Tag Archive: Gedanken


Richtung und Garheit (21)

Bitte langsam sprechen — Wenn man das Wort „Kapitalismus“ langsam genug ausspricht, so dass sich im Sprechen sein Geschmack auf der Zunge entfalten kann, denn stellt die fühlbar gewordene Sprache das Vertraute im fremden Wort her, indem das Ohr „Kapital ist Mus“ hört.

Theater — Jedes Mal, wenn irgendwo unter dem alles erstickenden Tuch des Familiären ein schreckliches Verbrechen geschieht, offenbaren die Medien der Contentindustrie ihren Charakter. Sie sprechen in ihrer Berichterstattung von einem „Familiendrama“ oder von einer „Tragödie“, beides dem Theater und dem Film entlehnte Begriffe. In dieser Wortwahl spiegelt sich trefflich das Dargebotene als eine Inszenierung; nicht etwa die berichtete Tat, sondern ihre unterhaltsame mediale Aufbereitung.

Recherche — Es ist sehr einfach, den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten zu erkennen. Wenn beide das gleiche tun, sagt der Blogger „ich google„, und der Journalist sagt „ich recherchiere„.

Je me cherche moi-même — Im Vorübergehen ein Schaukasten. Etliche Zettel werben für Quacksalberei und „esoterische“ Angebote. Darunter auch ein Kurs zur so genannten „Selbstfindung“, natürlich gewiss nicht billig. Könnte ein Wort klarer machen, wie entfremdet die Menschen von sich selbst sind? Und könnte ein Angebot klarer machen, wie gut das Geschäft mit der Entfremdung der Menschen von sich selbst ist.

Werbung — Die Werbung ist ein besserer Spiegel der Gesellschaft als jede noch so vorgeblich „kritische“ Reportage in jenen Medien, die sich in erster Linie über den Transport von Werbung finanzieren. Die Werbung muss nur richtig gelesen werden. Jede Lüge der Werber offenbart die Wahrheit, die sich hinter ihr verbirgt. Die vielen Quacksalbereien und „Gesundheitsprodukte“, die darin angeboten werden, sind ein Spiegelbild der allgemeinen Krankheit; die Tatsache, dass Lebensmittel als „ökologisch“ und „biologisch“ angeboten werden, ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass die Menschen vor allem denaturierte und widerliche Nahrung in sich hineinstopfen müssen; die kosmetischen Produkte, mit denen Menschen ihre wahre Erscheinung verbergen, spiegeln die Tatsache, dass jeder Mensch sich nur unter einer Maske in der Öffentlichkeit zeigen kann, die sein wahrstes und innerstes Sein verbirgt; der ständige Appell an „Fitness“ und „Kraft“ ist eine Reflektion der allgemeinen Lethargie und Kraftlosigkeit; die bild- und wortreich beschworene Freiheit spiegelt die umfassende Versklavung und Verknastung der meisten Menschen in einem Käfig von Sachzwängen und existenziellen Ängsten; das allgegenwärtige Ideal der Jugend in allen Bildern ist der trübe Widerschein der Tatsache, dass den Menschen ihre wirkliche Jugend geraubt wird; die in ekstatischen Bildern aufgezeigte Freude des Genusses ist das Gegenbild des allgemeinen Unglücks der lebenden Menschen; die vielen erotischen Angebote und „Partnerbörsen“ geben zutreffend wieder, dass den Menschen befriedigende Sexualität und tieferes Miteinander fehlt; der ständige Verweis auf „billg“ und „sparen“ ist schließlich das Spiegelbild der allgemeinen und stetig zunehmenden Verarmung eines immer größeren Anteiles der Menschen. Man könnte in der Tat eine ganze Zusammenstellung des Pathologischen in der heutigen Gesellschaft mit Bildern und slogans aus der Werbung illustrieren.

Sättigungsbeilage — Auf einer Packung Müllfraß, so genannte „Erdnussflips“, findet sich die Angabe „Mit 32 Prozent Erdnüssen“. Der Denkende fragt sich unwillkürlich, ob die restlichen 68 Prozent wohl Sägespäne seien.

Schule — Die Gebäude einer staatlichen Zwangsschule lassen sich sofort als Schulgebäude erkennen. Ihre architektonische Ästhetik ist nach dem Vorbild der Fabrik geschaffen. Darin spiegelt sich wider, dass das Schulsystem ein Kind des Fabriksystemes ist, dass seine Aufgabe nicht die Vermittlung von Wissen oder gar Bildung ist, sondern die Zurichtung von Menschen zu leicht verwertbaren und leicht austauschbaren Batterien im betrieblichen Produktionsprozess.

Freizeit — Über dem Eingang ein beleuchtetes Schild, Aufschrift „Freizeitparadies“. Es ist eine Spielhalle. Geht man hinein, so sieht man darinnen Menschen, die in scheinbarer Gefühllosigkeit und ohne ein Zeichen besonderer Freude mechanisch Geld in laute, flackernde und schnelle Maschinen werfen. Kein Wort wird miteinander gesprochen, nur ein unterdrückter Fluch ist manchmal zu hören oder eine Bitte beim Wechseln der Banknoten. Wenn das das „Paradies“ ist, möchte man die Hölle gar nicht mehr sehen.

Fiat nox — Die ununterbrochene, nächtliche Beleuchtung der Städte hat für die Menschen in den Städten sogar die Sterne vom Himmel gefegt, nur wenige sind noch sichtbar. Der gestirnte Nachthimmel ist fremd geworden. Kein Wunder, dass diese Menschen allerhand andere „Stars“ anhimmeln.

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Richtung und Garheit (20)

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass sie sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Kurt Tucholsky

Wandlung — Dass Nachgiebigkeit ein Zeichen von Intelligenz ist, stimmt nicht. Der sprichwörtlich „Klügere“ gibt so lange nach, bis er schließlich in dieser Angelegenheit der Dumme geworden ist.

Nichtsblähung — Niemals wird irgendeine Behauptung schon dadurch wahr, dass die Wahrheit der gegenteiligen Behauptung nicht nachgewiesen werden kann. Gott wird nicht existenter dadurch, dass sich seine Nichtexistenz nicht belegen lässt. Aus Unwissenheit folgt… nichts. Aber überall dort, wo Menschen durch gezielte Rhetorik politisch beeinflusst oder religiös missioniert werden sollen, wird dieser logisch nichtsnutze Weg gern beschritten, um aus der Unwissenheit Glauben folgen zu lassen, und aus dem Glauben heraus folgen dann schließlich Menschen einem in Worten verpackten Nichts und vollbringen darin erstaunliche Leistungen der Selbstverleugnung.

Abwehr der Lüge — Der Volksmund sagt aus langer Erfahrung heraus: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“. Damit wird festgestellt, das schon die einmalige Zuflucht eines Menschen zum Mittel der Lüge in einer wichtigen gemeinschaftlichen Angelegenheit Grund genug dafür sein sollte, diesem Menschen gegenüber niemals mehr die soziale Grundhaltung des Vertrauens zu erbringen; dass dieser Mensch also aus jedem vertrauensvollem Miteinander zu entfernen ist. Leider hat der Volksmund nicht die Kraft, zum Volksverstand zu werden, sonst sähe es in Wirtschaft und Politik anders aus, und auch die Journaille würde einen anderen, weniger beklagenswerten Standard pflegen. Doch selbst mit diesem Muskel bliebe dieser Volksverstand schwach, wenn er die Manipulation durch gewiefte Rhetorik nicht der Manipulation durch direkte Lüge gleichstellte. Jeder Versuch, andere Menschen durch das Blendwerk der Lüge oder der scheinlogischen Rhetorik über den Tisch zu ziehen, verdient die volle Ächtung, letztlich den Ausschluss des Lügenboldes aus einer Gemeinschaft von Menschen, die auf ein feines Netz gegenseitigen Vertrauens begründet ist.

Freiheitssklaven — Wenn ein Mensch zu einem anderen Menschen spricht: „Du bist völlig frei in deinen Entscheidungen“, dazu eine Schusswaffe herausholt und ihm sagt, was er zu tun hat, wenn er nicht erschossen werden will, ist jedem klar, das die Bezeichnung des so erzwungenen Handelns als „Freiheit“ ein ätzender Hohn ist. Wenn einem Menschen gesagt wird: „Du bist völlig frei in deinen Entscheidungen“, ihm aber bei Nichtbefolgung sehr enger Vorgaben die Verarmung, die Obdachlosigkeit, der Hunger, die soziale Verelendung und ein Dasein als Bettler angedroht wird, denn handelt es sich um den Freiheitsbegriff der rot-grünen und später großkoalitionären „Sozial“-Gesetzgebung im bestehenden Hartz-IV-Staat, der immer mehr betroffenen Menschen mit „Angeboten, die sie nicht ablehnen können“ kommt.

Phobokratie — Ein geschickter Sklavenhalter wird nur selten zur Peitsche greifen, um sich den Sklaven gefügig zu machen, denn der Schmerz der Peitsche lässt dem Sklaven keinen Raum mehr für seine Illusionen, aus denen er die Kraft für jene Arbeit schöpft, für die er gedingt wurde. Ein geschickter Sklavenhalter wird aber dafür sorgen, dass die Angst vor der Peitsche stets unterschwellig im Kopfe des Sklaven gegenwärtig ist, ohne dass sie dort viel Bewusstsein auslöst. Er wird mit großer Freude sehen, wie sich der Sklave mit der Peitsche im Kopfe selbst zerknirscht, wenn er einmal einen Fehler gemacht hat; er wird ein lobend Wort haben, wo der Sklave stets zuvorkommend die Wünsche seines Herren zu erraten und zu erfüllen versucht, er wird mit Befriedigung feststellen, wie der Sklave die komplette Gewalt der ungleichen Beziehung in seinem Geiste verinnerlicht. Spricht dann jemand die Gewalt in dieser ungleichen Beziehung an, so wird er lachend fragen, wo denn die Gewalt wäre. Und. Der dumme Sklave wird laut in dieses Lachen einstimmen.

Gottkette — Wie sehr das Bild Gottes in den etablierten religiösen Institutionen doch nach dem Bild des despotischen Herrschers und Sklavenhalters gemacht ist! Wie groß doch das Lob des Gehorsams gegen diesen Gott ist! Und. Wie deutlich doch das „Wehe“ zu jenen gesagt ist, die nicht glauben und nicht gehorchen wollen! Da weiß man, wessen Gott es ist. Und man weiß auch, für wen dieser Götze gemeißelt wurde. Kein Wunder, dass die versklavtesten Menschen seine ergebensten Diener werden, und gar nicht überraschend, wie die durch diesen Götzen entrechtete Hälfte der Menschheit, die Frauen, bücksam in die Kirchen rennt und allerlei unbezahlten und unterbezahlten Dienst voller Glauben tut. Es ist eine Kette, die bis in den Himmel reicht. So erklärt man das Unrecht zum Naturgesetz, zum gottgegebenen.

Wahltag und Zahltag — Um die Sklaven bei der Stange zu halten, bedarf es freilich der Hoffnung, dieser Haltung, die eigenes Vermögen vergisst, um auf das von außen einbrechende Wunder zu warten. Brachte man einst (und bis heute) die Sanften und Zerschlagenen dazu, ihre Kreuze zu schlagen, wenn sie des fernen Heilandes Abbild im irdischen Tuche gebrannt sahen, wenn kalte Mariengötzen blutige Tränen über die Dummheit der Pilger flennten oder wenn sich das Blut des Heiligen in der zaubernden Hand des Lugpfaffen verflüssigte, so bedarf es nach der weitgehenden Ausrottung des althergebrachten, jenseitigen Aberglaubens auch des neuen, diesseitigeren Aberglaubens. Deshalb können die Sklaven der Jetztzeit auf dem Tippschein im staatlichen Zahlenlotto und auf dem Wahlzettel ihr Kreuz schlagen und auf die Wende in ihrem Leben hoffen. Und hoffen. Und nichts als hoffen. Wer glaubt denn allen Ernstes, dass die neuen Mythen besser sind als jene, die in fortschreitender Einsicht entmythologisiert wurden?

Papst — Der gleiche Papst, der Gottvertrauen von den Menschen fordert, sieht dies freilich für sich selbst etwas anders, wenn es sich im kugelsicheren „Papamobil“ durch die entgeistert jubelnden Massen kutschieren lässt. Allein das zeigt, wie genau er seine Rolle und seine Funktion im Herrschaftsgefüge kennt. Und. Sich von den Opfern seiner Lügen fürchten muss.

Sinn — Zu dem Unkraut, das von aller etablierter Religion keineswegs ohne Grund und Absicht in die Seelen der Menschen gesät wird, gehört die niemals zu widerlegende Annahme, dass alles Existierende und Geschehene seinen von Gott gegebenen Sinn habe, den der Mensch nicht immer verstehen könne. Wer aus diesem Unfug erwacht, stellt stattdessen im Erwachen seiner Sinne fest, dass alles von fröhlicher Sinnlosigkeit ist, aber von teilweise verständlichen Gesetzen von Ursache, Wirkung und komplexer Wechselwirkung durchzogen ist. Das ist eine gefährliche Einsicht, denn auf sie folgt schnell die Erkenntnis, dass sich die Welt zu einem erträglicheren Ort umgestalten ließe, der freilich die Privilegien der Herrschaft nicht mehr kennte. Deshalb wird auch lieber vom „Sinn“ gefaselt.

Todesanzeige — Wie oft es in den Todesanzeigen und im allgemeinen Dummschwatz doch heißt, dass der Verstorbene „entschlafen“ wäre, ganz so, als machte er nur ein Nickerchen, um in besseren Zeiten erquickt wieder aufzuwachen. Die Verdrängung des Todes und der individuellen Sterblichkeit ist die andere Seite eines Lebens, das man sich allzu widerstandslos enteignen lässt, statt es als einzige und einmalige Wirklichkeit und Möglichkeit des Menschen einzufordern. Wer sich nicht sein Leben nehmen will, kann sich genau so gut umbringen.