Tag Archive: Heimatlosigkeit


Slumviertel

Das Internet trägt viele Merkmale, die sich so auch in jeder anderen menschlichen Gemeinschaft finden lassen. Es hat wie eine große Stadt vornehme Ecken, einige abgeschlossene Bereiche, in denen Menschen mit gewissen Neigungen unter sich bleiben, Räume der Begegnung und eine Menge Orte, die man nicht sehen möchte und deshalb meidet. Natürlich. Hat es auch viele Bereiche, die verschiedensten Geschäften vorbehalten sind. Und schließlich. Gibt es auch Orte im Internet, die mit den Slums am Rande der großen Städte vergleichbar sind. Man erkennt diese Slums des Internet meist an der wahllos auf die Websites gepappten, überrumpelnd und aufdringlich gestalteten Werbung, die allzu deutlich belegt, dass eine home page für ihren Betreiber schon lange kein home mehr ist.

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Der verzweifelte Pionier

Die Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 sind die ersten von Menschen angefertigten Objekte, die das Sonnensystem verlassen. Deshalb wurde von den Konstrukteuren an die recht geringe Wahrscheinlichkeit gedacht, dass eine außerirdische Zivilisation in vielen Jahrmillionen einmal dieses technische Artefakt unserer Kultur finden könnte, wenn sich unterdessen die Menschheit schon längst in Wohlgefallen, Sternenstaub und Vergessen aufgelöst hat. Auf den Sonden ist eine außerordentlich haltbare, vergoldete Plakette aus Aluminium angebracht, die mit einer eingravierten Zeichnung von unserer Existenz berichten soll.

Die Pioneer-Plakette

Vor einer schematischen Darstellung der Sonde — diese hat der „Empfänger“ ja vor sich — ist ein nackter Mann und eine nackte Frau dargestellt. Unter dieser Darstellung befindet sich eine stark schematisierte Darstellung unseres Sonnensystemes und links von dieser Zeichnung eine Positionsangabe unserer Sonne, die mithilfe der Positionen von 14 Pulsaren und dem Abstand vom Zentrum der Galaxie mitgeteilt wird. Der dritte Planet im schematischen Sonnensystem ist hervorgehoben, von ihm aus geht die Sonde auf Reisen. Da zu den Pulsaren auch ihre gegenwärtige Frequenz angegeben wird und sich diese Frequenzen im Laufe der Zeit reduzieren, ist auch der ungefähre Zeitpunkt des Sondenstartes ermittelbar, wenn dieses Objekt einmal gefunden und die Botschaft verstanden wird. Die numerischen Angaben sind im Binärsystem gegeben, als Bezugsgröße dient der ebenfalls in Form einer Zeichnung dargestellte Hyperfeinstruktur-Übergang eines Wasserstoffatomes.

Es ist ein in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit geradezu rührender Versuch, etwas von der vergänglichen menschlichen Zivilisation in den kalten Kosmos hinein mitzuteilen. Dieser Versuch zeigt vor allem, dass die Menschen sich keine andere Lebensform als Menschen vorstellen können, deshalb wird in dieser Zweckgrafik eine Form der Wahrnehmung vorausgesetzt, die spezifisch menschlich ist. Ich würde keine hohe Wette darauf halten, dass eine gänzlich unirdische Intelligenz diese Zeichnung überhaupt als eine Form der Mitteilung erkennen kann, und ob die zweidimensionale Projektion der Wirklichkeit in Form einer Zeichnung verständlich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. (Schon die grundlegende Annahme, dass völlig anders entstandene Wesen in ihrer Wahrnehmung ähnlich stark visuell wie Menschen geprägt sein sollten, ist fragwürdig.) Wenn dieser Teil des Kommunikationskanales aber wider meiner Erwartung gut gewählt sein sollte, denn dürfte die im Menschenpaar dargestellte Zweigeschlechtlichkeit der Menschheit für einiges Rätselraten sorgen, und die erhobene Hand des Mannes wird gewiss nicht als ein Gruß erkannt werden, sondern eher Spekulationen um künstliche Gliedmaßen nähren. Die für uns so leicht verständliche Darstellung des Sonnensystemes wird ebenfalls ihre Rätsel aufgeben, vor allem werden sich die Empfänger fragen, wieso eigentlich alle dargestellten Objekte den gleichen Abstand voneinander haben und wieso eines dieser Objekte — es soll der Saturn mit seinem wunderschönen Ringsystem sein — in deutlicher Weise durchgestrichen ist, und ob das wohl darauf hindeute, dass wir dieses Objekt abgebaut oder vernichtet hätten. Und. Die verwendete Metapher des Pfeiles, um die Richtung der Sonde anzudeuten, ist ebenfalls ein Kandidat für schwere Missverständnisse. Was immer eine außerirdische Intelligenz in diese Grafik hineindeuten wird — das Objekt wird ja wenigstens sicher als künstlich erkannt, wenn es überhaupt im weiten Nichts gefunden wird, und es wird deshalb wohl auch untersucht werden und zu allerlei Spekulationen Anlass geben — es wird beinahe nichts mit dem zu tun haben, was wir damit sagen wollten. Die warme Hirnsucht der Wissenschaftler, die mit den Pioneer-Sonden das erste Mal richtige Raumfahrt betrieben haben, über diesen Kanal ein Zeichen für die Existenz der Menschheit zu setzen, läuft ins Leere. Die Menschheit wird unerkannt aussterben. Zum Glück wird das Aussterben auf diese Weise nicht noch schmerzlicher.

Wenn diese Platte überhaupt an jemanden etwas mitteilen kann, denn an die Menschen, die diese Platte in den Weltraum geschossen haben. Und. Das ist die Mitteilung, wie fremd wir wirklich im Raume sind, wie sehr wir nur zur vertrauten Erde gehören. Es wäre viel gewonnen, wenn dieser Teil der Botschaft bei allen Menschen ankäme und sie dazu brächte, ihre planetare Heimat nicht länger unter der hirntoten Ideologie eines unbegrenzten Wachstums bis zur Vernichtung auszubeuten. Aber. Auch diese Kommunikation scheint hoffnungslos. Allein schon deshalb. Hoffnungslos, weil die einzige und sehr hitzig geführte Diskussion, die damals in den USA am Thema dieser Platte entbrannte. Nur. Das eine Thema kannte, ob man die menschlichen Geschlechtsteile denn so unverhüllt den Außerirdischen zeigen könnte.

Trübe Sonne

Wenn es ein Sonnentag im Mai ist, ganz hell und die radfahrende Haut mit schönem Wind streichelnd, wenn man eines solchen Tages den brütenden Moloch der Stadt zu verlassen gedenkt und auf diesem Wege durch seine längst enteignete, deflorierte, dem nackten Gewinnstreben geopferte, im Zerfall zuckende Heimat fährt, denn greift eine kaum passende Traurigkeit würgend nach dem Herzen. Das kalte Geschwätz der Sozialpädagogen dringt in das Ohr, das leere Gelaber dieser Assimilatoren und Erwachsenenerzieher, die mit ihrem verachtenswerten Seelengeficke wahrlich schon genug von meinen Freunden in den Freitod getrieben haben, als sie aus ihnen mit professioneller Beflissenheit geschäftlich verwertbare Funktionseinheiten machen wollten. Oh ja, sie sind jetzt alle hierher gezogen, weil es ja so schön „alternativ“ hier ist, und sie bringen das mit, was sie wohl für ihre „Kultur“ halten, eine Kultur der Aasmaden des Konsums. Ich steige vom Fahrrad ab, um gegen den ersten Impuls nicht zu fliehen, aber ich beschließe auch, mir diese Wortfetzen aus den Menschzerfetzern nicht anhören zu wollen, und so stecke ich die Stöpsel in die Ohren, die den geistlosen Krach der Straßen mit Musik überlagern, und ich drücke auf den kleinen Taster, der das nächste Stück abspielt.

Wie passend es doch ist. Atom Heart Mother von Pink Floyd, ein großartiges Stück, das die Kälte, Faszination und Beliebigkeit aller Formen in der zerfallenden Postmoderne wie mit einer Abtastnadel zerlegt und in Musik wandelt. Da ich an meinen Ohren hänge, verzichte ich auf eine alles in den Schatten stellende Lautstärke, erlaube mir, auch noch ein paar Klänge der Umgebung zu hören und setze mich auf ein sonnenbeschienenes, warmes Stück Straße. Die Augen geschlossen, damit man mir nicht gleich ansieht, wie sehr mir zum Weinen zumute ist — denn genau aus einem solchem Grund, wegen so etwas unerhörtem und gefährlichem wie dem Weinen in der Öffentlichkeit, bin ich einmal von der Polizei verhaftet worden und „zu meinem eigenen Schutz“ und natürlich gegen meinen Willen in eine psychiatrische Klinik verbracht worden, wo man mich eine Woche lang wegschloss. (Und nein, ich war nicht verwirrt, ich war einfach nur traurig, und ich hatte und habe allen Grund dazu. Es ist doch beachtlich, wie einem das Fühlen der Traurigkeit ob eines beschädigten Lebens noch verweigert wird, wie man sich in plumpen Spaß oder doch wenigstens in Stumpfheit üben soll, um nicht aufzufallen und deshalb gesellschaftlich sanktioniert zu werden.) Es ist die stete Kälte und Gewalt, die uns Menschen allen. Diese kleinen Gesten aufzwingt, die stete, tägliche Kälte und Gewalt.

Nach gut sechs Minuten, „Breast Milky“ hatte gerade begonnen, öffnete ich die Augen aber, weil sich ein lautes, klapperndes Geräusch mit der Musik durchmischte, ein Krach, der sich nicht selbst erklärte und der meine Aufmerksamkeit erzwang. Es handelte sich um eine Horde von vielleicht dreißig Menschen, die uniform gekleidet und stockklappernd nordic walking betrieben und sich offenbar darin gefielen, sich dabei so auf dem flanierenden Zeigen und Sehen zu präsentieren. Es ist inzwischen sogar schon chic geworden, wenn man ohne Not eine Gehhilfe verwendet. Ob es wohl auch bald „sportliche“ Rollstühle geben wird, deren tägliche Benutzung ganz toll für Herz, Kreislauf und Leistungsfähigkeit als Batterie im betrieblichen Produktionsprozess ist?

Ich zog es vor, rasch auf das Rad zu steigen und weiterzufahren, raus aus dem Moloch, die fabrikneuen Trümmer meiner zerstörten Heimat hinter mich lassend. In mir die Erinnerung an die dort entfernten Menschen, die so roh und unverbildet waren, dass sie ein Wort wie „Solidarität“ nicht in den Mund nahmen, sondern einfach lebten. Brach liegt alles, aber auch alles fern. Ich bin froh darüber, dass es endlich wieder so warm ist, dass es eine Freude ist, draußen zu sein. Und ich habe nicht mehr die Absicht, auch nur noch einen einzigen Winter zu erleben. Bei Lichte betrachtet, ist das bisschen Lust den ganzen Schmerz doch gar nicht wert.

Geist in Zelten

In meiner dochnochwarmen Brust
Weilt ein trieber Geist in Zelten;
Ein Sturmhauch nur
Der wandern will. Und wandern.

Als zur Kleinzeit keiner war
Mich zu ziehen, zog er ein.
Jetzt ziehe ich;
Immernach dem Geist in Zelten.

Das Knastwarm jeder Mauer
Lässt meine Brust erbibbern,
Nichts und niemand
Gibt mir Ruhe. Vor mirselbst.

Hinter mir brennt die Asche,
Vor mir gähnt das Schwarz.

Fern vom Hirn, unter pumpelndem Herzen
Treibt ein weiler Geist in Zelten
Den Trübsinn an
Der wandern will. Und wandern.