Tag Archive: Herrschaft


Die Historiker

Den Historikern sind die Kriege wie heilig, diese brechen, heilsame oder unvermeidliche Gewitter, aus der Sphäre des Übernatürlichen in den selbstverständlichen und erklärten Lauf der Welt ein. Ich hasse den Respekt der Historiker vor irgendwas, bloß weil es geschehen ist, ihre gefälschten, nachträglichen Maßstäbe, ihre Ohnmacht, die vor jeder Form von Macht auf dem Bauche liegt.

Elias Canetti

Selbstreproduktive Blödheit

Die in Theorie und Praxis alles durchwaltende Auffassung jedes Herrschaftsapparates, dass die Bevölkerung blöde sei und man ihr deshalb immer umfassendere Vorschriften machen müsse, die wegen schon benannter Blödheit mit aller Gewalt durchzusetzen sind, hat dann endlich auch Menschen hervorgebracht, die so unselbstständig, entfremdet von eigenem Denken und Planen, verunsichert gegenüber persönlichsten Bedürfnissen, kurz: dermaßen verblödet sind, dass man sie auch in einer repräsentativen “Demokratie” halten kann, ohne dass diese Form der Haltung den Herrschaftsapparat gefährdet. Ganz im Gegenteil: Wer sich dagegen auflehnt, bekommt das als ein Recht, ein Privileg verlarvte, freundliche Angebot — “du bist ja ein toleranter Demokrat, kein Faschist, kein Mörder und kein Räuber, der den früheren Räubern ihren Raub entreißen will; also nicht jemand von denen, die wir psychisch oder physisch töten werden” — die ganze an der Auflehnung gebundene Kraft in einer “demokratischen” Partei verpuffen zu lassen. Eventuelle Demonstrationen bitte vorher bei der Polizei anmelden und genehmigen lassen!

Die Großen und die Kleinen

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen

Johann Christoph Friedrich von Schiller, 1759 – 1805

Der Gott der Herrschenden

Et vidi de mari bestiam ascendentem, habentem cornua decem et capita septem, et super cornua eius decem diademata, et super capita eius nomina blasphemiae.

Apocalypsis Ioannis 13, 1

Innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaften lebt bis heute die auf den Gründer der christlichen Religion, Paulus von Tarsus, zurückgehende Auffassung fort, dass alle Obrigkeit von Gott komme. Diese Aussage ist beinahe richtig, bis auf die Reihenfolge der Worte. Denn in Wirklichkeit. Kommt aller Gott von der Obrigkeit. Was übrigens mit Leichtigkeit jedem aufällt, der sich anschaut, wie sehr dieser Gott der Herrschenden ein Spiegelbild ihrer Schrulligkeiten, ihrer Willkür, ihrer Allmachtsgelüste, ihrer obszönen Lust an Prachtentfaltung, ihrer Sehnsucht nach rückgratloser Anerkennung durch gefügige Untertanen ist.

Nicht alles wird modern…

Nicht alles wird schon dadurch modern, dass sich im Laufe der Zeit die technischen Möglichkeiten erweitern. Der alte Droschkenunternehmer macht in gewisser Weise immer noch in Droschken und sitzt Tag und Nacht in seinem Taxi; die schlesischen Weber sind inzwischen zu chinesischen Webern an recht ausgefeilten Maschinen geworden, aber kein bisschen satter, gerechter entlohnt oder mit bessserer Aussicht; der Hufschmied wechselt inzwischen flugs angelernt, billig und um die Ecke die Reifen der Autos. Die alten Herrschaftsstrukturen schaffen es mit Leichtigkeit, sich auch unter neuer Technik zu erhalten. Nichts spricht dafür, dass der technische Fortschritt des Internet nicht ebenso in alte Herrschaft gemünzt werden kann; nichts, außer einer jungen Partei mit Hang zum Orange. Was auch. Keinen Mut machen kann, weil die Geschichtsvergessenheit und die Meidung analytischen Betrachtens bei vielen Menschen in dieser Partei besonders ausgeprägt sind. Wer aus bloßer Fortschritts- und Technikverliebtheit schon zu glauben geneigt ist, dass der heutige Taxifahrer doch schon wegen besserer Technik besser dran wäre als der frühere Droschkenelendsselbstständige, der wird sich auch mit Digitaltechnik zufrieden geben, die hübsch aussieht und ein taktiles Bedürfnis befriedigt, aber dabei undurchschaubar bleibt und ihre Nutzer über allerlei künstliche Restriktionen entmündigt, versklavt und ausbeutet. Es passt schon auf eine skurille Weise, dass man auf Fotos von Veranstaltungen der Piratenpartei so auffallend viele Geräte ausmachen kann, auf die ein angebissener Apfel gestempelt wurde: ein Symbol, dass in einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit und Gesellschaft den Menschen als Begründung dafür gegeben wurde, dass sie aus dem Paradiese vertrieben worden sind, während sich die fettgefressenen Herrschenden, denen solche Verkündigung in Wirklichkeit diente, ein wahrlich paradiesisches Leben auf Kosten der verdummten Massen erlauben konnten.

Die Mächtigen und Herrschenden

Unsere Identität — wer und was wir sind und wie andere uns sehen — ist zu einem großen Teil damit festgelegt, welche Namen uns gegeben werden und mit welchen Wörtern wir etikettiert werden. Die Namen, Bezeichnungen und Ausdrücke, die verwendet werden, um Menschen damit zu ‘identifizieren’, sie können letztendlich das Überleben der Menschen bestimmen.

Haig Bosmajian: The Language of Opression. Washington 1974

Zeitgenossin: Wer sind die Mächtigen? Wer sind die Herrschenden?

Nachtwächter: Die Mächtigen und Herrschenden sind jene Menschen, die definieren können, was schreibenswert, erhaltenswert, mitteilenswert ist. Es sind jene, an deren Definitionshoheit entschieden wird, was eine wichtige Nachricht ist, jene, die andere Menschen definieren können und mit den Mitteln und der Gewalt ausgestattet sind, diese Definition auch durchzusetzen, selbst dann noch, wenn sie sich beim bloßen Hinschauen als offensichtlich falsch erweist. Sie selbst, die Mächtigen und Herrschenden, können sogar als Personen hinter ihren Definitionen zurücktreten, und daher kommt dieser trügerische Schein der “Objektivität” in den Nachrichten und in der Forschung, der so ein breites Blendwerk ist.

Zeitgenossin: Aber. Wenn das so ist, denn kann ich ja keiner gar Information mehr trauen.

Nachtwächter: Aber. Meine Schwester im Staub, du hast noch immer die Wirklichkeit — das ist jene, die wirkt — deines eigenen Lebens und deines unmittelbaren Umfeldes. Versuche, sie frei von den Definitionen der Herrschenden zu halten und sie mit der verfügbaren Kraft deines Bewusstseins einfach nur das sein zu lassen, was sie ist! Daran lernst du das Glauben, das Zweifeln und die Einsicht — und du lernst auch diese Einsamkeit kennen, in die hier jeder gestoßen wird, der sein Großhirn benutzt, statt es einfach in gewünschter Weise brach liegen zu lassen. Und. Versuche vor allem, die Struktur in dem zu erkennen, was gemäß der Definitionshoheit der Herrschenden nicht als schreibenswert, erhaltenswert, mitteilenswert erachtet wird. Unter der Herrschaft Josef Stalins in Russland waren unzählige Autoren und sonstige Inhaltsschöpfer damit beschäftigt, die Namen, Bilder und Zitate all jener, die unter Stalins Herrschaft in “Ungnade” gefallen waren, aus allen in der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Dokumenten zu entfernen, auf dass diese Menschen auch ja umfänglich vergessen werden, auf dass sich niemand mehr ihr Leben vorstellen könnte, von ihren Taten erzählen könnte, über ihre Gedanken nachdenken könnte oder in ihnen gar ein Vorbild für eigenes Denken und Handeln finden könnte. Schlag eine beliebige Zeitung auf oder mach deine Glotze an, und lass dich nicht von dieser Aufbereitung hypnotisieren und auch nicht ängstigen, sondern schau danach mit offenem Auge um dich, um Wirklichkeit zu sehen und mit dieser Aufbereitung abzugleichen! Und dann. Schau dir an, wessen Leben im Auswurf der Massenstanzen der Contentindustrie keine Spuren hinterlassen. Daran siehst du, welcher Menschen Existenz von den heutigen Herrschenden an das große Vergessen überantwortet werden soll. Und du. Wirst von selbst den richtigen Schluss daraus ziehen, zumal sich die Mächtigen und Herrschenden noch schwach und recht schemenhaft in dieser breiten Lücke spiegeln. Am schnellsten gelingt dies immer noch, wenn du im Verlaufe einer solchen Betrachtung feststellen musst, dass dein eigenes Leben von fremder Definitionshoheit in das Nichts geworfen werden soll.

Mit Gruß an Ilse. Kiff nicht so viel!

Die vergessene Mauer

Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream?
It’s alright we told you what to dream.

Pink Floyd, Welcome To The Machine

Der heutige Begriff von der Psychiatrie ist eine verhältnismäßig junge Wortbildung aus dem Neunzehnten Jahrhundert — auch wenn die längst gestorbene griechische Sprache für die Begriffsbildung herhalten musste, damit es auch schön “wissenschaftlich” und damit fremd, objektiv und gegen jeden Zweifel resistent autoritär klinge. Bevor es diesen Begriff gab, gab es sehr wohl psychische Krankheiten, diese wurden jedoch meist abergläubisch gedeutet, etwa als eine Form der Besessenheit, des Verhextseins oder mit vergleichbaren “Erklärungsmodellen”, um die betroffenen Menschen besser ermorden oder auf andere Weise aus der Gesellschaft entfernen zu können. Im Zuge der Aufklärung waren diese alten, auf Aberglauben basierenden und barbarischen Modelle nicht mehr haltbar, während der Wunsch nach einer weitgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung der psychisch Kranken unvermindert bestehen blieb. Von Anfang an war die Mauer um die psychiatrische Klinik ein Denkmal der Ausgrenzung, Entrechtung und gesellschaftlichen Verdrängung; eine Mauer, hinter der das Recht eines Menschen auf ein freies und selbstbestimmtes Leben endete. Bis heute. Zeigt sich der Charakter dieser Mauer darin, dass den psychischen Erkrankungen — und damit auch den Erkrankten — eine ganz besondere Ächtung zuteil wird, dass sie in einer ambivalenten Abwehrhaltung aus dem Bewusstsein gewischt werden, die sich wohl noch am deutlichsten im Nebeneinander des zynisch-geringschätzigen “Es ist ja nur psychisch” im Falle fremder Personen und des angstvollen “Hoffentlich ist es nichts Psychisches” im Falle vertrauter Personen oder der eigenen Person zeigt.

Immer war die Mauer um die psychiatrische Klinik nützlich zum Erhalt kranker und pathogener gesellschaftlicher Strukturen, und immer wurden auch Menschen in diese Mauern des Vergessens verfrachtet, die nicht krank, sondern nur für die jeweils Herrschenden lästig waren oder die im Rahmen der herrschenden Ideologie aus der Gesellschaft entfernt werden sollten. Was hinter diesen Mauern geschieht, findet keine Aufmerksamkeit mehr. Das nationalsozialistische Programm der “Euthanasie” — ein widerlicher Sprachmissbrauch, der sich in seinem Zynismus zu vielem anderen Schönsprech des Mordens aus dieser Zeit stellt — an psychisch kranken Menschen und an Menschen, die man wegen ihrer Gegnerschaft zum Regime für psychisch krank erklärte, war nur mit der Mitarbeit vieler Ärzte und Kliniken möglich, und dieses traute Miteinander der Mörder in braun und der Mörder in weiß hat bis heute nicht die Aufarbeitung und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, die angesichts der über hundertausend ermordeten Menschen angemessen wäre. Das Mahnmal für die Opfer einer staatstragenden Psychiatrie sucht man vergebens in Deutschland; vielleicht auch deshalb, weil es auch in die heutige Zeit mit ihren neuen Pathologisierungen jener Menschen, die nicht vollständig verwirtschaftbar sind, hineinmahnen würde, was sich nur wenig für gewisse Sonntagsreden eignete. Dr. Mengele hatte viele ebenso beflissene Kollegen, die auch nach der dunkelsten deutschen Zeit noch in Ansehen, Amt und Würden standen. Auch später wurde die Psychiatrie in den Staaten des Ostblockes ein Ort der Pathologisierung des eingeforderten menschlichen Freiheitsrechtes unter unfreien Bedingungen.

Über anderthalb Jahrhunderte hinweg wurden Menschen in psychiatrische Kliniken gesperrt, die dort gar nicht behandelt werden konnten — und unter ihnen mag sich angesichts oft willkürlicher Diagnosekriterien so mancher Gesunde befunden haben. Es ging um ein reines Wegschließen vor der Gesellschaft, um ein in der Regel lebenslanges Gefängnis für Menschen, die nichts anderes “getan” hatten, als zu erkranken und zu leiden. Sie wurden entrechtet, zusammengepfercht und zu einem Dasein gezwungen, das den Tod zur letzten Hoffnung machte. Da half auch der weiße Kittel des Psychiaters und die wissenschaftelnde griechische Kunstsprache der Krankheitsbezeichnungen nicht, dieses bis heute verdrängte Unrecht im therapeutischen Nihilismus zu übertünchen.

Es waren ausgerechnet die wegen ihrer schweren Nebenwirkungen gefürchteten Neuroleptika, die seit den frühen Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Besserung der Situation brachten. Diese Medikamente können zwar nicht die eigentlichen Krankheiten heilen und haben darüberhinaus das Potenzial, einen damit behandelten Menschen bis an sein Lebensende zu schädigen, aber sie beseitigen die quälendsten Symptome der psychischen Erkrankungen, die Halluzinationen, Angstzustände und Wahnvorstellungen. Interessanterweise würden nach einer Erhebung aus dem Jahre 2002* dennoch die meisten Ärzte ihren eigenen Verwandten keine hochpotententen Neuroleptika verordnen — ihren Patienten gegenüber sind sie da schon weniger zimperlich. Es waren diese sehr schweren, direkt in die synaptische Erregungsleitung im Gehirne eingreifenden Medikamente, die überhaupt erst eine Behandlung vieler psychischer Krankheiten ermöglichten und für den Kranken einen Weg in ein würdevolleres Leben ohne schreckliches Leiden ebneten.

Trotz der überragenden Bedeutung der Neuroleptika in der psychiatrischen Behandlung zeigt sich immer noch die vergessene Mauer um die psychische Erkrankung. Es gibt kaum klinische Studien über Neuroleptika, die unabhängig von der pharmazeutischen Industrie erstellt wurden, und es ist klar, dass es nicht im Interesse der pharmazeutischen Industrie liegt, dass weniger erfreuliche Aspekte dieser Medikamente in den Fokus der ärztlichen oder gar öffentlichen Aufmerksamkeit gestellt werden.

Im Jahre 1972 führte David Rosenhan ein zwar methodisch fragwürdiges, aber nichtsdestotrotz recht interessantes Experiment durch, dessen Ergebnisse im Jahre 1973 unter dem Titel “On being sane in insane places” im Science-Magazin** veröffentlicht wurde. Eine freiwillige Gruppe psychisch gesunder Menschen, drei Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen persönlichen Hintergründen, ließen sich in psychiatrische Anstalten einweisen. Sie gaben an, dass sie auditive Halluzinationen erlebten, verhielten sich aber in der Klinik völlig normal. In zwölf Anmeldungen wurde elfmal eine Schizophrenie und einmal eine Psychose diagnostiziert; und im Verlaufe des Tests wurde kein Mensch aus dieser Gruppe vom Personal der Kliniken als gesund erkannt, obwohl sie keine Symptome mehr zeigten. Diesen Menschen wurden im Verlaufe des Tests in den Kliniken insgesamt über 2000 Tabletten mit recht verschiedenen und teilweise sehr schweren Wirkstoffen verabreicht, die sie allerdings nicht einnahmen. Alle Ereignisse wurden von den Testpersonen schriftlich protokolliert. Dies geschah zunächst heimlich, später wurde aber kein Wert mehr auf Verheimlichung gelegt, weil niemand vom Personal der Kliniken darauf achtete — in den Protokollen der psychiatrischen Kliniken erschien diese Tätigkeit als ein “pathologisches Schreibverhalten”, ohne dass sich auch nur jemand den Inhalt des Niedergeschriebenen angeschaut hätte, es ist ja krank. Im Gegensatz zu den Medizinern haben andere Patienten diese Täuschung oft sehr schnell durchschaut und die Testpersonen für Journalisten gehalten, die über die Zustände in psychiatrischen Kliniken recherchieren und sind damit der Wahrheit verblüffend nahe gekommen. Es war also so offensichtlich, dass es sich hier nicht um kranke Menschen handelte, dass es selbst ein Laie erkennen konnte. In keinem Fall kam es zu einem “richtigen Gespräch” zwischen einer Testperson und dem Personal in einer psychiatrischen Klinik, Fragen der Testpersonen an einen Arzt wurden durchweg völlig ignoriert oder ausweichend “beantwortet”.

Im Durchschnitt wurden diese Testpersonen nach 19 Tagen entlassen, eine Person verbrachte 52 Tage in der Klinik. Jede dieser Entlassungen erfolgte unter der Begründung der “Symptomfreiheit”, es wurde nicht ein einziges Mal eine “Heilung” und damit die Gesundheit der gar nicht kranken Menschen festgestellt.

Es waren eben noch in den Siebziger Jahren die Mauern um die psychiatrischen Kliniken Mauern, hinter denen die Grundrechte eines Menschen keine Bedeutung mehr hatten und in denen Menschen mit großer Willkür behandelt wurden — und es ist nicht davon auszugehen, dass diese Situation heute so sehr anders ist.

Das Experiment von David Rosenhan hatte noch ein interessantes Nachspiel, das methodisch zwar noch fragwürdiger als die einmalige, mündliche Angabe lediglich subjektiv erfahrbarer Symptome ist, um damit eine Diagnose zu erzwingen, das aber andererseits den Blick auf die Willkür der Psychiatrie ein wenig schärfen kann.

Nach Bekanntgabe des ersten Experimentes lehnte sich ein Institut aus dem Fenster und behauptete, dass dort so etwas nicht passieren könne. Daraufhin wurde diesem Institut mitgeteilt, dass David Rosenhan im Verlaufe des nächsten Vierteljahres einige “Pseudopatienten” dorthin schicken würde; und das Institut wurde dazu aufgefordert, alle eingelieferten Patienten nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass es sich bei ihnen um eine dieser Testpersonen handeln könne. Im folgenden Vierteljahr wurden 193 Patienten in die Klinik eingeliefert. Von diesen wurden unter der geschärften Aufmerksamkeit des Personals 41 Patienten (also etwas mehr als ein Fünftel) für Testpersonen, also für sicher psychisch gesund gehalten, und 42 weitere Patienten (also ein weiteres gutes Fünftel) wurden als “verdächtig” eingestuft, in Wirklichkeit psychisch gesund zu sein. Bei 43 Prozent der eingelieferten Patienten hatte der durch die Kenntnis der laufenden Studie geschärfte Blick des Klinikpersonals also den mehr oder weniger starken Verdacht, es handele sich bei ihnen in Wirklichkeit um psychisch gesunde Menschen — und ohne diese Kenntnis der Studie wäre wohl niemand skeptisch geworden.

In der Tat gab es allerdings gar keine “Testpersonen” und alle 193 Patienten waren Menschen, die mit wirklichen Symptomen einer psychischen Erkrankung eingeliefert wurden.

Auch, wenn sich nach diesem Experiment die diagnostischen Standards in der Psychiatrie ein wenig verbessert haben: Hinter den Mauern des psychiatrischen Kliniken herrscht nach wie vor die als Wissenschaft verlarvte Willkür, gut vom nicht betroffenen Anteil der Menschen verdrängt. Die Mauer der psychiatrischen Klinik spiegelt die Krankheit des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses und die Willkür der herrschenden Klasse wider, nach Gutdünken als Krankheit zu behandeln, was im Bilde des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses stört — es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität oder Kommunismus als psychische Krankheiten “behandelt” wurden, und es kann unter der kalten Barbarei der herrschenden Klasse schnell wieder zu solchen Zuständen kommen. Wer immer als Gesunder — es gibt neben der allzu bequemen Pathologisierung schwere und behandlungsbedürftige psychische Krankheit, und die medizinischen Fortschritte sind für die betroffenen Menschen ein großer Segen — in diesen Apparat der Entrechtung und Entmenschung gerät, hat keine Chance mehr, ihm zu entkommen.

* “Abschied vom Kettenhemd”, Der Spiegel, Ausgabe 52/2002
** “On being sane in insane places”, Science, Ausgabe 179, 1973, Seiten 250-258

Die Ablehnung der Wissenschaft

Erfolge nehmen alle in Anspruch, die Misserfolge werden einem einzigen zugeschrieben.

Publius Cornelius Tacitus

Wenn so viele (und immer mehr) Menschen trotz aller Strahlkraft des Fortschrittes in ihren Alltag hnein die Wissenschaft verwerfen und in allerlei dumme Irrationalität flüchten — von der Astrologie über die vielen stumpfen Facetten einer geistlosen Magie der Esoterik bis hin zur völlig wirrhirnigen Verschwörungstheorie — denn ist das nur ein Spiegelbild der Tatsache, dass der Betrieb der Wissenschaft längst schon zum Instrument einer Herrschaft geworden ist, die das Leben der Menschen ausschlürft, dass sie. Darin ein Nachfolger der einst so wirkmächtig knechtenden und staatstragenden Religion geworden und in gleicher Weise ethisch verroht und verrottet ist. Von der mit wissenschaftlicher Methodik betriebenen Optimierung des fordistischen Fabriksystemes über die im gleichen Geist betriebenen Mordfabriken der Nationalsozialisten bis hin zum “Fortschitt” bei der Konstruktion immer wirksamerer und großmörderischerer Kriegswaffen zieht sich ein blutiger Strom durch die so genannte und in gewissen Selbstfeierlichkeiten so lautstark verherrlichte “Aufklärung”, der trotz der kürzeren Zeitspanne in seiner Mächtigkeit das mit religiöser Menschenverachtung vergossene Blut noch in den Schatten stellt, während die areligiöse Priesterkaste der Wissenschaftler hörig und hündisch ihren Bauch mit den Krumen atzt, die so reichlich von den Tischen der Herrschenden und Besitzenden in die Münder ihrer Schergen fallen. Wo aus dem Wissen gesellschaftliche Verantwortung folgt, nur Schweigen. Und. Ein unentwegtes Kreisen um die eigenen Strukturen, die zu einer gesellschaftlichen Parallelwelt geworden sind und damit den Glauben nähren, jenseits des Prozesses zu stehen, der über die Gesellschaften abläuft. Während Wissenschaftler kaum müde werden, den abergläubischen bullshit gewisser Esoteriker und Pseudowissenschaftler (mit gutem Recht) zu verdammen, treten sie der wissenschaftlichen Mimikry in der herrschaftlichen Volksverdummung durch allerlei gefälschte Statistik und haltlosen Rationalsprech der so geldwerten modernen Irrationalität des Wirtschaftens mit einem bemerkenswerten Schweigen gegenüber und ermöglichen durch dieses klaffende Loch derartiger Verdrängung einen bemerkenswerten Blick in die gesellschaftliche Funktion ihrer Tätigkeit. Wahrgenommene Verantwortung. Sieht anders aus.

Dieser Text enthält 23 Prozent unreife Gedanken… ;-)

Gefängnis

Nichts verrät so deutlich die Rolle, die von Gefängnissen und anderen Ideen der Gewalt des “Rechtes” eingenommen wird, um das Unrecht einer Minderheit von Menschen gegen die Mehrheit der Menschen zu erhalten, wie die einfach zu machende Beobachtung, welche Klasse von Verbrechern niemals ein Gefängnis von innen sehen muss.

Scientology

Zeitgenosse: “Ist Scientology eigentlich eine Religion?”

Nachtwächter: “Aber selbstverständlich! Denn die UFO-Sekte von Ronald McHubbard verwendet die gleiche psychologische Technik, die sich in Jahrtausenden der Religion bewährt hat, welche die menschliche Tätigkeit und Tätlichkeit der Religion bis auf den heutigen Tag zum besonders geschützten und geförderten Bestandteil jedes Herrschaftssystems gemacht hat. Dem Menschen mit seinem beschädigten Dasein, der von der Religion eine Antwort auf die Gründe für sein beschädigtes Dasein, vielleicht sogar einen Ausweg aus seinem psychologischen Dilemma erwartet, wird ein ‘Problem’ postuliert, das am eigentlichen Problem seines beschädigten Daseins völlig vorbei geht und die Aufmerksamkeit von den gesellschaftlichen Ursachen der individuellen Verödung abzieht und damit die gesellschaftlichen Ursachen der Verödung zementiert. Und für dieses postulierte und recht imaginäre ‘Problem’ wird exklusiv eine ‘Lösung’, eine Er-Lösung angeboten, so dass eine möglichst starke psychische Bindung an die religiöse Konstruktion erzwungen wird. Diese gezielte religiöse Lüge wird durch ständige, monotone und ritualisierte Wiederholung in eine ‘psychologische Wahrheit’ verwandelt, und dann wird dem religionsverdummten Menschen die künstliche ‘Lösung’ für das künstliche ‘Problem’ verkauft. Sicher, Scientology ist moderner, was sich darin zeigt, dass es teurer ist, lärmender beworben wird und alles in allem monströser ist als die tradierten Religionen (und dass es das debitistische Geldsystem fest in die Lehre eingebaut hat), aber es ist in seiner Tech genannten Technik nicht anders und nicht satanischer als ein Christentum, das die getauften Sklaven auf ein besseres Jenseits hoffen lässt, wenn sie im Diesseits nur gut verwertbare Sklaven bleiben und mehr beten, arbeiten und sich verhalten als denken und verantwortlich handeln. Oder. Als ein Hinduismus, der das faschistische Kastensystem Indiens für die unteren Kasten erträglich macht, indem er sie von einer Reinkarnation in einer höheren Kaste träumen lässt, so sie nur immer schön dienstbar, bückgeistig und gefügig gegen ihre Herren bleiben. Wenn Scientology keine Religion ist, denn sind die anderen als Religion bezeichneten Hilfsmittel zur bequemeren Ausbeutung der Menschen auch keine Religionen. Und wenn Scientology wie in der BRD von einem Geheimdienst überwacht wird, denn kann man sich schon fragen, warum die etablierten Orgs zur Knechtung und Entrechtung der Menschen nicht aus dem gleichen Grund überwacht werden, und man stößt wie von allein auf die Antwort: Weil die zurzeit herrschende und besitzende Kaste ihre Herrschaft und ihren Besitz sichern will. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Jede Religion ist genau so schlecht wie eine eiserne Kette und wie ein Gefängnis.”

Zeitgenosse: “Aber Scientology ist doch antidemokratisch, totalitär, das Gegenteil aller jemals postulierten Menschenrechte.”

Nachtwächter: “Welche andere Religion nicht?”

Einsneunundneunzig

Wenn eine Partei oder ein Politiker mit den Mitteln der Werbung “vermarktet” werden, wenn Parteien oder Politiker also methodisch und “inhaltlich” in gleicher Weise wie ein Joghurt, ein Hundefutter, ein Toilettenpapier oder eine andere abstrakte Ware angepriesen werden, denn ist es nicht weiter verwunderlich, dass politische Billigware einen beachtlichen Erfolg am “Markt” erzielen kann. Wie. Jede andere Billigware auch. Der Kauf in einem so genannten “Discounter”, der ja vor allem damit wirbt, dass dort die Waren nur wenig Geld kosten, er ist ein Spiegelbild der zunehmenden materiellen Armut; und das Kreuz beim billig und mit Stammtischparolen beworbenen politischen Angebot ist ein Spiegelbild der zunehmenden intellektuellen Armut. Beide Formen der Armut. Sind von einer um ihre Privilegien ringenden herrschenden Klasse gewollt und werden von ihr mit aller Gewalt ausgebreitet.

Lobotomie

Die Psychochirurgie erreicht ihre Erfolge, indem sie die Phantasie zerschmettert, die Gefühle abstumpft, das abstrakte Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum erschafft.

Walter Freeman, Psychiater, über seine eigene Arbeit

Wer wissen will, was die so genannten “Menschenrechte” und das Gefasel von der so genannten “menschlichen Würde” in irgendwelchen Sonntagsreden wert sind, der braucht sich nur anzuschauen, wie unverbindlich derartige Werte dort werden, wo sich Menschen nicht mehr verwirtschaften lassen und keinen Widerstand gegen das zu leisten vermögen, was ihnen zwangsweise widerfahren gemacht wird.

Das heute vielen jüngeren Menschen eher unbekannte Wort “Lobotomie” bezeichnet einen chirurgischen Eingriff in das Gehirn eines Menschen, bei dem die Nervenbahnen zwischen dem Thalamus und dem Stirnhirn zusammen mit Teilen der grauen Substanz zerstört werden. Bei diesem gleichermaßen recht schnell und einfach durchzuführenden und auf andererseits irreversibel tiefen Eingriff kommt es zu einer Veränderung der Persönlichkeit bei gleichzeitiger Vernichtung der Emotionalität und jeglichen Antriebes. Das Verfahren wird heute nicht mehr angewendet. (Denn es gibt heute andere, reversiblere Verfahren mit einem ähnlichen Effekt, aber dazu später etwas mehr.) Als jedoch in den 1940er Jahren der Psychiater und Leiter der Psychiatrischen Klinik zu Washington D.C., Walter Freeman, ein einfach anzuwendendes chirurgisches Verfahren für die Lobotomie entwickelte, da wurde dieses zu einer Standardtechnik der Psychiatrie, das bis zur Mitte der 1950er Jahre vor allem in den englischsprachigen Staaten, aber auch in vielen anderen Staaten sehr häufig an solchen Menschen durchgeführt wurde, die man für psychisch krank hielt. Es wird geschätzt, dass das Freeman-Verfahren weltweit an einer Million Menschen angewendet wurde — genaue Daten sind nicht ermittelbar, weil sie niemals erfasst wurden.

Dies ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass es infolge der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges mit seinen psychischen Traumatisierungen zu einem plötzlichen Anstieg psychischer Erkrankungen kam, die damals nicht medizinisch behandelt werden konnten. Die übliche “Behandlung” bestand darin, dass die Patienten zwangsweise aus der menschlichen Gemeinschaft herausgenommen, weggesperrt, in engen Zimmern zusammengepfercht wurden und Elektroschocks erhielten.

Als der Yale-Absolvent Walter Freeman aus durchaus humanitären Gründen nach einer Therapie für diese medizinischen “Fälle” suchte, stieß er auf eine Arbeit des portugiesischen Arztes Egaz Moniz, der für seine darin dargelegte Idee und die Entwicklung eines ersten Verfahrens übrigens im Jahre 1949 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam, und der in ebendieser Arbeit die Auffassung vertrat, dass man viele psychische Krankheiten heilen könnte, indem man im Gehirn die Nervenstränge vom Stirnlappen zum Thalamus durchtrennt. Offenbar war die Zeit für diese Form der “Behandlung” psychischer Krankheiten so “reif”, dass es jahrzehntelang niemandem auffiel, dass es keine Studien über die Wirksamkeit und mögliche unerwünschte Wirkungen eines solchen Verfahrens gab.

Die besondere Leistung Freemans bestand darin, ein sehr einfach anzuwendendes Verfahren zur Durchführung dieses Eingriffes zu finden und dieses Verfahren zu propagieren und in mehreren tausend Fällen selbst anzuwenden. Das Propagieren Freemans war dermaßen beflissen, dass er Operationen nach dem Freeman-Verfahren in Hörsälen und sogar im Fernsehen vorführte, um seine “optimale Behandlungsform” zu demonstrieren und mit einem Wohnwagen, den er als “Lobomobil” bezeichnete, von Klinik zu Klinik fuhr, um dort zu “operieren” und sein Verfahren zu lehren. Das Verfahren war in seiner Durchführung dermaßen einfach, dass Freeman zwei Dutzend Menschen am Tag lobotomieren konnte. Dieses offensive Auftreten führte dazu, dass die damaligen Zeitungen voll mit den Berichten über die “Wunderheilungen” Freemans waren — offenbar deckte sich der “Erfolg” der Freeman-Methode mit den Vorstellungen und Wünschen jener Menschen, die ihre verquarzte Gedankenwelt mittels einer Rotationsmaschine auf tote Bäume stempeln konnten und können und so zur Deinung der Massen machen konnten und können.

Beim Freeman-Verfahren der Lobotomie wird keine spezielle neurochirurgische Qualifikation benötigt. Auch die erforderlichen Instrumente sind preisgünstig und stellen keine besonderen Anforderungen an ihre Fertigung; Freeman verwendete anfangs einen Eispickel, später ein speziell gefertigtes Instrument, das einem Eispickel nachempfunden war. Dieses Instrument, welches man in solcher Verwendung eher in einer mittelalterlichen Folterkammer als in einen Operationsaal vermuten würde, wurde unter meist lokaler Anästhesie am Auge vorbei geführt, um mit einem leichten Stoß den dünnen Knochen im oberen Bereich der Augenhöhle zu durchstoßen und so in das Innere des Schädels, in das Gehirn eingeführt werden zu können. Hierzu musste nur ein Augenlid angehoben werden, um die Spitze des “chirurgischen Instrumentes” am Auge vorbeiführen zu können. War auf diese Weise der Weg in das Gehirn gebahnt, so wurde nach dem Erreichen einer vom Arzt subjektiv bewerteten, “richtigen” Eindringtiefe durch strokelnde, rotierende Bewegungen der “kranke” Teil des Gehirnes zerstört. Dieser Eingriff war nicht nur so einfach, dass er auch von Menschen ohne chirurgische Ausbildung ausgeführt werden konnte und auch ausgeführt wurde, er galt überdem als besonders schonend, musste doch nicht eigens der Schädel von oben geöffnet werden. Es blieb nicht einmal eine Narbe zurück, nur ein Bluterguss am Auge legte für einige Wochen Zeugnis davon ab, dass ein Eingriff in das Gehirn vorgenommen wurde. Und. Natürlich auch die irreversibel vernichtete Persönlichkeit des so “operierten” Menschen.

Kaum war ein solches, billig, einfach und am Fließband anzuwendendes Verfahren verfügbar, schon fanden sich auch viele “Krankheiten”, die damit “behandelt” werden konnten. Mit einer Lobotomie wurden immer wieder auch ganz bestimmte “Krankheiten” “geheilt”, wie etwa Kommunismus, Homosexualität, “asoziales Verhalten” oder auch einfach nur eine Unwilligkeit oder Unfähigkeit, den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen Genüge zu tun. In der Tat lösten sich diese “Krankheiten” oft in Nichts auf, wenn aus einer lebhaften Persönlichkeit ein emotionsloser, sedierter und zu keiner eigenen Lebensäußerung mehr fähiger Funktionsmensch gemacht wurde. Und auf die gleiche Weise lösten sich auch alljene Krankheiten auf, die man heute noch als Krankheiten bezeichnen würde, etwa bestimmte Formen der Depression, Zwangsstörung und des posttraumatischen Belastungssyndroms. Sie verschwanden einfach zusammen mit der erkrankten Persönlichkeit, während die entkernte Hülle eines Menschen als noch verwertbares Formfleisch zurückblieb. Dass die so behandelten Menschen nicht gerade um Erlaubnis befragt wurden, sondern durch die Verfügung anderer Menschen der als Wissenschaft und Medizin getarnten Barbarei überantwortet wurden, versteht sich von selbst. Niemand, der noch bei Troste ist, lässt das. Mit sich machen.

Über ein Jahrzehnt lang konnte Walter Freeman seine Methode der Lobotomie anwenden und lehren, ohne dass es von medizinischer Seite, von staatlicher Seite oder von der Journaille und anderen Massenmedien zu einem Versuch kam, ihn daran zu hindern. Es gab keine Studien über die Erfolge und mögliche unerwünschte Auswirkungen des Verfahrens, nur subjektiv gefärbte Erfolgsberichte, die vor allem von Befürwortern und Praktizierenden der Lobotomie gesammelt wurden; es gab keine Spur von einer Wissenschaft, die diesen Namen verdient hätte. Es war einfach nur barbarische Willkür, ein am Fließband betriebener Mord am Kern der Persönlichkeit mit der Absicht, den Körper dabei möglichst in einem eher mechanischen Sinn lebendig, also weiterhin funktionsfähig und verwertbar zu halten.

Das eingangs gegebene Zitat Freemans ist übrigens frei von jeder Selbstkritik, er hat seine “medizinischen” “Erfolge” wirklich so gesehen, wie sie waren. Und. Genau in dieser Form für gut befunden.

Die massenhafte Lobotomie hörte erst in der Mitte der 1950er Jahre auf, als mit dem Neuroleptikum Chlorpromazin unter dem Markennamen Thorazine das erste wirksame Psychopharmakon in den USA verfügbar wurde — und seitdem werden hinter den Mauern, an denen die so genannten “Grundrechte” enden, in den psychiatrischen Kliniken, auch immer wieder schwer in den Stoffwechsel des Gehirnes eingreifende Medikamente verabreicht, um Menschen auf diese Weise sediert und gefügig zu halten. Es ist bitter, dass man diesen Medikamentenmissbrauch durch Ärzte als einen Fortschritt betrachten muss, wenn man nur ein paar Jahrzehnte zurückschaut.

Doch auch nach der Erfindung der Psychopharmaka wurde von US-amerikanischen Ärzten immer wieder die Lobotomie als eine günstige “Lösung” bestimmter Probleme vorgeschlagen.

Als es im Jahre 1967 in Detroit (Michigan) nicht nur das Henry-Ford-Museum, das Labor von Thomas Edison und die alte Werkstatt der Gebrüder Wright gab, sondern auch vorübergehende, aber schwere Rassenunruhen, da wurde im Journal of the American Medical Association ein Leserbrief der nicht nur am Kittel weißen Harvard-Autoren V. Mark, F. Ervin und W. Sweet abgedruckt. Diese sahen eine “fokale Gehirnstörung” als Ursache der Ausstände, und um weitere Unruhen zu verhindern, sollte es nach Meinung dieser Ärzte völlig ausreichen, diese “Ursache” operativ zu entfernen. Zwei dieser Autoren, Mark und Ervin, veröffentlichten im Jahre 1970 ihr Buch Violence and the Brain, in welchem sie die Lobotomie als final solution (!) für das Gewaltproblem vorschlugen, zum Beispiel zur Behandlung von Häftlingen, die sich nicht resozialisieren lassen. Auch, wenn dies nicht explizit erwähnt wurde, ist wohl nicht davon auszugehen, dass nach Meinung dieser ganz besonderen Menschenfreunde die so zu verkrüppelnden Menschen vorher um Erlaubnis gefragt werden sollten. Wo die Humanität das ärztliche Eingreifen erfordert, muss der von solchen Ideen besessene Arzt eben tätig und tätlich werden — das ist, um es mit den Worten des Psychiaters L. G. West zu dieser faschistoiden Idee zu sagen, eben ein “biosozialer Humanismus”. Später wurden solche “Argumentationen” — dem sich ändernden Zeitgeist entsprechend — noch um wirtschaftliche Betrachtungen angereichert; als etwa im Jahre 1979 der Psychiater H. Brown die Lobotomie zur “Rehabilitation” jugendlicher Straftäter empfahl, da wurde dieser Vorschlag unter besonderer Betrachtung der Tatsache diskutiert, dass eine solche “Wiedereingliederung in die Gesellschaft” doch mit einem Aufwand von 6.000 Dollar wesentlich kostengünstiger sei als eine lebenslange “Verwahrung”, die im Schnitt 100.000 Dollar kostet.

Wer angesichts dieses Rückblickes glaubt, dass die heutige Medizin frei von Barbarei sei, ist ein Traumtänzer — wie kommenden Generationen die jetzigen Zustände in der so genannten “Pflege”; in der (meist nicht stattfindenden) Palliativmedizin bei Sterbenden, die sich darauf beschränkt, die Menschen in ihrem angstvollen und ungelindert schmerzhaften Verrecken bis zum letzten Atemzug zu verwirtschaften; oder auch immer noch in der Psychiatrie erscheinen werden, das kann man heute schon sehen, wenn man einfach nur hinschaut.

Was es wohl bedeuten mag, dass nach einem Bericht des “Spiegel” (im Artikel “Abschied vom Kettenhemd” der Ausgabe 52/2002) die meisten Ärzte ihren Verwandten keine hochpotenten Neuroleptika verordnen würden, kann sich jeder selbst denken; vielleicht hilft solches Denken auch, anderen ärztlichen Verordnungen gegenüber angemessen kritisch zu sein und sich stets selbst zu informieren. Dass es zur Wirkungsweise von Neuroleptika kaum Grundlagenforschung gibt und dass zudem beinahe die gesamte Forschung ausschließlich durch die Hersteller der Medikamente finanziert wird, erinnert angesichts der breiten Anwendung dieser Medikamente alarmierend genug an den “wissenschaftlichen” Hintergrund bei der massenhaften Durchführung der Lobotomie.

Und wer wirklich glaubt, dass die so genannten “Menschenrechte” auch für jene Menschen eine Bedeutung und Wirksamkeit hätten, die unter der direkten oder — wegen existenzieller wirtschaftlicher Abhängigkeit — mittelbaren Verfügungsgewalt anderer Menschen stehen, sollte einmal nachschauen, ob er nicht zwischendurch selbst das Opfer einer Lobotomie geworden ist. Das zeitgemäße Verfahren der “Lobotomie durch Fernsehen und Massenmedien” scheint — wie ich immer wieder bei meinen Zeitgenossen feststellen muss — von verheerender Wirksamkeit zu sein.

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