Tag Archive: Größenwahn


Eine ganze Welt voll Futter!

Foto eines Werbeplakates: Futter für Ihren Drucker -- Cartridge World

Werbeanzeigen

Da biegt sich sogar die Leine

[…] ‚Vorwärts nach weit‘. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermessliche.

Kurt Schwitters

Lange Zeit stand auf den Straßenbahnen und Bussen des hannöverschen Nahverkehrsunternehmers üstra der Werbespruch „Steigen Sie ein, die Richtung stimmt.“ Hauptsache, es geht vorwärts und nach weit in Hannover, auf Richtungen wird da eher weniger geachtet. So auch bei der heutigen Geschichte aus der unterschätzten Stadt.

Hannover ist ja schon mit einem künstlichen See ausgestattet, der alles in allem gut von den Menschen angenommen wird. Trotz gewisser Schwierigkeiten beim Umgang mit der Vergangenheit dieses Bauwerkes, der zuweilen auch zu lächerlichen Wortfindungsstörungen führt.

Der Maschsee ist jedoch nichts gegen das, was einige manifest Größenwahnsinnige im wahnwarmen Brutschrank ihres Hirnes als Beglückungsidee für Hannover heranreifen ließen und hervorzubringen beabsichtigen. Was diese Leute haben wollen, ist die zwölffache Monstrosität des hitlerschen Denkmales zwischen Südstadt und Leine.

Bis heute abend hätte ich beim Wort „Leine-Bogen“ nur an einen Mäander der trüben, braunen Fluten gedacht. Wenn ich gemerkt hätte, dass das nicht die zutreffende Deutung ist, denn hätte ich als nächstes an eine interessant gestaltete Brücke gedacht. Ein gewisser Michael Beck, der als Chef des „Standortentwicklungsprojektes“ Hannover-Holding gerufen wird, denkt beim Wort „Leine-Bogen“ freilich an etwas ganz anderes: An einen riesigen künstlichen See in den Leineauen, der den ganzen Bereich von Leinhausen über Stöcken bis hinaus nach Garbsen von den benachbarten Orten Letter und Seelze abtrennt. Oder, um es mit den Worten solcher größenwahnsinnigen großen Planer und Plattmacher zu sagen:

Hannover hat jetzt schon einen Ruf als Stadt im Grünen mit hohem Freizeitwert — dieses Projekt würde den Schwerpunkt ungemein fördern

Sicher, die Stadt im Grünen wird doch gleich viel mehr zu einer Stadt im Grünen, wenn eine große, zusammenhängende Grünfläche unter den Wassern eines freizeitwertigen künstlichen Sees verschwindet. Zumal diese große, zusammenhängende Grünfläche auch noch ein Landschaftsschutzgebiet ist, in dem der weniger auf Freizeitwert bedachte Hannoveraner allerlei Dinge sehen und erleben kann, die andernorts in der „Stadt im Grünen“ nicht mehr so sichtbar und erlebbar sind. Etwa Greifvögel wie den Eichelhäher, der sich aus den stets feuchten und nur als Weidefläche genutzten Wiesen sein tägliches Brot holt. Oder auch mal einen scheuen Eisvogel, bei dessen unerwarteten Anblick man erschrickt, weil man derart farbenfrohe Vöglein gar nicht erwartet. Oder auch mal ein paar Frösche, Kröten und andere Reptilien oder auch hübsche große Libellen. Auch die Störche sind sonst kein so alltäglicher Anblick in Hannover. Dass jedes Kind in der näheren Umgebung dieses Gebietes genau und aus eigener Anschauung weiß, dass Kühe nicht lila sind, ist ein ebenfalls erfreulicher Nebeneffekt der Nutzung als Weidegebiet. Das einzige, was nach der Flutung des ganzen Bereiches — wahrscheinlich wohl durch eine Stauung der Leine — von dieser lebendigen Vielfalt bleiben wird, sind die zahlreichen und stets durstigen Mücken.

Dass es sich ferner um den mit Abstand schönsten Fuß- oder Radweg von Stöcken nach Letter oder Ahlem handelt, und dass etliche Menschen auch im jetzigen Zustand dieses (übrigens durch EU-Recht geschützten) Landschaftsschutzgebietes auch schon einen erheblichen und gern angenommenen „Freizeitwert“ sehen — so ein Wort kann sich nur jemand ausdenken, der sich von gewöhnlicher Sprache und den Menschen, die gewöhnliche Sprache sprechen, längst vollständig emanzipiert hat — und diesen an jedem hübschen Tag wahrnehmen, kann die Größe solcher Pläne auch nicht aufhalten. Dass Teile dieses Gebietes im Rahmen eines EXPO-Projektes — wir erinnern uns an das Jahr 2000 und das Motto „Mensch Natur Technik“ — gezielt in einen naturnahen Zustand zurückversetzt wurden, ist ebenfalls unwichtig. Jetzt wird dort Hannover gemacht, es erschalle laut im Namen der „Standortentwicklung“ der Ruf an den Baggerfahrer! Lasst uns ein Loch graben, ein großes, tiefes Loch, denn Erdaushubarbeiten sind schon immer ein besonderes Steckenpferd dieser Stadt gewesen! Der Mensch zerstört die Natur mit Hilfe der Technik.

Ach ja, die EXPO. Hannover hat ja durchaus Erfahrung mit großen Projekten. Ich zitiere hierzu einmal auszugsweise die Meldung der Tagesschau vom 11. Dezember 2001 (wegen der auf Bestreben der Verleger-Lobby gesetzlich erzwungenen Löschung der Inhalte der Tagesschau-Website kann ich den zitierten Text leider nicht verlinken):

Der Bundesrechnungshof ist mit der Gechäftsführung der Weltausstellung „EXPO 2000“ in Hannover offenbar hart ins Gericht gegangen. Nach Informationen mehrerer Tageszeitungen üben die Prüfer scharfe Kritik an der Geschäftsführung. Das Defizit der EXPO liege bei insgesamt 2,1 Milliarden Mark. […]

Verursacht habe das Milliardenloch die „unfähige Geschäftsführung“, soll es in dem Bericht heißen. Die ersten vier Geschäftsführer mit Verträgen von 1994 bis 2000 seien trotz „unzureichender Leistungen“ mit Abfindungen von insgesamt 1,9 Millionen Mark nach elf bis 19 Monaten wieder entlassen worden. […]

Die EXPO-Geschäftsführung habe es noch im April 2000 trotz zurückhaltender Einschätzung externer Berater unterlassen, geringere Einnahmen aus dem Eintrittskartenverkauf einzusetzen […] Eine „erhebliche Fehleinschätzung der Besucherattraktivität“ sei der Grund gewesen, werde in dem Bericht kritisiert.

Na, so eine Fehleinschätzung irgendeiner Attraktivität wird bei diesem Projekt wohl nicht aufkommen…

Und damit es beim hannöverschen Streben „Abwärts nach tief“ auch so richtig tolle wird, kann man in dem wie gewohnt eher etwas hingeschmierten und das Wesentliche verschweigenden Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung noch ein paar Andeutungen ohne weitere Erläuterung lesen. Zum Beispiel die Andeutung, dass dabei 10.000 Wohnungen gebaut werden sollen, die gewiss nicht unter Wasser liegen werden. Oder auch die Andeutung, dass möglicherweise Uferbereiche privatisiert werden, wohl auch, um dort den Freizeitwert zu erhöhen. Das klänge ja gar nicht mehr so gut, wenn solche Andeutungen deutlich würden und damit zur Deutung aufreizten, deshalb bleibt die Milliardärspresse aus dem Hause Madsack auch bei den Andeutungen.

Diese ganzen kleinen Problemchen solchen das idiotische ehrgeizige Projekt doch nicht aufhalten. Und bald schon soll es so aussehen:

Eine mit Google Earth erstellte Impression der überfluteten Grünflächen!

In dieser mit Hilfe von Google Earth erstellten Impression der Pläne bitte ich um den Vergleich mit den Herrenhäuser Gärten, die auf der rechten Seite des Bildes sichtbar sind. Wer dort einmal durchgegangen ist, bekommt einen ungefähren Eindruck von der beabsichtigten Größenordnung.

Die Typen, die sich derartige Projekte ausdenken, wissen übrigens genau, dass jeder vernunftbegabte Mensch angesichts ihres Wahns den Kopf schütteln würde. Oder, um es im Verlautbarungston dieser Standortentwickler zu sagen, der gewohnt und gewöhnlich beflissen von der Presse wiedergegeben wird:

„Ein kleiner Kreis von Engagierten hat sich große Mühe gegeben, ein qualifiziertes Projekt zu entwickeln“, sagt Michael Beck, Chef des Standortentwicklungsprojekts Hannover-Holding […] Die Macher hatten gehofft, die Pläne noch einige Monate intern diskutieren zu können. „Wir wollen dicke Bretter bohren“, sagt Beck. Er habe „Sorge, dass jetzt wieder alles zerredet wird“.

Denn schließlich hat sich bei diesen forschen Standortentwicklern nicht nur die Sprache von den gewöhnlichen Menschen emanzipiert. Die wollten auch in aller Ruhe ihre Pläne machen und die Leute vor möglichst vollendete Tatsachen stellen, ohne dass da etwas „zerredet“ werden kann. Oh, könnte man es doch nur „zerreden“, ich hielte gar nicht mehr meinen Mund! Leider wird es mit Worten nicht getan sein, um die Manifestation der feuchten Träume dieses lichtscheuen Gesindels in der Realität zu verhindern. Dem werten Herrn Beck und dem anderen Geschmeiß, dass hier aus einem schönen Fleck öffentlichen und halbwegs natürlichen Hannovers unter hohem Aufwand eine kommerziell optimierbare Freizeitkunstwelt machen will, lege ich hingegen nahe, sich lieber um die Stadtentwicklung Venedigs zu kümmern.

Raumfahrt

Auf dem Grabstein für die Menschheit könnten dereinst die Worte stehen: Ihnen war es wichtiger und teurer, mit ihren Körpern zum Mond zu fliegen als mit ihrem Geist auf der Erde anzukommen.