Tag Archive: Fragen


Leere Straße

Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht.

Karl Valentin

Zeitgenossin: Warum gehen die Menschen denn nicht auf die Straße, gegen Hartz IV, gegen den Krieg, gegen das alles?

Nachtwächter: Was sollen sie da? Sollen sie auf der Straße leben? Oder sollen sie ordentlich und bürgerlich bei ihrer Polizei eine Demonstration anmelden, einen Widerstand aufführen, für eine halbe oder ganze Stunde als vorübergehendes Verkehrshindernis in Erscheinung treten, einem Auto mit aufmontierten Megafon hintergehen und vergessen werden? Und wenn das: Wofür sollen sie auf die Straße gehen? Wissen die Menschen nach über einem Jahrzehnt einer Politik, die ihnen aus den Mündern aller Medien als „alternativlos“ bezeichnet wurde, überhaupt noch, dass etwas anderes möglich ist? Woher sollen sie das wissen? Können sie die Probleme der herrschenden Klasse und die vorgeblichen „Sachzwänge“ zum Durchsetzen des Programmes der herrschenden Klasse noch von ihren eigenen Wünschen und von ihren eigenen Bedürfnissen als Mensch unterscheiden? Und wie sollen sie es nennen, unter welcher Idee und für welche Veränderung sollen sie eine Stimme erheben? Welche Werte sollen im Schatten der Bildzeitung, der „Polit-Talkshows“ und der breiten Propaganda der INSM den vielen Einzelnen die zielführende Gewissheit geben, in ihrer Drangsal nicht allein zu sein? Nicht darauf zurückgeworfen zu sein, die Zähne zusammenzubeißen, sich durch das Dasein zu wursteln und angstvoll zu hoffen, dass das denkbare persönliche Unglück an ihnen vorbeigeht und jemanden anders trifft? Und sich zu trösten, mit der ganzen Breite des angebotenen Trostes im Unterhaltungsprogramm, im Supermarkt und im Versandhauskatalog über das mögliche Leben hinwegzutrösten, damit die Zustände, die solchen Trost erforderlich machen, auch ja unter einem See des klebrigen, einlullenden Trostes unversehrt erhalten bleiben? Oder sollen sie vereinfachenden Parolen folgen, die ihnen vorgesagt werden und die leicht nachzusprechen sind? Das tun sie doch schon, und die vorgegebenen Parolen werden industriell und mit hohem Aufwand produziert und allgegenwärtig präsentiert. Schau dort, im Schaufenster der Volksbank: „Kluge Köpfe riestern“! Die Köpfe der Menschen, denen nur das „Hartzen“ oder das Annehmen unterbezahlter Elendsarbeit in Verhinderung des „Hartzens“ übrig bleibt, sind also dumm — das erklärts doch, zwar nicht gut, aber eingängig und auch für den RTL-Dauerglotzer „verständlich“. Die Leere der Straße, die dich so nach einer revolutionären Bewegung der Menschen auf die Straße sehnen lässt, Schwester, sie ist nur das Spiegelbild der intellektuellen und ethischen Leere, die dort entsteht, wo die Mehrzahl der Menschen einer kleinen Gruppe anderer Menschen mit der Macht und der Fähigkeit, ihre Interessen und ihre Gedankenwelt in die Öffentlichkeit auszubreiten, die Deutungshoheit über die Belange ihres eigenen Lebens gibt. Das ist nichts Neues, wenn man diese Struktur betrachtet; die „Kirche“ hat einen anderen Namen bekommen, und in dieser Unveränderung immer noch viele Anhänger, die ihre Zweifel an den gepredigten „höheren“ Ideen und ihre unmittelbaren Erfahrungen im kindischen Hoffen auf ein kommendes Heil verdrängen. Wenn das einmal überwunden wird, kann die Straße der Prozessionen und Demonstrationen auch leer bleiben, denn es ist mehr geschehen, als jemals zu erwarten war.

Gruß an Sigrid

Nur zwei Fragen

Wenn jemand etwas für wahr hält, denn sind es zwei sehr einfache Fragen, die diesem Menschen gestellt werden sollten, um den Gehalt dieser Wahrheit bis auf die Wurzel abzuklopfen: Erstens, wer ihm diese Wahrheit mitgeteilt hat (oder wer ihm die Grundlagen mitgeteilt hat, die zu einer eigenen Einsicht führten — denn niemand erringt alles für sich allein), und zweitens, aus welchem Grund er dieser Mitteilung und dem Menschen, der sie gegeben hat, vertraut. Beinahe alle Unklarheiten und viel gewöhnlicher Irrsinn verschwinden im Lichte dieser beiden Fragen, wenn sie nur erst in dieses Licht gestellt werden — und diese einfach durchzuführende Beleuchtung sollte auch bei eigenen Erkenntnissen und Glaubenssätzen nicht gescheut werden.

Stell die richtigen Fragen!

Die Frage bei den medial transportierten Nachrichten ist nicht, was in den industriell erstellten Meldungen gesagt wird, sondern was in ihnen verschwiegen wird, damit die Empfänger dieser nachgerichteten Nachrichten die falschen Fragen stellen.

Wer es schafft, Menschen dazu zu bringen, dass sie die falschen Fragen stellen, hat keine Probleme damit, diese falschen Fragen zu beantworten. Deshalb wird so viel Mühe darauf verwendet, dass sich der Menschen Sinn mit den falschen Fragen beschäftige. Die unter dem gegenwärtig ablaufenden, gesellschaftlichen Prozess geformte Welt ist voller Tafeln und Fingerzeige auf die falschen Fragen.

Die Frage beim Fortschritt ist nicht, wann er kommt und wie groß er ist, sondern in welche Richtung er die Menschen führt, führen wird, führen könnte, führen müsste.

Die Frage beim Wachstum ist nicht, welche Quantität es hat, sondern mit welchen Qualitäten es sich für welche Kreise der Menschen verbindet.

Die Frage beim Krieg ist nicht, welches Staaten ihre durch Konditionierung, Drill und Angst gefügig gemachten Menschen mordend aufeinander hetzen, sondern welche verachtenswerten Menschen und Institutionen von diesem Gemetzel profitieren.

Die Frage beim Gesundheitswesen ist nicht, in welcher Weise man dem Leben ein paar Jahre abtrotzen kann, sondern wie man den wenigen Jahren ein Leben abgewinnen kann.

Die Frage bei der wachsenden Arbeitslosigkeit ist nicht, wie man die Menschen denn nun „beschäftigen“ kann, sondern wie mit der sehr erfreulichen gesellschaftlichen Tatsache zu leben gedacht wird, dass immer mehr mühsame und geistlose Tätigkeit durch Maschinen erledigt wird, dass der Leistungsgesellschaft endlich der Bedarf nach von Menschen erbrachter Leistung ausgeht.

Die Frage bei der Informationstechnologie und vernetzten Rechnersystemen ist nicht, ob man Zugang zu aktuellen Informationen erhält, sondern ob man Zugang zu persönlich bedeutsamen Informationen erhält und wer diesen Zugang aus welchen Gründen und unter Vorschieben welcher Lügen einzuschränken bedenkt.

Die Frage bei der Bildung ist nicht, ob sie einen Menschen besser verwertbar für den betrieblichen Produktionsprozess mache, sondern ob sie den Menschen lebenstauglicher, feiner, wissender, fähiger zur Einsicht, langsamer zum unreflektierten Zorn, kurz: weiser machen kann.

Die Frage angesichts der Forderung nach „Mobilität“ ist nicht, wie sich ein Mensch sein modernes Nomadenleben als Getriebener seiner wirtschaftlichen Not organisiert, sondern ob ein Mensch als geborenes soziales Wesen bereit sein sollte, für ein solches Leben als atomisiertes und entsolidarisiertes Einzelwesen alle persönlichen Bindungen zu opfern.

Die Frage beim „geistigen Eigentum“ ist nicht, wie man es durch eine zu Recht erklärte Technikverhinderung durchzusetzen trachtet, sondern wie man den Nutzen an der obsolet gewordenen Contentindustrie vorbei an die Schöpfer immaterieller Güter bringen will.

Die Frage beim Geldsystem des Debitismus ist nicht, wie man es stabilisiert und erhält, sondern wie man es ohne gesellschaftliche Katastrophen überwinden kann.

Die Frage beim Besitz ist nicht, wie er geschützt und erhalten werde, sondern wie verhindert werden kann, dass er zu Geiz, Raffgier oder der Herausbildung eines modernen Feudalsystemes führt.

Die Frage bei der Krise ist nicht, wann sie endlich vorüber ist, sondern welche Chance sie bedeutet und warum diese Chance von niemandem ergriffen wird.

Die Frage beim Fernsehen ist es nicht, welcher Sender zu einem bestimmten Zeitpunkt das am wenigsten unerträgliche Programm anbietet, sondern wie und durch wen es gekommen ist, dass man kein anderes Leben mehr hat.

Die Frage bei Kunst und Kultur ist nicht, in welchem Museum und in welcher Ausstellung und auf welcher Veranstaltung man sie kostenpflichtig und stark ritualisiert dargeboten bekommen kann, sondern wo und warum sie im Alltag schmerzlich vermisst werden.

Die Frage beim Lesen der Texte eines Menschen, den man zunächst als naiven Traumtänzer empfindet, ist nicht, warum der so ein naheliegendes, illusionär und naiv wirkendes Zeug denkt, sondern warum das so wenige Menschen zu tun scheinen.

Die Frage im Wahlkampf ist nicht, wie die photoshopretuschierten Gesichter der Politdarsteller aussehen, sondern welche Antwort diese Politdarsteller auf die richtigen Fragen geben würden, derer ich hier nur eine unvollständige Auswahl gegeben habe. Und. Wie sie wohl diese Antwort in gesellschaftliche Gestaltung umsetzen würden.

Mich als Bettler hat heute allen Ernstes ein ausgewachsener Mann mit einem Alter von deutlich mehr als dreißig Jahren danach gefragt, was er denn wählen soll. Ja, mich hat er das gefragt. Und. Ja, er hat das gefragt. Sehr ehrlich und allen Ernstes. Und. Ich war dermaßen baff, dass ich auf diese in einem Wahlkampf gar nicht so fern liegende Frage gar keine Antwort geben konnte.

Erst Stunden später habe ich bemerkt, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben konnte, weil es nicht die richtige Frage war. Er hat nicht gefragt, ob er überhaupt eine Wahl hat, was ja vor einer solchen Entscheidung als Grundlage des ganzen Vorganges nicht unerheblich ist. Sonst hätte er vielleicht bemerkt, woran die ihm abgeforderte Entscheidung krankt, vielleicht hätte sogar selbst einen Umgang damit gefunden. Nein, er wollte diese Entscheidung, die er gewiss nicht als eine Freiheit, sondern als etwas von außen Aufgebürdetes empfindet, an jemanden delegieren, um sich davon zu befreien.

Aber wie sollte er auch die richtigen Fragen stellen?

Von den Wahlplakaten, aus den Zeitungen, aus den schwatzvollen Polittalkshows in der Glotze und aus der sonstigen Wahlwerbung der antretenden Parteien findet er nichts, was ihn im Fragen unterstützt. Nur „Wir haben die Kraft“, „Deutschland kann es besser“ und „Deshalb SPD“ — immer verbunden mit Antworten auf fühlbar falsche Fragen. Und aus sich selbst heraus einen Gedanken zu denken, das ist selbst für mich nicht leicht, trotz bester Voraussetzungen, also aus einem vollständig verstandenen und nicht verdrängten Maß persönlichen Zerbruches heraus.

Ich befürchte, die meisten delegieren ihre Möglichkeit zur Entscheidung an etwas anderes, an einen als extern empfundenen und extern durch Manipulation getriggerten Prozess. Und. Sie halten solche Deinung für ihre Meinung.

Mit leisem Gruß an M. — lass dich nicht irre machen vom schwarzen Wahn, den du geradefleuch entkommen bist und verwechsle Abziehbilder nicht mit dem Leben!

Die Schiffe in der Luft

Schon im 19. Jahrhundert gab es Luftfahrt mit Ballonen. Da man diese Ballone nicht zuverlässig steuern konnte, gab es dafür jedoch kaum wirtschaftliche Anwendungen, es handelte sich mehr um das (kostspielige) Hobby waghalsiger Menschen. Jeder dieser Ballone hatte einen Anker, denn sie konnten nicht in ihrer Fahrt angehalten werden. Wenn der Ballonfahrer anhalten wollte, warf er einfach den Anker und betete, dass dieser sich doch irgendwo verfangen möge. Wer nicht zur Luft fuhr, mag angesichts dieser Praxis eher darum gebetet haben, dass niemals ein solcher Anker seinen Kopf treffe. Neben dem Anker hatten die größeren Ballone auch ein Rettungsboot in Form eines Kanus, damit die Ballonfahrer auch bei einem Unfall über Wasser ihr Leben retten konnten. Sie waren wirklich Luftschiffe.

In der weiteren Geschichte der Fliegerei haben die Menschen denn nach und nach gelernt, dass die Seefahrt kein so gutes Vorbild für die Luftfahrt ist, und heute kann man einem Fluggerät kein Ähnlichkeit zu einem Schiffe mehr ansehen. Aber man kann sich im Rückblick auf diese kleine Geschichte durchaus einmal fragen, ob es nicht auch heute technische Geräte gibt, die ein ausgesprochen unzweckmäßiges Design haben, die rückblickend einmal so absurd wirken werden, wie auf uns die „Luftschiffe“ aus der Anfangszeit der Luftfahrt absurd wirken.