Tag Archive: Geschichte


Worttrümmerschlamm

Der Vorübergehende sagte zu seinem Zeitgenossen, der ihn auf die Geschichte hinwies: „Beinahe alles, was du über die Vergangenheit weißt, weißt du aus dem, was aufgeschrieben wurde. Aber das Geschriebene ist ein vielfach zertrümmerter Trümmer, ein Staub dessen, was war. Nur ein kleiner Bruchteil dessen, was geschehen ist und was gesagt wurde, ist auch aufgeschrieben worden; und von allem Aufgeschriebenen ist nur ein kleiner Bruchteil bis auf die heutige Zeit erhalten geblieben — und in alledem gab es stets eine Auswahl nach Einschätzung der Wichtigkeit und Erhaltenswürdigkeit, die auf der Grundlage von Herrschaftsverhältnissen, kollektiven Wahnzuständen und Moden getroffen wurde, so dass nichts am Erhaltenen repräsentativ für das Leben der Mehrzahl der Menschen ist, aber vieles durch Unwahrheiten und Übertreibungen angereichert. Wenn du etwas aus der Geschichte lernen willst, dann lern, dass die meisten Geschichten nicht Geschichte geworden sind, sondern Vergessen! Was im Strom der Zeit als Sediment abgelagert wurde und heute als Geschiche begriffen wird, ist vor allem anderen der Schlamm“.

Zweifelsquell

Nichts erweckt so viel und nachhaltigen Zweifel an der Existenz eines Gottes und an den Zusagen der Religionen wie ein nüchterner Blick in die Geschichte ebendieser Religionen.

Die Historiker

Den Historikern sind die Kriege wie heilig, diese brechen, heilsame oder unvermeidliche Gewitter, aus der Sphäre des Übernatürlichen in den selbstverständlichen und erklärten Lauf der Welt ein. Ich hasse den Respekt der Historiker vor irgendwas, bloß weil es geschehen ist, ihre gefälschten, nachträglichen Maßstäbe, ihre Ohnmacht, die vor jeder Form von Macht auf dem Bauche liegt.

Elias Canetti

Glückliche Zeiten

Die vermutlich glücklichsten Zeiten für die Menschen sind jene Zeiten, die sich in den leeren Seiten der Geschichtsbücher spiegeln.

Wessen Freiheit gemeint ist

Die gegenwärtige Zeit wird einmal rückblickend als eine Zeit in den Geschichtsbüchern aufscheinen, in der man zwar weiterhin den alten Kampfbegriff von der „Freiheit“ in politischen Forderungen verwendete, aber damit nicht mehr in erster Linie die frühere Forderung nach einer Freiheit der Menschen meinte, der sich jede andere gesellschaftliche Strebung zu unterwerfen hat, sondern die „Freiheit“ der Märkte, an der sich jedes andere menschliche Streben auszurichten hat. Und man wird wohl konstatieren, dass dieser kleine Trick alles in allem gut funktioniert hat. Da bleibt nur zu hoffen, dass es nicht von pharmakologisch „glücklich“ gemachten Konsumenten in Ketten konstatiert wird.

Geschichtsbuch

Geschichtsbuch (das) — Gesammelte Unfallberichte der menschlichen Zivilisation aus der Sicht der Unfallverursacher.

Schweinehochzeit Re Neunzig

Ein Problem der Geschichtsbücher besteht darin, dass sie die Geschichte lehren. Denn diese. Ist die schriftlich überlieferte Vergangenheit. (Sonst handelte es sich um Archäologie.) Doch während des größten Teiles der Vergangenheit unseres gegenwärtig wirksamen Kulturprozesses hinterließen nur die herrschende Klasse und ihre beflissenen Speichellecker aus dem Klerus und ihre sonstigen Schergen schriftliche Zeugnisse, während die Mehrzahl der Menschen nicht des Lesens und Schreibens kundig war. Was in der Sicht der Geschichtsbücher als die beschriebene Lebenswirklichkeit der Menschen aufscheint und von dort in das allzu unkritische Hirn des Lesenden und Beschulten gestempelt wird, ist lediglich die recht einseitige Sichtweise der Schreibenden und damit der Herrschenden. Wie hingegen die Herrschaft bei ihren Opfern, den oft willkürlich und gewaltsam Beherrschten, gefühlt wurde und das Leben prägte, ist im besten Falle in stark geschönter Form schriftlich aufgezeichnet und damit überliefert, um dem herrschaftlichen Narzissmus allzu derbe kognitive Dissonanzen bei seiner von „Gottes Gnaden“ eingesetzten Selbstinszenierung zu ersparen. Tatsächlich ist es bis auf den heutigen Tag gar nicht so sehr anders geworden, denn was sich in Form der Presse und des Verlagswesens an schriftlicher Mitteilung mit der Rotationsmaschine, der Druckerpresse und industrieller Methodik massenhaft vermehren und in dieser Form vor das Auge der Massen stellen lässt, ist ebenfalls die Sichtweise einer von „Geldes Gnaden“ eingesetzten, besitzenden und herrschenden Klasse und damit einer gesellschaftlichen Minderheit, deren Bild von der Wirklichkeit der Mehrzahl der Menschen arg verzerrt ist. In der jüngeren Zeit hat erst das Internet einen Raum geschaffen, der zu einer gewissen Demokratisierung der öffentlich zugänglichen Mitteilung führte — und damit sehr schnell Begehrlichkeiten nach einer Unterdrückung des Mitgeteilten bei den Besitzenden und Herrschenden erweckte. Eingang in spätere Geschichtsbücher werden diese Mitteilungen wohl nur in wenigen Ausnahmefällen finden, wenn überhaupt.

Aber was die Vergangenheit betrifft, ist die Situation nicht gänzlich verloren, gibt es doch Spuren der Lebenswirklichkeit breiterer Massen, die aber ebenfalls nur selten den Weg in Geschichtsbücher finden. Ganz genau so, wie die heutigen Versuche einer gesetzlichen Zensur des Internet die vor unser aller Augen erwachsene Bedeutung des Internet in die Zukunft widerspiegeln werden, sind vor allem willkürlich erscheinende, gesetzliche Verbote aus der Vergangenheit ein Spiegelbild der Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Menschen in jener Zeit. Zum Beispiel wurde in der Stadt Bern im Jahre 1367 das Kartenspielen vollständig verboten; dieses nicht, ohne dass dabei in zeittypisch frömmelnder Form ein Stock Spielkarten als „Gebetbuch des Teufels“ gebrandmarkt wurde. Und das legt ein deutliches Zeugnis davon ab, wie bedeutsam die allgemeine Entspannung im Kartenspiele für viele Menschen im 14. Jahrhundert war. Kein Zufall ist es, dass die Bilder des Kartenspieles ein Abbild des Hofstaates waren und bis heute geblieben sind. Das Spielen mit diesen sonst so unantastbaren Symbolen der Herrschaft und damit der als tägliche Unterdrückung fühlbaren Gewalt — sicherlich auch in den damaligen Wirtshäusern unter Verwendung einer oft sehr derben Sprache — verschaffte den in Wirklichkeit wohl eher mit Zwang geknuteten „Untertanen“ ein gewisses Maß subjektiv wirksamer Erleichterung, die als psychische Aushöhlung der Herrschaft einer Minderheit über die Mehrzahl der Menschen nicht geduldet werden sollte und deshalb kriminalisiert und verteufelt wurde.

Ein solcher Hauch des anarchistisch Unanständigen, die Herrschaft Verspottenden und Ablehnenden in der Dynamik eines Kartenspieles lässt sich bis heute erleben, wenn man nur einer Runde Doppelkopf lauscht. Da meldet der eine seine „Schweinehochzeit“ an, während ein anderer Spieler beim Ausspielen seines zweiten Karo Königs breit grinsend „genschert“ und sich — obwohl die „Hochzeit“ mit den beiden „Alten“ (Kreuz Damen) schlicht den „ersten Fremden“ genommen hat — einfach seinen Spielpartner für diese Partie aussucht. 😉

Im Zeitalter des industrialisierten Mordens hat die herrschaftliche Gewalt freilich ein anderes Gepräge bekommen, und die BR Deutschland ist ein weltweit bedeutsamer Exporteur von Kriegswaffen. Und. Die mit Geld vollgesogene und reichlichem Einfluss ausgestattete Industrie, die diese Mordgeräte herstellt, wird von den Darstellern der staatlichen Macht umhätschelt und begünstigt. Ist es da ein Wunder, wenn die realitätsnahe, spielerische Aufbereitung bewaffneter Kampfhandlungen am Computer als „Killerspiele“ verteufelt wird und mit Verboten kriminalisiert werden soll, während das Mordsgeschäft weiterläuft und die Bundeswehrmacht schon an den Schulen um „Menschenmaterial“ werben soll?