. Die Weltschmerztablette auch wirkt.

Ein paar als Rettungssanitäter bezeichnete Barbaren haben sich noch in der ihnen so eigenen Professionalität darum bemüht, mit den üblichen Mitteln die Körpermaschine wieder in Gang zu setzen, obwohl diese Körpermaschine zu einem Menschen gehörte, dem sein Dasein längst zum Ekel geworden war und der dies mit seinem Freitod völlig unübersehbar und unmissverständlich dokumentiert hat. Auch der Defibrillator bekam wieder einmal etwas zu tun. Niemandem hier ist das natürliche Recht auf seinen eigenen Tod gegeben. Genau so wenig. Wie hier irgend jemandem das natürliche Recht auf ein selbstbestimmtes Leben gegeben wäre. Und dann. Wurde S., die als Lebende nach ihren ganzen Erfahrungen mit dem Wert eines Menschen im BRD-„Gesundheitssystem“ nichts so hasste wie das Innere einer Klinik, noch auf die Trage geschnallt und in die Klinik gefahren, auch das ist ja ein gutes Geschäft. Selbst. Wenn die Körpermaschine, die da an der Notaufnahme abgeliefert wird, schon anfängt, kühl zu werden und Leichenflecken auszubilden. Immerhin konnte die Energie für das Blaulicht und das Martinshorn eingespart werden.

Meine Überraschung war nicht sonderlich groß, als ich heute davon hörte. Ihre Stimme an der Kälte des Telefonapparates war wohl so klar — ich habe sie leider nicht selbst gesprochen und bin auf die zweite Hand angewiesen — weil ihr, S., zu diesem Zeitpunkt völlig klar war, dass sie das Ende ihrer Qualen jetzt selbst in der Hand hatte. Vielleicht war ich so wenig darüber überrascht, weil ich nicht nur mit ihr gesprochen habe, sondern ihr auch zuhörte. Was wirklich. Nicht immer leicht war.

Nun quälen sich die zu Hinterbliebenen gewordenen Menschen mit ihrem Bild von S. und den kognitiven Dissonanzen, und natürlich auch mit sinnlosen Selbstvorwürfen, als ob diese und der Strom von Tränen nicht um Jahrtausende zu spät kämen.

Dabei wird — wie bei jedem Freitod — so vieles verschwiegen und vergessen.

Schon, als sie noch lebte, hat man es gern und schnell vergessen, wie sie als drei- oder vierjährige Zwergin von einem Nachbarn sexuell missbraucht wurde. Wenn man so etwas aus der Erinnerung ausblendet — so bildet sich Mitmensch Mordsspießer das ein — denn hat es niemals stattgefunden. Und die Kinder vergessen ja sowieso, was ihnen geschah, also geschieht es gar nicht. Sie. Wusste es noch. (Zumindest in Andeutungen, die im Gesamtbild aber für mich mehr als deutlich waren.)

Man merkte es ihr so gar nicht an, als sie noch klein war — das sagen jene, die es ihr hätten anmerken müssen. Sicher, sie war ein „schwieriges Kind“ und völlig in sich zurückgezogen, konnte niemandem vertrauen, wirkte oft ein wenig abwesend und war in vielen Dingen auch ein wenig ungeschickt. Deswegen musste sie auch die komplette strukturelle Gewalt des Zwangsschulsystemes der BRD kennenlernen, die gern im Wort von den „Hänseleien“ verniedlicht wird, um den kalten Zynismus noch zu steigern. Aber sowas! Andere Kinder gehen doch auch zur Schule, und drehen nicht so völlig ab…

„Drehen nicht so völlig ab“, wie es bei S. im Alter von 11 Jahren, an der Schwelle zur Hölle der Pubertät, begann. Das In-sich-Zurückziehen nahm Züge einer ausgewachsenen Phobie an. Der Arzt des Dorfes nannte diese Phobie „Schüchternheit“, er ist eben Arzt und wird nicht für gute Dignosen und noch weniger für die Gesundheit der Menschen bezahlt, sondern dafür, dass er die Leistungsfähigkeit der Menschmaschinen erhält. Und das tat er auch bei S., indem er ihr etwas gegen die „Schüchternheit“ verschrieb. Das waren ihre ersten Tabletten. Mit diesen gelang ihr immerhin die weitere Teilnahme am Schulunterricht, und sie saß auch nicht mehr den ganzen Tag weinend in ihrem kleinen Zimmer in dem großen Haus, wenn sie mal wieder von ihren Mitschülern verprügelt und bespuckt wurde.

Die Dosis steigerte sich, früh kam auch schon Alkohol dazu, der gleiche Alkohol, der in den größeren Zimmern des großen Hauses von den größeren Menschen in erheblichen Mengen gesoffen wurde, um die Ödnis des eigenen Lebens nicht so sehr fühlen zu müssen — eine sumpfige Ödnis, in der man nicht mehr miteinander spricht, in der man in stiller Entseelung nebeneinander herlebt und die moderne Dreieinigkeit von Arbeit, Fernsehen und Schlaf ein ganzes Leben formt. Diese Ödnis nennt sich Ehe und Wohlstand. Man kriegt ja nichts geschenkt. Man muss ja zufrieden sein. Und. Es fehlt ja auch eigentlich an nichts.

Und. Alkoholiker sind immer die anderen, und unsere Tochter hat zwar manchmal einen gesoffen, aber sie war keine Alkoholikerin und auch nicht von den Medikamenten abhängig. Dass sie einige Male im Koma lag, kommt vor, wenn man jung ist. Tja, mit dreizehn ist man eben noch jung.

Für einen Abschluss hat es noch gereicht. Die Parallelwelt der Schule, die als verkleinertes Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit dem rückblickenden Menschen beinahe niedlich scheint, lässt sich mit solchen Hilfsmitteln durchaus durchstehen — vor allem, wenn wenigstens ausreichend Geld da ist, um etwas Nachhilfe finanzieren zu können. Denn diese Schulzeit wurde für S. doch durch den einen oder anderen Klinikaufenthalt unterbrochen, und diesen ständigen Rückstand muss man ja irgendwie aufholen. Am Gelde ists jedenfalls nicht gescheitert.

Nach der Schulzeit. Verflüchtigte sich jede Hoffnung auf irgendeine Besserung wie von allein. Die Ausbildung scheiterte. Das bisschen Clique, das S. um sich hatte, beschränkte sich in der sozialen Interaktion auf Einkaufen, Diskobesuche und ausgiebigen Alkoholgebrauch. Probleme hatte man niemals. Die Verdrängung, die S. aus ihrem direkten Umfeld kannte, setzte sich nahtlos außerhalb dieses Umfeldes fort, bis im Laufe der Jahre auch noch dieser kärgliche Trost in vielen Hochzeiten zerstob. Und. Das richtige Schweigen begann, das nur von einigen so genannten Beziehungen unterbrochen wurde, die den Charakter eines Verkehrsunfalles hatten.

Sicher, S.s Fassade sah gut aus, sie war eine attraktive, schlanke Frau mit gutem Geschmack und auch scharfen Gedanken, wenn sie einmal ansprechbar war. Elend macht eben auch klug. Man sah und hörte ihr nicht an, dass sie schon als Kind von einem unbeschreiblichen Selbsthass zerfressen war, dass sie sich nach dem völligen Scheitern jeder Lebensperspektive und jedes Versuches der Selbsttröstung mit regelmäßigem selbstverletzenden Verhalten eine Karthasis verschaffte, die dann im Laufe der Jahre auch fad wurde. Sie trug halt lange Ärmel. Die Fassade ist dort, wo sie herkommt und wo das große Haus steht, wichtig. Über alle Maßen wichtig.

Dorthin, in das große Haus, ging sie immer wieder einmal zurück, wenn sie „abgestürzt“ war und aus der Klinik entlassen wurde, was mit ermüdender Regelmäßigkeit geschah. Und dort, im großen Haus beim Fernseher und der gut gefüllten Hausbar, gaben ihr die jetzt so Überraschten gern und reich ihren Rat, wann immer sie dort war. Sie müsse sich nur zusammenreißen und wieder arbeiten, denn komme sie schon auf andere Gedanken. Die paar Assimilationsarb Sozialarbeiter, die sie in der Klinik kennenlernte, sagten ihr übrigens inhaltlich das gleiche, schlugen aber tendenziell eher ein „Arbeiten“ mit therapeutischem Hintergrund, eine so genannte „Ergotherapie“, vor, diese begleitet von Maßnahmen zum Alkohol- und Medikamentenentzug. Arbeit macht frei.

Niemand glaube, dass S. das alles nicht versucht hat! Für einige Wochen ist die Verdrängung ja aufrecht zu erhalten, aber eben nicht auf Dauer. Der letzte Versuch — oder genauer: das Scheitern des letzten derartigen Versuches — führte S. mit einer so starken Vergiftung in die Klinik, dass sie tagelang im Koma lag und dem Tod gerade so eben von der Schippe gesprungen war.

Sie hatte sich noch nicht einmal so richtig davon erholt, da begann wieder das professionelle Gefasel vom „Arbeiten“ und die familäre Ergänzung vom „Zusammenreißen“ — und der in solch neoliberal nützlicher Stumpfpsychologie mitschwingende Vorwurf, es sei alles ihre Schuld, sie suche sich ihr Elend doch selbst aus.

Nun hat sie ihr Elend selbst beendet. Denn das konnte sie. Gut geplant, schmerzlos und mit einer Zielstrebigkeit, die jeden Gedanken an einen rein appellativ gemeinten Suizid den Boden raubt, trotz des eher unsicheren eingesetzten Mittels.

S. ist tot.

Ihre Seele erfror in der schweigenden Kälte. Und die Schweigenden sind überrascht, betroffen, erschüttert. Damit hätten sie denn doch nicht gerechnet. Damit, dass S. auf die strukturelle Gewalt in ihrem Leben, der sie gar nicht mehr entkommen konnte, reagierte, indem sie sich selbst Gewalt antat und damit ihre Ohn-Macht beendete.

Demnächst wird es eine Todesanzeige für S. geben, in einer kleinen regionalen Zeitung irgendwo auf dem weiten Land des kalten Schweigens. Die Gestaltung und den Text der Anzeige wird jemand übernehmen, der sich dafür bezahlen lässt, und er wird die üblichen Phrasen zu Papier bringen, so etwas wie „Für uns alle unerwartet ist sie in der Blüte ihres Lebens entschlafen“. Wenn er einen ganz lichten Moment hat, schreibt er einfach nur „Sie ist erlöst“. Da sein Geschäft auch ohne lichte Momente läuft, wird er wohl eher keinen lichten Moment haben.

Und dann kommt die Beerdigung. S. war getauft, also wird sich ein Pfaffe hinsetzen und in seinem Notizbuch nachschauen, ob er schon eine wiederverwertbare Ansprache für einen derartigen Todesfall hat. Pfaffen verlassen sich genau so treffsicher auf das schlechte Gedächtnis der Menschen wie Politiker, und sie sind genau so gut wie jene im Belügen der Menschen und im Vermeiden eigener Mühe geübt. Wie sich doch alle Geschäfte aneinander angleichen! Und wie wichtig doch überall die Fassade ist.

Man wird ein Loch graben und einen Sarg dort hineinsenken, wo man hinterher einen Stein auf das Gras stellt und für ein paar grüne Lappen ein paar Blümchen von der Gärtnerei pflanzen und pflegen lässt, damit auch diese Fassade gut aussieht. Auch das. Ist vor allem ein gutes Geschäft. Und die Menschen, die zu Hinterbliebenen geworden sind, werden sich hinstellen und sich gegenseitig versichern, wie völlig unerwartet das alles kam; einige werden sich allerdings schon an der offenen Grube klammheimlich auf den Kuchen, den Kaffee und den in der Speiseröhre so warmen Schnaps freuen. Es ist ja Herbst.

Ich werde diese unpassende Komödie gewiss nicht besuchen, denn mir ist nicht zum Lachen zumute. Ich habe S. nämlich wirklich gemocht.

Und ich weiß. Dass S. mich vollkommen verstehen würde — wie sie generell vieles von meinem Ekel vor dieser Gesellschaft verstand, in der ich weiter mein trübes Dasein fristen muss. Sie. Ist ja jetzt gegangen. Vorgegangen.

Elend. Macht eben klug.

Knapp anderthalb Prozent aller Todesfälle in der BRD sind sicher erkannte, erfolgreiche Suizide, es handelt sich um ungefähr 12.000 Menschen im Jahr. Niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist; wie viele seltsame Unfälle mit tödlichem Ausgang, falsche Dosierungen von Medikamenten, Drogen- und Alkoholexzesse, systematische Unterernährungen und dergleichen mehr in Wirklichkeit in bewusster oder doch wenigstens latenter suizidaler Absicht herbeigeführt wurden. Nur jeder zehnte bis zwanzigste Suizidversuch führt zum Tode, und auch bei den Suizidversuchen ist die Dunkelziffer nicht abzuschätzen. Das kalte Schweigen geht weiter.

Ach ja, wer glaubt, S. identifizieren zu können: Der Anfangsbuchstabe des Namens wurde von mir geändert, und jeden hilfreichen Hinweis aus der ersten Version dieses etwas zu langen Textes habe ich bewusst entfernt.

Richtung und Garheit (21)

Bitte langsam sprechen — Wenn man das Wort „Kapitalismus“ langsam genug ausspricht, so dass sich im Sprechen sein Geschmack auf der Zunge entfalten kann, denn stellt die fühlbar gewordene Sprache das Vertraute im fremden Wort her, indem das Ohr „Kapital ist Mus“ hört.

Theater — Jedes Mal, wenn irgendwo unter dem alles erstickenden Tuch des Familiären ein schreckliches Verbrechen geschieht, offenbaren die Medien der Contentindustrie ihren Charakter. Sie sprechen in ihrer Berichterstattung von einem „Familiendrama“ oder von einer „Tragödie“, beides dem Theater und dem Film entlehnte Begriffe. In dieser Wortwahl spiegelt sich trefflich das Dargebotene als eine Inszenierung; nicht etwa die berichtete Tat, sondern ihre unterhaltsame mediale Aufbereitung.

Recherche — Es ist sehr einfach, den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten zu erkennen. Wenn beide das gleiche tun, sagt der Blogger „ich google„, und der Journalist sagt „ich recherchiere„.

Je me cherche moi-même — Im Vorübergehen ein Schaukasten. Etliche Zettel werben für Quacksalberei und „esoterische“ Angebote. Darunter auch ein Kurs zur so genannten „Selbstfindung“, natürlich gewiss nicht billig. Könnte ein Wort klarer machen, wie entfremdet die Menschen von sich selbst sind? Und könnte ein Angebot klarer machen, wie gut das Geschäft mit der Entfremdung der Menschen von sich selbst ist.

Werbung — Die Werbung ist ein besserer Spiegel der Gesellschaft als jede noch so vorgeblich „kritische“ Reportage in jenen Medien, die sich in erster Linie über den Transport von Werbung finanzieren. Die Werbung muss nur richtig gelesen werden. Jede Lüge der Werber offenbart die Wahrheit, die sich hinter ihr verbirgt. Die vielen Quacksalbereien und „Gesundheitsprodukte“, die darin angeboten werden, sind ein Spiegelbild der allgemeinen Krankheit; die Tatsache, dass Lebensmittel als „ökologisch“ und „biologisch“ angeboten werden, ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass die Menschen vor allem denaturierte und widerliche Nahrung in sich hineinstopfen müssen; die kosmetischen Produkte, mit denen Menschen ihre wahre Erscheinung verbergen, spiegeln die Tatsache, dass jeder Mensch sich nur unter einer Maske in der Öffentlichkeit zeigen kann, die sein wahrstes und innerstes Sein verbirgt; der ständige Appell an „Fitness“ und „Kraft“ ist eine Reflektion der allgemeinen Lethargie und Kraftlosigkeit; die bild- und wortreich beschworene Freiheit spiegelt die umfassende Versklavung und Verknastung der meisten Menschen in einem Käfig von Sachzwängen und existenziellen Ängsten; das allgegenwärtige Ideal der Jugend in allen Bildern ist der trübe Widerschein der Tatsache, dass den Menschen ihre wirkliche Jugend geraubt wird; die in ekstatischen Bildern aufgezeigte Freude des Genusses ist das Gegenbild des allgemeinen Unglücks der lebenden Menschen; die vielen erotischen Angebote und „Partnerbörsen“ geben zutreffend wieder, dass den Menschen befriedigende Sexualität und tieferes Miteinander fehlt; der ständige Verweis auf „billg“ und „sparen“ ist schließlich das Spiegelbild der allgemeinen und stetig zunehmenden Verarmung eines immer größeren Anteiles der Menschen. Man könnte in der Tat eine ganze Zusammenstellung des Pathologischen in der heutigen Gesellschaft mit Bildern und slogans aus der Werbung illustrieren.

Sättigungsbeilage — Auf einer Packung Müllfraß, so genannte „Erdnussflips“, findet sich die Angabe „Mit 32 Prozent Erdnüssen“. Der Denkende fragt sich unwillkürlich, ob die restlichen 68 Prozent wohl Sägespäne seien.

Schule — Die Gebäude einer staatlichen Zwangsschule lassen sich sofort als Schulgebäude erkennen. Ihre architektonische Ästhetik ist nach dem Vorbild der Fabrik geschaffen. Darin spiegelt sich wider, dass das Schulsystem ein Kind des Fabriksystemes ist, dass seine Aufgabe nicht die Vermittlung von Wissen oder gar Bildung ist, sondern die Zurichtung von Menschen zu leicht verwertbaren und leicht austauschbaren Batterien im betrieblichen Produktionsprozess.

Freizeit — Über dem Eingang ein beleuchtetes Schild, Aufschrift „Freizeitparadies“. Es ist eine Spielhalle. Geht man hinein, so sieht man darinnen Menschen, die in scheinbarer Gefühllosigkeit und ohne ein Zeichen besonderer Freude mechanisch Geld in laute, flackernde und schnelle Maschinen werfen. Kein Wort wird miteinander gesprochen, nur ein unterdrückter Fluch ist manchmal zu hören oder eine Bitte beim Wechseln der Banknoten. Wenn das das „Paradies“ ist, möchte man die Hölle gar nicht mehr sehen.

Fiat nox — Die ununterbrochene, nächtliche Beleuchtung der Städte hat für die Menschen in den Städten sogar die Sterne vom Himmel gefegt, nur wenige sind noch sichtbar. Der gestirnte Nachthimmel ist fremd geworden. Kein Wunder, dass diese Menschen allerhand andere „Stars“ anhimmeln.