Tag Archive: Fragwürdiges


Drei Gänge

Dass die Metapher der Desktop-Anwendung sich nicht sinnvoll auf eine Website übertragen lässt — was übrigens auch ein recht aufwändiges Ansinnen ist — das kann jeder WordPress-Blogger schon daran bemerken, dass er seinen Browser über ein Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten bedient, während in der dargestellten Website über die Adminbar noch ein weiteres Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten zur Bedienung des Blogs zur Verfügung steht, und wenn dieses Blog zu guter Letzt für die Leser Teile seiner Navigation ebenfalls in einem Menü mit aufklappbaren Auswahlmöglichkeiten präsentiert. Die Idee der „Anwendung im Browser“, die über interpretierte Skriptsprachen realisiert wird, ist fragwürdig — da hilft es aus Anwendersicht auch nicht, wenn aktuelle Versionen der populären Browser dieser fragwürdigen Entwicklung begegnen, indem sie die Bedienelemente ihrer eigenen Benutzerschnittstelle immer „besser“ vorm Anwender verstecken, damit dieser sich leichter und unverwirrter auf die nach dem Vorbild der Desktop-GUIs nachgebauten Schnittstellen derartig entworfener Websites konzentrieren kann. Was da gerade gebaut wird, ist kein angemessener Weg, um dem Anwender die Möglichkeiten der Software in einer leicht durchschaubaren und bedienbaren Weise zur Verfügung zu stellen, damit diese ihm dienen. Ganz im Gegenteil. Ist es geeignet, Verwirrung zu stiften und die technischen Möglichkeiten zu einem eher zufälligen Fund des Anwenders zu machen.

Neith

Giovanno Domenico Cassini, Professor der Astronomie und Mathematik an der Universität zu Bologna und ab dem Jahre 1669, in Anerkennung seiner Leistungen, auch Direktor der königlichen Sternwarte zu Paris, war zu seiner Zeit einer der großen Astronomen, obwohl er sich in seinem Weltbild den Vorgaben des Vatikans beugte und sich aus diesem Grund wohl um einigen Ruhm gebracht hat. Er war dennoch ein ausdauernder und sorgfältiger Beobachter des Firmamentes und hatte hervorragende Teleskope zur Verfügung. 1665 bestimmte er die Rotationsperiode des Jupiter anhand von Beobachtungen des Großen Roten Fleckes, er berechnete die Rotationsdauer der Venus und des Mars und fand 1668 eine praktikable Methode zur Zeitbestimmung und damit zur Navigation auf hoher See, indem die Position des Jupitermondes Io als astronomische Uhr genutzt wird. 1675 entdeckte und beschrieb er jene Lücke im Saturnring, die heute noch die Cassinische Teilung genannt wird.

Cassini veröffentlichte nicht jede seiner Beobachtungen. Manche hielt er zurück, weil sie seinem Weltbild widersprach, und manche andere hielt er einfach deswegen zurück, weil er nicht zum vorschnellen Veröffentlichen neigte. Ersteres ist leider heute noch in der Forschung üblich, und letzteres ist leider heute nicht mehr in der Forschung üblich, da sich das Ranking eines Wissenschaftlers stark an der Quantität seiner Veröffentlichungen misst.

Im Jahre 1672 sah Cassini durch sein Teleskop zum ersten Male neben dem Planeten Venus ein kleines Objekt, welches er spontan für einen Mond hielt. Er benannte dieses Objekt nach einer ägyptischen Göttin als Neith.

Er mag diesen Namen gewählt haben, weil das Objekt so schwierig zu beobachten war, denn der griechische Schriftsteller Plutarch berichtete von einem verhüllten Bildnis der Göttin Neith, das mit dem Spruch „Ich bin alles was war, was ist und was sein wird, keinem Sterblichen wird es jemals möglich sein, meinen Schleier von mir zu nehmen“ geschützt wurde. Diese Annahme ist allerdings spekulativ.

Sicher ist hingegen, dass der Venusmond nach dieser ersten Beobachtung für 14 Jahre nicht mehr in den Aufzeichnungen Cassinis auftauchte. Ob Cassini wohl das eine ums andere Mal sein Teleskop nächtens zur Venus gerichtet hat und versucht hat, seine Beobachtung zu wiederholen, wissen wir nicht. Im Jahre 1688 konnte Cassini sein Objekt zum zweiten Male beobachten, und dieses Mal nahm er es auch in sein offizielles Journal auf, so dass der mutmaßliche Venusmond unter Astronomen bekannt wurde.

Aufgrund der Leuchtkraft wurde das Objekt auf ein Viertel der Venusmasse geschätzt, und es zeigte genau wie die Venus Phasen, die den Phasen des Erdmondes vergleichbar waren.

Getragen von der Autorität Cassinis wurde dieser Mond für eine reale Möglichkeit gehalten. Und obwohl er schwierig zu beobachten war, wurde er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beobachtet: im Jahre 1740 von James Short, im Jahre 1759 von Andreas Meyer, und im Jahre 1761 sogar vom berühmten Mathematiker und Astronomen Joseph-Louis Lagrange. (Ja, das ist der mit dem Restglied der Taylor-Formel.) Insgesamt wurde Neith im Jahre 1761 von fünf verschiedenen Beobachtern achtzehn Mal gesichtet; im Jahre 1764 gab es acht weitere Sichtungen durch zwei Beobachter. Das war Grund genug, die Sache ernst zu nehmen, so schwierig das Objekt auch zu beobachten sein mochte.

Und deshalb haben viele andere Astronomen in dieser Zeit ebenfalls versucht, Neith zu beobachten und genügend Daten für die Berechnung einer Umlaufbahn zu sammeln — und haben es nicht geschafft. Hier lag ein seltsames Phänomen vor. Es gab namhafte Beobachter, die durch die Veröffentlichung falscher Daten nichts mehr gewinnen konnten, und es gab viele, die diese Beobachtung nicht reproduzieren konnten. Doch die Vorstellung, dass die berichteten Beobachtungen vorsätzliche Lüge sein könnten, war schlechterdings absurd.

Die erste skeptische Stimme wurde im Jahre 1766 laut, als der Direktor der Wiener Sternwarte seine Auffassung publizierte, dass es sich um eine optische Täuschung handeln müsse, die dadurch entstehe, dass die sehr helle Venus vom Hintergrund des Auges zurück in das Teleskop reflektiert werde und so das beobachtete Doppelbild erzeuge. Andere hingegen hielten die Beobachtungen für ein reales astronomisches Objekt und ließen sich auch nicht dadurch beirren, dass die mittlerweile etwas reichlicher dokumentierten Beobachtungsdaten zu keiner Mondbahn um die Venus passen wollten.

Als es im Jahre 1768 eine weitere Beobachtung durch den dänischen Astronomen Christian Horrebow gab, kam es zu drei systematischen Suchaktionen; eine davon geleitet von William Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus. Alle drei mit hohem Aufwand durchgeführten Durchsuchungen des venusnahen Raumes schlugen darin fehl, irgendeinen Venusmond aufzuspüren. Neith schien nicht zu existieren.

Und dennoch wurde weiter versucht, hinter diesem Schleier zu blicken. Im Jahre 1884 beschäftigte sich der Direktor der königlichen Sternwarte zu Brüssel mit den dokumentierten Beobachtungen und schloss aus diesem Datenmaterial, dass sich der „Venusmond“ alle 1080 Tage in der Nähe der Venus beobachten ließ. Daraus zog er den Schluss, dass es sich gar nicht um einen Mond handele, sondern um einen bislang unbekannten Planeten, der die Sonne in 283 Tagen umkreise und deshalb in der beobachten Periode in Venusnähe gesehen werden könne.

Dies wurde zum Anlass, das ganze Datenmaterial noch einmal kritisch zu würdigen. 1887 veröffentlichte die belgische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Analyse der dokumentierten Beobachtungen und konnte in dem sehr umfangreichen Papier für jede mitgeteilte Position Neiths nachweisen, dass es sich in jedem einzelnen Fall um eine Verwechslung mit einem Fixstern gehandelt hatte.

Und. Alle Beobachter haben nur das gesehen — oder besser: in den gestirnten Himmel projiziert — was sie zu sehen erwarteten. Es handelte sich nicht einmal um die schon vermutete optische Täuschung, es war schlicht eine psychische Täuschung.

In einer richtigen Naturwissenschaft lässt sich eine solche psychische Täuschung im Nachhinein erkennen, da sämtliche mitgeteilten Daten überprüfbar sind. In so vielem anderen, was sich „Wissenschaft“ nennt, ist eine derartige Überprüfung niemals möglich — und es ist die so genannte „Wirtschaftswissenschaft“, nach deren „Erkenntnissen“ zurzeit ganze Gesellschaften umgebaut werden. Die Möglichkeit, dass auch hier nur die Erwartungen bestimmter Individuen in komplexe und letztlich unverstandene gesellschaftliche Prozesse projiziert werden, ist für mich angesichts des völligen Scheiterns sämtlicher Absichten eines solchen gesellschaftlichen Umbaues sehr wahrscheinlich. Angesichts des manifesten Unglücks, dass auf diese Weise in das Leben so vieler Menschen gedrungen ist, ist es jetzt höchste Zeit, die Behauptungen anhand von Fakten zu überprüfen und den als Wissenschaft getarnten Wahnsinn zu stoppen.

Strangtheorie

String theorists don’t make predictions, they make excuses.

Richard Feynman

Es ist doch bemerkenswert, dass in der derzeitigen physikalischen Forschung die Stringtheorie dermaßen viele Ressourcen bindet und zu so vielen Veröffentlichungen führt, obwohl sie in einem Vierteljahrhundert intensiver geistiger Anstrengung nicht eine einzige Voraussage über die Beschaffenheit der Welt hervorgebracht hat, die durch ein Experiment bestätigt werden könnte. Die in den gegenwärtigen Theorien postulierten Entitäten sind — Experten des Gebietes mögen mir bitte die Ungenauigkeiten in den folgenden Worten verzeihen, aber dieses Blog ist weder ein Lehrbuch der modernen Physik noch eines der Topologie, und ich wäre auch nicht imstande, ein solches Lehrbuch zu schreiben — eindimensionale (also mit einer Länge, aber ohne räumliche Ausdehnung versehene) oder mehrdimensionale „Strings“ oder (im mehrdimensionalen Fall) „Branen“ in einem vieldimensonalen Raum (zum Teil werden in derartigen Beschreibungen bis zu 32 Dimensionen angenommen), die in hochenergetischen Zuständen schwingen und dergestalt auf die uns unmittelbarer vertraute, vierdimensionale Raumzeit abgebildet („kompaktifiziert“) werden, dass sich dabei gerade die beobachtbaren Teilchen und Wechselwirkungen zwischen ihnen ergeben.

Anders als jede andere wissenschaftliche Theorie, die diesen Namen verdient, baut die Stringtheorie nicht auf experimentellen Beobachtungen auf und beinhaltet eine Reihe von Annahmen, deren Unbeobachtbarkeit mit zusätzlich angenommenen Mechanismen postuliert wird. Dort, wo sie mehr als die beobachtbare — das heißt hier: messbare — Wirklichkeit beschreibt, führt sie also zusätzliche Annahmen ein, die erklären, warum dieses „Mehr“ nicht beobachtbar ist.

Die Motivation für diese etwas seltsame Vorgehensweise erwächst aus dem Verlangen, eine vollständige Beschreibung der physikalischen Wirklichkeit in einer einheitlichen Theorie zu erarbeiten. Dieses Ansinnen, und mehr noch der in der Stringtheorie zur Verfolgung dieses Ansinnens eingeschlagene Weg, spiegelt die Tatsache wider, dass die innere Motivation, welche Menschen zur recht anstrengenden Tätigkeit der scheinbar so materialistischen Wissenschaft antreibt, aus genau dem gleichen psychischen Material gestrickt ist wie die evolutionär ältere Motivation zur umfassenden Welterklärung und Machterzielung über die Welt in der menschlichen Tätigkeit der Religion; dass sie eine Reaktion eines nachdenklichen Narzissten ist, der angesichts seiner individuellen Ohnmacht unter dem alles zur vorübergehenden Erscheinung machenden Tanz des Kosmos seinen dumpfen Allmachtsanspruch an übergeordnete, aber letztlich unsichtbare Persönlichkeiten oder Prinzipien abtritt, um ihn auf diese Weise zu erhalten und sich selbst daran zu ergötzen. (Ein Beispiel für eine Religion, die nur mit Prinzipien umgeht und auf personale Götter verzichtet, ist der „Kleine Wagen“ des Buddhismus.) Einiges von der Bitterkeit, mit der zurzeit ein Kampf zwischen Religion und Wissenschaft den Gesellschaften seinen Stempel aufdrückt, mag in dieser gemeinsamen psychischen Motivation beider Strebungen liegen — an der Aufgabe, den unangemessenen und letztlich infantilen Narzissmus zu überwinden, gehen beide Tätigkeiten vorbei, indem sie den Narzissmus zementieren.

Der von den Forschern in diesen theories of everything (das ist nicht mein Name dafür!) angewandte Kunstgriff zur Selbsttäuschung, einen Anschein von Objektivität durch eine mathematische Formulierung ihrer gedanklichen Arbeit zu erlangen, wirkt nur auf jene überzeugend, die sich nicht darüber klar sind, dass die Mathematik keineswegs aus sich selbst heraus objektiv ist, sondern den Möglichkeiten und Einschränkungen der menschlichen Fähigkeit zur Wahrnehmung enthüpft ist und somit die Strukturen des menschlichen Wahrnehmens in stark formalisierter (und oft sehr ansprechender) Weise widerspiegelt.

Die größten Fortschritte in der Erkenntnis, auch in der anwendbaren Erkenntnis, hat die Wissenschaft stets dort gemacht, wo sie dem allzu durchsichtigen Narzissmus des Menschen mit seinen Deutungen der Erscheinungen entgegen trat und den Erscheinungen gestattete, das zu sein, was sie sind — um diese zu beobachten, Theorien daran zu bilden und sie auf diese Weise zu verstehen. Die postulierten Strings mögen auf viele physikalische Forscher attraktiv wirken, aber sie machen auch den Eindruck, dass sie der Strang sind, an dem sich die Physik selbst erhängt.

Abschließende Anmerkung: Ich habe im gesamten Text „die Stringtheorie“ geschrieben, was eine Vereinfachung ist. Es gibt mehrere derartige Theorien, die eine gemeinsame Struktur sowohl in ihrer Beschreibung als auch in ihrem Unvermögen, zu wirklicher Erkenntnis zu führen aufweisen. Diese Theorien lassen sich vermutlich auch in einem übergeordneten, mathematischen Formalismus begreifen, was zurzeit ein wichtiges Betätigungsfeld der theoretischen Physik ist. Ob im Zuge dieser Anstrengung auch die Wirklichkeit begriffen wird, oder ob „nur“ die Theorien vereinheitlicht werden, gehört zu den Dingen, die sich noch zeigen müssen — ich bin allerdings recht skeptisch.