Tag Archive: Herrschaft


Kindschaft

„Seit du denken kannst“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „bist du nicht mehr nur das ausgelieferte Kind deiner Eltern und das ausgelieferte Produkt des Zustandes deiner Gesellschaft, sondern das aktive Kind deiner Taten und das aktive Produkt deiner Unterlassungen. Und darauf hast du deutlich mehr Einfluss als auf das Erstere. Der größere Teil der Herrschaft. Besteht in der Passivität und intellektuellen Isolation der Beherrschten“.

Triumph des Willens

Dem, der die Probleme nicht selbst lösen muss und es nicht einmal könnte, der stattdessen diese Arbeit an andere delegieren kann, erscheint kein Problem jemals schwierig oder unlösbar. Und. Wer unter dieser aufgelasteten Last zusammenbricht, wird verspottet; je nach Lage und Festigkeit der Herrschaft entweder heimlich oder völlig offen verspottet.

Wie es läuft

„Die gesamte Korruption der Politik und die gesamte wirtschaftliche Wertschöpfung basiert darauf, dass man sich auf diejenigen Menschen verlässt, die die eigentliche Arbeit machen“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, und er setzte fort: „Und die Menschen machen auch immer weiter brav die eigentliche Arbeit, meist sogar, ohne sich auch nur eine Frage dabei zu stellen, und sie freuen sich wie die Hündchen, wenn einmal ein Krümel vom Tisch der Fresser fällt“.

Alte, reiche Herren…

Alte, reiche Herren erklären in ihren Herrschaftssesseln den Krieg, den die jungen Menschen dann im Schlamm der Schützengräben sterben müssen.

Moralinstrument

Die herrschende Moral will stets nur unterdrücken und wird deshalb auch nicht an jedem Menschen durchgesetzt, sondern nur an der Mehrheit der Menschen.

Demokratie

Wenn die Herrschenden und Besitzenden sich hinstellen und dreist proklamieren, der Rest der Bevölkerung herrsche doch über sich selbst und er beute sich völlig freiwillig von allein aus, dann nennt man diese Lüge „Demokratie“.

Differenziert

Nicht, daß du mich belogst, sondern daß ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Wie fein der Herr Sozialpädagoge in seiner von den Herrschenden und Besitzenden bezahlten Tätig- und Tätlichkeit ein „das musst du differenziert betrachten“ zu seinem jeweiligen Opfer sagt, wenn er das von seinem Opfer Gesagte in Wirklichkeit relativieren und ignorieren will. Er äfft im Kleinen und Lächerlichen die sprachlichen Strukturen jener „Argumentation“ nach, mit denen die Ausübung der Herrschaft durch systematische (und zu ihrer Durchsetzung immer auch offen gewalttätige) Verneinung individueller Einsichts- und Verständnisfähigkeit gerechtfertigt wird. In der Kleinheit dieses Spiegelbildes der Herrschaft zeigt sich, was für ein großes Arschloch der Herr Sozialpädagoge ist. Es nimmt nicht Wunders, dass solches Geschmeiß nach einigen Jahren „Erwachsenennacherziehung“ an diversen, meist wegen ihrer Lebenssituation ausgelieferten und wehrlosen Opfern so häufig Interesse daran entwickelt, selbst politisch tätig zu werden und dass er dann in den Parteiapparaten der Herrschenden und Besitzenden mit größerem Willkommen empfangen wird und leichter zu Amt und Pfründen kommt als ein Maurer, Klempner, Programmierer, Physiker, Altenpfleger oder Arbeiter.

Akzeptanz durch Penetranz

Seit Jahrhunderten haben die Massenmedien — also die Stimmverstärker der Herrschenden und Besitzenden und die Marginalisierer des Lebens der Einzelnen aus der Masse — und die von ihnen bezahlten Mietstimmen der Journalisten die gleiche niederträchtige Methode, mit der sie bislang jede noch so miese, menschenverachtende und mörderische Sache vorangetrieben haben: Sie haben Akzeptanz durch Penetranz hergestellt. Und. Sie konnten so vorgehen, weil sie den Widerspruch gleich mitaufgeführt und damit erstickt haben.

Kein anderes Geschäftsfeld wird vom Internet so vernichtend erwischt werden wie der Journalismus. Und. Das ist gut.

Die Historiker

Den Historikern sind die Kriege wie heilig, diese brechen, heilsame oder unvermeidliche Gewitter, aus der Sphäre des Übernatürlichen in den selbstverständlichen und erklärten Lauf der Welt ein. Ich hasse den Respekt der Historiker vor irgendwas, bloß weil es geschehen ist, ihre gefälschten, nachträglichen Maßstäbe, ihre Ohnmacht, die vor jeder Form von Macht auf dem Bauche liegt.

Elias Canetti

Selbstreproduktive Blödheit

Die in Theorie und Praxis alles durchwaltende Auffassung jedes Herrschaftsapparates, dass die Bevölkerung blöde sei und man ihr deshalb immer umfassendere Vorschriften machen müsse, die wegen schon benannter Blödheit mit aller Gewalt durchzusetzen sind, hat dann endlich auch Menschen hervorgebracht, die so unselbstständig, entfremdet von eigenem Denken und Planen, verunsichert gegenüber persönlichsten Bedürfnissen, kurz: dermaßen verblödet sind, dass man sie auch in einer repräsentativen „Demokratie“ halten kann, ohne dass diese Form der Haltung den Herrschaftsapparat gefährdet. Ganz im Gegenteil: Wer sich dagegen auflehnt, bekommt das als ein Recht, ein Privileg verlarvte, freundliche Angebot — „du bist ja ein toleranter Demokrat, kein Faschist, kein Mörder und kein Räuber, der den früheren Räubern ihren Raub entreißen will; also nicht jemand von denen, die wir psychisch oder physisch töten werden“ — die ganze an der Auflehnung gebundene Kraft in einer „demokratischen“ Partei verpuffen zu lassen. Eventuelle Demonstrationen bitte vorher bei der Polizei anmelden und genehmigen lassen!

Die Großen und die Kleinen

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen

Johann Christoph Friedrich von Schiller, 1759 – 1805

Der Gott der Herrschenden

Et vidi de mari bestiam ascendentem, habentem cornua decem et capita septem, et super cornua eius decem diademata, et super capita eius nomina blasphemiae.

Apocalypsis Ioannis 13, 1

Innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaften lebt bis heute die auf den Gründer der christlichen Religion, Paulus von Tarsus, zurückgehende Auffassung fort, dass alle Obrigkeit von Gott komme. Diese Aussage ist beinahe richtig, bis auf die Reihenfolge der Worte. Denn in Wirklichkeit. Kommt aller Gott von der Obrigkeit. Was übrigens mit Leichtigkeit jedem aufällt, der sich anschaut, wie sehr dieser Gott der Herrschenden ein Spiegelbild ihrer Schrulligkeiten, ihrer Willkür, ihrer Allmachtsgelüste, ihrer obszönen Lust an Prachtentfaltung, ihrer Sehnsucht nach rückgratloser Anerkennung durch gefügige Untertanen ist.