Tag Archive: FIFA


Beflaggt

Als er an einem Balkon im Lande Balkonien vorbeiging, der vom Bewohner des Wohnschließfaches anlässlich der laufenden FIFA-Fußballgeldmeisterschaft gleich mit sechs im lauen Winde wehenden Flaggen dekoriert wurde, sagte der Vorübergehende zu seiner Begleiterin: „Dieser Mensch hätte damals wohl auch die schwarz-weiß-roten Flaggen mit der Swastika in den öffentlichen Blickraum gehängt, wenn es ihm in einer Werbung nahegelegt worden wäre“.

Advertisements

Eure Helden!

Eine Coca-Cola-Reklame im öffentlichen Blickraum (vor dem Niedersachsenstadion, auch als HDI-Arena bekannt). Die Reklame zeigt Coca-Cola-Wegwerfblechdosen, die mit Fußballern bestempelt sind. Der Claim lautet: 'Holt euch eure Helden!'. Dazu mein Text: Eure Helden! Kaufen. Austrinken. Wegschmeißen.

Vuvuzela

Vuvuzela (die, Substantiv) — Gedankenzerdröhung, Hirnstaubsauger, Lärmverdummung, Akustischer Präsentierteller für Reklame und Propaganda

Von der Vuvuzela — übrigens ein Wort, das bis vor einigen Tagen kaum jemand kannte, so dass wohl jeder diese wenig ansprechend gestalteten Objekte mit dem deutlich deutschen Namen „Tröte“ bezeichnet hätte — wird gesprochen, als handele es sich dabei um ein unabdingbares afrikanisches Kulturgut. In Wirklichkeit. Handelt es sich um einen billig herzustellenden Fanartikel aus Plastik, der gewiss mit großen Gewinnmargen verkauft wird. Dass diese auf maximalen Lärm optimierten Tröten trotz der lärmbedingten Gesundheitsgefahren nicht wie andere gefährliche Gegenstände aus den Stadien verbannt werden, liegt nicht etwa an der afrikanischen Kultur, wie es so gern behauptet wird, sondern am Nutzen dieses Krachs für die fernsehgerechte Aufbereitung des großen vaterländischen Ablenkungstheaters der Geldmeisterschaft. Der Lärm erweist sich als unendlich nützlich, um die Stimme der Sportbrüllreporter schwer verständlich zu machen, und deshalb wird er auch mit erheblichem Pegel in den Hintergrund der Berichterstattung gelegt. In der Folge stellen Menschen ihre Empfangsgeräte schön laut, um doch noch etwas zu verstehen, und diese Lautstärke brüllt offenbar gewünschtermaßen jeden reflektierenden Gedanken nieder.

Wie absichtlich dieser Mechanismus eingesetzt wird, zeigt sich daran, dass in den Nachbetrachtungen des jeweiligen Gekickes, wenn sich Herr Netzer mit einem mit unbekannten Reporterdarsteller über das vergangene Spiel unterhält, ebenfalls dieser Lärm im erheblichen Pegel aufgeschaltet wird, obwohl er in diesem Studio wohl sehr gedämpft oder gar nicht hörbar sein wird. Der Zuschauer dieses Spektakels und Zuhörer dieses Angriffes auf Trommelfell und Denkmuskel kann dann voller Erstaunen erleben, wie gut auf einmal die Sprachverständlichkeit wird, wann immer zu einem Interview mit einem Fußballspieler direkt in einen Raum im Stadion geschaltet wird, ohne dass dieser Lärm dort dermaßen deutlich zu hören ist wie im gut isolierten Studio des bundesdeutschen Staatsfernsehens. Die Vergällung der aufgeführten Gespräche mit einem Krach, der es so sehr erschwert, dem „Inhalt“ dieser Gespräche zu folgen, sie wird also absichtlich von den Tontechnikern des bundesrepublikanischen Staatsfernsehens vorgenommen. (Generell wird bei „Fernsehereignissen“ dieser Größenordnung und dieses Preises nichts dem Zufall überlassen.)

Übrigens ist es ein Leichtes, die Sprachverständlichkeit zu verbessern. Ich habe eine Tonaufnahme von etwa einer halben Stunde Länge mit einem Notch-Filter für den Frequenzbereich zwischen 250 und 350 Hertz und einer leichten Anhebung der umgebenen Frequenzen behandelt und konnte auf diese Weise mit sehr geringem Aufwand eine erhebliche Verbesserung erzielen, ohne dass die „Atmosphäre“ (was für ein Euphemismus, um infernalischen Krach damit zu bezeichnen!) zu sehr darunter gelitten hätte. Wenn ich so deutlich davon schreibe, dass es sich beim pegeltonartigen Gedröhn der Vuvuzelas um ein absichtsvoll den restlichen Ton so erdrückendes Element handelt, denn ist das nicht etwa eine in mir schlummernde Tendenz zur Verschwörungstheorie, sondern. Die hoffentlich auch für andere Menschen nachvollziehbare Annahme, dass einem professionellen Team von Tontechnikern und der Phalanx der ihnen verfügbaren Studioausstattung wohl etwas möglich sein muss, was ein Amateur wie ich mit freier Software (Audacity) und einem recht betagten Computer hinbekommen kann. Dass dies nicht geschieht, deutet auf Absicht hin. Welche erwünschte psychologische Funktion sich allerdings hinter dieser Absicht verbergen mag, das fällt ebenso in den Bereich des Spekulativen wie die Antwort auf die Frage, wessen Wunsch da erfüllt wird. (Die Reklame zwischen dem ganzen Krach hat natürlich eine exzellente akustische Verständlichkeit, und sie wird wohl auch oft recht laut gestellt sein.) Ohne explizit geäußerten Wunsch wird kein Tontechniker dieser Welt eine derart schlechte Arbeit leisten.

Danke K., für den Hinweis und für die Tonaufnahmen. Ich bin fassungslos, wie unerträglich das alles wirklich ist!

Tschlannd!

Wer sich über diese seltsame, prominent platzierte Grafik in der Sidebar dieses Blogs wundert: Das ist ein Link auf die wohl einzige Aktion zur kommenden FIFA-Fußball-WM, die mein Gefallen findet.

Es ist so, dass mein Verhältnis zum Fußball ein recht gleichgültiges ist, und dass ich mich lieber mit anderen, erfreulicheren Dingen beschäftige. Leider erzwingen es gewisse Barbaren, dass ich mich unter ihrer Gewaltlust doch mit diesem unwichtigen Ballgetrete befassen muss.

Während der auf uns alle zukommenden, von den meisten fühlenden und denkenden Menschen noch gut verdrängten Geldmeisterschaft wird es kein Entrinnen geben. Der Medienapparat wird seine ganze Definitionshoheit aufspielen, um aus diesem eher nebenläufigen Ereignis in der ihm eigenen Künstlichkeit eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung zu machen. Die mit der Contentindustrie so verzwirnte Werbewirtschaft wird diesen Ball annehmen, und überall wird es diese „Fußballprodukte“ geben, die ungefähr so viel mit Fußball zu tun haben wie ein betonierter Parkplatz mit dem Leben; vom Bier bis hin zum Brotaufstrich bis hin zum geschmacklosen Tinnef wird alles beballert beworben werden. Und die Barbaren, die in dieser künstlich geschaffenen Medienwelt leben, werden diese Spiele zu gern annehmen und darüber auch allzuleicht übersehen, dass sie immer weniger Brot dabei haben. Um die Menschen in Deutschland besser über die Realität ihres trüben Daseins hinwegzutrösten, werden — wie schon zur FIFA-WM 2006 und zur EURO 2008 — noch an den unmöglichsten Orten so genannte public viewing areas errichtet werden, an denen sich tatsächlich Menschen versammeln, um eine Leinwand anzubrüllen. Und das Fernsehen — welch Glück, das wenigstens das nicht in mein Leben hineinragt! — es wird nicht nur irgendwelchen Balltretern direkt nach dem Spiel vor einer Tafel voller Reklame ein Mikrofon ins Gesicht halten, als ob diese Leute nicht nach dem Duschen ein bisschen zusammenhängender sprechen könnten, es wird sogar von diesen public viewing areas berichten und das Torgejohle von dort darbieten, als ob das auch nur die Spur eines Wertes hätte. Und die Menschen, die dieser Ätzung ihrer Sinne ausgesetzt sind, sie werden alle diesen Unsinn mit ihrem Mund wiedergeben, als ob sie kein eigenes Leben hätten.

Nein, auf den Wert und auf den Verstand wird es nicht ankommen. Dafür wird alles schwarz-rot-gold. Überall sieht man Winkelemente in allen möglichen Größen, und etliche schmieren sich diese Farben sogar in das Gesicht, so dass man irgendwann anfangen wird, die Blinden zu beneiden. Mit Patriotismus hat das nicht einmal etwas zu tun, es ist nur Reaktion auf eine mediale Inszenierung, die sich beliebig von Deutschland ablösen lässt, und deshalb verwundert auch nicht die fahnenschwenkende Begeisterung, während Deutschland an den Meistbietenden verhökert wird und es immer mehr Menschen in Deutschland immer mieser geht. Deutschland ist diesem Menschen einfach nur scheißegal, und genau diese Haltung wird von den Schreibtischtätern der Jorunaille und den betont süddeutsch sprechenden Hackfressen der Glotze als „Patriotismus“ bezeichnet werden, damit sich auch ja keiner darauf besinnt, worauf es wirklich ankommt. Deshalb klingt das Gebrüll aus der Ferne auch eher wie „Tschlannd“…

Gut, genug geätzt für heute. Wenn man nichts dagegen tun kann und nicht das Glück hat, taubblind zu sein, denn muss man so oder so mitmachen. Und sich über die Illusion in schwarz, rot und gold aufzuregen, ist die unerfreulichste Form des Mitmachens. Deshalb diese tolle Aktion, die sich darauf besinnt, welche Plätze denn noch gar nicht in diesen Farben dekoriert sind und dieses Versäumnis der Fans ausbügelt.

Ich wünsche mir, dass das breiten Zuspruch und viele mitmachende Menschen findet.

Sollten sich Trolle in den Kommentaren einfinden: Bitte gut füttern, denn das gibt ihnen Kraft, den unfassbaren Blödsinn solcher Veranstaltungen mit krankhaften Stolz aufzuführen und damit noch etwas fühlbarer zu machen…