Tag Archive: Geldherrschaft


Zitat des Tages

Aber was machen daraus etwa die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF? Sie haben keine Bilder für die Krise gefunden und damit auch keine Haltung. Immer nur sind die hektischen Krisenmanager in Brüssel zu sehen, wie sie dicken Autos entsteigen oder in dicke Autos einsteigen – eine Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen.

In der BBC dagegen, ich erinnere mich noch fast an jedes Bild, an jeden Satz, gab es schon sehr früh in der Krise einen Bericht über ein älteres italienisches Ehepaar, das sich erhängt hatte, weil es seine Schulden nicht mehr zahlen konnte.

Georg Diez bei Spiegel Online — Griechenland in deutschen Medien: Immer voll auf Merkel-Linie

Griechenland

“Tja”, sagte der Vorübergehende zum die Medien wiederkäuenden Empörten, “es sieht ein bisschen so aus, als würde sich Griechenland entkolonialisieren wollen”.

Der Heilige Schein, so betet ihn an!

“Ich lebe mit dir zusammen in einer Welt”, sagte der Vorübergehende zu seiner Begleiterin, “in der die Menschen einerseits so christlich sind, dass sie einem Muslim die Mitgliedschaft in einem christlichen Schützenverein verwehren, in dem die Menschen andererseits aber so wenig von den eh schon spärlich überlieferten Worten Jesu gelesen haben, dass sich niemand auch nur spürbar darüber verwundert, wenn ausgerechnet so eine menschenverachtende, blut- und schweißschlürfende Form des institutionalisierten Vampirismus wie eine Bank unter dem hübschen, frommen Namen ‘Heiliger Geist’ firmiert. Und dieses Desinteresse an allem, was dieser Jesus jemals gesagt haben soll. Und dieser in dumpfer Angst wurzelnde und deshalb unbegründbare Hass gegen alles Fremde und Andere. Das. Ja. Genau. Das. Ist. Die christliche Religion und das Wertesystem der gegenwärtigen Gesellschaft”.

Schade eigentlich…

Schade eigentlich, dass es im Rechtssystem der BRD eine strafbefreiende Selbstanzeige nur im Steuerrecht gibt…

Harald Lesch: Das perfekte Verbrechen

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Zitat des Tages

Ein System, das sich am Grundsatz “Lassen wir unser Geld arbeiten” orientiert, in dem daher die Banker über die Unternehmer, die Finanzökonomie über die Politik und die marktreligiösen Geistesgrößen über handwerklich Denkende dominieren, zerstört sich selbst.

derstandard.at — Spekulanten als Sargtischler der Altersvorsorge

Vom politischen Wert

Wer verstehen möchte, warum Deutschland (und auch Europa) in dem Zustand ist, in dem es jetzt ist, braucht sich nur eine einzige Tatsache zu vergegenwärtigen: In der laufenden “Krise” wurde von der Bundesrepublik Deutschland innerhalb eines einzigen Jahres mehr Geld zur Profitsicherung von privatwirtschaftlichen Kreditinstituten aufgewändet oder mit staatlichen Garantien besichert, als innerhalb der gesamten Existenz der Bundesrepublik Deutschland staatlicherseits für Bildung erübrigt wurde.

Journalismus

Journalismus: Schreibtischtäterhandwerk, Zustandszement, Propaganda, Lüge: Reiche Menschen bezahlen reichen Verleger dafür, dass sie die Mittelschicht glauben machen, die Armen und Mittellosen seien an allem schuld.

“Selbstmord” nennen es die Bauchrednerpüppchen der Banken (Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank) und sprechen davon, dass das gesamte “Rettungspaket” nun wieder in Frage steht (Benjamin Schröder, Commerzbank) und dass die Geduld der Staatengemeinschaft jetzt aufgebraucht sei (Christoph Weil, Commerzbank).

Was treibt ihnen so harte Worte in den Mund? Es sind die Pläne des griechischen Regierungschefs Giorgos Andrea Papandreou, über das so genannte “Rettungspaket” eine Volksabstimmung durchführen zu lassen; einfach mal die Menschen zu fragen, die von den kommenden Maßnahmen am stärksten betroffen sind. Dies weniger, um damit eine “demokratische” Legitimation zu erhalten, sondern eher, um die eigene Position zu stärken. Herr Papandreou scheint sich recht sicher zu sein, dass eine breit angelegte Kampagne, in der die Probleme der Herrschenden und Besitzenden in Ängste und Sorgen der ganzen Bevölkerung umgewandelt werden, schon das richtige Ergebnis hervorbringen wird — mit Kampagnen hat man in der classe politique ja Erfahrungen. Auf der Seite der Banken, die von diesen so genannten “Rettungspaket” am stärksten profitieren werden, ist man sich offensichtlich weniger sicher und scheint eine sehr genaue Vorstellung davon zu haben, welches Ergebnis herauskommen würde, wenn man die Menschen nur einmal befragte. In dieser Vorstellung, die sich in solchen manipulativen Suizidmetaphern und in der ätzväterlichen Rede vom “gerissenen Geduldsfaden” niederschlägt, spiegelt sich wiederum sehr genau die Demokratiefeindlichkeit und Menschenverachtung des gesamten Bankenbetriebes. Wenn zusätzlich ein Wochenmagazin wie “Der Spiegel”, das ja zu gern ganze Seiten seiner Printausgabe für die Vierfarbdrucklügen der großen Kreditinstitute zur Verfügung stellt und allein damit über jeden Verdacht der Unabhängigkeit erhaben ist, auf seiner Webpräsenz gleich zur Wahl ohne Alternative aufruft…

VOTE! Drohende Staatskrise - Primier Papadreou lässt die Bevölkerung über das EU-Rettungspaket abstimmen? Kann Griechenland danach noch der Euro-Zone angehören?

…passt das nur zu prächtig in diese Chuzpe.

Nachtrag: Bei “Print Würgt” weiterlesen

An die weniger vornehmen

Es gibt drei Aristokratien:

1) die der Geburt und des Ranges,
2) die Geldaristokratie,
3) die geistige Aristokratie.

Letztere ist eigentlich die vornehmste.

Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit

Auswärtiges Denken

Ursprüngliche Akkumulation heißt ja, nicht durch Arbeit, sondern durch Raub, Gewalt, Verbrechen und Korruption, aber auch durch subtile Mittel der Überredung, Verwirrung und allerlei indirekte Betrügereien an Geld zu kommen – also beispielsweise durch finanzielle Zaubertricks usw. Und ist das nicht ein toller Dreh: den Staat und damit die Steuerzahler zu veranlassen, Schulden über Schulden zu machen, und damit ja uns alle zu Schuldnern – ohne dass die Gläubiger sichtbar werden? Über die Identität der Gläubiger des Schuldners Staat wird ja praktisch nie gesprochen. Der Bund hat eine Billion Euro Schulden. Im kommenden Jahr müssen allein für die Zinsen im Haushaltsplan 40,4 Milliarden Euro angesetzt werden. Nach dem Sozialbudget (147 Milliarden Euro) ist dies der zweitgrößte Ausgabeposten im Budget der Bundesregierung. Wer also sind die Gläubiger, die vom Staat, dem sichersten aller Schuldner, Jahr für Jahr sichere 40 Milliarden an Zinsen einheimsen? Es sind nur in kleinem Umfange die Banken selbst, die agieren ja in erster Linie als Vermittler. Tatsächlich landen die Zinsen zum allergrößten Teil in den Taschen der Vermögenden, der Reichen. Das ist eine der sichersten Formen der Umverteilung von Reichtum und der Akkumulation von Superreichtum. Sie steht — mit den Fuggers, den Welsers usw. — am Anfang des Kapitalismus, sie hat sich durch dessen Geschichte geschlichen, und sie steht möglicherweise am Ende des Kapitalismus in seiner bisherigen Gestalt.

Hans Jürgen Krysmanski
Hier lesen und hier weiterlesen!

[via Perspektive 2010]

L’hôpital froid

Vorweg

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen; wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen ja doch aus gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, aber noch nicht vom Selbsthass zerfressen ist und noch ein Gefühl für seine eigene Würde als Mensch hat, der sollte vor allem auf eines achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren wird, dort, wo sich Sallstraße und Marienstraße treffen. Vielleicht sollte er auch die anderen Häuser des Henriettenstiftes, etwa in Kirchrode, meiden, aber dazu kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen.

Und er sollte sich niemals von irgendjemandem einreden lassen, dass es sich beim Henriettenstift zu Hannover (betrieben von der Diakonie) um eine gute Wahl und um ein gutes Krankenhaus handelt. Niemals!

Kälte

Sie ist über siebzig Jahre alt, und ich hoffe sehr, dass sie noch lebt, denn ich mag sie. Ein besonderes Vertrauen in die Herzmetzgerei Henriettenstift habe ich nicht, deshalb kann ich nur hoffen. Sie ist natürlich schon etwas hinfällig, denn Menschen werden nun einmal etwas hinfällig, wenn sie alt werden. Die Jahre gehen über den Körper, die Krankheiten sammeln sich an, der vergangenen Freuden verblassen über die Last des Daseins, das Leben wird zur Quälerei — der siechvolle Sterbeprozess ist im gleichen Maße tabuisiert wie der Tod selbst, während rundumher die großen, bunten Werbetafeln von Aktivität und Jugend schreien. Der erste falsche Glaubenssatz des Konsumismus lautet: Vergessen macht frei.

Sie wollte rausgehen, in die stinkende Stadt der tausend Dröhne. Ein Weg zur Bank, um die Katastrophe ihres Kontoauszuges zu betrachten und ein paar Dinge zu erledigen, denn die Frucht eines Lebens voller Arbeit reicht hinten und vorne nicht. In der U-Bahn-Station bemerkte sie plötzlich, dass ihr der gesamte rechte Teil des Gesichtsfeldes ausgefallen war, dass sie nur noch verschwommen sah und dass ihre Sicht von Schlieren, schwarzen Bereichen und Wellenmustern überlagert wurde. Deshalb ging sie wieder zurück, ängstlich (wer wäre das in so einer Situation nicht) und verunsicherten Schrittes stapfte sie durch den Schnee. Zurück. Nur ankommen.

Sie wollte nicht krank sein. Sie weinte laut und hemmungslos, weil sie sich die medizinische Behandlung finanziell nicht mehr leisten kann. Zur Vernichtungsangst, die mit einem solchen Ausfall einher geht, gesellte sich die Existenzangst, die dem Armen aufkommt, wenn weitere, unerwartete Kosten eine ganze Monatsplanung zerstören, wenn absehbar wird, dass am Ende des Geldes wieder einmal so viel Monat übrig sein wird. Und die Angst, dieses lähmende Gift der Seele, macht ihrerseits die Symptome einer Krankheit grausamer. Ein Höllenkreisel der Psyche, der sich selbst stabilisiert. Ihr Tag hatte gut und kraftvoll begonnen, doch nun war sie ein Häuflein Elend, weinend, markerschütternd weinend, unartikuliert wie die Stimme eines kleinen Kindes aus dem Munde eines Erwachsenen. Sie weinte auch noch, als sie schließlich von ihrer Angst angetrieben den Notarzt anrief, sie war so fertig, dass ihr sogar die sonst so klare Stimme im Munde zerbrach. Dort bestellte man gleich die Rettungssanitäter der Feuerwehr, denn am Telefon musste sich der Verdacht auf einen Schlaganfall aufdrängen.

Ich war dabei, redete auf sie ein, versuchte verzweifelt, etwas Ruhe in ihren schrecklichen Zustand zu bringen, hielt ihre Hand, versuchte mit Worten, an das einzige Mittel gegen die Angst zu appellieren, dass einem Menschen zur Verfügung steht, an die Vernunft. Auch die professionellen Helfer aus dem feuerroten Wagen ließ ich hinein, und sie taten das, was sie wohl immer in einer solchen Situation tun. Sie stellten einige Fragen nach dem Verlauf und beobachteten aufmerksam, ob irgendwelche Ausfälle erkennbar wurden, die auf einem Schlaganfall hindeuteten; sie prüften, ob beide Hände die gleiche Kraft beim Druck ausüben; und sie maßen flugs den Blutdruck, der in dieser Situation natürlich erschreckend hoch war. Dann sollte sie ins Krankenhaus, damit ihr von einem Arzt geholfen werden kann, und ich fuhr mit. So kamen wir an der Notaufnahme des Henriettenstiftes an.

Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Der Schnee fiel, verdichtete sich durch Kompression auf den Straßen und Wegen zu Eis, und Unfälle aller Art waren häufig. Die Notaufnahme des Krankenhauses war dementsprechend überlaufen, und die dort arbeitenden Menschen waren überlastet und konnten des Ansturmes nicht richtig Herr werden. Dennoch tat jeder sein Bestes in dieser Situation. Wo wenig Menschen viel Arbeit verrichten müssen, da verrichtet der einzelne Mensch eben zu viel Arbeit, man muss im Zeitalter der totalitären Verwirtschaftung ja überall sparen, und Personalkosten sind da ebenfalls ein Teil. Es war ein kalter Wintertag mit ordentlichem Schneefall, ganz so, wie es die Wettervorhersage vorhersagte. Es war auch ein seelisch kalter Tag, wie alle 365 Tage des Jahres im kalten kalten Königreich des Mammons.

Die mehrstündige Wartezeit an der Notaufnahme, bis dann endlich ein Arzt im Notdienst die Zeit für eine erste Begutachtung entbehren konnte — immerhin bei einem Verdacht auf Schlaganfall — ist also durchaus verständlich. Für jeden, der aus der Sicht der Rationalisierung und der Verherrlichung des Geldwertes für alles Verständnis aufzubringen vermag. Wer, anders als sie, über Geld verfügt, wird wohl zumindest schneller, vielleicht gar etwas besser behandelt und erhält eine größere Chance, zu überleben. Den Wert eines Menschenlebens drückt man im Königreich von Merkel, Schröder, Steinmeier, Westerwelle und der INSM am trefflichsten in Euro aus. Der Rest. Ist Schweigen und eine Kollektion wohlklingender Worte ohne weitere Verpflichtung, eine Sonntagsrede von Menschenwürde und Lebensrecht. Immerhin war gut geheizt. Und wer sich während der Wartezeit noch die Beine vertreten konnte, der fand überall im öffentlichen Bereich dieses Krankenhauses die Hochglanzwerbung für dieses Krankenhaus, in Wort und photoshopretuschiertem Bild faselnd von allerlei Werten und sonstigem Zeug.

Immerhin, nach etwas über viereinhalb Stunden des Liegenlassens einer von Vernichtungsangst gequälten, alten Frau kam es zu einer ersten Begutachtung durch eine Fachärztin des Krankenhauses. Die neurologische Untersuchung war, so weit ich das als medizinischer Laie beurteilen kann, gründlich und kompetent, und der verfügbare diagnostische Apparat des Krankenhauses kam zum Einsatz, einschließlich einer CT. Der Krankenkasse gegenüber soll ja etwas abgerechnet werden, und auf dieser Rechnung erscheinen nicht Würde und Menschlichkeit, sondern die erbrachten “Leistungen” des Hauses. In der Mischkalkulation, die ein paar Ebenen höher gemacht wurde, um diese medizinische Fabrik zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen zu machen, ist es wieder einmal aufgegangen, und dieses Mal musste nicht ein ausgewanderter Puls von der Liege auf die Bahre gewuppt werden. Obwohl ich Krankenhäuser hasse, war ich doch froh, dass ich mitgekommen war, denn sonst hätte dort ein Mensch viereinhalb Stunden geängstet und wimmernd herumgelegen, ohne dass sich jemand in der emsigen Betriebsamkeit dieses hôpital froid die Mühe gemacht hätte, eine nicht abrechenbare “Leistung” wie ein menschliches Wort oder gar eine gehaltene Hand zu erbringen.

Man hat ja keine Zeit, und alles ist so viel Arbeit heute. Jeder tut, was zu tun ist, und niemand ist für das Gesamte verantwortlich. Mit den gleichen Prinzipien, mit denen die Prozesse eines größeren, gut durchrationaliserten Betriebes durchgeführt werden, könnte man auch ein KZ betreiben, schoss es mir irgendwann durch den Kopf, als ich mich selbst in Zynismus flüchtete, um den stumpfen Zynismus, der mich umgab, ertragen zu können.

Geldschneiderei

Als es endlich so weit war, dass eine Fachärztin da war, wurden wir beide froh, dass das Warten in Quälerei ein Ende finden sollte. Auch sagte ich zu ihr, die außer einem Frühstück vor dem geplanten Weg in die Stadt noch nichts gegessen hatte und inzwischen auch ein sehr flaues Gefühl im Bauche hatte, dass sie wohl bald wenigstens etwas essen könnte — denn auch die körperlichen Bedürfnisse eines Menschen, so sie nicht direkt gegenüber der Krankenkasse abrechenbar sind, spielen im Betrieb des Krankenhauses keine besondere Rolle. Es gibt ja einen überteuerten Kiosk und einen Automaten, an dem sich die Menschen allerlei junk food zu gesalzenen Preisen kaufen könnten, wenn sie sich das noch leisten können.

Ich war so zuversichtlich, weil mir schon vorher klar war, zu welchem Ergebnis die Ärztin in ihrer Untersuchung kommen würde, und zwar völlig unabhängig von den Zahlen und Bildern, die von den Geräten ermittelt werden. Natürlich sollte sie im Krankenhaus bleiben, obwohl es keinerlei Anzeichen für einen Schlaganfall gab (und es sich wohl eher um eine vorübergehende Durchblutungsstörung im visuellen Cortex handelte — die eigentlichen Symptome hatten längst deutlich nachgelassen), damit das noch ein paar Tage lang “beobachtet” werden kann. Dies ist ja schließlich eine “Leistung” des Krankenhauses, die mit der Kasse abgerechnet werden kann, und nur dafür wird der ganze Betrieb ja betrieben. Jede andere ärztliche Auffassung hätte das Bild in meinem Kopfe, das sich durch die schlichte Betrachtung dessen, was mich umgab, immer dinglicher ausformte, zerschmettert.

Und natürlich sollte es gleich auf die stroke station gehen. In ein “paar Minuten” sollte sie zur intensivmedizinischen Überwachung auf die Station gebracht werden. Und. Ja, sie bekäme dort auch etwas zu essen.

Die “paar Minuten” dehnten sich zu weiteren zweieinhalb Stunden auf einer unbequemen Liege in der Notaufnahme. Zweieinhalb Stunden, in denen sich niemand um eine alte Frau kümmerte und — auf explizite Ansprache — niemand für sie “zuständig” war, deren Zustand immerhin von einer Fachärztin als so ernst eingeschätzt wurde, dass er der intensivmedizinischen Überwachung bedürfe. Allein diese Vorgehensweise legt den Gedanken aufdringlich nahe, dass der Zustand so ernst wohl doch nicht gewesen sein kann, dass die Verkabelung des Körpers mit einer Reihe von Messgeräten nur vorgenommen werden sollte, um ein paar wirklich teure Tage mit der Kasse abzurechnen. Unterdessen hätte sie dort wimmernd auf der Liege verrecken können, es hätte wohl niemanden interessiert. Und niemand hielt es für nötig, ihr oder mir etwas darüber zu sagen, wie lange es noch dauern würde und worin der Grund für diese Verzögerung läge. Jeder tat, was er zu tun hatte und wofür er bezahlt wurde, und niemand war verantwortlich für die entstehende, unmenschliche Gesamtheit des Ablaufes.

Nach deutlich über anderthalb Stunden des weiteren Wartens — niemand unterstelle ihr oder mir einen Mangel an Geduld! — hatten wir es satt. Sie war inzwischen sehr unruhig geworden, die schlimmsten Symptome hatten nachgelassen und so konnte sie bemerken, wie sie als hilfloser Mensch zu einer reinen Wirtschaftsmasse aus noch zuckendem Fleisch, zu einem Objekt der Rechnungsstellung geworden war. Wir beschlossen, einfach zu gehen, die nächste Taxe zu nehmen — weder ich noch sie hatte auch nur das Geld dafür — und diese Hölle zu verlassen. Um zu erkennen, dass die angeordneten “medizinischen Maßnahmen” reine Geldschneiderei gegenüber der Krankenkasse waren, dass sie mit einer beachtlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem wirklichen medizinischen Zustand und dem leidenden Menschen angeordnet wurden, bedurfte es keiner besonderen mentalen Befähigung und keiner medizinischen Fachkenntnisse mehr. Die offen herumliegende Mappe mit den Untersuchungsergebnissen (ich habe sie in den vielen Stunden sehr sorgfältig durchgelesen, sie enthielt für meine laienhaften Augen in viel medizinischer Fachsprache verpackt immer wieder die Feststellung, dass es keinerlei messbare medizinische Auffälligkeit gibt) wollten wir einfach mitnehmen, um im Zweifelsfall handfestes Belegmaterial zur erlebten Willkür und Unmenschlichkeit zu haben. Angesichts der Tatsache, dass ich im Begriffe war, mit einem Menschen das Krankenhaus zu verlassen, für den gerade ärztlich eine intensivmedizinische Überwachung angeordnet wurde, stand ich mit diesem Entschluss ja mit einem Bein im Gefängnis, wenn nur irgend etwas passiert — und die Unmenschen, die diesen Betrieb aufrecht erhalten, werden ihrerseits niemals ein Gefängnis von innen sehen, egal, was passiert. Da sichert man sich gern gegen jede Eventualität ab, wenn man noch Restfunktionen des Verstandes hat.

Natürlich war sie nach den zermürbenden, inzwischen mehr als sieben Stunden des Wartens, nach der ausgestandenen Todesangst, nach einem Tag ohne Essen, nach einer völlig entwürdigenden, kalten und unmenschlichen Behandlung einfach… nur noch fertig, schlaff, hilflos, gar von einer gewissen Sehnsucht nach dem Tod erfüllt, ihre Stimme kraftlos, die Müdigkeit überwältigend. Angst, Hunger und seelische Kälte machen eben müde. Und auch ich, der ich “nur” dabei war, zehrte schon längst von den letzten Resten meiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit.

Es war schon sehr erstaunlich, wie auf einmal in dieser Notaufnahme, die sich sonst einen Dreck um einen dort in Not und Todesangst herumliegenden Menschen scherte, Aufmerksamkeit entstand. Auf einmal fühlte sich einer der dort herumlaufenden Pfleger sehr wohl “zuständig” für diesen Vorgang. Zunächst sprach er mich recht energisch an, vielleicht auch, weil er mich für die treibende Kraft hielt und aus seiner täglichen Erfahrung in diesem Betrieb heraus sehr genau wusste, dass die so misshandelten Menschen jede Widerstandskraft verlieren. Als erstes erzählte er mir, dass es die von misshandelte Frau “gleich” auf die Station käme, woraufhin ich erwiderte, dass dieses “gleich” sich schon deutlich über anderthalb Stunden hinzieht und dass es mit der angeordneten intensivmedizinischen Überwachung wohl nicht ganz so wichtig sein könne. Dann versuchte er mir Angst einzujagen mit dem Hinweis, dass ich die ganze Verantwortung trüge, wenn irgendetwas passiert. Ich musste mich wirklich sehr beherrschen, diesem Typen nicht in seine unmenschliche, wirtschaftsfaschistische Fratze zu rotzen und ihm ohne eine Spur von Boshaftigkeit oder Aggression, aber doch klar und entschieden entgegenzuhalten, wie zynisch und unmenschlich das Wort “Verantwortung” aus solchem Mund und in solcher Situation klingt. Zu guter Letzt behauptete er, dass die Mitnahme der Untersuchungsergebnisse doch verboten sei — er sah die Mappe in meiner Hand — und dass ich diese Dokumente aber sofort herausgeben sollte. Ich setzte das grimmigste mir mögliche Gesicht auf und sagte nur, er könne ja versuchen, sich die Mappe zu holen, und ich sags euch, wenn es zum Kampf gekommen wäre, denn säße ich jetzt wegen Totschlages in Untersuchungshaft und würde das hier nicht mehr schreiben und veröffentlichen können. Zu guter Letzt belegte er die gesamte Verrohung und Verrottung seiner stinkenden Seele, indem er einsah, dass seine Standardmethoden bei mir nicht mehr wirklen, mich einfach ignorierte und mit gut geübter Routine auf eine hilflose, geängstete, völlig erschöpfte Frau einredete, die zuvor von ihm und seinen Kollegen so viele Stunden sich selbst überlassen worden war und sich dabei auch nicht zu schade dafür war, mit seinem gefräßigen Fleisch nach ihrer Hand zu grabschen, ihr tief in die Augen zu blicken, sie zum Zurückschauen aufzufordern und wie ein geübter Hyponotiseur monoton auf sie einzureden, offenbar genau wissend, dass von ihr nach stundenlanger Zermürbung durch seelische Misshandlung kein Widerstand mehr zu erwarten ist. Das “überzeugte” sie, und sie ging zurück zu einer weiteren Dreiviertelstunde des Wartens. Er muss viel Erfahrung darin gehabt haben. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, was er da getan hat und wie sehr ich ihn dafür verachte, und ich prägte mir das Gesicht dieses sehr beflissenen Schergen ganz genau ein, man sieht sich ja immer zweimal im Leben. In mir zerbrach eine ganze Welt, und ich musste mich sehr zusammenreißen, nicht auf der Stelle krampfartig zu weinen.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde — die unmittelbare psychische Wirkung der sehr geübt gegebenen Hypnose ließ gerade nach, und sie war zwar noch erschöpfter, hungriger und müder, dachte aber schon wieder daran, dass wir vielleicht doch wie beschlossen gehen sollten — kam sie endlich zum intensivmedizinischen Verdrahtetwerden auf die Station. Es war der gleiche Pfleger, der sie dorthin brachte und der mich nach allen diesen Stunden sogar noch mit seinen Worten daran hindern wollte, dass ich mitkomme — und zwar gegen den Willen der Frau, die er jetzt dorthin bringen sollte.

Er war sehr aufmerksam, als er das kleine kahle Zimmer in der Notaufnahme betrat, er wusste eben, worauf es in solcher Situation ankommt. Sein erster Blick galt dem Tisch mit der Mappe, die er an sich nahm, bevor er auch nur ein Wort sagte — er handelte eben wie jemand, der genau weiß, dass gewisse Spuren nicht an andere Augen geraten sollten, weil sie eben auch Augen öffnen können. Auch das wirkte ausgesprochen routiniert.

Auf der Station

Auf der stroke station (man spricht dort kein Deutsch mehr auf den Schildern) wurde sie dann schließlich von einer freundlichen Assitenzärztin mit den Geräten verkabelt, und ich verabschiedete mich vorher mit einer langen und traurigen Umarmung. Die Ärztin erzählte mir angesichts dieser Szene ihr Märchen von den “guten Händen” in denen die zerschlagene Seele jetzt sei, und ich rang mit den Tränen, als ich ihr kurz und wenig konsistent erzählte, was das für “gute Hände” sind, die wir den ganzen Tag erleben und erleiden durften. Sie zeigte sich ernsthaft entsetzt von den Zuständen, aber diese liegen eben auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches, wie sie sagte. Jeder tut eben nur seine Arbeit, und niemand ist verantwortlich für das sich ergebene Gesamte, der Moloch brennt lichterloh und bratend, die Hände sind in Unschuld und Sterilium gewaschen.

Ich verabschiedete mich von diesem verantwortungslosen Rädchen in der Seelenmühle kurz und so freundlich, wie ich es gerade noch hinbekam. Ich hätte ihr noch vieles mehr zu sagen gehabt, auch darüber, ob es vielleicht ein bisschen mehr in ihrem “Zuständigkeitsbereich” läge, wenn so eine intensivmedizinische Beobachtung eines Patienten ganz offenbar aus reiner Kostenschneiderei angeordnet wird, wenn es so ganz offensichtlich scheißegal ist, wie es dem Menschen ergeht, bis er endlich an die Apparate angeschlossen wird, auf dass die Kasse klingele, die Hauptsache in alledem. Ich war endlich mürbe, wollte nur noch raus und dieses Haus niemals wieder betreten. Raus auf die kalte Straße, um endlich in aller Ruhe für mich zu heulen. Nein, ich wollte nicht mehr, dass mir jemand den Weg nach draußen zeigt, da irre ich lieber selbst durch die (recht gut ausgeschilderten) Gänge des inzwischen still gewordenen Hauses.

Nach einem ganzen Tag unter Sterilität und Leuchtstofflicht trat ich endlich hinaus aus diesem Haus, über dessen hellerleuchtetem Glastor am besten noch die diakonischen Worte “Wer hier eintritt, lasse alle Menschlichkeit fahren” passen. Der Wintertag hatte sich längst in eine kalte Winternacht ergossen, der stobende Schnee schoss mir nass und schwer in das Gesicht. Ich war nur dünn bekleidet, aber ich fror nicht. Es erschien mir draußen, bei minus sechs Grad, sogar körperlich noch wärmer als in diesem Krankenhaus. Erst jetzt spüre ich, wie groß die Anleihe auf meine Gesundheit ist, die ich genommen habe.

Zum Schluss

Wer krank und hilflos ist, aber es noch irgendwie schafft, einen eigenen Willen zu äußern und durchzusetzen, der soll dies bitte und um seiner eigenen Würde willen tun! Wer von beflissenen Rettungssanitätern in ein Krankenhaus verbracht wird, weil ein Arzt dies (zuweilen aus wirklich gutem Grunde) für angemessen und richtig hält, der sollte vor allem anderen auf eines dabei achten und bestehen, und zwar so energisch wie nur irgend möglich: Dass er niemals, niemals, niemals in das Henriettenstift in Hannover gefahren werde, dort, wo sich die Sallstraße und die Marienstraße in der Südstadt treffen. Es ist kein Ort für Menschen.

Alles, was ich hier beschrieben habe, habe ich gestern selbst so erlebt, wie ich es beschrieben habe. Ich habe gegen das Schweigen geschrieben, das so erwünscht ist, gegen die Verdrängung, gegen das “Vergessen macht frei” als eine kranke Haltung, die kranke Zustände erhält. Jeder Mensch kann einmal in die Situation kommen, hilflos einer solchen Mühle ausgeliefert zu sein, und nur die wenigsten werden in diesem Betrieb aus sich selbst heraus und noch krank die Kraft haben, dem kalten Irrsinn ihrer totalen Verwirtschaftung zu widerstehen. Lasst euch nicht durch die künstliche Sprache der Ärztebrut und das ebenso künstlich erzeugte Ansehen dieses Packs verblenden, und versucht, die Dinge bei ihrem Namen zu benennen! Die künstliche Sprache der Mediziner kennt jeder, der schon einmal mit einem Mediziner gesprochen hat, und das künstlich erzeugte Ansehen ist sogar in die Alltagssprache übergegangen, wenn der Pfusch eines Arztes eben nicht als “Pfusch” (ist ja auch “nur” ein Mensch), sondern als “Kunstfehler” bezeichnet wird. Zuweilen hört oder liest man dann hinterher auch noch die Worte “Die Wege Gottes sind unergründlich” — hier schließt sich dann der bittere Kreis zur Diakonie.

Wer glaubt, das von mir beschriebene sei ein “Einzelfall” und klinge nur durch Verkettung einiger unglücklicher Umstände so böse, der hat nicht miterlebt, wie geübt dieser Einzelfall von allen Beteiligten herbeigeführt wurde. Hinter dieser Routine muss eine lange Erfahrung stehen, auch eine lange Erfahrung darin, wie man Menschen bricht, die ihr Recht einfordern, als Mensch behandelt zu werden.

Und nein! Die so genannte, von Quacksalbern, windigen Geschäftemachern und immer mehr auch von Apothekern betriebene, auf Aberglauben und primitiver Magie basierende “Alternativmedizin” ist keine Alternative. Die einzige Alternative ist es, dass Menschen wieder wie Menschen behandelt werden, weil es ihnen — verdammt noch mal! — als Menschen einfach zusteht. Das ist auch mit einer Medizin möglich, die den körperlichen Tatsachen verpflichtet ist, es wäre sogar im Betrieb eines Krankenhauses möglich, wenn dort auch die psychischen Tatsächlichkeiten des Menschen geachtet würden und aus dem Hilflosen nicht einfach nur ein verwurstbares Wirtschaftsobjekt gemacht würde, das man in seiner Not mit Füßen tritt. Es ist nicht gewünscht. Zumindest nicht. Im Henriettenstift in Hannover. Der Rest ist von professionellen Werbern auf Hochglanzpapier gestempelter Schönsprech, also Lüge.

Für M.
Ein Detail habe ich in meinem Bericht nicht erwähnt, obwohl ich es ebenfalls bemerkenswert finde. Niemand ist in diesen ganzen Stunden in einem Haus mit Schränken voller wirksamer Medikamente auf die an sich nahe liegende Idee gekommen, ein Psychopharmakon gegen die schreckliche Angst zu verabreichen. Ich habe es nicht weiter erwähnt, weil ich auf dem Hintergrund meiner Kenntnisse nicht beurteilen kann, ob es sich hierbei um eine medizinisch begründete Entscheidung handelt. Angesichts der völligen Gleichgültigkeit einem Menschen und seinem Elend gegenüber, die ich über Stunden hinweg miterleben durfte, halte ich es aber eher für wahrscheinlich, dass an so eine Hilfe jenseits der eigentlichen Rechnungsstellung einfach “nicht gedacht” wurde, dass das Leiden der Menschen im Betrieb des Krankenhauses einfach nur egal ist. Doch ich bin mir darin in diesem einen Punkt nicht sicher, ob die Gabe eines Psychopharmakons ein Untersuchungsergebnis verfälschen kann, deshalb habe ich mich auf das unzweifelhaft Kalte, Widerliche, Unmenschliche beschränkt.

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