Denkt daran, dass Glaube und Zweifel nicht zur selben Zeit in den Gedanken existieren können, denn das eine wird das andere verdrängen. Sollte Zweifel an eurer Tür klopfen, dann sagt zu diesen skeptischen, rebellischen Gedanken: „Ich will bei meinem Glauben bleiben und bei dem Glauben meines Volkes. Ich weiß, dass es dort Glück und Zufriedenheit gibt und ich verbiete euch, agnostische, zweifelnde Gedanken, das Haus meines Glaubens zu zerstören. Ich gebe zu, dass ich den Werdegang der Schöpfung nicht verstehe aber ich akzeptiere deren Tatsache. Ich gestehe ein, dass ich die Wunder der Bibel nicht erklären kann und ich werde nicht versuchen, das zu tun aber ich akzeptiere das Wort Gottes. Ich war nicht mit Joseph Smith aber ich glaube ihm. Mein Glaube kam nicht durch Wissenschaft zu mir und ich werde der sogenannten Wissenschaft nicht erlauben, ihn zu zerstören.“

Thomas S. Monson
Apostel in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen)

Jede religiöse*** Gemeinschaft möchte das „Denken“ ihrer Mitglieder so formen, dass es nach den folgenden Regeln abläuft:

  1. Gute Gefühle über die Glaubensgemeinschaft bestätigen die Wahrheit all dessen, was in der Glaubensgemeinschaft als „Wahrheit“ angenommen wird. Die Anwendung des Verstandes und eine nachvollziehbare, belegte und den Tatsachen verpflichtete Argumentation sind ungeeignete Mittel zur Wahrheitsfindung. Erfahrene, vorbildhafte Anhänger der Glaubensgemeinschaft benennen ihre guten Gefühle einfach als die Einsicht in die „Wahrheit“ durch die Gegenwart und Offenbarung Gottes*; der Satan** hingegen ist für alle ihre schlechten Gefühle verantwortlich. Diese recht kindische Haltung wird in allen Schriften und sonstigen Mitteilungen der Glaubensgemeinschaft als vorbildlich und nachahmenswert dargestellt.
  2. Sollten die guten Gefühle einmal bei jemanden ausbleiben, denn hat er etwas falsch gemacht. Dieser Fehler ist eine Schuld. Zum Beispiel hat er über die religiösen Grundlagen oder einige besonders abstruse Lehren in der Glaubensgemeinschaft nachgedacht, statt einfach daran zu glauben und sich an den guten Gefühlen zu erfreuen, die durch diesen Glauben erst ausgelöst werden. Diese „falsche Haltung“ wird innerhalb der Glaubensgemeinschaft „Zweifel“ genannt, sie kommt vom Satan** und ist sehr gefährlich.
  3. Wenn ein Anhänger einer Glaubensgemeinschaft beim sorgfältigen Untersuchen eines beliebigen Themas zu einer Auffassung kommt, die dem guten Gefühl angesichts der religiösen*** Deutung dieses Themas widerspricht, denn ist das gefühlsmäßig bestätigte „Ergebnis“ vorzuziehen und als „Wahrheit“ zu betrachten. Das leicht manipulierbare Gefühl eines Menschen — eine schwankelmütige, psychische Erscheinung, die sich schon durch ein bisschen Musik oder Atmosphäre beeinflussen lässt — ist ein wichtigerer Anzeiger für die „Wahrheit“ als jede wissenschaftliche Erkenntnis und als jede Einsicht, die sich beim Betrachten des Offensichtlichen selbst einem Kinde als naheliegend aufdrängte.
  4. Phasen der persönlichen Niedergeschlagenheit, Verwirrung, Angst, Unruhe und der von diesen unguten Gefühlen ausgelöste Drang zum Denken sind in Umkehrung des letzten Punktes deutliche Zeichen dafür, dass man sich mit der „Unwahrheit“ beschäftigt. Dieser Zustand wird durch das erneute Anlegen der Scheuklappen des Glaubens beendet, die dabei aufkommenden guten Gefühle werden als göttliche* Bestätigung des Glaubens betrachtet. Diese Erfahrung muss anderen mitgeteilt werden, damit diese auch wissen, wie sie sich zu verhalten haben, sollten auch ihre Verstandesfunktionen einmal unwillkürlich einsetzen. Um diese ganz normale und angemessene Reaktion auf eine permanente intellektuelle Zumutung zu behandeln, verfügt jede Glaubensgemeinschaft über ein ganzes Instrumentarium von monotonen, hypnotischen Techniken, die wieder gute Gefühle und einen sedierten Verstand verursachen können; vom Rosenkranz bis zum Fernseher.
  5. Jedes schlechte Gefühl über die Gesamtheit des Glaubenssystemes, und sei es auch noch so winzig und dumpf, ist äußerst gefährlich. Es ist ein Zeichen, dass erhebliche persönliche Missstände vorliegen, die durch Glauben bearbeitet werden müssen.
  6. Wenn die Führer der Glaubensgemeinschaft ihre Auffassungen zu einem Punkt verkündet haben, ist das weitere Nachdenken darüber beendet. Führer gibt es immer, auch dort, wo so getan wird, als gäbe es keine Führer.

* Der verwendete Gott ist austauschbar. Es kann auch ein unpersönliches kosmisches Prinzip sein oder die Auffassung, dass Menschen durch Besitz und Konsum glücklich werden.

** Der verwendete Satan ist ebenfalls austauschbar. Er kann auch der Kommunismus sein, der Islam, die Aufklärung oder schlicht die Weltverschwörung. Ein Feindbild ist erforderlich, da sich die daran gebundene psychische Energie (sie stammt aus dem vom hier beschriebenen Prozess verursachten Selbsthass) leicht auf Personen übertragen lässt, was unendlich praktisch ist, wenn man Menschen zum Kämpfen bringen will, ja, selbst zum Kämpfen gegen ihre eigenen Interessen, gegen ihr eigenes verdammtes Lebensrecht.

*** Die verwendete Religion ist ebenfalls austauschbar. Die meisten modernen Religionen geben sich materialistisch. Die angewendeten religiösen Prinzipien bleiben — wenn auch oft mit geringerer Innerlichkeit — die gleichen.