Tag Archive: Fundamentalismus


Gott ist klein

Jeder, der für „Gott“ tötet oder auch nur gesellschaftliche Zustände herbeisehnt, in denen der „Wille Gottes“ zum verbindlichen, mit Staatsgewalt durchgesetzten Gesetz für jeden Menschen wird, deklariert in dieser Geste eines dumm und fröhlich in die Welt hinaus: Dass er seinen „Gott“ in Wirklichkeit für viel zu klein und kraftlos hält, zu töten und seinen Willen durchzusetzen. So oft kann die Größe dieses „Gottes“ gar nicht lautschreihälsig beschwören werden, dass dieser offenbare Wahnsinn dahinter versteckt werden könnte — in der religiösen Gewalt, sei sie staatlich oder kriminell den anderen Menschen aufgezwungen, spiegelt sich deutlich des blasphemische, gleichermaßen gottesverachtende wie menschenverachtende Zug der Religion selbst.

Kerzenmensch

Als der religiöse Fundamentalist zu ihm sagte: „Der Heilige Geist macht mich zu einem Licht, das in diese Welt hineinscheint“, da musste sich der Vorübergehende unwillkürlich vorstellen, wie ein brennender Kerzendocht in diesem Menschen steckt; nicht irgendwo versteckt, sondern schön oben auf dem Kopf, zum Leuchtturm für die Restwelt, gerade so dass das Gehirn auch ja als erstes vom Feuer aufgezehrt wird.

Das ausgewürgte Obst

Christliche religiöse Fundamentalisten, nachdem sie erst einmal damit begonnen haben, die alten hebräischen Legenden für eine wortwörtliche Wahrheit zu halten, versuchen, den Sündenfall wieder rückgängig zu machen, indem sie sich die „Frucht der Erkenntnis“ nicht schmecken lassen, sondern sie mit aller Gewalt wieder herauswürgen, damit sie auch so richtig bratze dumm sein können. Doch selbst nach dieser energischen Hirntötung — in keinem ihrer Liederbücher findet sich auch nur ein jubilierend Wort des Dankes für den autonomen, planenden und Wege eröffnenden Verstand — sind sie noch nicht so steinhaft bewusstlos, dass sie nicht mehr ihre eigene Sterblichkeit erahnen würden, und deshalb nehmen sie es der Eva so übel, nicht von diesem Unsterblichkeitsbäumchen genascht zu haben, dass ihr Frauenhass in allen ihren geäußerten Gesellschaftsideen greifbar wird.

Kojote

[Entschuldigung für das Bekenntnis zum schlechten Geschmack, hier ist noch ein Direktlink auf YouTube. Es ist übrigens die einzige Folge, in der der Wile E. Coyote Erfolg hat und den Roadrunner kriegt…]

Religiöse Fundamentalisten erscheinen in ihrer Feindschaft zur Wissenschaft und in ihren Forderungen nach Unterdrückung naturwissenschaftlicher Bildung in der Schule immer ein klein wenig so, als ob sie als Kinder zu häufig die Road-Runner-Cartoons im Fernsehen gesehen hätten. Der dort gepflegte running gag, dass Wile E. Coyote in der Luft stehen bleibt und erst dann unter der Wirkung der Gravitation in die Schlucht stürzt, wenn er seine eigene Position sieht und als Verstoß gegen ein Naturgesetz bemerkt, ist ein sehr gutes Spiegelbild der kindischen Haltung dieser religiösen Fundamentalisten zur wissenschaftlichen Erkenntnis; der infantile Glaube, dass Dinge so lange keine Wirkung und Wirklichkeit hätten, so lange man nur nichts von ihnen weiß. Welch eine unvorteilhafte Haltung zum menschlichen Potenzial, allen Ernstes zu glauben, dass Dummheit eine Erweiterung der eigenen Möglichkeiten ist!

Abtreiber

Die Klassifikation der Antibabypille als eine Form der „Abtreibung“, wie sie zurzeit von einigen Religioten¹ in den USA als Propaganda vorangetrieben wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Am Ende dieses Weges, wenn man ihn nur beherzt voranschreitet, steht, dass man Ordensleuten und röm.-kath. Priestern in schreienden Tönen moralisierender Inbrunst entgegenskandiert: „Zölibat ist Mord am noch nicht gezeugten Leben“.

Und dann vermehren wir uns alle wieder wie die Karnickel. Sicher, jene, die noch nicht völlig verdummt sind, stellen dabei fest, dass exponentielles Wachstum auf begrenztem Raum nicht möglich ist und halten die sich abzeichnenden Nöte keineswegs für unanwendbar. Aber kein Problem, die klassischen Freunde des Gottes aller Christen, Elend, Siechtum und Hunger; sie sorgen schon wieder ganz von allein für ein Zurechtschrumpfen der Menschheit — und was ist schon das „bisschen Leid im irdischen Jammertal“ gegen eine Ewigkeit im christlichen Wolkenkuckucksheim?!

¹Nicht jeder religiöse Mensch würde von mir mit diesem Kofferwort aus „Religion“ und „Idiot“ als ein „Religiot“ bezeichnet werden. Aber diese Menschen. Immer.

Wir denken für dich. Sonst Satan.

Vermeide unabhängiges Denken -- Satan zog schon zu Beginn seiner Auflehnung Gottes Handlungsweise in Frage. Er trat für unabhängiges Denken ein. 'Du kannst selbst entscheiden, was gut und böse ist', sagte er zu Eva. 'Du mußt nicht auf Gott hören. Er sagt dir in Wirklichkeit gar nicht die Wahrheit' (1. Mose 3:1-5). Bis auf den heutigen Tag besteht einer der heimtückischsten Anschläge Satans darin, Gottes Volk mit dieser Art des Denkens zu infizieren (2. Timotheus 3:1,13).

Sie wissen mehr als Gott

Sagte der Jesus der biblischen Überlieferung, der von seinen Anhängern ja für Gott gehalten wird, noch…

Himmel und Erde werden vergehen […] von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern allein der Vater.

Mt. 24, 35-36

…so scheinen es etliche seiner Nachfolger immer wieder einmal nach der Durchführung reichlich obskurer Berechnungen ein bisschen genauer als ihr Gott zu wissen. Der nächste Doomsday ist am Samstag, den 21. Mai dieses Jahres und am 21. Oktober 2011 wird das gesamte Universum abgerissen.

Meine Vorhersage in dieser Sache: Spätestens Ende Oktober wird der religiöse Fanatiker und Angstausbreiter genau zu sagen wissen, warum und wie er sich so auffällig verrechnet hat, und dann wird er im festen, in täglicher Predigerpraxis gewachsenen Vertrauen auf die selig machende Kraft des Vergessens erst einmal ein bisschen Gras über die ganze Sache wachsen lassen und danach wird er vielleicht seinen Anhängern im Tonfall des unheiligen Profeten ein neues, diesmal „richtig“ berechnetes Datum präsentieren.

Ganz genau so, wie es auch die Zeugen Jehovas einige Male gemacht haben, und die können immer noch massenhaft paarweis ihre Vertreter Mitglieder mit einem „Heimbibelkurs“ von Tür zu Tür gehen lassen — wobei die jüngeren Opfer der Hirnwäsche durch die Wachtturm-Gesellschaft nichts mehr von den Doomsday-Vorhersagen für die Jahre 1874, 1914, 1925, 1933 (Einsammlung der Gesalbten) und 1975 wissen. Woher sollten sie auch? Im Wachtturm von heute, der einer mit gutem Recht desinteressierten Menschheit erklären soll, was „die Bibel wirklich lehrt“, steht ja kein Wort darüber, was „die Bibel“ noch in früheren Jahrgängen (frühe Siebziger Jahre) dieser Publikation „wirklich gelehrt“ hat…

Als junger Mensch wirst du daher nie das Ende einer Laufbahn erreichen, die dir dieses System bietet. Wenn du zum Beispiel zur Mittelschule gehst und eine Hochschulbildung in Erwägung ziehst, so bedeutet das wenigstens vier, vielleicht auch sechs oder acht weitere Jahre bis zum Abschluß in einem besonderen Fach. Aber wo wird sich dieses System der Dinge dann befinden? Es wird auf seinem Weg zu seinem Ende weit vorangeschritten sein, wenn es nicht sogar schon verschwunden sein wird!

…um die Menschen so richtig im blinden Vergessen ihres eigenen Potenziales auf ein kommendes, für weniger Lesebegabte stets auch in schreibunten Comicbildchen dargestelltes Wolkenkuckucksheim hoffen zu lassen, damit sie umso eifriger ihren theokratischen Score im Dienste dieses religiösen Strukturvertriebes erhöhen mögen. Um die Wirkung der religiös verpackten funktionellen Enthirnung zu verstärken, wird vom Lesen anderer Literatur und der Nutzung anderer Medien aus dem „bösen System der Dinge“ strikt abgeraten.

Für viele Opfer des christlichen Fundamentalismus scheint die erste Frucht ihres Heiligen Geistes in Alzheim gewachsen zu sein.

Der heilige Zynismus

Jehovas gerechtes Gericht wird an all denen vollzogen, die sich durch Satans verschmutzte 'Luft' beeinflussen lassen

Wie lieblos, menschenverachtend und zynisch das Reden religiöser Fanatiker vom keineswegs nur heimlich herbeigesehnten „gerechten Gericht“ ihres Gottes ist, wird am deutlichsten fühlbar, wenn man ihre angstausbreitenden Worte und Bilder — dieses Beispiel stammt aus dem Buch „Die Offenbarung, ihr großartiger Höhepunkt ist nahe“ der Zeugen Jehovas — in einer Zeit vor Augen hat, in der Menschen nicht den perversen, aber für jeden leidlich geistig gesunden Menschen harmlosen Fantasien dieser Seelenfresser, sondern den realen, zur Katastrophe werdenden Naturgewalten ausgeliefert sind und alles verlieren, um ihr Leben fürchten müssen und sterben.

Stammbaum und Scheuklappe

Kaum etwas kann schon dem „normalen“, ohne jegliche Sekundärliteratur an seine Lektüre herangehenden Bibelleser so klar machen, dass die Geschichten von Jesus aus Nazaret aus etlichen Quellen zusammengestückelt wurden, wie schon der Anfang des Neuen Testamentes heutiger Bibelausgaben, wie das erste Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Dieses beginnt mit einem ellenlangen mythischen Stammbaum Josephs, des Vaters Jesu:

Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak, Isaak […]

Die trockenen Einzelheiten, die jetzt folgen, gehören nicht zu den Glanzlichtern der Weltliteratur und werden nur noch von 1. Chr 1-9 unterboten. Sie münden in der Feststellung…

[…] Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die babylonische Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.

…dass Joseph bei all seinem Dasein als Handwerker (Zimmermann ist eine viel spätere christliche Deutung des Wortes „tektos“) doch von großer Herkunft war, und mit ihm auch Jesus. Und genau diese Feststellung wird gleich anschließend durch die etwas andere Feststellung entwertet, dass Joseph gar nicht der Vater ist:

Die Geburt Jesu Christi geschah aber also. Als Maria seine Mutter, dem Joseph vertrauet war, erfand sich`s, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist.

Mensch mit ScheuklappenJedes Mal, wenn ich mit einem der vielen Befallenen dieser psychischen Seuche des biblizistischen Fundamentalismus US-amerikanischer Prägung spreche, die sich leider auch hier und auch im Schatten jener großen „Volkskirchen“, die sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit so gern als „aufgeklärt“ geben, mit beinahe der gleichen rasenden Geschwindigkeit wie die Armut auszubreiten scheint; jedes Mal, wenn ich einer dieser Blindseelen als Vorübergehender begegne und mir erzählen lassen muss, was für ein tolles und wahres Buch die Bibel sei, frei von jedem Widerspruch und direktestes Wort Gottes an die Menschen, gemacht, dass man gläubig lese und sein Leben daran ausrichte, fällt mir auf, dass diese Menschen in vielen Jahren Bibel-Lese nicht einmal über solche Offensichtlichkeiten gestolpert sind und in all ihren Veranstaltungen und (meist etwas kitschigen) Büchern wohl niemals darauf hingewiesen werden. In solchen „kleinen“ Ausfällen der Wahrnehmung spiegelt sich jene „Gabe des heiligen Geistes“, die einer braucht, um einen derartigen Weg in den Himmel der eigenen Einlullung stracks und unbeirrt zu beschreiten: Die Scheuklappe.

Für R.

Kopfschuss

Eine Religion, deren Anhänger und Führer sich vor dem Fortschreiten der menschlichen Erkenntnis und vor der Wissenschaft fürchten müssen, ehrt mit dieser Haltung nicht etwa Gott, sondern dokumentiert, dass sie schon längst Selbstmord begangen hat. Die angstvolle Scheu, mit der derartig religiöse Menschen der Vielfalt des Daseins entgegentreten, ist nur Spiegelbild dieses Selbstmordes.

Das unheilige Evangelium

Und wenn jemand etwas davontut von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott abtun seinen Anteil vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, davon in diesem Buch geschrieben steht.

Offb. 22, 19

Wer die Bibel aufmerksam (also nicht so wie ein religiöser Mensch auf seiner Suche nach leckeren Rosinen) liest, ist vielleicht schon einmal über diese bemerkenswerte Lücke in Mk. 10, 46 gestolpert (hier nach einem alten Luthertext zitiert):

Und sie kamen nach Jericho. Und da er aus Jericho wegging […]

Auch, wer nicht aus eigener Leseerfahrung weiß, wie kurz angebunden und schnörkellos der Erzähler des recht urtümlichen und in seinem Kern relativ früh entstandenen Markus-Evangeliums ist, wird an dieser Stelle aufmerksam werden. Da muss doch etwas gewesen sein, was zwischen der Ankunft in Jericho und der Abreise gelegen hat, sonst hätte der Erzähler hier eine andere Erzählweise gewählt und auf die Einleitungsphrase für einen Bericht aus Jericho verzichtet (um so etwas ähnliches wie „Nachdem sie durch Jericho gegangen waren“ zu schreiben). Aber offenbar wurde diese Kleinigkeit, die hier als Bericht der Geschehnisse aus Jericho einst stand, schon von der recht frühen Christenheit als nicht überliefernswert erachtet. Dieser Teil der „Heiligen Schrift“ war wohl nicht heilig genug — oder stand, was dem fröhlichen Skeptiker und aufmerksamen Betrachter der Umwandlung einer einmal recht bedeutungslosen Jesus-Bewegung in eine Religion, wie sie der überlieferte Jesus der Nazarener gehasst hätte, näher steht — nicht mehr so sehr mit der späteren Lehre der christlichen Kirchen im Einklang und fiel deshalb auch aus der Überlieferung und damit aus der Bibel heraus. Ganz so, wie wohl vieles andere auch, bei dem dieser Prozess ein bisschen spurloser vonstatten ging.

Interessanterweise hat sich eine Stelle des unter frühen Gläubigen umlaufenden Markus-Evangeliums, die der späteren Zensur der christlichen Kirche zum Opfer gefallen ist, bis in die heutige Zeit erhalten.

In einem seiner als Abschrift erhaltenen Briefe schreibt Clemens von Alexandria (er lebte ungefähr von 150 bis 220 nach unserer Zeitrechnung), dass es in der Bibliothek von Alexandria noch ein erweitertes Evangelium von Markus gäbe, und zitiert in diesem Zusammenhange auch die folgende, etwas längere Passage, die nach seinen Angaben zwischen den Versen Mk. 10, 34 und Mk. 10, 35 gestanden haben soll (alle Hervorhebungen im Text sind von mir):

Und sie kamen nach Bethanien, und dort war eine gewisse Frau, deren Bruder gestorben war. Sie kam hinzu, warf sich vor Jesus nieder und sprach zu ihm: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Aber die Jünger wiesen sie ab. Und Jesus geriet in Wut und ging mit ihr in den Garten, wo das Grab war, und gleich danach war ein lauter Schrei aus dem Grab zu hören. Und Jesus trat näher heran und rollte den Stein vom Eingang des Grabes weg. Und gleich danach ging er in das Grab, wo der Jüngling war, streckte seine Hand aus, ergriff dessen Hand und zog ihn hoch. Aber der Jüngling, als er ihn ansah, liebte ihn, und er fing an, ihn anzuflehen, dass er bei ihm bleiben solle. Und sie gingen [zusammen] aus dem Grab heraus und kamen in das Haus des Jünglings, denn er war reich. Und nach sechs Tagen sagte Jesus zu ihm, was er tun solle, und des Abends kommt der Jüngling zu ihm, und trug ein Leinentuch über seinem nackten Körper. Und er blieb die Nacht bei ihm, denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes. Und danach stand er auf und ging zurück auf die andere Seite des Jordans.

Nun, dass ein solcher Text beim Lesen des Wortes „Liebe“ gewisse Nebengedanken aufkommen lässt, die schon in der frühen christlichen Tradition geradezu verteufelt wurden (siehe etwa Röm. 1, 27 als nur ein Beispiel), zeigt sich wohl beim bloßen Hinschauen. (Bei einem griechischen oder römischen Leser hätte dieser von Clemens überlieferte Text übrigens kaum Anstoß erregt, aber auf dem Hintergrund der neurotischen Körperfeindlichkeit und des starken Tabus der Nacktheit, die späteres Christentum und Judentum miteinander teilen, wird der Text doch etwas gefährlich. Auch die „Kleinigkeit“, dass Jesus wütend [sic!] über die Abweisung einer Frau durch seine kleine Wandergemeinschaft wurde, ist angesichts der schon früh zur christlichen Religion gehörenden dogmatischen Nichtswürdigkeit der Frau eher unpassend.) Welchen Zweck es für die tendenziöse Korrektur der Überlieferung hat, einen solchen Teil in einer recht alten Zusammenfassung der Jesus-Legende verschwinden zu lassen, ist also leicht durchschaubar. Die mutmaßliche spätere Erwähnung des gleichen Mannes durch den Markus-Erzähler in Mk. 14, 51-52 war offenbar weniger anstößig, obwohl auch hier noch deutlich wird, dass da ein junger Mann in der Nähe Jesu einen auffälligen Hang zu recht luftiger Bekleidung gehabt zu haben scheint (zitiert nach altem Luther-Text):

Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit einer Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren und floh nackt davon.

Ach ja, warum ich diese für die meisten Menschen völlig unwichtige Beiläufigkeit schreibe?

Nein, nicht um Jesus aus Nazaret zum Vorkämpfer der heutigen Schwulenbewegung zu machen, dafür ist dieser für kaltherzige Gewaltmenschen so nützliche Grund für so viel Gefängnis, Folter und Mord auch völlig ungeeignet.

Sondern. Weil mir heute einer dieser besonders beflissenen christlichen Fundamentalisten beim Betteln eine Kante ans Bein labern wollte, und weil ich in meiner gegenwärtigen Schwäche den Fehler machte, aus dieser Haltung eines Menschen zu schließen, dass dieser Mensch wohl auch bereit zum Denken und zum Kommunizieren sei. Das war er natürlich nicht, er wollte an mir nur ein paar Missions-Bonuspunkte für einen besseren Platz bei Gott einsacken. (Diese leicht zynische Formulierung ist natürlich meine Beschreibung seines Handelns, nicht seine.) Und als ich diesem Menschen unter fröhlicher Bezugnahme auf Mt. 7, 16-20 auf die Früchte von 1600 Jahren christlicher Religion als gesellschaftsprägende Kraft hinwies, den Herrschenden zur Stütze, den Besitzenden zum Wohlgefallen, den Kriegsmördern zum Segen, den Andersgläubigen zum lodernden Scheiterhaufen und den meisten Menschen einfach nur zum alles erdrückenden Kreuz, da erwiderte dieser Fundamentalist in seinem totalen Denkverzicht etwas sehr Bemerkenswertes; er sprach mir nämlich darin zu, dass die Tradition falsch sei und dass man gerade deshalb zur Bibel zurück müsse. Und. Er sagte dies mit der Inbrust einer Überzeugung, die völlig blind gegen die Tatsache geworden ist, dass die Überlieferung der Bibel selbst ein Dokument dieser Tradition ist.

Wie sehr der heute vorliegende Text der Bibel in einer religiösen Tradition geformt wurde, welche Aspekte dabei betont wurden und welche ebenfalls unter den frühen Gläubigen bekannten Aspekte dabei zum Verstummen gebracht wurden, das sollte in dieser kleinen Geschichte deutlich geworden sein. Unter den so genannten „Evangelien“ der Bibel ist der Bericht nach Markus* ein recht früher, er enthält wohl auch deshalb so deutlich sichtbare Spuren der Bearbeitung in einer späteren christlichen Tradition, während die späteren Berichte bereits von dieser Tradition mitgeprägt wurden. Ob das Textfragment aus dem Brief des Clemens von Alexandria eine Erzählung einer wirklichen Begebenheit** wiedergibt — Clemens war leider recht unkritisch gegenüber seinen Quellen und hat allerlei offenbaren Unfug für „echt“ erklärt — spielt in dieser Betrachtung keine so große Rolle. Tatsache ist, dass die Bibel nichts anderes als die christliche Tradition ist, und dass vieles vom späteren gesellschaftlichen Wahnsinn — vom Judenhass, über den systematischen Mord an Menschen anderen Glaubens, über die Kriminalisierung harmloser Privatangelegenheit wie der auf Grundlage der Gegenseitigkeit ausgelebten sexuellen Ausrichtung, über die „Achtung“ einer Frau als ein Wesen zwischen Mensch und Haustier mit deutlicher Tendenz zum Haustiere hin, über den Aberglauben an Dämonen und Hexerei, der sich zur mörderischen Raserei steigerte bis hin zur heute noch wirkmächtigen Verherrlichung der Arbeit um jeden Preis — deutlich in diesem Buche angelegt ist, und zwar vor allem im so genannten „Neuen Testament“, das für viele Christen schon die ganze Bibel zu sein scheint.

Übrigens: Die eingangs dieses Textes zititerte Schutzfluch aus der Offenbarung des Johannes macht deutlich, dass späteren biblischen Autoren (wohl aus Erlebnis und Erfahrung heraus) schon sehr bewusst war, wie ihre Texte „gefleddert“ werden können, um sie mit einer herrschenden Lehrmeinung „kompatibel“ zu machen. Der Fluch richtet sich an frühe Christen, denn für jeden anderen Menschen sind die Veheißungen in dieser wohlkomponierten, aber auch etwas wirren Schrift völlig unbedeutend.

*Wie viele Autoren das Evangelium nach Markus wann geschrieben haben, lässt sich nicht mehr leicht feststellen. Recht sicher ist, dass keiner der Autoren der heute vorliegenden Fassung dieses Berichtes Jesus den Nazarener persönlich kannte; es wurde aber sehr wohl bei der Zusammenstellung aus noch älteren Quellen geschöpft. Alle tieferen Fragen zur Geschichte dieses Buches lassen sich am sichersten durch Verwendung einer Zeitmaschine beantworten. Jesus der Nazarener hat erfreulicherweise selbst kein Wort geschrieben und auf diese Weise auch sehr deutlich gemacht, was er von so einer kalten Religion des Buchstabens hält, die er selbst auf seinem jüdischen Hintergrund sehr gut kannte, und die man heute um sein biblisch überliefertes Wirken und die davon weit emanzipierte Deutung durch Paulus aufgebaut hat. Diese Deutlichkeit fügt sich recht zwanglos in etliche markige Sprüche gegen das religiöse Etablissment seiner Zeit, die von den heutigen Großpfaffen allesamt regelmäßig überlesen zu werden scheinen.

**Ein Skeptiker mag zurecht Anstoß an der „Erweckung eines Toten“ nehmen, die untrennbarer Bestandteil dieser kleinen Erzählung ist. Allerdings gab es in der Antike noch kein sicheres Todeskriterium wie die moderne Feststellung des Hirntodes, und jemand mag durchaus tief komatös in seine Gruft gelegt worden sein. Selbst dieser Teil des Berichtes lässt sich also durchaus als Schilderung eines realen Ereignisses annehmen, ohne dass hierzu metaphysische Annahmen gemacht werden müssten. Die Tatsache, dass hier entgegen der späteren Bearbeitung des gleichen Stoffes im Johannes-Evangelium nicht eigens betont wird, dass die Verwesung schon eingesetzt hat (siehe zum Vergleich Joh. 11, 39) gibt dieser Erzählung sogar eine größere Glaubwürdigkeit. Dass hingegen von den Anhängern Jesu nicht gerade überliefert wurde, wie viele Heilungen, Exorzismen und Totenerweckungen trotz aller Mühe und aller Gebete erfolglos waren, ist völlig verständlich und auch bei den Anhängern heutiger „Wunderheiler“ — die sich ja zurzeit auch in einem rasant wachsenden Randbereich der christlichen Religion breit machen — zu beobachten…😉

Wort und Geist

Die religiöse Gemeinschaft, der er angehörte, nannte sich „Wort und Geist“, und aus ihrem Haus schall es so psychojauchzend selbsthypnotisch in die brennend Welt hinein. Der Vorübergehende wusste genau, dass hier mit dem Wort etwas gemeint war, das vor vielen Tausend Jahren schon verstummt und jetzt zum Buchstaben skelettiert war, und das hier mit dem Geist etwas gemeint war, in dem kein Gehirn mehr wirken sollte.