Tag Archive: Falsches


Die furchtlosen Heuchler

Das 5. Kapitel (Apostelgeschichte) Ein Mann aber mit Namen Ananias samt seiner Frau Saphira verkaufte einen Acker und entwendete etwas vom Gelde mit Wissen seiner Frau und brachte einen Teil und legte es zu der Apostel Füßen. Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, daß du den heiligen Geist belögest und entwendetest etwas vom Gelde des Ackers? Hättest du ihn doch wohl mögen behalten, da du ihn hattest; und da er verkauft war, war es auch in deiner Gewalt. Warum hast du dir solches in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen. Ala Ananias aber diese Worte hörte, fiel er nieder und gab den Geist auf. Und es kam eine große Furcht über alle, die dies hörten.

Man merkt es den großen christlichen Kirchen in der BR Deutschland an, dass da schon lange keine „große Furcht“ mehr ist, dass sie genau wissen, dass „ihr“ Gott nicht mehr auf Heuchelei und Lüge reagiert, indem er die Heuchler und Lügner einfach vor versammelter Gemeinde bloßstellt und effektvoll mordet. Dies mag widerspiegeln, dass diese Kirchen sich längst den Satan zum Gotte erkoren haben, oder doch wenigstens seinen glitzergüldnen Bastardsohn, den Mammon.

Die nützliche und kleinhaltende Todesangst vor Gott ist für die Anderen, nicht für die kirchlichen Heuchler und ihr Geschäft.

Wenn der Vorübergehende sein schattenhaft dünstelndes Dasein durch die dröhnvolle Stadt schleppt, muss er an vielen Schaufenstern vorübergehen, in denen sich kirchliche und kirchennahe Organisationen mit Hilfe der Schergen Satans, der bildbunten Brut der Werber, zur Schau stellen. In diesen zur Schau stellenden Fenstern warmgetünchter Hochglanz von glücklichen Alten und Kranken, fotografiert durch den Lächelfilter der Reklamelüge, und zu diesen Bildern kurze, hehre Wortfetzen von Pflege und Geborgenheit, zu stanzen einen Eindruck von sozialem Engagement im Kopfe der weniger Bewussten.

Niemand soll sich darüber verwundern, dass es diese Läden erst gibt, seit die so genannte „Pflegeversicherung“ aus solchem Tun einen guten deal gemacht hat. Nein! Engagiert und „sozial“ soll es aussehen, was da getrieben wird, wie ein Akt selbstloser Liebe.

Das sieht der Vorübergehende und spürt den unwiderstehlichen Reiz und würde sich zur Erleichterung zu gern erbrechen, wenn er doch nur etwas im Magen hätte. Denn er kennt die andere Seite, die nicht so glänzt, er weiß aus persönlichen Gesprächen von flugs angelernten Menschen, die sich in erzwungener, staatlicher Hartz-IV-Elendsarbeit für einen Nichtlohn in der so genannten „Pflege“ verschleißen müssen, damit auch ja der Profit stimme, er hat die ausgebildeten Schwestern kennengelernt, die einen befristeten Vertrag als Hilfsschwester nach dem anderen kriegen, immer mit dem mündlich gegebenen Versprechen einer anschließenden Übernahme in einer festen Anstellung und so knebelnd gehalten, dass sie sich noch krank zur unterbezahlten Maloche schleppen müssen, um ja nicht kurzfristig gekündigt zu werden und vor dem völligen persönlichen Nichts zu stehen. Er weiß von ständiger Verfügbarkeit, Einsparungen am Personal, selbstverständlich erwarteten, unbezahlten Überstunden und der völligen Unmöglichkeit einer persönlichen Lebensplanung im Zustand der totalen Ausbeutung und der täglichen, telefonischen Abrufbarket, die selbst noch im „Urlaub“ erwartet wird. Er hat mit diesen vom christlichen Pflegemoloch zu Material gemachten Menschen zu viele Tränen geweint, um angesichts des Zynismus und der werbenden Kälte dieses lichtscheuen Gesindels keinen Ekel zu empfinden. Und. Er ist sich sicher, dass auch die „Pflegefälle“ wie Material behandelt werden, weil es in diesem ganzen, asozialen Treiben der Kirchen und ihrer Geschäftsstellen nur auf eines ankommt: Auf den Reibach.

Und dies alles wissend findet der Vorübergehende es schon manchmal sehr schade, dass die zynischen, geldgeilen, pfäffischen Heuchler ohne jeglichen Respekt vor den missbrauchten Menschen nicht einfach wie in gewissen biblischen Berichten tot umkippen.

 

Quelle des Scans: Die Bibel, Apostelgeschichte, 5. Kapitel, Verse 1 bis 5, revidierte Luther-Übersetzung von 1956. Sorry für den heute schwer lesbaren Fraktursatz, aber ich habe gerade keine andere Bibel zur Hand — zudem zeigt dieses Schriftbild trefflich, wie obsolet dieses Buch im institutionalisierten Christentum wirklich ist. Mit Gruß an I. und C.

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Was einen nicht kaputt macht…

Die von früh auf Zerbrochenen im Lande Barbarien erhalten ihren Narzissmus und heiligen ihren Zerbruch und die von ihnen selbst geforderte Lebensfeindlichkeit gern mit dem blinden Wort: „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur härter“. Keine Aussage könnte falscher sein. Die zivilisationskranke Schädlichkeit, die einen Menschen nicht kaputt macht, schadet ihm nur; raubt ihm nur Kraft fürs und Willen zum selbstbestimmten Leben; macht ihn nur stumpf gegen sich selbst und gegen andere; macht ihn nur immer weicher und formbarer für jene, die ihre Vorteile davon haben, wenn Menschen vor lauter Angst und Schmerzvermeidung nicht mehr wissen, dass sie handeln können. Wer mit solcher Blindrede die Härte einfordert, belegt damit nur, dass er schon längst mit der stets eingeforderten Härte zerbrochen wurde.

Opfer

Ein „hübsches“ Beispiel dafür, wie im Streben der heutigen Blendredner nach kaltem Schönsprech angesichts des Üblen der irrationale Unfug längst überwundener Zeiten neu geboren wird, ist das deutsche Wort „Opfer“.

In seiner ursprünglichen Bedeutung meinte dieses Wort einen Abwehrzauber durch eine bewusste, die Schrecken des Schicksals vorauseilend vorwegnehmende Gabe an irgendwelche personal, nach dem Vorbilde des Menschen gedachten Weltenlenker, die sich mit dem „freiwillig“ gegebenen Opfer als eine Art „Schutzgeld“ besänftigen lassen und begnügen sollten und deshalb im Angesichte des Geopferten nicht den dräuenden Schaden über die Gemeinschaft der Menschen ergießen sollten. Wie sehr die so bedienten Gottheiten im Zuge einer solchen Frömmigkeit zum Widerspiegel der Willkür der menschlichen Herrschaft gerieten (und auf diesem Wege die Herrschaft vergöttlichten) und wie sehr ein solcher magisicher Aberglaube zum Zement der Herrschaft und ihres willkürlichen Gewaltanspruches taugt, wird durch bloßes Betrachten offenbar. Untrennbar mit diesem Konzept verbunden ist in einer christlich geprägten Gesellschaft die auf Paulus zurückgehende theologische Konstruktion, dass Jesus aus Nazaret sich stellvertretend für alle daran Glaubenden am Galgen geopfert habe und ihren Tod auf sich genommen habe, damit diese leben können, ja, in Erfüllung narzisstischer Süßträume ewiglich leben können.

Der moderne, nur scheinbar sachliche Ge- und Missbrauch dieses Wortes ist ein völlig anderer und dient nur zur Verblendung der Lesenden und Hörenden. Wenn immer die Gewalt — sei es die menschliche Gewalt des Alltags in einem Wettbewerb jedes Menschen gegen jeden Menschen auf einem Schlachtfeld voller Überfluss und auch jene vor allem im Maßstab monströsere Gewalt des Krieges oder aber auch das wuchtige Ablaufen natürlicher Prozesse, das man eine Katastrophe heißt — aus Menschen Geschädigte und Getötete macht, so wollen die Blendredner das klare Sprechen und Schreiben von Geschädigten und Getöteten vermeiden, weil es bei den Hörenden einen zu deutlichen Eindruck der Tatsächlichkeit des Geschehens hervorruft und im so geweckten Hirne vielleicht auch immer wieder einmal die Frage nach den Gewalttätern und ihren persönlichen Vorteilen oder nach der Hilflosigkeit des nützlichen Gottes im Dienste dieser Gewalttäter weckt. Solche Fragen sind schädlich für die eingeforderte Verherrlichung der Gewalt. Da kommt den Blendrednern der classe politique und den von ihnen in Brot gehaltenen Speichelleckern in Glotze und Journaille die Möglichkeit eines solchen sprachlichen Rückgriffes auf das psychische Material magischer Konzepte gerade recht, und sie ernennen die geschädigten und getöteten Menschen kurzer Hand zu Opfern. Dass ihre pfäffischen Schergen von der Judaskanzel hinweg weiterhin das Wort im älteren, primitiv-magischen Sinne gebrauchen, passt prächtig in die Absicht des sprachlichen Gewaltverberges. Und. Führt im Kontext einer christlich durchjauchten Gesellschaft zu der durchaus erwünschten, vorbewussten und doch psychisch wirkmächtigen Auffassung vieler Menschen, dass sie nicht mehr zu Betroffenen der Gewalt werden können, weil andere ja an ihrer Stelle zu Opfern geworden sind — die latente Entsolidariserung, die sich mit diesem mindfuck verbindet, ist dabei ein zusätzlicher Gewinn für die Profiteure der Gewalt.

Den wenigsten Menschen ist diese Manipulation durch Sprache bewusst. Doch wer mit offenen Ohren durch die Straßen geht, kann hören, dass sich zumindest bei den Pubertierenden eine dumpfige Einsicht regt, denn diese nehmen sich das umgepresste Wort „Opfer“ und verwenden es unter sich genau so böse, wie die Sprecher des undeutlichen Deutsch und Gutsprecher der Gewalt böse sind. „Opfer“ gilt unter ihnen als derbes Schimpfwort, und es wird auch gern einmal als Adjektiv verwendet, um etwas herabzuwürdigen — „Wie opfer ist das denn?!“ meint keineswegs die Haltung eines Menschen, der sich in der gern geforderten und moralisch verherrlichten Form für andere hergibt, sondern einen Zustand von Schwäche, Ausgeliefertsein und völliger Wehrlosigkeit gegenüber der erlittenen Gewalt. Das Unbewusste der so sprechenden, jungen Menschen hat sehr genau aufgefasst, was mit der Sprache und auf diesem Weg auch mit dem Denken der Sprechenden angestellt werden soll.

Mit Gruß an Tugrul