Tag Archive: Herrschaft


Demokratie

Wenn die Herrschenden und Besitzenden sich hinstellen und dreist proklamieren, der Rest der Bevölkerung herrsche doch über sich selbst und er beute sich völlig freiwillig von allein aus, dann nennt man diese Lüge „Demokratie“.

Differenziert

Nicht, daß du mich belogst, sondern daß ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Wie fein der Herr Sozialpädagoge in seiner von den Herrschenden und Besitzenden bezahlten Tätig- und Tätlichkeit ein „das musst du differenziert betrachten“ zu seinem jeweiligen Opfer sagt, wenn er das von seinem Opfer Gesagte in Wirklichkeit relativieren und ignorieren will. Er äfft im Kleinen und Lächerlichen die sprachlichen Strukturen jener „Argumentation“ nach, mit denen die Ausübung der Herrschaft durch systematische (und zu ihrer Durchsetzung immer auch offen gewalttätige) Verneinung individueller Einsichts- und Verständnisfähigkeit gerechtfertigt wird. In der Kleinheit dieses Spiegelbildes der Herrschaft zeigt sich, was für ein großes Arschloch der Herr Sozialpädagoge ist. Es nimmt nicht Wunders, dass solches Geschmeiß nach einigen Jahren „Erwachsenennacherziehung“ an diversen, meist wegen ihrer Lebenssituation ausgelieferten und wehrlosen Opfern so häufig Interesse daran entwickelt, selbst politisch tätig zu werden und dass er dann in den Parteiapparaten der Herrschenden und Besitzenden mit größerem Willkommen empfangen wird und leichter zu Amt und Pfründen kommt als ein Maurer, Klempner, Programmierer, Physiker, Altenpfleger oder Arbeiter.

Akzeptanz durch Penetranz

Seit Jahrhunderten haben die Massenmedien — also die Stimmverstärker der Herrschenden und Besitzenden und die Marginalisierer des Lebens der Einzelnen aus der Masse — und die von ihnen bezahlten Mietstimmen der Journalisten die gleiche niederträchtige Methode, mit der sie bislang jede noch so miese, menschenverachtende und mörderische Sache vorangetrieben haben: Sie haben Akzeptanz durch Penetranz hergestellt. Und. Sie konnten so vorgehen, weil sie den Widerspruch gleich mitaufgeführt und damit erstickt haben.

Kein anderes Geschäftsfeld wird vom Internet so vernichtend erwischt werden wie der Journalismus. Und. Das ist gut.

Die Historiker

Den Historikern sind die Kriege wie heilig, diese brechen, heilsame oder unvermeidliche Gewitter, aus der Sphäre des Übernatürlichen in den selbstverständlichen und erklärten Lauf der Welt ein. Ich hasse den Respekt der Historiker vor irgendwas, bloß weil es geschehen ist, ihre gefälschten, nachträglichen Maßstäbe, ihre Ohnmacht, die vor jeder Form von Macht auf dem Bauche liegt.

Elias Canetti

Selbstreproduktive Blödheit

Die in Theorie und Praxis alles durchwaltende Auffassung jedes Herrschaftsapparates, dass die Bevölkerung blöde sei und man ihr deshalb immer umfassendere Vorschriften machen müsse, die wegen schon benannter Blödheit mit aller Gewalt durchzusetzen sind, hat dann endlich auch Menschen hervorgebracht, die so unselbstständig, entfremdet von eigenem Denken und Planen, verunsichert gegenüber persönlichsten Bedürfnissen, kurz: dermaßen verblödet sind, dass man sie auch in einer repräsentativen „Demokratie“ halten kann, ohne dass diese Form der Haltung den Herrschaftsapparat gefährdet. Ganz im Gegenteil: Wer sich dagegen auflehnt, bekommt das als ein Recht, ein Privileg verlarvte, freundliche Angebot — „du bist ja ein toleranter Demokrat, kein Faschist, kein Mörder und kein Räuber, der den früheren Räubern ihren Raub entreißen will; also nicht jemand von denen, die wir psychisch oder physisch töten werden“ — die ganze an der Auflehnung gebundene Kraft in einer „demokratischen“ Partei verpuffen zu lassen. Eventuelle Demonstrationen bitte vorher bei der Polizei anmelden und genehmigen lassen!

Die Großen und die Kleinen

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen

Johann Christoph Friedrich von Schiller, 1759 – 1805

Der Gott der Herrschenden

Et vidi de mari bestiam ascendentem, habentem cornua decem et capita septem, et super cornua eius decem diademata, et super capita eius nomina blasphemiae.

Apocalypsis Ioannis 13, 1

Innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaften lebt bis heute die auf den Gründer der christlichen Religion, Paulus von Tarsus, zurückgehende Auffassung fort, dass alle Obrigkeit von Gott komme. Diese Aussage ist beinahe richtig, bis auf die Reihenfolge der Worte. Denn in Wirklichkeit. Kommt aller Gott von der Obrigkeit. Was übrigens mit Leichtigkeit jedem aufällt, der sich anschaut, wie sehr dieser Gott der Herrschenden ein Spiegelbild ihrer Schrulligkeiten, ihrer Willkür, ihrer Allmachtsgelüste, ihrer obszönen Lust an Prachtentfaltung, ihrer Sehnsucht nach rückgratloser Anerkennung durch gefügige Untertanen ist.

Nicht alles wird modern…

Nicht alles wird schon dadurch modern, dass sich im Laufe der Zeit die technischen Möglichkeiten erweitern. Der alte Droschkenunternehmer macht in gewisser Weise immer noch in Droschken und sitzt Tag und Nacht in seinem Taxi; die schlesischen Weber sind inzwischen zu chinesischen Webern an recht ausgefeilten Maschinen geworden, aber kein bisschen satter, gerechter entlohnt oder mit bessserer Aussicht; der Hufschmied wechselt inzwischen flugs angelernt, billig und um die Ecke die Reifen der Autos. Die alten Herrschaftsstrukturen schaffen es mit Leichtigkeit, sich auch unter neuer Technik zu erhalten. Nichts spricht dafür, dass der technische Fortschritt des Internet nicht ebenso in alte Herrschaft gemünzt werden kann; nichts, außer einer jungen Partei mit Hang zum Orange. Was auch. Keinen Mut machen kann, weil die Geschichtsvergessenheit und die Meidung analytischen Betrachtens bei vielen Menschen in dieser Partei besonders ausgeprägt sind. Wer aus bloßer Fortschritts- und Technikverliebtheit schon zu glauben geneigt ist, dass der heutige Taxifahrer doch schon wegen besserer Technik besser dran wäre als der frühere Droschkenelendsselbstständige, der wird sich auch mit Digitaltechnik zufrieden geben, die hübsch aussieht und ein taktiles Bedürfnis befriedigt, aber dabei undurchschaubar bleibt und ihre Nutzer über allerlei künstliche Restriktionen entmündigt, versklavt und ausbeutet. Es passt schon auf eine skurille Weise, dass man auf Fotos von Veranstaltungen der Piratenpartei so auffallend viele Geräte ausmachen kann, auf die ein angebissener Apfel gestempelt wurde: ein Symbol, dass in einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit und Gesellschaft den Menschen als Begründung dafür gegeben wurde, dass sie aus dem Paradiese vertrieben worden sind, während sich die fettgefressenen Herrschenden, denen solche Verkündigung in Wirklichkeit diente, ein wahrlich paradiesisches Leben auf Kosten der verdummten Massen erlauben konnten.

Die Mächtigen und Herrschenden

Unsere Identität — wer und was wir sind und wie andere uns sehen — ist zu einem großen Teil damit festgelegt, welche Namen uns gegeben werden und mit welchen Wörtern wir etikettiert werden. Die Namen, Bezeichnungen und Ausdrücke, die verwendet werden, um Menschen damit zu ‚identifizieren‘, sie können letztendlich das Überleben der Menschen bestimmen.

Haig Bosmajian: The Language of Opression. Washington 1974

Zeitgenossin: Wer sind die Mächtigen? Wer sind die Herrschenden?

Nachtwächter: Die Mächtigen und Herrschenden sind jene Menschen, die definieren können, was schreibenswert, erhaltenswert, mitteilenswert ist. Es sind jene, an deren Definitionshoheit entschieden wird, was eine wichtige Nachricht ist, jene, die andere Menschen definieren können und mit den Mitteln und der Gewalt ausgestattet sind, diese Definition auch durchzusetzen, selbst dann noch, wenn sie sich beim bloßen Hinschauen als offensichtlich falsch erweist. Sie selbst, die Mächtigen und Herrschenden, können sogar als Personen hinter ihren Definitionen zurücktreten, und daher kommt dieser trügerische Schein der „Objektivität“ in den Nachrichten und in der Forschung, der so ein breites Blendwerk ist.

Zeitgenossin: Aber. Wenn das so ist, denn kann ich ja keiner gar Information mehr trauen.

Nachtwächter: Aber. Meine Schwester im Staub, du hast noch immer die Wirklichkeit — das ist jene, die wirkt — deines eigenen Lebens und deines unmittelbaren Umfeldes. Versuche, sie frei von den Definitionen der Herrschenden zu halten und sie mit der verfügbaren Kraft deines Bewusstseins einfach nur das sein zu lassen, was sie ist! Daran lernst du das Glauben, das Zweifeln und die Einsicht — und du lernst auch diese Einsamkeit kennen, in die hier jeder gestoßen wird, der sein Großhirn benutzt, statt es einfach in gewünschter Weise brach liegen zu lassen. Und. Versuche vor allem, die Struktur in dem zu erkennen, was gemäß der Definitionshoheit der Herrschenden nicht als schreibenswert, erhaltenswert, mitteilenswert erachtet wird. Unter der Herrschaft Josef Stalins in Russland waren unzählige Autoren und sonstige Inhaltsschöpfer damit beschäftigt, die Namen, Bilder und Zitate all jener, die unter Stalins Herrschaft in „Ungnade“ gefallen waren, aus allen in der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Dokumenten zu entfernen, auf dass diese Menschen auch ja umfänglich vergessen werden, auf dass sich niemand mehr ihr Leben vorstellen könnte, von ihren Taten erzählen könnte, über ihre Gedanken nachdenken könnte oder in ihnen gar ein Vorbild für eigenes Denken und Handeln finden könnte. Schlag eine beliebige Zeitung auf oder mach deine Glotze an, und lass dich nicht von dieser Aufbereitung hypnotisieren und auch nicht ängstigen, sondern schau danach mit offenem Auge um dich, um Wirklichkeit zu sehen und mit dieser Aufbereitung abzugleichen! Und dann. Schau dir an, wessen Leben im Auswurf der Massenstanzen der Contentindustrie keine Spuren hinterlassen. Daran siehst du, welcher Menschen Existenz von den heutigen Herrschenden an das große Vergessen überantwortet werden soll. Und du. Wirst von selbst den richtigen Schluss daraus ziehen, zumal sich die Mächtigen und Herrschenden noch schwach und recht schemenhaft in dieser breiten Lücke spiegeln. Am schnellsten gelingt dies immer noch, wenn du im Verlaufe einer solchen Betrachtung feststellen musst, dass dein eigenes Leben von fremder Definitionshoheit in das Nichts geworfen werden soll.

Mit Gruß an Ilse. Kiff nicht so viel!

Die vergessene Mauer

Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream?
It’s alright we told you what to dream.

Pink Floyd, Welcome To The Machine

Der heutige Begriff von der Psychiatrie ist eine verhältnismäßig junge Wortbildung aus dem Neunzehnten Jahrhundert — auch wenn die längst gestorbene griechische Sprache für die Begriffsbildung herhalten musste, damit es auch schön „wissenschaftlich“ und damit fremd, objektiv und gegen jeden Zweifel resistent autoritär klinge. Bevor es diesen Begriff gab, gab es sehr wohl psychische Krankheiten, diese wurden jedoch meist abergläubisch gedeutet, etwa als eine Form der Besessenheit, des Verhextseins oder mit vergleichbaren „Erklärungsmodellen“, um die betroffenen Menschen besser ermorden oder auf andere Weise aus der Gesellschaft entfernen zu können. Im Zuge der Aufklärung waren diese alten, auf Aberglauben basierenden und barbarischen Modelle nicht mehr haltbar, während der Wunsch nach einer weitgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung der psychisch Kranken unvermindert bestehen blieb. Von Anfang an war die Mauer um die psychiatrische Klinik ein Denkmal der Ausgrenzung, Entrechtung und gesellschaftlichen Verdrängung; eine Mauer, hinter der das Recht eines Menschen auf ein freies und selbstbestimmtes Leben endete. Bis heute. Zeigt sich der Charakter dieser Mauer darin, dass den psychischen Erkrankungen — und damit auch den Erkrankten — eine ganz besondere Ächtung zuteil wird, dass sie in einer ambivalenten Abwehrhaltung aus dem Bewusstsein gewischt werden, die sich wohl noch am deutlichsten im Nebeneinander des zynisch-geringschätzigen „Es ist ja nur psychisch“ im Falle fremder Personen und des angstvollen „Hoffentlich ist es nichts Psychisches“ im Falle vertrauter Personen oder der eigenen Person zeigt.

Immer war die Mauer um die psychiatrische Klinik nützlich zum Erhalt kranker und pathogener gesellschaftlicher Strukturen, und immer wurden auch Menschen in diese Mauern des Vergessens verfrachtet, die nicht krank, sondern nur für die jeweils Herrschenden lästig waren oder die im Rahmen der herrschenden Ideologie aus der Gesellschaft entfernt werden sollten. Was hinter diesen Mauern geschieht, findet keine Aufmerksamkeit mehr. Das nationalsozialistische Programm der „Euthanasie“ — ein widerlicher Sprachmissbrauch, der sich in seinem Zynismus zu vielem anderen Schönsprech des Mordens aus dieser Zeit stellt — an psychisch kranken Menschen und an Menschen, die man wegen ihrer Gegnerschaft zum Regime für psychisch krank erklärte, war nur mit der Mitarbeit vieler Ärzte und Kliniken möglich, und dieses traute Miteinander der Mörder in braun und der Mörder in weiß hat bis heute nicht die Aufarbeitung und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, die angesichts der über hundertausend ermordeten Menschen angemessen wäre. Das Mahnmal für die Opfer einer staatstragenden Psychiatrie sucht man vergebens in Deutschland; vielleicht auch deshalb, weil es auch in die heutige Zeit mit ihren neuen Pathologisierungen jener Menschen, die nicht vollständig verwirtschaftbar sind, hineinmahnen würde, was sich nur wenig für gewisse Sonntagsreden eignete. Dr. Mengele hatte viele ebenso beflissene Kollegen, die auch nach der dunkelsten deutschen Zeit noch in Ansehen, Amt und Würden standen. Auch später wurde die Psychiatrie in den Staaten des Ostblockes ein Ort der Pathologisierung des eingeforderten menschlichen Freiheitsrechtes unter unfreien Bedingungen.

Über anderthalb Jahrhunderte hinweg wurden Menschen in psychiatrische Kliniken gesperrt, die dort gar nicht behandelt werden konnten — und unter ihnen mag sich angesichts oft willkürlicher Diagnosekriterien so mancher Gesunde befunden haben. Es ging um ein reines Wegschließen vor der Gesellschaft, um ein in der Regel lebenslanges Gefängnis für Menschen, die nichts anderes „getan“ hatten, als zu erkranken und zu leiden. Sie wurden entrechtet, zusammengepfercht und zu einem Dasein gezwungen, das den Tod zur letzten Hoffnung machte. Da half auch der weiße Kittel des Psychiaters und die wissenschaftelnde griechische Kunstsprache der Krankheitsbezeichnungen nicht, dieses bis heute verdrängte Unrecht im therapeutischen Nihilismus zu übertünchen.

Es waren ausgerechnet die wegen ihrer schweren Nebenwirkungen gefürchteten Neuroleptika, die seit den frühen Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Besserung der Situation brachten. Diese Medikamente können zwar nicht die eigentlichen Krankheiten heilen und haben darüberhinaus das Potenzial, einen damit behandelten Menschen bis an sein Lebensende zu schädigen, aber sie beseitigen die quälendsten Symptome der psychischen Erkrankungen, die Halluzinationen, Angstzustände und Wahnvorstellungen. Interessanterweise würden nach einer Erhebung aus dem Jahre 2002* dennoch die meisten Ärzte ihren eigenen Verwandten keine hochpotententen Neuroleptika verordnen — ihren Patienten gegenüber sind sie da schon weniger zimperlich. Es waren diese sehr schweren, direkt in die synaptische Erregungsleitung im Gehirne eingreifenden Medikamente, die überhaupt erst eine Behandlung vieler psychischer Krankheiten ermöglichten und für den Kranken einen Weg in ein würdevolleres Leben ohne schreckliches Leiden ebneten.

Trotz der überragenden Bedeutung der Neuroleptika in der psychiatrischen Behandlung zeigt sich immer noch die vergessene Mauer um die psychische Erkrankung. Es gibt kaum klinische Studien über Neuroleptika, die unabhängig von der pharmazeutischen Industrie erstellt wurden, und es ist klar, dass es nicht im Interesse der pharmazeutischen Industrie liegt, dass weniger erfreuliche Aspekte dieser Medikamente in den Fokus der ärztlichen oder gar öffentlichen Aufmerksamkeit gestellt werden.

Im Jahre 1972 führte David Rosenhan ein zwar methodisch fragwürdiges, aber nichtsdestotrotz recht interessantes Experiment durch, dessen Ergebnisse im Jahre 1973 unter dem Titel „On being sane in insane places“ im Science-Magazin** veröffentlicht wurde. Eine freiwillige Gruppe psychisch gesunder Menschen, drei Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen persönlichen Hintergründen, ließen sich in psychiatrische Anstalten einweisen. Sie gaben an, dass sie auditive Halluzinationen erlebten, verhielten sich aber in der Klinik völlig normal. In zwölf Anmeldungen wurde elfmal eine Schizophrenie und einmal eine Psychose diagnostiziert; und im Verlaufe des Tests wurde kein Mensch aus dieser Gruppe vom Personal der Kliniken als gesund erkannt, obwohl sie keine Symptome mehr zeigten. Diesen Menschen wurden im Verlaufe des Tests in den Kliniken insgesamt über 2000 Tabletten mit recht verschiedenen und teilweise sehr schweren Wirkstoffen verabreicht, die sie allerdings nicht einnahmen. Alle Ereignisse wurden von den Testpersonen schriftlich protokolliert. Dies geschah zunächst heimlich, später wurde aber kein Wert mehr auf Verheimlichung gelegt, weil niemand vom Personal der Kliniken darauf achtete — in den Protokollen der psychiatrischen Kliniken erschien diese Tätigkeit als ein „pathologisches Schreibverhalten“, ohne dass sich auch nur jemand den Inhalt des Niedergeschriebenen angeschaut hätte, es ist ja krank. Im Gegensatz zu den Medizinern haben andere Patienten diese Täuschung oft sehr schnell durchschaut und die Testpersonen für Journalisten gehalten, die über die Zustände in psychiatrischen Kliniken recherchieren und sind damit der Wahrheit verblüffend nahe gekommen. Es war also so offensichtlich, dass es sich hier nicht um kranke Menschen handelte, dass es selbst ein Laie erkennen konnte. In keinem Fall kam es zu einem „richtigen Gespräch“ zwischen einer Testperson und dem Personal in einer psychiatrischen Klinik, Fragen der Testpersonen an einen Arzt wurden durchweg völlig ignoriert oder ausweichend „beantwortet“.

Im Durchschnitt wurden diese Testpersonen nach 19 Tagen entlassen, eine Person verbrachte 52 Tage in der Klinik. Jede dieser Entlassungen erfolgte unter der Begründung der „Symptomfreiheit“, es wurde nicht ein einziges Mal eine „Heilung“ und damit die Gesundheit der gar nicht kranken Menschen festgestellt.

Es waren eben noch in den Siebziger Jahren die Mauern um die psychiatrischen Kliniken Mauern, hinter denen die Grundrechte eines Menschen keine Bedeutung mehr hatten und in denen Menschen mit großer Willkür behandelt wurden — und es ist nicht davon auszugehen, dass diese Situation heute so sehr anders ist.

Das Experiment von David Rosenhan hatte noch ein interessantes Nachspiel, das methodisch zwar noch fragwürdiger als die einmalige, mündliche Angabe lediglich subjektiv erfahrbarer Symptome ist, um damit eine Diagnose zu erzwingen, das aber andererseits den Blick auf die Willkür der Psychiatrie ein wenig schärfen kann.

Nach Bekanntgabe des ersten Experimentes lehnte sich ein Institut aus dem Fenster und behauptete, dass dort so etwas nicht passieren könne. Daraufhin wurde diesem Institut mitgeteilt, dass David Rosenhan im Verlaufe des nächsten Vierteljahres einige „Pseudopatienten“ dorthin schicken würde; und das Institut wurde dazu aufgefordert, alle eingelieferten Patienten nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass es sich bei ihnen um eine dieser Testpersonen handeln könne. Im folgenden Vierteljahr wurden 193 Patienten in die Klinik eingeliefert. Von diesen wurden unter der geschärften Aufmerksamkeit des Personals 41 Patienten (also etwas mehr als ein Fünftel) für Testpersonen, also für sicher psychisch gesund gehalten, und 42 weitere Patienten (also ein weiteres gutes Fünftel) wurden als „verdächtig“ eingestuft, in Wirklichkeit psychisch gesund zu sein. Bei 43 Prozent der eingelieferten Patienten hatte der durch die Kenntnis der laufenden Studie geschärfte Blick des Klinikpersonals also den mehr oder weniger starken Verdacht, es handele sich bei ihnen in Wirklichkeit um psychisch gesunde Menschen — und ohne diese Kenntnis der Studie wäre wohl niemand skeptisch geworden.

In der Tat gab es allerdings gar keine „Testpersonen“ und alle 193 Patienten waren Menschen, die mit wirklichen Symptomen einer psychischen Erkrankung eingeliefert wurden.

Auch, wenn sich nach diesem Experiment die diagnostischen Standards in der Psychiatrie ein wenig verbessert haben: Hinter den Mauern des psychiatrischen Kliniken herrscht nach wie vor die als Wissenschaft verlarvte Willkür, gut vom nicht betroffenen Anteil der Menschen verdrängt. Die Mauer der psychiatrischen Klinik spiegelt die Krankheit des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses und die Willkür der herrschenden Klasse wider, nach Gutdünken als Krankheit zu behandeln, was im Bilde des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses stört — es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität oder Kommunismus als psychische Krankheiten „behandelt“ wurden, und es kann unter der kalten Barbarei der herrschenden Klasse schnell wieder zu solchen Zuständen kommen. Wer immer als Gesunder — es gibt neben der allzu bequemen Pathologisierung schwere und behandlungsbedürftige psychische Krankheit, und die medizinischen Fortschritte sind für die betroffenen Menschen ein großer Segen — in diesen Apparat der Entrechtung und Entmenschung gerät, hat keine Chance mehr, ihm zu entkommen.

* „Abschied vom Kettenhemd“, Der Spiegel, Ausgabe 52/2002
** „On being sane in insane places“, Science, Ausgabe 179, 1973, Seiten 250-258

Die Ablehnung der Wissenschaft

Erfolge nehmen alle in Anspruch, die Misserfolge werden einem einzigen zugeschrieben.

Publius Cornelius Tacitus

Wenn so viele (und immer mehr) Menschen trotz aller Strahlkraft des Fortschrittes in ihren Alltag hnein die Wissenschaft verwerfen und in allerlei dumme Irrationalität flüchten — von der Astrologie über die vielen stumpfen Facetten einer geistlosen Magie der Esoterik bis hin zur völlig wirrhirnigen Verschwörungstheorie — denn ist das nur ein Spiegelbild der Tatsache, dass der Betrieb der Wissenschaft längst schon zum Instrument einer Herrschaft geworden ist, die das Leben der Menschen ausschlürft, dass sie. Darin ein Nachfolger der einst so wirkmächtig knechtenden und staatstragenden Religion geworden und in gleicher Weise ethisch verroht und verrottet ist. Von der mit wissenschaftlicher Methodik betriebenen Optimierung des fordistischen Fabriksystemes über die im gleichen Geist betriebenen Mordfabriken der Nationalsozialisten bis hin zum „Fortschitt“ bei der Konstruktion immer wirksamerer und großmörderischerer Kriegswaffen zieht sich ein blutiger Strom durch die so genannte und in gewissen Selbstfeierlichkeiten so lautstark verherrlichte „Aufklärung“, der trotz der kürzeren Zeitspanne in seiner Mächtigkeit das mit religiöser Menschenverachtung vergossene Blut noch in den Schatten stellt, während die areligiöse Priesterkaste der Wissenschaftler hörig und hündisch ihren Bauch mit den Krumen atzt, die so reichlich von den Tischen der Herrschenden und Besitzenden in die Münder ihrer Schergen fallen. Wo aus dem Wissen gesellschaftliche Verantwortung folgt, nur Schweigen. Und. Ein unentwegtes Kreisen um die eigenen Strukturen, die zu einer gesellschaftlichen Parallelwelt geworden sind und damit den Glauben nähren, jenseits des Prozesses zu stehen, der über die Gesellschaften abläuft. Während Wissenschaftler kaum müde werden, den abergläubischen bullshit gewisser Esoteriker und Pseudowissenschaftler (mit gutem Recht) zu verdammen, treten sie der wissenschaftlichen Mimikry in der herrschaftlichen Volksverdummung durch allerlei gefälschte Statistik und haltlosen Rationalsprech der so geldwerten modernen Irrationalität des Wirtschaftens mit einem bemerkenswerten Schweigen gegenüber und ermöglichen durch dieses klaffende Loch derartiger Verdrängung einen bemerkenswerten Blick in die gesellschaftliche Funktion ihrer Tätigkeit. Wahrgenommene Verantwortung. Sieht anders aus.

Dieser Text enthält 23 Prozent unreife Gedanken…😉

Gefängnis

Nichts verrät so deutlich die Rolle, die von Gefängnissen und anderen Ideen der Gewalt des „Rechtes“ eingenommen wird, um das Unrecht einer Minderheit von Menschen gegen die Mehrheit der Menschen zu erhalten, wie die einfach zu machende Beobachtung, welche Klasse von Verbrechern niemals ein Gefängnis von innen sehen muss.

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