Tag Archive: Geschwätz


On n’excuse pas le mal par le pire.

Nabelschnur — Wie kann ein denkender Mensch nur auf die absurde Idee kommen, dass wirtschaftlich von ihren Werbekunden abhängige Medien eine unabhängige Berichterstattung leisten könnten? Oder gar, dass die im politischen und wirtschaftlichen Filz hängenden halbstaatlichen Rundfunkanstalten in der BR Deutschland über die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik aufklären könnten? Ein riesiger Säugling, der die Nabelschnur durchbeißt, die ihn versorgt, müsste sich ja gebären lassen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Soziale Unruhen — Es ist doch bemerkenswert, wie im Blahsprech der öffentlichen labernden Privilegierten und in ihrer Journaille, die diesen Blahsprech in Druckwort wandelt, jegliche Klarheit der Sprache vermieden wird. Es wird vor „sozialen Unruhen“ gewarnt, nicht etwa vor einem „Aufstand“. Denn. Allein in den Anklängen des Wortes Aufstand steckt schon eine ganze Anleitung, die ja von niemandem in der BR Deutschland gefühlt werden soll. Um ein Aufständischer zu werden, muss man aufstehen, um für sein immer weiter beschnittenes Lebensrecht einzustehen. Erst, wenn man aufgestanden ist, kann man sich des lähmenden Zustandes widersetzen, der Verachtung des eigenen Lebens widerstehen und für sein eigenes, einmaliges und einziges Dasein. Einstehen. Sicher, es kann beim Scheitern geschehen, dass man einsitzen muss, oder auch, dass einem die zuständigen Behörden übel mitspielen. Aber das ist die Richtung, in der sich eine solche Bewegung bewegt, allen bewegten, aufständischen Menschen wert. Wie anders klingt da doch das Blahwort von den „sozialen Unruhen„, dass zurzeit durch die Journaille geistern gemacht wird. Es richtet jeden Aufstand noch vor seiner Entstehung als ungerichtete Bewegung ab, vielleicht noch vergleichbar einer nervösen Zuckung. Die so Sprechenden. Entlarven sich in ihrer Sprache selbst.

Vom Hören — Wer wissen will, wo es in Deutschland brennt, der sollte darauf hören, was in den zentral organisierten Massenmedien verschwiegen wird. Und darauf hören, wie der Rest gesagt wird. Auf das Schweigen der Medien zu lauschen ist anstrengender als der Konsum ihrer unentwegten Darbietung, denn es erfordert Gespräche mit Menschen. Deshalb. Wird es so wenig praktiziert.

Echo der Frau — Nichts könnte der feministischen Ideologie, dass es sich bei Frauen um die besseren Menschen handele, deutlicher und grotesker widersprechen als die so genannten „Frauenzeitschriften“, die jedes menschliche Elend so genannter „Prominenter“ kommerziell ausweiden und auch gern einmal ein bisschen geiles Elend erfinden, wenn das Leben dieser Menschen nicht genug davon produziert. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Auswurf der Contentindustrie sehe, meist mit einem gierig daranhängenden, sich allzu gern barbarisieren lassenden Stück Frau, wünsche ich mir sehnlich, schwul zu sein.

Nein — Er fragte mich, ob ich in meinem selbst erkorenen verarmten Leben, das so viele Verzichte kenne, nicht unglücklich wäre. Und ich fragte ihn, ob er in seiner ganzen geraubten Zeit und Aufmerksamkeit nicht wenigstens durch die Möglichkeit zum Konsum glücklicher würde. Wir mussten beide verneinen.

Der Willensschwache

Ein willensschwacher, chrakterlich defizitärer Mensch ist leicht daran zu erkennen, dass er nicht müde wird, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen guten Willen zu bekunden. Bei der Bekundung bleibt es dann auch.

Übrigens: Vor uns liegen Wahlkämpfe… :mrgreen:

Vom Schwätzen und vom Handeln

Vergleichen wir einmal die Diskussionen über den Völkerbund (von 1920) im Senat der USA mit der Erörterung über ein zusammengebrochenes Auto in einer Garage an der Landstraße. Der Unterschied ist gewaltig. Der ländliche Mechaniker denkt wissenschaftlich; sein einziges Ziel besteht darin, sein Wissen vom Bau und vom Betrieb des Autos zu verwerten, um den Wagen wieder in Gang zu bringen. Dahingegen scheint der Senator allzuoft kaum eine gründliche Vorstellung von der Eigenart und den Daseinsbedingungen der Völker zu haben; er verläßt sich auf seine Redegewandtheit und appelliert an unbestimmte Befürchtungen und Hoffnungen oder lediglich an Parteileidenschaften. Die Wissenschaftler sind ein ganzes Jahrhundert damit beschäftigt gewesen, die Beziehungen zwischen den Völkern nach der praktischen Seite zu revolutionieren. Der Ozean ist nicht mehr wie zu Washingtons Zeiten eine Schranke, sondern eine nahezu hindernislose Fahrbahn für alle Pläne und Ziele, die weniger die östlichen und westlichen Kontinente streng voneinander trennt als sie eng zusammenschließt. Nichtsdestoweniger wird der Senator sich ungeniert auf eine Politik berufen, die ein Jahrhundert früher vielleicht angebracht war, jetzt aber eher ein warnendes Beispiel als ein Vorbild abgibt. Im Gegensatz hierzu nimmt sich der Mann in der Garage seinen Mechanismus so vor, wie er ihn findet, und läßt sich aus keinerlei mystischem Respekt vor vergangenen Formen ins Handwerk pfuschen.

James Harvey Robinson, Die Schule des Denkens
Autorisierte Übersetzung von J. Leithäuser, 1949

Ich habe diese Passage aus einem längst aussortierten, vergilbten und zerfallenden Buch zu einer Zeit gelesen, als sich Millionen von allzu hörigen Menschen in ihrem Fernsehempfänger anhörten, wie ein Herr von und zu Guttenberg und ein Herr Lambsdorff vor den Kameras des quasi-staatlichen Fernsehens der BRD mal wieder so richtig Kompetenz simulierten. Wahrscheinlich passt das alte Zitat auch dazu…