Tag Archive: Finanzkrise


Kaiser Bullshit

Wenn sich der Bullshit selbst zum Kaiser krönt; wenn man das Blut der Armen den Tigern einimpft und dieses Unrecht mit dem Wort von der „Rettung“ rechtfertigen will, dann kommt die langsame Sprache der flotten Lüge zuweilen nicht mehr hinterher und verheddert sich in den Metaphern, ohne dass es die Fürsprecher der Lüge bemerken. Dann wird eben der „Rettungsschirm“ zum „Megaschirm“, weil dieses schützend Tuch nun auch eine „dreifach gesicherte Brandmauer“ sein soll.

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„Selbstmord“ nennen es die Bauchrednerpüppchen der Banken (Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank) und sprechen davon, dass das gesamte „Rettungspaket“ nun wieder in Frage steht (Benjamin Schröder, Commerzbank) und dass die Geduld der Staatengemeinschaft jetzt aufgebraucht sei (Christoph Weil, Commerzbank).

Was treibt ihnen so harte Worte in den Mund? Es sind die Pläne des griechischen Regierungschefs Giorgos Andrea Papandreou, über das so genannte „Rettungspaket“ eine Volksabstimmung durchführen zu lassen; einfach mal die Menschen zu fragen, die von den kommenden Maßnahmen am stärksten betroffen sind. Dies weniger, um damit eine „demokratische“ Legitimation zu erhalten, sondern eher, um die eigene Position zu stärken. Herr Papandreou scheint sich recht sicher zu sein, dass eine breit angelegte Kampagne, in der die Probleme der Herrschenden und Besitzenden in Ängste und Sorgen der ganzen Bevölkerung umgewandelt werden, schon das richtige Ergebnis hervorbringen wird — mit Kampagnen hat man in der classe politique ja Erfahrungen. Auf der Seite der Banken, die von diesen so genannten „Rettungspaket“ am stärksten profitieren werden, ist man sich offensichtlich weniger sicher und scheint eine sehr genaue Vorstellung davon zu haben, welches Ergebnis herauskommen würde, wenn man die Menschen nur einmal befragte. In dieser Vorstellung, die sich in solchen manipulativen Suizidmetaphern und in der ätzväterlichen Rede vom „gerissenen Geduldsfaden“ niederschlägt, spiegelt sich wiederum sehr genau die Demokratiefeindlichkeit und Menschenverachtung des gesamten Bankenbetriebes. Wenn zusätzlich ein Wochenmagazin wie „Der Spiegel“, das ja zu gern ganze Seiten seiner Printausgabe für die Vierfarbdrucklügen der großen Kreditinstitute zur Verfügung stellt und allein damit über jeden Verdacht der Unabhängigkeit erhaben ist, auf seiner Webpräsenz gleich zur Wahl ohne Alternative aufruft…

VOTE! Drohende Staatskrise - Primier Papadreou lässt die Bevölkerung über das EU-Rettungspaket abstimmen? Kann Griechenland danach noch der Euro-Zone angehören?

…passt das nur zu prächtig in diese Chuzpe.

Nachtrag: Bei „Print Würgt“ weiterlesen

Der beste Kommentar…

Der in meinen Augen treffendste Kommentar zur gegenwärtigen Situation im europäischen Wirtschaftsraum (im Neusprech „Euro-Zone“ genannt) kommt schon aus dem Jahr 2000. Es handelt sich um die Werbung eines großen deutschen Herstellers von Geldspielgeräten. Dieser Kommentar sieht so aus:

Es ist schon zum Schießen, was manchen zum Thema Euro durch den Kopf geht

Beim Schießen sollte man übrigens beachten, dass jede Schusswaffe ein „gutes“ und ein „böses“ Ende hat, und dass der Erfolg der Tätigkeit maßgeblich davon abhängt, in welche Richtung das „böse“ Ende zur Schussabgabe gehalten wird. :mrgreen:

Schwanz ab!

An sich ist mir der reißerische Ton des Boulevardjournalismus — der übrigens dort, wo der Journalismus ins Internet gelangt, ohne größeren Bruch auf jede Form des Journalismus überzugehen scheint — ja zuwider. Aber wenn ich durch die Augen von Google News sehe, wie die Schlagzeile dieses Arsch- und Tittenblattes „Stern“ zu Barak Obamas aktuellen politischen Maßnahmen angesichts der so genannten Finanzkrise aussieht…

Lehre aus der Finanzkrise: Obama kastriert US-Banken

…denn tausche ich gern das letzte „n“ gegen ein „r“ und sehe unwillkürlich vor meinem heiteren, inneren Auge, wie ein US-Präsident mit der Mädchenmacher-Schere den entblößten Bankstern zu Leibe rückt, um diesen sich in ihrer totalen Verantwortungslosigkeit so sicher wähnenden Großganoven den Schniedel abzuknipsen, und das… ist eine ausgesprochen erfreuliche Vorstellung. :mrgreen:

Aber leider ist es nicht die Wirklichkeit, sondern nur das Bild, dass eine systemtragende Journaille in den Köpfen erweckt. Und in Wirklichkeit. Werden die verantwortungslosen Gesellen niemals in einer spürbaren Weise zur Verantwortung gezogen.

Auswärtiges Denken (43)

Wir können uns eine Zukunft, die aussieht wie die Vergangenheit, nicht leisten.

Thomas L. Friedman (US-Pulitzer-Preisträger) zur aktuellen Finanzkrise

via Konsumpf